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"München": Die Spiele, der Terror und Israels Rache

"Was bringt das, Blut für Blut?", fragt Hollywood-Regisseur Steven Spielberg mit seinem neuen Film "München". Der stern zeichnet nach, was damals wirklich geschah: Die monströse Tat und die blutige Antwort des Mossad.

Von Claus Lutterbeck

In den ersten chaotischen Minuten schafft es der israelische Ringer-Trainer Moshe Weinberg fast, Issa auszuschalten, er verfehlt dessen Brust nur knapp mit einem Obstmesser. Einer der Terroristen schießt auf ihn, trifft nicht richtig und zerfetzt ihm den Mund. Trotzdem schafft Weinberg es noch, dem 19-jährigen Mohammed Safady ein paar Zähne auszuschlagen und den Kiefer zu brechen. Als er versucht, ihm auch die Kalaschnikow zu entreißen, wird Weinberg erschossen.

Um 5.25 Uhr erscheint der erste ahnungslose deutsche Polizist vor der Wohnung, weil irgendjemand Schüsse gemeldet hatte. Er will wissen, was los ist. Issa gibt ein Zeichen über die Schulter - und dem Polizisten wird die nackte, blutüberströmte Leiche von Weinberg vor die Füße geworfen.

An diesem blutigen Dienstag

im September 1972 begann das TV-Zeitalter, in dem wir immer noch leben: Terror funktioniert am besten, wenn er auf allen Kanälen live übertragen wird. Heute ist es schon Routine, aber bei den XX. Olympischen Spielen, die so heiter hätten werden sollen, sind die Fernsehzuschauer live dabei, als der Schrecken zum ersten Mal die mediale Weltbühne betritt. Bis zum Abend verbarrikadieren sich die Terroristen mit neun Geiseln im Trakt der Israelis. Boden und Wände sind mit Blut beschmiert und von Einschusslöchern übersät, es stinkt, auf dem Boden liegt die blutige Leiche Yossef Romanos. Der Gewichtheber hatte schon einen Terroristen zu Boden geworfen, als er von einem anderen erschossen wurde. Die überlebenden Israelis sitzen, an Händen und Füßen gefesselt, auf ihren Betten.

München, Oberwiesenfeld, vier Uhr morgens: Acht Männer in roten Trainingsanzügen steigen bei Tor 25A über den zwei Meter hohen Zaun ins Olympische Dorf. Ein paar US-Athleten, die weit über den Zapfenstreich hinaus gefeiert haben, klettern auch über den Zaun. Sie helfen sich gegenseitig. Es ist der 5. September 1972, das Wetter ist schön und die Welt ziemlich heil. Acht junge Araber können mit plump gefälschten Pässen nach Deutschland einreisen, im Dunkeln über einen Zaun steigen - und niemand argwöhnt, in ihren Taschen könnten Kalaschnikows, Handgranaten und Patronengurte versteckt sein. Es ist ein anderes Zeitalter. Niemand argwöhnt irgendwas.

Kurz darauf, um 4.15 Uhr, öffnet ihr Anführer mit einem nachgemachten Schlüssel die Tür zum Apartment Nr. 1 der israelischen Olympiamannschaft. Niemand bewacht sie, weder deutsche noch israelische Behörden hielten das für notwendig. Issa (arabisch für Jesus), wie sich der Chef der Terroristen nennt, ist ein 35-jähriger Palästinenser mit eisernen Nerven, der in der Bundesrepublik studiert hat und gut Deutsch spricht. Im Olympischen Dorf kennt er sich aus, weil er sich dort einen Job geangelt hat. Er trägt einen Tropenanzug, einen weißen Hut, das Gesicht hat er sich mit schwarzer Schuhcreme eingeschmiert, damit man ihn nicht erkennt. Die sieben Terroristen, mit denen er die Schlafräume durchkämmt, sind erst wenige Stunden vor dem Attentat in die Pläne eingeweiht worden. Es sind junge Männer, die in Shatila, einem der furchtbarsten Flüchtlingslager im Libanon, rekrutiert und in einem libyschen Trainingslager ausgebildet wurden.

