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Samenbanken: Ein paar Tropfen zum Glück

Sie werden und werden nicht schwanger. Oder ihnen ist wichtiger, ein Kind zu kriegen als einen Mann. Darum wenden sich Frauen an Cryos, eine der größten Samenbanken der Welt im dänischen Århus. Und bestellen per Internet, was junge Männer in Döschen dalassen - als anonyme Spender oder, gegen Aufpreis, mit Babyfoto und Handschriftenprobe.

Von Dimitri Ladischenski

In der Gasse Vesterport, gegenüber einer Tierfutterhandlung, liegt ein Rotklinkerbau, so unauffällig wie der Mensch, der gerade hineinhuscht. Mit rosigen Wangen eilt er die Stufen hinauf, in den dritten Stock, wo sich hinter einer grauen Eisentür die Bank befindet, in der alle Konten eingefroren sind - die größte Samenbank Europas, Cryos International. Sie empfängt mit pantoffelwarmer dänischer Gemütlichkeit: 240 Quadratmeter Altbau mit knarrenden Holzdielen, dicken Teppichen und dimmbarem Licht. Rechts beugen sich Weißbekittelte über Mikroskope. Links, hinter Glas, säuseln Telefonistinnen. Die Frau an der Rezeption lächelt: "Hallo, wie geht's?"

Der Spender, nennen wir ihn Nummer 8888, hat ein Kinderschokoladenlächeln und lange blonde Haare, er klemmt seinen Fahrradhelm unter den Arm, presst seinen Zeigefinger auf ein Identifikationsgerät, bekommt ein filmdosengroßes Gefäß in die Hand gedrückt und entschwindet dann pfeifend in eines von zwei schallisolierten Zimmern. Die Masturbationsräume sind liebevoll hergerichtet, mit Plastiklilien auf dem Nachttisch und Surfpostern an den Wänden. Familiär ist auch der Ton der Zimmerordnung: "Sei so nett und schließe die Tür, damit draußen das Besetztzeichen leuchtet. Wasche deinen Penis, aber ohne Seife. Wenn du magst, benutze die bunten Magazine zur Stimulation. Ejakuliere schon die ersten Tropfen in das Plastikgefäß, sie enthalten die meisten Spermien. Falls Toilettenpapier fehlt, bitte Bescheid geben. Hinterlasse den Raum freundlicherweise so, wie du ihn vorgefunden hast."

Der Urknall

Die größte Samenbank Europas, das sind Ole, Gert, Sisse, Lene, Kristian, Ulla, Henriette, Dorte, Joan - ein Team von insgesamt 20 Geburtshelfern, die den Samen wiegen, einfrieren und von Århus in alle Welt verschicken. Und jetzt gemeinsam Mittag essen im Besprechungsraum, während nebenan, in der Kabine, leichter körperlicher Arbeit nachgegangen wird. 250 regelmäßige Spender, 12.000 Schwangerschaften seit Gründung der Bank 1991, mehr als 60 Länder, in die sie liefern. "Wir sind wahrscheinlich eine der drei größten", sagt Chef Ole Schou. Es gibt zwei bedeutende Mitspieler in den USA, aber deren Spender sind nicht so spendierfreudig, nicht so zuverlässig groß und blond.

Angefangen hat alles mit einem Traum vor 24 Jahren, und Schou, damals noch Student der Betriebswirtschaft, erzählt seinen Traum gern. In jener Nacht sah er sich "wie Jacques-Yves Cousteau" in die Tiefe gleiten, und in der Dunkelheit schwebten rosa Teilchen um ihn herum. Aber es war kein Krill. Es waren Spermien. Und sie waren gefroren. Ole lächelt. Er hat ein kantiges, knochiges Gesicht, graues Stoppelhaar, tief in den Höhlen liegende Augen. "Es ist wie mit den Goldfischen", lächelt er. "Im Winter frieren sie in den Teichen ein, im Frühjahr werden sie zu neuem Leben erweckt." Die ersten Experimente machte er mit eigenem Sperma, und als seine Eltern die milchigen Eiswürfel in der Tiefkühltruhe entdeckten, fragten sie ihn, ob alles mit ihm in Ordnung sei. Aber sie liehen ihm 80.000 Kronen (umgerechnet 10.000 Euro), damit er seinen Traum verwirklichen konnte.

