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Epidemie: Muss man in Deutschland Angst vor Ebola haben?

Vor Landesgrenzen machen Ebola-Viren nicht halt. Nach zwei Fällen in den USA und einem in Spanien wächst auch in Deutschland die Sorge, dass die Seuche eingeschleppt wird. Wie wahrscheinlich ist das?

Von Lydia Klöckner

Die ersten Krankheitsfälle in den USA und Spanien zeigen: Die Ebola-Erreger haben Afrikas Grenzen längst überschritten. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Seuche sich in Europa ausbreitet? Theoretisch könnten die Erreger entweder per Flugzeug oder Schiff oder über den Landweg nach Deutschland gelangen. Doch wie wahrscheinlich ist das? Wie groß ist die Gefahr?

1. Gefahr durch Flugreisende

Spielt man verschiedene Szenarien durch, erkennt man schnell: Die größte Gefahr besteht derzeit durch den internationalen Flugverkehr. Von den drei Patienten, die bereits zur Behandlung nach Deutschland geflogen wurden, ging zwar eine eher geringe Gefahr aus - für ihren Transport wurden spezielle Sicherheitsvorkehrungen getroffen, damit sie keine weiteren Menschen anstecken. Reisen Infizierte hingegen mit normalen Passagiermaschinen nach Deutschland ein, könnten die Erreger auf andere Passagiere übertragen werden. Nach internationalen Regeln müssen Menschen, die aus Westafrika ausreisen, zwar sogenannten Exit Screenings unterzogen werden. Wer Ebola-Symptome zeigt oder Kontakt zu Erkrankten hatte, darf in Sierra Leone, Liberia, Guinea und Nigeria kein Flugzeug besteigen.

Auf dieses Verfahren ist allerdings nur bedingt Verlass: Erstens verschweigen ausreisende Passagiere möglicherweise, dass sie Kontakt mit Erkrankten hatten. Zweitens ist Infizierten unter Umständen gar nicht bewusst, dass sie den Erreger in sich tragen: Die Inkubationszeit - die Zeit also, bis erste Krankheitszeichen auftreten - beträgt zwei Tage bis drei Wochen. Es kann also passieren, "dass jemand ohne Symptome einreist und hier erkrankt", merkt etwa der Mediziner Bernhard Fleischer vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg in einem Interview an. Auch der Vizepräsident des Berliner Robert-Koch-Instituts, Lars Schaade, sagte im ZDF-Morgenmagazin, dass er eine Einschleppung des Virus für möglich halte. "Es gibt ein Risiko, das Risiko ist gering, aber wir müssen natürlich damit rechnen", so Schaade.

Großbritannien und die USA verlassen sich deshalb nicht mehr auf die afrikanischen Ausreisekontrollen. Sie haben zusätzliche Einreisekontrollen eingeführt: An den Londoner Flughäfen Heathrow und Gatwick müssen Passagiere aus den betroffenen Regionen Fragebögen ausfüllen, in denen sie etwa ihre Reiserouten und Kontakte zu potenziell Erkrankten angeben. An einigen größeren Flughäfen der USA werden Einreisende mit Infrarot-Thermometern auf Fieber untersucht - eine Maßnahme, die bei frisch Infizierten wenig Sinn hat und wohl vor allem der allgemeinen Beruhigung dienen soll.

In Deutschland gibt es solche Sicherheitsvorkehrungen bislang nicht. Die fünf großen Flughäfen - Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, München und Berlin - müssen zwar sogenannte "Kernkapazitäten" bereitstellen. Dazu gehört etwa ein Sonderparkplatz für Flugzeuge, die einen Passagier mit Ebola-Verdacht an Bord haben, sowie ein Spezialfahrzeug, das Betroffene in eine Sonderisolierstation bringt, aus denen die Viren nicht - oder zumindest nur in einem äußerst unwahrscheinlichen Fall - entweichen können. Befragungen oder Fieber-Screenings wie in den USA und Großbritannien führen deutsche Flughäfen bisher aber nicht durch. Und Schnelltests auf Ebola gibt es momentan nicht.