Alles wird gut, beruhigen die Terroristen und fordern ihre Opfer auf, Witze zu erzählen, wie der britische Reporter Simon Reeve in seinem Buch "One Day in September" schreibt. Im Austausch für die Geiseln verlangen die Palästinenser die Freilassung von 234 in Israel einsitzenden arabischen und zwei in Stammheim inhaftierten Gefangenen: Ulrike Meinhof und Andreas Baader. Israel lehnt sofort ab, Deutschland laviert.

Vor den Spielen war die Hoffnung

in der Bundesrepublik groß. Mit Kanzler Brandt an der Spitze, der einst vor Hitler geflohen war, wollte man sich betont zivil und heiter präsentieren. Alle Welt sollte sehen, dass dies ein gewandeltes, demokratisches Land war, 36 Jahre nach den Olympischen Spielen der Nazis. "Deutschland war so bedacht darauf, seine Vergangenheit herunterzuspielen", schrieb die "New York Times" später, "dass es Sicherheitsfragen tragisch naiv behandelte."

Für die Sicherheitsmaßnahmen wurden damals rund zwei Millionen Dollar ausgegeben - bei den Olympischen Spielen von Athen 2004 kosteten sie eine Milliarde. Deutsche Uniformen waren aus dem Olympischen Dorf verbannt, die 2100 Polizisten trugen hellblaue Anzüge im Safari-Look, die ihnen der damals trendigste Pariser Schneider, Courrèges, angepasst hatte. Schick sahen sie aus, die psychologisch geschulten Gute-Laune-Hüter. Maoistische Demonstranten, die sich in die Bannmeile gewagt hatten, verdroschen sie nicht mit Knüppeln, wie sonst in Bayern üblich, sondern schenkten ihnen Bonbons. "Münchner Linie" hieß diese PR-Masche. Wer Streit anfing im Olympischen Dorf, dem drückten die unbewaffneten Polizisten einen Blumenstrauß in die Hand. Es waren Wächterlein, von denen Arafats geheime Terrortruppe, der "Schwarze September", nur träumen konnte.

Olympisches Dorf, 5. September

, 22.03 Uhr: Weil ihre Erpressung nicht wie geplant funktioniert, wollen die Attentäter nach Kairo ausgeflogen werden. Dort würden sie die Geiseln freilassen. Die deutschen Unterhändler gehen zum Schein darauf ein und fliegen die Kidnapper mit ihren Geiseln in zwei Hubschraubern zum Flughafen Fürstenfeldbruck. Dort steht eine Boeing 727 bereit, doch abfliegen soll sie nicht. Scharfschützen sollen die Gangster auf dem Weg zum Flugzeug erschießen und die Geiseln befreien, so der Plan.

Doch es ist ein Desaster der Extraklasse, das die verantwortlichen Politiker und Polizisten auf dem Luftwaffenstützpunkt Fürstenfeldbruck anrichten. Auf die acht Terroristen zielen nur fünf Scharfschützen, die anderen stehen auf vier anderen Münchner Flughäfen herum. Die Scharfschützen verfehlen die Entführer, weil sie keine Präzisionsgewehre haben. Sie tragen auch keine Helme oder kugelsicheren Westen und werden von falsch aufgestellten Scheinwerfern so geblendet, dass sie ihre Ziele kaum erkennen können. Sie sind verwirrt, weil man vergessen hat, ihnen zu sagen, dass nicht fünf, sondern acht Terroristen auszuschalten sind.

Weil sie nicht mit Sprechfunk ausgerüstet sind, gibt es keinen Kontakt untereinander, man nimmt sich gegenseitig unter Beschuss. Einer der Scharfschützen gab später zu, er habe gar keine Ausbildung gehabt, Schießen sei nur sein Hobby gewesen. Die Panzerfahrzeuge, die Verstärkung bringen sollen, bleiben im Verkehrsstau nach Fürstenfeldbruck stecken - zu viele Neugierige wollen die Ballerei nicht nur im Fernsehen, sondern direkt am Flugplatzzaun erleben.