"Creme de la Creme"

Cryos ist aus dem Griechischen abgeleitet und heißt Eis. Mittlerweile gibt es neben der Zentrale in Århus Filialen in Odense, Kopenhagen und bald auch in Ålborg. Dazu eine Niederlassung in New York und neuerdings in Mumbai. Das Geschäft läuft gut. Der Umsatz liegt bei zwei Millionen Euro. Jedes Jahr gibt es 10 bis 20 Prozent mehr Profit, mehr Empfängerkliniken, mehr Patienten, mehr Schwangerschaften.

Je konzentrierter das Sperma, desto teurer. Das reicht von 30 Euro für Dünnflüssiges bis zu 1000 Euro für die "Creme de la Creme". Teurer wird es auch, je aufgeschlossener der Spender ist. So kann die Kundin wählen zwischen "offenen" oder anonymen Spendern. "Offene" haben ihren Namen für die Spenderkinder hinterlegt, anonyme nicht. Von manchen Spendern sind nur Rasse, Gewicht, Größe, Ausbildung, Blutgruppe, Haar- und Augenfarbe bekannt, von anderen auch Lieblingsessen oder Lieblingstier, Urlaubsziele und Hobbys. Für 15 Euro Aufschlag erhält die Kundin das Babyfoto ihres Kandidaten und seine Handschriftenprobe, für 50.000 Euro hat sie ihn exklusiv. Keine andere kommt an seinen Samen.

Unterschiedliche Regelungen

Zwar versuchen die Behörden, dem Gen-Shopping Grenzen zu setzen - doch die Regelungen gelten nur von Land zu Land. In Griechenland, Belgien oder Norwegen etwa sind anonyme Spendersamen erlaubt. In Schweden, Österreich und der Schweiz sind nur "offene" Spenden zugelassen. In manchen Ländern dürfen nur die Ärzte Samen kaufen und inseminieren, in anderen auch die Endverbraucher. In manchen Ländern dürfen nur heterosexuelle Paare beziehen, in anderen auch Singles. "Sperma ist wie Wasser", sagt Ole Schou, "es sucht sich seinen Weg. Kein Paragraf kann es aufhalten. In den Gesetzen finden sich immer wieder Lücken. Bei uns zum Beispiel dürfen Ärzte keine 'offenen' Spendersamen verabreichen, aber die Hebammen haben das Recht dazu."

Paare wollen meist nur das eine: Sperma. Der Spender soll dem sozialen Vater optisch ähneln - Cryos bietet für 38 Euro einen Fotoabgleich an -, ansonsten im Uterus verschwinden und den Familienfrieden nicht stören. Wissbegieriger sind Singlefrauen. Sie können für 17 Euro von der Website Profile runterladen, in denen die Kandidaten unter fiktiven Namen wie Torge, Lars oder Knud 100 Fragen beantworten: Welche Musik hörst du? Interessierst du dich für Wissenschaft oder für Kunst? Welche Stärken, welche Schwächen hast du?

Immer mehr Singles

Cryos bringt hauptsächlich anonymen Samen an die verheiratete Frau, die sich von einem Arzt in der Klinik befruchten lässt. In Amerika stellen die Singles bereits ein Drittel der Cryos-Kundschaft, viele lassen sich den Stickstofftank samt Spritzbesteck nach Hause liefern, und auch in Europa wollen immer mehr Frauen den Spermastrohhalm selbst in die Hand nehmen, das Intime wird wieder privat.