Das größte Verbreitungs-Risiko besteht laut einer Berechnung des Max-Planck-Instituts für Informatik am Frankfurter Flughafen. Eine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen plant die zuständige Gesundheitsbehörde dennoch nicht. "Hier kommen fast keine Direktflüge aus den betroffenen Regionen an", sagt Niels Kleinkauf vom Frankfurter Gesundheitsamt. Nur zwei Maschinen aus Nigeria träfen dort täglich ein. "Passagiere dieser Maschinen erhalten bei ihrer Ankuft umfängliches Informationsmaterial zur Ebola-Symptomatik", so Kleinkauf. Zudem habe die Lufthansa an den Gates Poster Informationen zum Krankheitsbild angebracht, um die Reisenden zu sensibilisieren.

Eine flächendeckende Untersuchung aller Passagiere erachtet Kleinkauf nicht als sinnvoll. "Bei rund 140.000 Passagieren, die hier jeden Tag eintreffen, ist das logistisch kaum möglich", sagt er. Zudem sei fraglich, ob die verfügbaren Screening-Methoden - Fragebögen und Temperatur-Messungen - überhaupt dazu in der Lage seien, Verdachtsfälle zuverlässig zu erkennen.

2. Gefahr über den Landweg

Auch die Möglichkeit, dass Flüchtlinge aus den betroffenen Regionen Ebola-Viren einschleppen, besteht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stuft das Risiko zwar als "gering" ein. "Uns ist kein Fall bekannt, dass im Asylbereich ein mit Ebola infizierter Flüchtling nach Deutschland eingereist ist", so eine Sprecherin. Einige Bundesländer rüsten sich dennoch gegen diesen Fall. In NRW, dem Bundesland mit den meisten Asylbewerbern, sind einige Erstaufnahmestellen bereits seit Monaten auf Ebola-Fälle vorbereitet: Im Flüchtlingsheim in Dortmund-Hacheney misst das Personal bei Ankömmlingen aus betroffenen Ländern zweimal täglich Fieber, berichtete der Westdeutsche Rundfunk Mitte August.

Eine ernste Gefahr stellen Flüchtlinge aber nicht dar: Erstens kommt ein Großteil der Flüchtlinge aus Syrien und Somalia. Zweitens kann die Reise von Afrika nach Europa über den Landweg Monate bis Jahre dauern. Die Wahrscheinlichkeit, dass es das Virus auf diesem Weg bis nach Deutschland schafft, ist also relativ gering.

3. Einreise aus anderen europäischen Ländern

Theoretisch könnten auch Zugreisende aus Nachbarländern die Erreger ins Land bringen - etwa, wenn sie aus Westafrika nach Paris geflogen sind und von dort aus mit der Bahn nach Deutschland weiterreisen. Laut Bahn-Sprecherin Luise Gunga nehme die Bahn das Thema ernst. "Wir beobachten die aktuelle Lage sehr genau", so Gunga. Derzeit gibt es an Bahnhöfen aber keine speziellen Sicherheitsmaßnahmen.

Eine Epidemie ist unwahrscheinlich

Selbst wenn Ebola-Kranke nach Deutschland einreisen: Vor einer Krankheitswelle wie in Westafrika müssen sich die Deutschen trotzdem nicht fürchten. Erstens, weil es hierzulande recht gute Vorsorge-Maßnahmen gibt. Dazu gehört etwa das Netzwerk von Sonderisolierstationen, die speziell auf die Behandlung solcher Erkrankungen ausgelegt sind sowie das medizinische Personal, das speziell für die Versorgung von Patienten unter Isolationsbedingungen geschult ist.

Zweitens ist das Virus nicht hochansteckend. "Da das Ebola-Virus nur bei engem Kontakt zu einem Erkrankten übertragen werden kann, besteht nur ein geringes Risiko einer weiteren Verbreitung", sagt Stephan Günther, Leiter der Abteilung Virologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Die Sorge, dass die Viren durch sogenannte Mutationen ihre Eigenschaften ändern und infektiöser werden, ist zwar nicht unbegründet. Laut der WHO besteht die Gefahr bei Ebola aber derzeit nicht. "Spekulationen, dass die Ebola-Viren mutieren und über die Luft übertragbar werden könnten sind genau das: Spekulationen", so die Organisation. Derzeit gebe es keine Hinweise darauf, dass sich der Erreger über andere Wege als den direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten eines Erkrankten überträgt.

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