Der für das Fiasko verantwortliche Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber wird nicht noch in der Nacht entlassen - er bleibt noch viele Jahre im Amt. Das Chaos auf dem Flugplatz ist so total, dass Regierungssprecher Conrad Ahlers gegen Mitternacht sogar verkündet, er sei "sehr froh, dass die Polizeiaktion so erfolgreich war", die Unterbrechung der Spiele sei etwas "unglücklich", aber "in ein paar Wochen wird das alles vergessen sein".

In Tel Aviv hatte man den Tag

über ohnmächtig am Fernseher gesessen. Ministerpräsidentin Golda Meir hatte vergebens versucht, Willy Brandt davon zu überzeugen, die Sportler müssten von der israelischen Eliteeinheit "Sayeret Matkal" (ihr Anführer war der spätere Ministerpräsident Ehud Barak) befreit werden. Die Bundesrepublik besaß damals keine solche Truppe, die GSG 9 war das Resultat der Münchner Pleite, sie wurde erst später aufgebaut - mit Hilfe der Israelis.

Gegen Mitternacht trifft die frohe Kunde der Bundesregierung, alle Geiseln seien gerettet, auch in Jerusalem ein. Golda Meir trinkt ein Gläschen Champagner mit ihren Beratern. Erst am frühen Morgen dringt die Wahrheit durch: Alle neun israelischen Geiseln haben ihr Leben verloren, als die Terroristen einen Hubschrauber mit Handgranaten in die Luft sprengten. Fünf Attentäter wurden erschossen, ein deutscher Polizist wurde von einem Querschläger getötet.

Eine Frage bewegte damals alle Welt: Sollen die Spiele weitergehen? Natürlich, sagten die einen, man darf sich die Olympische Idee nicht von Terroristen zerstören lassen. Auf keinen Fall, protestierten die anderen, wie kann man nach einem so barbarischen Akt noch fröhlich weiter um die Wette zu rennen? Für das Internationale Olympische Komitee und die deutschen Veranstalter aber stand immer fest: "The games must go on" - die Spiele müssen weitergehen, wie Avery Brundage sagte, der US-amerikanische IOC-Präsident. Einige Stunden wurde Pause eingelegt für die Trauerfeier, dann ging es mit Handball weiter.

Die Deutschen aber waren jäh aus ihrer neuen Heiterkeit gerissen. Terror war bis dahin eine Pest irgendwo da unten, im Nahen, aber undurchsichtigen Osten. Er bedrohte Menschen, die weit weg wohnten und die in einen Konflikt verstrickt waren, den keiner durchschaute. Nun hatte er eine völlig neue Dimension erreicht: Er tobte mitten in einer reichen europäischen Stadt, und die ganze Welt schaute live zu, wie auf deutschem Boden wieder Juden ermordet wurden.

Eine Hand voll arabischer Fanatiker hatte an diesem sonnigen Septembertag gleich mehrere Mythen zertrümmert: Niemand ist mehr sicher, nirgendwo, selbst die Olympischen Spiele sind keine gewalt- und politikfreie Zone mehr. Die Israelis, die bisher unverwundbar schienen, waren plötzlich wehrlose Opfer. Und die Deutschen, die für ihre Effizienz so berühmt waren, entpuppten sich als Stümper und Feiglinge.

Drei Attentäter hatten das Massaker in Fürstenfeldbruck überlebt. Sie saßen keine zwei Monate in deutscher Haft, als am 29. Oktober 1972 ein palästinensisches Kommmando den Lufthansa-Flug LH 615 auf dem Weg von Damaskus nach Frankfurt entführte. Die Terroristen verlangten die Freilassung der "drei Helden von München". Ohne sich mit irgendjemandem zu beraten, kapitulierte die Regierung Brandt/Scheel, schon wenige Stunden später saßen Mohammed Safady, Jamal al-Gashey und sein Onkel Adnan in der entführten Lufthansa-Boeing und flogen Richtung Libyen. Noch am gleichen Abend wurden sie in Tripolis wie Helden gefeiert. Was aus ihnen später geworden ist, bleibt bis heute unklar.

