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Mehrwertsteuer: Vorsicht, Preiswelle!

Nur noch zehn Wochen: Am 1. Januar steigt die Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte. Die Zeit für vorgezogene Anschaffungen wird knapp. Noch sind Schnäppchen möglich, aber viele Preise sind längst gestiegen. Warten oder kaufen? Ein Ratgeber für Verbraucher.

Von Lorenz Wolf-Doettinchem

Raten Sie mal: Wovor haben die Deutschen am meisten Angst? Krieg, Krankheit oder Kriminalität? Alles falsch. Also doch Arbeitslosigkeit, Altersarmut oder Abgehobenheit der Politiker? Auch daneben. Zwar machen all diese Themen den Bürgern Sorge, aber nicht die größte.

Am meisten bangen die Deutschen davor, dass das Leben teurer wird. Das ergab die Studie "Die Ängste der Deutschen" der R+V-Versicherung. 70 Prozent der Bürger haben große Angst vor höheren Preisen, in Ostdeutschland sind es sogar 82 Prozent - der höchste Wert seit 15 Jahren.

Nun mag man ausrufen: Die haben Probleme! Aber nachvollziehbar sind die Sorgen schon. Die Deutschen haben Hyperinflationen, Währungsreformen und die Euro-Einführung durchlitten. Das Nettorealeinkommen, also der Wert der Lohntüte, ist heute niedriger als vor zehn Jahren. Und jetzt kommt noch der Steuerschock dazu.

Ab 1. Januar wird bis auf Miete und Lebensmittel praktisch alles teurer. Der reguläre Mehrwertsteuersatz steigt von 16 auf 19 Prozent. Noch nie gab es einen solchen Sprung. 20 Milliarden Euro extra wollen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und seine Länder-Kollegen kassieren - und die Unternehmen sollen das Geld eintreiben. Es ist die größte Steuererhöhung der Nachkriegsgeschichte.

Bis zum M-Day sind es nur noch zehn Wochen. Die Zeit für 16-Prozent-Käufe wird knapp. Die Deutschen sind verunsichert: Lohnt es sich, eine größere Anschaffung vorzuziehen? Oder wird die Rabattschlacht der Möbel- und Autohäuser auch im neuen Jahr weitergehen? Kann man den großspurigen Versprechen der Handelsketten glauben, dass sie die höheren Steuern übernehmen? Oder sind die Preise nicht schon längst erhöht worden?

Simple Antworten gibt es nicht, eines jedoch ist klar: Die Kunden müssen aufpassen, damit sie nicht draufzahlen. Nur wer sein Wunschobjekt schon länger beobachtet hat, kann unbesorgt zuschlagen. Denn auf dem Weg zu Mehrwertsteuer-Schnäppchen lauern viele Fallen.

Vergleichsweise einfach war noch die Entscheidung für Häuslebauer wie Kerrin Carstensen und ihren Freund Claus Jannichsen aus Niebüll. Normalerweise hätten sich die beiden mit ihrem Eigenheim mehr Zeit gelassen. "Aber nächstes Jahr müssten wir 19 statt 16 Prozent an den Staat abdrücken", sagt die gelernte Bankkauffrau, "das wollten wir nicht." Bei einem durchschnittlichen Kaufpreis von 150 000 Euro für ein Massivhaus inklusive Küche und Bad geht es schließlich um fast 4000 Euro.

Für Lars Neugebauer vom Bauunternehmen IBG aus Büdelsdorf war der Wunsch der Niebüller Familie kein Einzelfall. "Viele unserer Kunden wollten unbedingt noch dieses Jahr ihr Haus bauen." Im Juni verkaufte die Baufirma 100 Häuser - 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Inzwischen ist die Nachfrage wieder abgeflaut. Grund: Der Kaufpreis wird immer erst bei Schlüsselübergabe fällig. Wenn das Haus nicht bis zum 31. Dezember fertig wird, dann muss die höhere Mehrwertsteuer berappt werden. "Taschenspielertricks sind nutzlos", sagt Neugebauer, "das Finanzamt bleibt knallhart."

Das gleiche Problem plagt Bootsbaumeister Wilhelm Wagner aus Bodman am Bodensee. Seine Werft ist voll ausgelastet. Die Kunden wollen die Arbeiten noch unbedingt bis zum Jahresende erledigt haben - zu 16 Prozent Mehrwertsteuer. "Alle Aufträge schaffen wir nicht", sagt der Unternehmer. Um einen Teil des Steuervorteils zu retten, bedient sich Wagner eines legalen Kniffs: Er stellt Teilrechnungen aus. "Wenn bis Ende Dezember die Schale, also Rumpf und Deck fertig sind, schreibe ich dafür eine Rechnung mit 16 Prozent Mehrwertsteuer. Den Innenausbau mache ich anschließend, für ihn fallen dann 19 Prozent an."