Weltweit kommen jährlich etwa 100.000 Kinder aus der Kälte, und je mehr es werden, desto drängender stellen sich die Fragen. Sind Kinder Lebensnotwendigkeit oder Lifestyle? Selbstverwirklichung oder Menschenrecht? Soll es das Baby auf Krankenschein geben? Ist Spendersamen Medizin oder Kosmetik? Ole Schou gibt Antworten. Er spricht von Patienten, nicht von Kunden. "Frauen sind darauf programmiert, schwanger zu werden. Sie müssen sich reproduzieren." Etwa 15 Prozent der Paare seien ungewollt kinderlos, viele deswegen in psychotherapeutischer Behandlung. Er liest aus Briefen vor: "Danke, ohne Dich würde es unsere Familie nicht geben." - "Danke für das Geschenk, das Du mir und meinem Ehemann gemacht hast." - "Und das zu hören", sagt Schou, "das ist so schön, das ist so … überwältigend." Er schluckt, er kann nicht weiterreden.

Und die Kinder? Wenn es ein Recht auf Fortpflanzung gibt, dann doch auch eines auf Kenntnis dieser Wurzeln? Ole Schou räuspert sich. Jetzt argumentiert er andersherum. Ist die Kinderlosigkeit eine spinnige Laune der Natur, ist die Vaterlosigkeit als Schicksal zu akzeptieren. "Die Samenspenderkinder können mich gern anrufen. Ich werde ihnen sagen: Ihr seid mit einem Handicap geboren - ohne Vater. Aber auch Einäugige können sehen und glücklich sein. Ich werde die Kinder fragen: 'Was ist die Alternative: Würdet ihr lieber nicht existieren?' " Und er würde ihnen sagen: Ihr seid nicht allein. Zehn Prozent aller Kinder sind angeblich Kuckuckskinder. Und er sagt, wenn wir keine Anonymität hätten, dann käme kein Spender mehr. Jedenfalls kein geprüfter. Wir hätten einen Schwarzmarkt mit aidsverseuchten Keimzellen, wir hätten Schwangerschaftstourismus in dunkle Absteigen. Wir hätten Rebellionen in den Familien: "Spenderkinder, die ihren sozialen Vätern den Finger zeigen, fuck you, du bist nicht mein Vater, was willst du mir vorschreiben?" Wir hätten keine weltgrößte Samenbank mehr.

"Mehr Schleim als Sein"

Aber wir hätten noch Spender 8888, einen von 22 "offenen" Spendern bei Cryos. Mit einem Klack geht die Tür auf, und im Ringelpulli steht er da. Sieben Minuten hat er gebraucht, draußen warten die nächsten. Hier geben im Tagesschnitt 15 Männer ihr Bestes, dafür bekommen sie je nach Qualität zwischen 13 und 100 Euro pro Schuss. 8888 hinterlässt den Raum, wie er ihn vorgefunden hat, mit frischer Papierbahn auf der Liege, die Fachliteratur am Platz, "Hardcore Fetish Fantasies, Anniversary Special Pirate 07/98". Alle drei Monate gibt es frische Pornos, nichts mit Tieren, nichts mit Gewalt.

Früher, sagt 8888, habe er immer lange in den Magazinen geblättert, anschließend sei seine Qualität nicht so gut gewesen. Viel Volumen, wenig Spermien. Mehr Schleim als Sein. "Jetzt, da ich schneller komme, verdiene ich mehr." 8888 ist 25 Jahre alt und studiert Philosophie. Seit November 2006 spendet er bis zu dreimal die Woche, alle drei Monate bekommt er rund 1300 Euro auf die Hand, bar und unversteuert, vor dem Finanzamt ist er anonym. Er will Kinderlosen helfen und sein Ferienhaus an der Ostsee abbezahlen.

Die Freundin als Konkurrenz

Er geht zur Rezeption, gibt sein Pröbchen ab, Mitarbeiter saugen den Inhalt maschinell in mehrere Strohhalme, nummerieren sie und versenken den Rohstoff in einen Kältetopf, bei minus 196 Grad. Zwei Dinge sind wichtig bei einer Samenbank: Papiertaschentücher und nichts durcheinanderzubringen. Alle Spender haben eine vierstellige Nummer, unter der sie anonym erfasst sind, nur Ole Schou kennt ihre Namen. Mit der Anonymität sei das so eine Sache, gerade in Århus. Begegnet er einem Spender in der Kneipe oder im Theater, dann reagiert er nicht. Erst wenn der andere grüßt: Hallo, Ole, wie geht's? Dann erst kennt er ihn.