Golda Meir schrieb später

in ihren Memoiren, das schändliche Verhalten der Deutschen habe sie "körperlich krank" gemacht. Selbst der "Schwarze September"-Chef Abu Ijad schrieb in seiner Autobiografie, die Deutschen seien "feige" gewesen. Autor Reeve behauptet in seinem Buch, die LH-615-Entführung sei höchstwahrscheinlich ein abgekartetes Spiel zwischen Deutschen und Palästinensern gewesen. Deutsche Politiker wiesen die Behauptung entrüstet zurück, Fakt jedoch ist: Palästinenser verübten fortan Anschläge fast überall auf der Welt, in Deutschland aber war Ruhe.

Zwischen Israelis und Palästinensern jedoch brachte das Olympia-Attentat von München eine Spirale von Rache und Vergeltung in Gang, die sich rasend schnell beschleunigte. Aber hat sie irgendwas bewirkt? Hat all das Blutvergießen irgendeine Seite auch nur einen Meter vorangebracht? Wo führt das hin, wenn jeder behauptet, er antworte nur auf den Terror des anderen? Solche provokanten Fragen stellt Steven Spielberg in seinem neuen Film "München", der Ende Januar in die Kinos kommt (siehe Seite 50). Eine Antwort hat auch er nicht.

Der 5. September 1972 jedenfalls hatte Israel in seinen Grundfesten erschüttert. Die Wut im Lande war unbeschreiblich, man nahm Rache, sofort. Schon drei Tage nach dem Massaker griffen israelische Jagdbomber Palästinenserlager im Libanon und in Syrien an und töteten über 200 Menschen (nach israelischer Darstellung waren sie alle Terroristen), verletzten mehrere hundert. Das Militär drang mit 1350 Mann und 45 Panzern in den Südlibanon ein, erschoss 45 Männer und zerstörte Hunderte von Häusern.

Das war die augenfällige, militärische Reaktion. Was im Geheimen den Ereignissen in Deutschland folgte, schreibt der Journalist Aaron J. Klein in seinem jüngst erschienenen Buch "Striking back", war die "München-Revolution". Klein scheint gut informiert zu sein, kein Wunder: Der Israeli ist pikanterweise nicht nur Korrespondent des US-Magazins "Time" in Jerusalem, sondern auch Kapitän im Geheimdienst der israelischen Armee. Leider kam sein Buch zu spät für Spielberg, hätte der es gekannt, wäre uns viel hollywoodianischer Humbug erspart geblieben. Denn in Kleins Buch wird die Geschichte des israelischen Rachefeldzugs zum ersten Mal glaubwürdig dargestellt.

Oppositionsführer Menachem Begin wetterte damals in der Knesset: "Wir müssen diese Verbrecher und Mörder vom Angesicht der Erde vertreiben. Wenn wir dafür eine Spezialeinheit brauchen, dann ist nun die Zeit, sie aufzubauen." Er wusste nicht, dass eine Elitetruppe namens "Caesarea" schon im Aufbau war. Zusammen mit ihren Geheimdienstgenerälen Zwi Zamir vom Mossad und Aharon Yariv vom Militärischen Geheimdienst hatten Golda Meir und ihr Verteidigungsminister Moshe Dayan unmittelbar nach dem Anschlag beschlossen, dass die drei überlebenden Attentäter und ebenso diejenigen, die den Anschlag geplant hatten, umgebracht werden sollten. Eine Todesliste mit 35 Namen wurde aufgestellt, ein streng geheimes "Komitee X" musste jeden Mord sanktionieren.

Den ersten Palästinenser liquidierte der Mossad schon sechs Wochen nach dem Massaker in Rom, der letzte Mord in der Serie geschah erst 20 Jahre später im Juni 1992. PLO-Geheimdienstchef Atef Bseiso kehrte gerade von einem Treffen mit dem deutschen Verfassungsschutz in Berlin zurück, als er in Paris mit drei Schüssen in den Kopf getötet wurde.

