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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Die Leiden des alten Werther - das Phantom, der Opa

Schenken Sie Opa ihre volle Aufmerksamkeit. Sonst gebiert der alte Mann Schlimmes und versaut dem Rest der Gesellschaft lustvoll die Zukunft. So wie Alexander Gauland und Hans-Olaf Henkel.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Micky Beisenherz macht sich Gedanken über alte Männer, die der Gesellschaft die Zukunft verbauen.

DPA

Schon klar. Niemand weiß so gut, worüber man sich nicht freut wie die eigene Familie. Und ja, nur die engsten Verwandten können einem das tiefe Gefühl geben, unzulänglich zu sein.

Wenn Sie so kurz vor dem Fest auf einen weiteren Bahnstreik hoffen oder sich denken, dass man leider (!) keinen besuchen kann, weil man praktisch mit dem Wagen nicht mehr in die Straße fahren darf, wo die wohnen (!!), tun Sie sich und der Welt einen Gefallen: Besuchen Sie Opa. Es kann die Welt zu einem besseren Ort machen. Zumindest nicht zu einem schlechteren. Schenken Sie Opa ihre volle Aufmerksamkeit. Lachen Sie über alle seine Witze.

Die Geschichte, wo er 1959 durch die ausgetrocknete Edertalsperre gefahren ist - tun sie so, als hätten Sie sie noch nie gehört! "Hahaha, Opa, ist DAS WAHR?!" Tun Sie es für den Weltfrieden!

Früher ist der Enkel beim gütigen Großvater auf den klammen Schoß gekrochen und hat sich für eine Handvoll Werthers Echte prostituiert, hat sich den Sermon duldsam angehört, bis er sich endlich die begehrten Bonbons einstecken konnte. Heute kommt kein Enkel mehr - und anstatt wer auf den Schoß gekrochen kommt, kommt Schlimmes aus dem Schoß gekrochen.

Oppa gebiert Schlimmes! Und versaut dem Rest der Gesellschaft lustvoll die Zukunft. Nehmen wir nur Alexander Gauland. Ein Mann, der vor seiner Zweitkarriere als menschliche Dackelkrawatte vierzig Jahre lang treu der CDU in Hessen gedient und bis auf eine für Unionspolitiker handelsübliche Affäre nicht weiter auf sich aufmerksam gemacht hatte. Nicht einmal durch die intellektuelle Flachbrüstigkeit, die man ihm gleichermaßen gerne wie fälschlicherweise unterstellt.

Er hätte dort weitestgehend unbemerkt sein Leben verkaudern können und wäre ein geachteter Parteisoldat mit einem Wirkungsbereich in der Größe von Hessen geblieben. Stattdessen ließ man ihn fallen. Und wenn der alte Mann eines nicht mag, dann Nichtbeachtung oder - schlimmer noch -: das Gefühl, nichts mehr zu gelten.

Bosbach als Karnevals-Buschkowsky

Der Rest ist (deutsche) Geschichte, absurderweise gefördert durch einen, der seinerseits nochmal den Marsch vom Sackbahnhof des Lebens in Richtung Licht antrat: Hans-Olaf Henkel. Wie schlimm muss es für den ehemaligen IBM-Manager und BDI-Präsidenten gewesen sein, plötzlich nicht mehr in Talkshows eingeladen zu werden und stattdessen weitgehend unbeachtet in einem Dutzend Aufsichtsräten zu hocken, während zum Beispiel ein Bosbach als Karnevals-Buschkowsky bei Markus Lanz die kostbaren Polster durchsitzt.

Unverschämtheit! Also setzt man sich mit einem wie Bernd Lucke zusammen und gründet bei Rotwein am Kamin eine Alternative für Deutschland, die schnell ein Eigenleben entwickelt und fortan als Homunkulus durch das Land marodiert. Jetzt könnte man meinen, für so eine kapitale Kacke verantwortlich zu zeichnen, wäre Grund genug, in Sack und Asche und nur noch nachts raus, an der Tanke einkaufen zu gehen, aber weit gefehlt: Am Rande des CDU-Parteitages twittert der unbekümmerte Realitätsverweigerer tatsächlich: "Sollte #Merz morgen verlieren, wird eine neue Partei gegründet!" 

Ich hielt es für Satire. Oder eine geschickte Werbekampagne für "Honig im Kopf II - jetzt wird's schmutzig!" Na, eben! Gründen wir doch mal eine Partei. Lief doch so bombig beim letzten Mal! Jesus. Warum geht da nicht einmal einer mit einer Pulle Chantré zuhause vorbei, klingelt und fragt ihn: "Mensch, Olaf, erzähl doch nochmal, wie das damals war im Star Club oder diese lustige Geschichten, wie ihr 3000 Leute entlassen habt." 

Friedrich Merz, der Arnsberger Batman

Es würde allen so viel erspart bleiben. Wenigstens ein Auftritt bei Plasberg muss doch drin sein. Das Sedativum für Senioren mit Geltungsstau. Alte Männer benötigen unsere volle Aufmerksamkeit - ansonsten könnten sie sich grausam rächen.

Oben genannter Merz, auch so ein Fall. Ebenfalls im besten Verrentungsalter, hätte der sympathische Androide aus dem Sauerland locker seinen Lebensabend zwischen Aufsichtsratssitzungen, BVB-Logen und Flügen übers Sauerland verbringen können. Als Arnsberger Batman könnte er nachts heimlich 3000 Autobiografien an Obdachlose verteilen.

Doch, ach. Da war die tiefe narzisstische Kränkung durch Merkel. Und Ablenkung durch so etwas wie Freunde oder Familie, davon ist natürlich nicht auszugehen. So warf sich Flying Fritz wie Uma Thurman in "Kill Bill" noch einmal ins politische Getümmel, auf dass er im schwarz-gelben Jogger der waidwunden Angie final doch nochmal die Fünf-Punkt-Herzexplosionstechnik verpassen konnte. Aufmerksamkeit ist der schönste Dynamo. Sie lädt ihn auf, den Silver Surfer. Besser als jeder Motorradführerschein. Besser als fliegen sogar!

Der Alte wird nervös

Dummerweise ist es nicht mehr 2002. Jeder Unsinn wird plötzlich in diesem Internet aufgegriffen und durchgenudelt. Der Alte wird nervös. Und stellt sich fatalerweise als Trainingsweltmeister heraus, der im entscheidenden Match, am wichtigsten Tag eine Rede hält, bei der er so häufig aufs Blatt schaut, als wolle er die Delegierten mit einer Schabowski-Parodie erheitern.

Und so scheitert er. Nicht krachend. Aber genug, auf dass es kurz ein wenig schulzt. Vermutlich hätte er sich einfach nicht von Markus Feldenkirchen begleiten lassen dürfen. Was hätte er nicht alles tun können! Er hätte Kanzler werden können. Er hätte Deutschland zu einem kälteren Ort machen können! Mit Autobiografien statt Wärmestuben und Hartz-IV-Beziehern mit Aktien.

Ob er jetzt tatsächlich eine eigene Partei gründet? Eine Alternative zur Alternative für Deutschland? Um die Welt oder zumindest Deutschland zu einem schöneren Ort zu machen, ist es an uns: Kümmert euch um Opa. Hört ihm zu. Suggeriert Interesse. Stopft euch Marzipankartoffeln in den Gehörgang und lasst alle Anekdoten und Weltverbesserungsmonologe über euch ergehen. Korrumpiert sie mit Aufmerksamkeit und Achtung. Auf dass die Welt wieder Werthers Echte werde.

Video: Merz: "Ich hätte gern gewonnen"