Seine Spender rekrutiert Schou über Werbeplakate auf Bussen oder über Anzeigen in Studentenmagazinen, "Hilf einem kinderlosen Paar - Spender zwischen 18 und 40 gesucht". Dänen gäben gut und gern, sagt Schou. Gut, weil sie erstklassiges Genmaterial lieferten. Gern, weil sich in einer kleinen Nation der Einzelne für den anderen verantwortlich fühle.

Manche Spender wollen helfen, andere nur loswerden, was sie loswerden müssen. Manche wollen einen Fingerabdruck in der Welt hinterlassen. Für andere ist es wie eine Blutspende, da fragt sich auch keiner, in welchen Adern er jetzt fließt. Die meisten werden ein- bis zweimal die Woche handgreiflich, davor müssen sie 48 Stunden enthaltsam sein, nur dann taugt ihr Stoff. "Unsere größte Konkurrenz", sagt Schou, "sind die Freundinnen." Geld oder Liebe? Es gibt allerdings auch Frauen, weiß Schou, die glücklich sind, dass sich ihre Männer in der Samenbank austoben.

Gesundheitscheck für Kandidaten

Bevor sie an die Bank rangelassen werden, müssen die Kandidaten den Gesundheitscheck durchlaufen. Und den Sympathietest bestehen. Den Bauchentscheid der Cryos-Leute. Würde ich ihn meiner Tochter antun? Und so fiel der Exorzist durch, der die Augen verdrehte und abwechselnd mal mit tiefer, mal mit hoher Stimme, mal dänisch, mal englisch sprach. Aber einen wie Spender 8888 kann man verantworten. Findet auch der Spender: "So schlecht sind meine Gene nicht. Meine Freundin hat auch nichts gegen meinen Job. Sie meint, es wäre schön, wenn mehr Menschen wären wie ich."

Er ist laut Selbstauskunft im Spenderprofil "aufgeschlossen, fröhlich und kreativ". Sein Lieblingsauto ist der Ford Granada. Er hat im Kosovo gedient und möchte später als Entwicklungshelfer arbeiten. Im Bewerbungsschreiben hat er eine Botschaft an die zukünftigen Eltern hinterlassen: "Ich weiß, dass eines Tages Kinder an meine Tür klopfen könnten, aber das macht mir nichts. Im Gegenteil: Ich würde es schön finden, Besuch aus dem Ausland zu bekommen." Die Eisentür zur Samenbank geht auf, Fedex will abholen. Eine Kühlbox mit Trockeneis soll nach Belgien.

Das Rendezvous mit der Kühlbox

Olaf ist an einem Freitag angekommen. Sie hat ihn zuerst neben den Mülleimer gestellt und sich über die Ähnlichkeit gewundert. Dann hat sie ihn nach draußen geschleppt, auf dem Rücksitz ihres Toyotas angeschnallt und ist mit ihm ins Grüne gefahren. Später hat sie ihn auf die Couch gesetzt, im Fernsehen lief "Ally McBeal". Abends hat sie ihm erzählt, dass sie wieder mit Kaffeetrinken angefangen hat und glücklich darüber ist. Er schwieg. Was hatte sie anderes erwartet? Er war ja erst 22: Olaf, Spender 0821, Traummann und Traumvater. Eine gelbe, pyramidenförmige Kühlbox.

Sie hatte mit vielen Männern an diesem Tisch gesessen. Sie hatte geflirtet, geprüft und gehofft, aber keiner war wie Olaf gewesen. Olaf würde sie nicht verletzen oder verlassen. Er würde mit ihr nie über die Erziehung streiten. Es störte ihn nicht, dass sie 39 und ein bisschen mollig war.

Das Rendezvous mit der Kühlbox hatte sie aus Jux veranstaltet. Sie wollte es ein bisschen lustig haben, denn die Sache war schon traurig genug. Weit entfernt von dem, was sie einmal wollte: ein großes Haus in Ottawa, zwei Kinder, zwei Katzen, zwei Hunde. Und einen Mann, der ihr alles besorgte. Jetzt war sie Ende 30, lebte in Yonkers bei New York und beschäftigte sich mit Spermawäsche, Trockeneis und Insemination. Und war so allein, dass sie sich nicht auch noch zu Hause selbst befruchten mochte. Das, wenigstens, sollte ein Mann besorgen, Dr. Bakas.