Die meisten Fälle

waren intern höchst umstritten - darf ein Rechtsstaat das? Es war das erste Mal in der israelischen Geschichte, dass nicht nur der Tod eines einzelnen Terroristen verfügt wurde, sondern die "systematische Eliminierung von Dutzenden von Leuten", wie die israelische Zeitung "Haaretz" schrieb. Jedes "hit team" bestand aus vier verschiedenen Grüppchen, die nach dem hebräischen Alphabet benannt wurden: "Aleph", das waren die beiden Killer, sie trugen keine Namen, sie hießen "Nummer 1" und "Nummer 2". "Beth" waren ihre Helfer, die den Fluchtwagen chauffieren, im Notfall auch mit schießen mussten. "Heth" bestand meist aus einem weiblichen und einem männlichen Agenten, die als Paar auftraten, um leichter Wohnungen und Autos mieten zu können. "Ayin" war aus sechs bis acht Personen gebildet, die das Opfer auskundschaften und einen guten Zeitpunkt für den "hit" finden sollten, sie mussten auch alternative Fluchtwege organisieren.

Ihr oberster Chef war der Mossad-Offizier Michael ("Mike") Harari, eine - selbst für Mossad-Maßstäbe - schillernde und kaltblütige Figur. Er sah aus wie Humphrey Bogart, war starker Raucher und einfach nie zu fassen. Ab Mitte der 70er Jahre versorgte er die Rebellen im Südsudan mit Waffen, mischte im angolanischen Krieg mit und wurde danach ein enger Berater des Kokainhändlers und Panama-Präsidenten General Noriega. Heute soll er hochbetagt als Rentner in Tel Aviv leben.

Das erste Opfer der "Caesarea" war Wael Zwaiter, ein 38-jähriger Dichter, der "1001 Nacht" ins Italienische übersetzt hatte. Er wohnte seit 16 Jahren in einer bescheidenen Wohnung an der Piazza Annibaliano im Norden von Rom und war so chronisch knapp bei Kasse, dass die Post ihm das Telefon abgestellt hatte. Ein Team von 15 Mossad-Agenten hatte den schmalen Schöngeist, der bei der libyschen Botschaft in Rom als Übersetzer arbeitete, zwei Wochen lang beschattet und seine Gewohnheiten ausspioniert. An jenem Abend kehrte er von einem Abendessen mit seiner australischen Freundin Janet zurück. Im Hausflur streckten ihn zwei Agenten mit zwölf Schüssen in Kopf und Brust nieder und flohen unerkannt in einem Fiat 125 zum Flughafen. Zur internationalen "Premiere" der "Caesarea"-Einheit war nicht nur Chef Mike Harari extra aus Tel Aviv angereist, sogar Mossad-General Zwi Zamir schaute aus der Nähe zu.

Der israelische Geheimdienst war überzeugt, dass Zwaiter ein Doppelleben geführt und sich nur zur Tarnung gegen Gewalt ausgesprochen hatte; in Wahrheit sei er der Chef des "Schwarzen September" in Rom gewesen. Die PLO bestritt das immer - wer aber glaubt schon einer Organisation, die grundsätzlich jeden Gewaltakt bestritt? Sie hatte ausnahmsweise Recht, schreibt Klein jetzt in seinem Buch: "Er (Zwaiter, d. Red.) war nicht direkt in das Münchner Massaker involviert. Es scheint auch unwahrscheinlich, dass er indirekt mitmischte... er war höchstens ein kleiner Fisch in einem Teich voller Haie. Zurückblickend war seine Ermordung ein Fehler."