Für Handwerk und Bauwirtschaft geht der Kampf um die 16-Prozent-Kunden schon zu Ende. Im Handel dagegen ist der Wettbewerb voll entbrannt. Es geht um ein Milliardengeschäft. Jeder achte Deutsche will größere Anschaffungen vorziehen, bei den Besserverdienenden gar jeder fünfte. Das ergab eine aktuelle stern-Umfrage des Forsa-Instituts. Ganz oben auf der Wunschliste stehen Möbel, Küchengeräte und natürlich Autos.

Vor allem die PKW-Branche liefert sich eine wahre Werbeschlacht um die größten Rabatte. "Wir schenken Ihnen die Mehrwertsteuer", tönt der Autokonzern Opel im Fernsehen. Das Gleiche versprechen Ford, Fiat, Hyundai und Peugeot. Citroën lockt mit zusätzlich 7000 Euro Ersparnis bei bestimmten Modellen. Volkswagen preist seine "Tour"-Sondermodelle im All-inclusive-Paket mit kostenloser Wartung und Garantieverlängerung bei 0,9 Prozent effektivem Jahreszins an. "Die Rabatte haben ein historisches Hoch erreicht", sagt der Automarktexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer. Im Durchschnitt gibt es nach seinen Berechnungen 17 Prozent Nachlass auf den Listenpreis, in Einzelfällen sogar bis zu 33 Prozent. Oft ist also weit mehr drin als die Mehrwertsteuer.

Den Kunden gefällt's. Bei Opel ist der Auftragseingang im August gegenüber dem Vorjahr um 79 Prozent gestiegen. Prompt verlängerte der Konzern die Rabattaktion bis Ende des Jahres. Noch sind Astra, Vectra und Co. auch zu bekommen. Bei Bestelleingang bis zum 10. November garantiert das Unternehmen die Lieferung "für nahezu alle Fahrzeuge, die in unserer Mehrwertsteueraktion inkludiert sind, noch für 2006". Ähnlich sieht es bei der Konkurrenz aus. Bei VW ist für das laufende Jahr nur der Polo ausverkauft.

Spannend ist die Frage, wie es mit den Autopreisen 2007 weitergeht. Rabatte auf bestimmte Modelle wird es weiterhin geben. Aber die Unternehmen zeigen sich wild entschlossen, die Listenpreise um die höhere Mehrwertsteuer anzupassen. BMW etwa hat in der Preisliste für das neue 3er-Coupé kurzerhand eine zusätzliche Spalte eingeführt. Der 325i kostet danach "inkl. 16 % MwSt." 35 850 Euro und "inkl. 19 % MwSt." 36 777,16 Euro. Der neue Preis ist zwar ziemlich krumm, aber signalisiert zumindest: Hier wird die höhere Steuer exakt eingerechnet.

Die Autokäufer müssen sich sputen. Etwas mehr Zeit hat, wer sich ein neues Sofa oder einen modernen Backofen leisten will. Die Lager sind gut gefüllt. "Bis Weihnachten kann der Kunde bestellen", sagt etwa Marco Lettmann vom Miele-Händler Primus in Berlin. Ab 2007 gelte dann eine neue Preisliste.

Schwerer auszurechnen ist die Möbelbranche. Die Einrichtungshäuser werben mit Rabatten, die weit über die Mehrwertsteuer hinausgehen. 20, 30 oder 40 Prozent Nachlass sind der Regelfall. Die Normalpreise haben so jede Aussagekraft verloren. Wer nicht mit Scheinrabatten übers Ohr gehauen werden will, muss schon sehr genau vergleichen.

Luxushersteller wie Cor haben bereits im September neue Preislisten ausgegeben. Da war die Produktion des laufenden Jahres allerdings schon ausverkauft. Denn die edlen Sitzmöbel liegen nicht auf Lager, sondern werden nach individuellen Wünschen angefertigt. Ikea hat auf das Titelblatt seines Hauptkatalogs im August geschrieben: "MwSt.-Änderungen vorbehalten". Sprecherin Sabine Nold sagt: "Wir überlegen noch. Unsere Preise sind knapp kalkuliert." So kann das Möbelhaus zunächst den Run auf die Mehrwertsteuer-Schnäppchen anheizen und dann vielleicht im Januar doch mit einem Preisstopp werben.

Eine Preisgarantie gehört inzwischen fast zum guten Ton. Der Otto-Versand und das Modehaus C&A waren Vorreiter. Ende August hieß es dann in großen Zeitungsanzeigen: "Aldi friert die Preise schon heute ein." Inzwischen versprechen immer mehr Firmen: Die höhere Mehrwertsteuer übernehmen wir. Branchenexperten halten das für vollkommen unglaubwürdig. "Wer sagt, dass er am 1. Januar die Preise nicht ändert, wird sie nach und nach erhöhen", meint James M. Bacos von der Unternehmensberatung Mercer Management. "Die Händler können die höhere Mehrwertsteuer nicht schlucken, da ihre Gewinnspanne niedriger ist als drei Prozent." Der Unternehmer jedoch, der den gesamten Gewinn unter der Kundschaft verteilt, muss noch geboren werden. Jürgen Wiedemann jedenfalls, Goldschmiedemeister aus Freiburg, sagt es seiner Klientel klipp und klar: "Wer behauptet, trotz der Mehrwertsteuererhöhung die Preise nicht hochzusetzen, der lügt oder kann nicht rechnen."