Erst das Kind, dann der Mann

Alexandra Soiseth war 39, als sie beschloss, die Reihenfolge umzukehren. Erst das Kind, dann den Mann. Sie war so in Eile, schwanger zu werden. Mitte Juli 2003 hat sie gegoogelt, "Sperma" und "Bank", die dänische Samenbank war einer der ersten Treffer. Dänemark, das klang gut. Ihre Mutter ist Dänin, ihr Vater Norweger. Sie fühlte eine Verbindung. Sie hat bei Cryos in New York angerufen. Nach dem Gespräch hat sie eine Mappe angelegt und die Kosten darin aufgelistet: "Drei Spermastrohhalme à 200 Dollar, 150 Dollar für die Zustellung aus Dänemark, 175 für die Zustellung zum Arzt, 250 Inseminationsgebühr, macht zusammen 1175 Dollar." Sie hat ein Herz danebengemalt.

Alexandra Soiseth wollte ein blondes Kind, "nur gelungener" als sie selbst. Also suchte sie nach Spendern, die größer waren, schlanker und gebildeter. Einerseits fühlte sie sich schäbig, dass sie ein Kind machte. Mit Zutaten aus dem Onlinekatalog. Andererseits: Tun das nicht viele Frauen - den Mann aussuchen nach dem Kind, das er verspricht? Sie klickte sich durch die Profile. Boris gefiel ihr. Er studiert Literatur, schreibt an seiner Doktorarbeit und interessiert sich für Kunst. Und er sagt, er möchte Kinderlosen helfen, glücklich zu sein. Sie träumte von ihm, und in ihrem Traum gingen sie durch Kopenhagen und aßen Hotdogs, und er fand sie sexy dabei.

Kein Sex, nur ein Kind

Sexy? Halt! Sie will keinen Sex, jedenfalls nicht jetzt. Sie will ein Kind. Boris ist klein, hat braune Augen. Vielleicht jemand für später, aber kein idealer Nachwuchsproduzent. Sie schickte ein Foto von sich an Cryos, nach drei Wochen Urlaub, braun gebrannt und schlank, wie sie sonst nie war. Ob sie nicht was Passendes hätten? Die Frauen bei Cryos fanden, Olaf passe. Olaf sieht aus wie sie. Sie lud sein Profil aus dem Internet. Er ist blond und groß, aber Betriebswirt und ein bisschen steif. "Frage 10: Lieblingstier? Deutscher Schäferhund, loyal und clever. Frage 11: Lieblingsessen? Pata Negra - eine spanische Delikatesse. Am besten mit einem guten Rotwein zu genießen. Frage 12: Lieblingsmusik? Spiegelt meine Interessen wider: Klassik für Reflexion. Pop und Rock bei sozialen Veranstaltungen." Und er scheint nicht ganz ehrlich. "Frage 35: Kinder? Nein." Aber sie mochte, dass er Linkshänder ist. Viele Kreative sind Linkshänder. Sie nahm ihre Kreditkarte und klickte hinter "Olaf " auf den Einkaufswagen.

Der Kanister kam vier Wochen später. Eine Woche darauf fuhr sie mit Olaf zu Dr. Bakas. Eine halbe Stunde musste er auftauen, zwei Minuten später streifte Bakas die Gummihandschuhe ab und fragte: Willst du eine Zigarette? Danach legte sie sich zu Hause auf die Couch, Füße nach oben. Am Montag sagte sie, ich bin schwanger. Sie hat noch gedacht, gleich beim ersten Mal schwanger: Wer glaubst du eigentlich, wer du bist - die Fruchtbarkeitsgöttin? Doch neun Monate später verschickte sie tatsächlich eine Rundmail, "nach 39 Stunden Arbeit ist Kaj gekommen". In der Geburtsurkunde hat sie unter "Vater" nichts eingetragen.