Kleins Urteil über die nun folgenden Aktionen fällt nicht viel gnädiger aus. Der Mossad, schreibt er, gab sich mit dem Töten von Randfiguren zufrieden. Es genügte, jemanden als "höheren Vertreter des 'Schwarzen September' zu bezeichnen, und schon war sein Todesurteil gesprochen. Hinterher hat niemand nachgefragt, denn "wenn jemand tot aufgefunden wurde, musste er auch schuldig sein". Wie der elegante Jurist Basil al-Kubaissi, der gerade das Café de la Paix in Paris verließ, als zwei Killer die Schalldämpfer auf ihre Berettas schraubten und ihn mit neun Schüssen niederstreckten. "Nein, tut das nicht!", schrie Kubaissi noch, dann sank er aufs Trottoir. Er war wohl in viele finstere Geschäfte verwickelt, mit dem "Schwarzen September" oder München aber hatte er nichts zu tun. Die Unfehlbarkeit des Mossad wurde nicht einmal von den Palästinensern selbst bezweifelt. Es musste ja stimmen, wenn der Mossad "sich die Mühe machte", Hunderte von Kilometern zu reisen, um jemanden umzubringen.

Wahrscheinlich war auch der Historiker Mahmoud Hamshari kein großes Licht der PLO. Er lebte, wie es sich für einen anständigen Pariser gehört, mit Frau und Tochter in einem gutbürgerlichen Haus in der Rue d'Alésia. Und wenn die Frau aus dem Haus war, traf er seine Geliebte. Eine Spezialeinheit des Mossad baute ihm eine kleine Bombe ins Telefon, die am 8. Dezember 1972 morgens um viertel vor neun explodierte. Sie war ein wenig zu schwach, denn es dauerte drei Wochen, bis Hamshari in einem Pariser Krankenhaus starb.

Die PLO bekam es mit der Angst zu tun, denn auch in Nikosia auf Zypern und in Athen wurden ihre Leute umgebracht. Der Schrecken steigerte sich zur Panik, als eine 16-köpfige "Caesarea"-Einheit am 9. April 1973 mit Schlauchbooten in Beirut landete, mit bereitgestellten Leihwagen zu den Wohnungen von drei hohen PLO-Männern fuhr und diese kurz nach Mitternacht erschoss. Mit dabei war Ehud Barak, der spätere israelische Ministerpräsident. Er hatte sich als Frau verkleidet, trug eine blonde Perücke und im BH eine Ladung Sprengstoff.

Der Dreifachschlag von Beirut, der den Codenamen "Jugendfrühling" trug und bei dem kein Israeli sein Leben ließ, steigerte den Ruf des Mossad ins Unermessliche. Wenn er so tief ins Feindesland vordringen und seine Gegner in ihren Betten erledigen konnte, war niemand mehr vor ihm sicher.

Terroristische Anschläge gingen in Europa zurück

Die israelische Öffentlichkeit war entzückt: Das war die Rache für München, von der man geträumt hatte; überdies gingen die terroristischen Anschläge der Palästinenser in Europa drastisch zurück. Doch auf den größten Triumph folgte umgehend die schwerste Niederlage: Im norwegischen Lillehammer erwischte der Mossad den Falschen. Der Kellner Ahmed Bouchiki, den der Mossad mit Arafats Kronprinz Ali Hassan Salameh verwechselt hatte, war wirklich unschuldig. Der Marokkaner kam am 21. Juli 1973 abends mit seiner schwangeren norwegischen Frau aus dem Kino, als er mit Schüssen niedergestreckt wurde.

Es war die größte Schlappe für den Mossad: Sechs Agenten wurden verhaftet (Harari entkam) und im Februar 1974 in Oslo zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Schlimmer noch war, dass im Gerichtsverfahren die Mossad-Methoden vor aller Welt bloßgestellt wurden. Trotzdem leugnete Israel 22 Jahre lang jede Verantwortung, erst Ministerpräsident Peres bot der Familie des Opfers 1996 eine Entschädigung von 400.000 Dollar an, so Klein.

Ali Hassan Salameh, eigentliches Ziel der Aktion, hatte nicht nur versucht, Golda Meir zu ermorden, die Israelis glaubten, er sei auch einer der Drahtzieher des Münchner Massakers gewesen. Das stimmt nicht, schreibt nun Klein. Fest steht, dass der "rote Prinz" vier andere Anschläge in Europa und Asien zu verantworten hat, darunter jenen in Köln 1972, bei dem fünf junge Palästinenser ermordet wurden, die angeblich in den Diensten des Mossad gestanden hatten. Der Sohn eines Scheichs war ein charismatischer, gut aussehender Playboy und in zweiter Ehe mit der Miss Universe 1971 verheiratet. Er hatte in Deutschland ein bisschen auf Ingenieur studiert und kannte sich in der europäischen Partyszene besser aus als westlich des Jordans.