Vorsicht, Mehrwertsteuer-Nepp! Die Kunden können die Stabilitätsversprechen kaum kontrollieren. Aktionsartikel wie Kochtöpfe, Bettwäsche oder Werkzeugkästen gibt es bei den Discountketten nur alle halbe Jahre für wenige Tage. Die Modekollektionen bei C&A oder H&M wechseln mehrmals im Jahr. Elektronikhändler wie Saturn oder Media Markt verramschen ständig Auslaufgeräte und stellen neue Modelle in die Regale. Ob Laptops, MP3-Player oder Digitalkameras besser oder einfach nur teurer geworden sind, kann ein normal informierter Verbraucher nicht ergründen.

Besonders dreist: Stabile Preise anzukündigen fällt dann leicht, wenn man sie zuvor erhöht hat. Simon, Kucher & Partners, ein auf Preisstrategie spezialisiertes Unternehmen, hat genau das im Sommer propagiert: "Im WM-Fieber wird das untergehen." Eine gezielte Irreführung der Verbraucher? Preisberater Ekkehard Stadie bestreitet das. "Das ist geschicktes unternehmerisches Handeln."

Ganz so blöd sind die Deutschen aber doch nicht: 71 Prozent sind der stern-Umfrage zufolge vorgezogene Preiserhöhungen aufgefallen, 24 Prozent sogar bei vielen Produkten.

Auch Aldi war aktiv. "Im Vorfeld der Mehrwertsteueraktion hat es Preisanhebungen gegeben", sagt Andreas Breitbart vom Informationsdienst Preiszeiger. Von 205 Produkten, die Aldi Nord in den Zeitungsanzeigen beworben hat, sind in den Monaten zuvor 42 teurer geworden - darunter die Müllbeutel "Folia" (plus 18,2 Prozent am 6. März) der Orangensaft "rio d'oro" (plus 25,5 Prozent am 2. Mai) und der Cognac "Grand Rayon" (plus 7,5 Prozent am 25. Juli).

Zugelangt haben ebenfalls die Drogeriemärkte. Zugegeben: DM, Schlecker oder Rossmann haben mit der Mehrwertsteuererhöhung ein viel größeres Problem als die Lebensmittel-Discounter, weil fast ihr gesamtes Sortiment betroffen ist. Laut Preiszeiger verteuerten sich einzelne Zahnpasten, Haarshampoos oder Lippenpflegestifte um 10 bis 30 Prozent.

Im amtlichen Preisindex spiegelt sich das kaum wieder - wie schon bei der Euro-Einführung. Da Benzin und Heizöl gerade etwas weniger teuer geworden sind, ist die Inflationsrate zuletzt sogar auf ein Prozent gesunken. Nach der Teuro-Debatte begleitet das Statistische Bundesamt die Mehrwertsteuererhöhung mit einem Preismonitor, der 46 Produkte beobachtet. Auch hier liegt ein Drogerieartikel an der Spitze: Zahnpasta wurde in diesem Jahr um 4,5 Prozent teurer.

Der stern wollte es genauer wissen. Seit Februar kontrollieren Mitarbeiter jeden Monat die Preise von 104 Produkten in 42 Hamburger Geschäften. Bis Ende September waren 26 Produkte teurer geworden. Zwar spielen auch gestiegene Kosten für Stahl oder Energie eine Rolle, aber einige Anbieter geben offen zu, dass sie die höhere Mehrwertsteuer vorwegnehmen.

Der Fall Teddy: Die Preiserhöhung für den Steiff-Bären von 109 auf 119 Euro zeigt alle Kniffe. Der Preis steigt nicht am viel beobachteten 1. Januar, sondern schon im Juli. In den Monaten bis zur Steuererhöhung winkt so ein Extraprofit. Überhaupt bieten Luxusgüter mehr Spielraum für Preiserhöhungen als Standardprodukte - in diesem Fall sind es gleich 9,2 Prozent. Und auch der neue Preis sollte scharf kalkuliert aussehen - 119 Euro wirken schließlich besser als 112 Euro.

Ob Industrie und Handel sich mit solchen Tricks wirklich einen Gefallen tun, ist fraglich. Noch haben die Verbraucher die Abzockeversuche bei der Euro-Bargeld-Einführung nicht vergessen. "Die Preiswahrnehmung ist in Deutschland stärker als in jedem Land der Welt", staunt der US-Amerikaner Bacos immer noch. Der MercerBerater warnt die Unternehmen: "Der Preis einer falschen Strategie wird sehr hoch sein."

Der Teuro war gestern, jetzt droht der Steuro.

Mitarbeit: Jochen Brenner, Philipp Eins, Ingrid Lorbach, Sven Rohde, Stephanie Souron

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(