Blond und Intelligent

Drei Jahre ist das her. Alexandra Soiseth lebt jetzt mit ihrer Tochter in Yonkers und unterrichtet kreatives Schreiben am Sarah Lawrence College. "Ich wollte immer ein Kind", sagt sie, "lieber noch als einen Mann. Ein Kind kann mich nicht verlassen." Sie ist praktisch angezogen, trägt Jeans, Schlappen und ein rosa Hemd. Auch Kaj trägt gern Rosa. Rosa ist ihre gemeinsame Lieblingsfarbe. Was hat Kaj vom Vater? "Ich war als Kind nicht so blond. Und nicht so intelligent."

Alexandra Soiseth hat jetzt drei weitere Phiolen von Olaf geordert. Phiolen sagt sie. Das klingt besser als Strohhalme. Geheimnisvoller. Sie will mehr Kinder. Schnell! Sie ist 43. Vergangenen Sommer kam Kaj zu ihr und sagte: "Ich habe einen Daddy. Daddy sagt, ich darf im großen Bett schlafen." "Und?", fragte sie. "Ich hatte Angst. Aber Daddy sagte, alles wird gut." Ein paar Tage später: "Daddy kommt uns besuchen." "Wirklich?", fragte sie. "Er kommt und wohnt bei uns." "Nein, Kaj, dein Daddy wird nicht mit uns leben. Er lebt in Dänemark, wir kennen ihn nicht." "Doch, er kommt." "Nein, er lebt in Dänemark. Ich wollte dich so sehr, und er gab mir den Samen, den ich brauchte, dich zu machen."

Wenn die Wahrheit ans Licht kommt

Genauso steht der Satz in dem Buch, das sie sich vorsichtshalber besorgt hatte. Abteilung Pädagogik. "Bevor Du geboren wurdest. Mein Wunsch nach einem Kind. Von Janice Grimes, Band 11: Samenspende."

Jasper Carlsen-Holm (Name geändert) ist ein nachdenklicher Mann von 34 Jahren, aber manchmal hat er Anwandlungen, sagt er, Fantasien, dann sieht er sich über die Autobahn nach Århus rasen, vor dem Krankenhaus aussteigen und eine Waffe ziehen. Das Fernsehen unterbricht sein Programm, es wird live nach Århus geschaltet, auf den Bildschirmen erscheint Jasper, mit flackerndem Blick, die Pistole an die Schläfe einer Geisel gedrückt. Er sagt: Ole Schou, du redest viel von deiner Karriere, von Geld und von den Menschen, die du glücklich gemacht hast. Dabei redest du über etwas sehr Persönliches, du redest über mich. Hör auf zu sagen, wie ich mich fühle, das kann ich selbst. Ich bin nicht glücklich. Ich will wissen, wer mein Vater ist.

Jasper war 14, als er die Wahrheit erfuhr. Er hatte mit seiner Mutter gestritten, wie schon so häufig, und wie immer ging es darum, dass er und sein Vater nicht zusammenpassten, und seine Mutter hatte stillgehalten all die Jahre, aber jetzt brach es aus ihr heraus. Er habe Hodenkrebs gehabt, er konnte keine Kinder bekommen. Sie hätten sich an einen Arzt am Kommunehospital Århus gewandt. Damals gab es noch keine kommerziellen Samenbanken. Beim dritten Versuch wurde sie schwanger. Jasper ist eines der ersten Spenderkinder in Dänemark, gezeugt 1973.

Philosoph vs. Automechaniker

Seine Mutter strich ihm über das Haar, küsste ihn auf die Stirn: "Ich bin deine Mutter. Du bist mein Großer. Und was ich dir gesagt habe, ist unser Geheimnis. Kein Wort an deinen Vater." Als er dann spazieren ging, wurde ihm Schritt für Schritt klar: Mein Onkel ist nicht mein Onkel, mein Großvater nicht mein Großvater. Und mit jedem Schritt wurde er einsamer. Gerade der Großvater, den er so mochte. Von ihm, dachte er immer, hatte er das Grüblerische, das Philosophische.