Eine Zeit lang wagte Harari nicht so recht, ihn ermorden zu lassen, denn Salameh besaß exzellente Kontakte zur CIA, wo er unter dem Codenamen "MJTRUST/2" geführt wurde und sich mit Topagenten sogar in den USA traf. Erst sechs Jahre später, am 22. Januar 1979, schlug er zu: Als Salameh in seinem Chevrolet zur Geburtstagsfeier seiner Mutter in Beirut fuhr, explodierte neben ihm ein Volkswagen, gefüllt mit elf Kilo Plastiksprengstoff. Die Detonation war so stark, dass mit Salameh auch die umliegenden Häuser in die Luft flogen.

Der Mossad erwischte nicht die Hintermänner

Die beiden Männer aber, die das Münchner Attentat wirklich geplant hatten, starben nicht durch Kugeln oder Bomben eines "hit teams". Der Chef des "Schwarzen September", Abu Ijad, war zu gerissen, denn hinter ihm war nicht nur der Mossad her, auch Jordaniens König Hussein versuchte jahrelang, ihn ermorden zu lassen. Getötet haben ihn schließlich seine eigenen Leibwächter: Weil der ehemalige Extremist im Alter immer friedliebender wurde und 1988 sogar Israel anerkennen wollte, ließ ihn der brutalste aller palästinensischen Killer, Abu Nidal, 1991 in Tunis umlegen.

Der zweite Chef-Planer, Mohammed Oudeh, besser bekannt unter seinem Kriegsnamen Abu Daud, lebt immer noch, derzeit vermutlich in Damaskus. Der 86-Jährige hat gerade einen Antrag bei den Israelis gestellt, er will zum Sterben nach Palästina zurückkehren. Fast wäre es schon 1981 in Warschau so weit gewesen, als er knapp einen Anschlag seines Gegenspielers Abu Nidal überlebte. Bis zum Fall der Mauer lebte Daud unter dem Namen Tariq in der Prenzlauer Allee 178 in Ost-Berlin.

Die Idee für den Anschlag sei ihm bei der Zeitungslektüre gekommen, schrieb er 1999 in seiner Autobiografie. Als er las, dass die palästinensische Delegation nicht in München zugelassen werde, habe er sich gesagt: "Wir werden teilnehmen - auf unsere Weise." Im August 1972 fuhr er nach München - sein abgelaufenes Visum hatte er sich mit Kugelschreiber verlängert - und deponierte die Waffen in einem Schließfach im Münchner Hauptbahnhof.

Es ist ein andauerndes Mysterium, warum die Israelis den wahren Architekten des Massakers nie inhaftierten oder liquidierten, obwohl sie mehrfach Gelegenheit dazu hatten. Sie ließen ihn sogar 1996 einreisen, bis 1999 lebte er unbehelligt in Ramallah im Westjordanland. Im Alter ist der ehemalige Topterrorist mild geworden, in einem "Focus"-Interview warb er 1999 für den Frieden mit Israel: "Wir müssen hart arbeiten, um die Fanatiker auf beiden Seiten zurückzudrängen."

Viel Hoffnung hat man nicht, wenn man die vergangenen fünf Jahre Intifada und die täglichen Horrorszenen aus Gaza sieht. Auch Spielbergs Blick in die Zukunft ist düster. Nach zweieinhalb Stunden Film voller Blutvergießen steht sein Held Avner 1973 zweifelnd in Brooklyn am Ufer und schaut über den East River auf Manhattan. Dort ragen die beiden Türme des World Trade Centers dunkel herauf am Horizont, sie wirken wie ein Mahnmal, das sagt: Ihr habt keine Ahnung, welche Ausmaße der Terror noch annehmen wird.

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