Die großen Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Woher komme ich? Jasper kann sie nicht einmal mehr im Kleinen beantworten. Jasper weiß nur, dass sein Erzeuger Medizinstudent an der Uni Århus war, dunkle Haare hatte und blaue Augen, nach diesen Merkmalen hatte man ihn ausgewählt, denn blaue Augen und dunkle Haare hatte auch sein Ziehvater. Jasper sagt manchmal: "Nicht der Storch hat mich gebracht, sondern Fedex." Oder er sagt: "Ich bin wie die Figuren aus dem Film ‚Blade Runner‘", ein Replikant, ein künstlich erzeugtes Wesen, hineinversetzt in eine Familie, die nicht seine ist. Deren Liebe er sich erschlichen hat, als falscher Neffe, falscher Cousin, falscher Enkel.

Romantische Vorstellung von Familie

Aber eigentlich sei er nicht mal das. Ein weißes Nichts sei er, sagt Jasper. Weiß und leer wie das Zimmer, in dem er gemacht wurde, mit Reagenzgläsern, Pipette und Gummihandschuhen. "Ich hatte immer so eine romantische Vorstellung von Familie." Zweifel hatte er schon früh. Sein Vater hat Unterarme, dick wie seine Oberschenkel. Ein Automechaniker, der wenig redet und nächtelang Fernsehen guckt. Jasper ist schmächtig, hat Literatur und Philosophie studiert. Er hat immer versucht, sich und seinen Vater zusammenzubringen, zu etwas, das er begreifen konnte. Das sie verband, außer einem Bindestrich im Nachnamen.

Wenn es hieß, Jasper hat die Ohren vom Vater, fuhr dieser mit den Fingern über die Muster der Tischdecke und schwieg. Dass ein anderer Mann seiner Frau das brachte, was er nicht konnte, wollte er wegschweigen. Lange wusste er nicht einmal, dass Jasper eingeweiht war. Bis er vor zwei Jahren die Zeitung aufschlug, darin das Bild seines Sohnes, darunter die Zeile, "Ich will wissen, wer mein Vater ist."

Damals, als Ole Schou im Fernsehen auftrat, wollte Jasper nicht länger schweigen. Er schrieb Artikel gegen die Bevormundung. Er hat geglaubt, sein Vater erfährt nichts, der lebt in einer anderen Welt, der liest keine Zeitung, jedenfalls keine anspruchsvollen. Seine Mutter hat ihn am Tag der Veröffentlichung angerufen und am Telefon geweint. Wie kannst du uns das antun? "Seitdem die Wahrheit raus ist", sagt er, "fühle ich mich befreit. Ich muss meinen Vater nicht mehr lieben. Ich kann entspannen." Vor einem Jahr hat er ihn aus seinem Namen tilgen lassen.

Ein paar Handgriffe

Manchmal stellt er sich vor: der große, starke Papa, der auftaucht, nach all den Jahren, und sagt, ich habe dich vermisst. "Er kann doch nicht verschwunden sein", sagt Jasper. "Die vom Krankenhaus müssen doch wissen, wer er ist, welche Kinder er noch hat, die müssen doch sicherstellen, dass ich nicht zufällig meine Schwester heirate." Aber die vom Krankenhaus sagen nichts. Den Namen, mehr will er nicht, vielleicht ein Foto oder eine Telefonnummer. Nicht, dass er ihn unbedingt anrufen würde. Die Möglichkeit zu haben reicht.

Einmal hat ihn eine Freundin aus dem Schlaf geklingelt: Da sei einer in die Kneipe gekommen. Der sehe aus wie er, Jasper. Sie hat ihn angesprochen, und tatsächlich, sein Vater sei Arzt, er habe Anfang der 70er Jahre Medizin in Århus studiert. Jasper bekam die Telefonnummer, trug sie Wochen mit sich herum, dann wurde seine Tasche geklaut, mit der Nummer. "Vielleicht ist es besser, dass ich ihn nie kennen werde", sagt Jasper. "Für ihn waren es ein paar Handgriffe auf dem Klo. Für mich ist es das Leben."

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