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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Schulz und Sühne

Martin Schulz ist der neue Messias der SPD. In Umfragen überholt er die Kanzlerin. Vielleicht ist es einfach wieder Zeit für große Fresse.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Martin Schulz

Martin Schulz ist der Messias der SPD.

" vor Merkel. SPD überholt erstmals seit zehn Jahren die CDU." Wenn das in diesem Tempo weiter geht, dann liegt die SPD im Sommer bereits bei 130 Prozent Zustimmung. Ist es tatsächlich möglich, lediglich einen Kopf auszutauschen, und die Stimmung in der Bevölkerung kippt dramatisch?

Es ist wohl so. Ein Sozialdemokrat als Bundeskanzler? Das schien zu Jahresbeginn noch so wahrscheinlich wie ein ehrlicher Satz von Donald Trump. Dass jemand wie wie ein gewaltiger Bremsklotz wirken kann, erschließt sich einem nicht nur physikalisch sehr schnell, aber so heftig?

Plötzlich ist eine unglaubliche Bewegung drin, was man vor allem daran merkt, dass die Union so langsam nervös wird. Auch wenn man nach außen hin versucht, den rheinischen Rocky Balboa als Heiland auf Zeit abzukanzeln, der überdies keine Ahnung vom Regieren hat. Selbst wenn das wahr wäre - so etwas hat schon in den USA kaum jemanden vom Wählen abgehalten.

Martin Schulz bringt Merkel und Seehofer wieder zusammen

Merkelmüdigkeit wird in Schulz gemessen. Die Madonna von Würselen hat es ja sogar fertig gebracht, Seehofer und Merkel wieder zu paaren, die jetzt öffentlich auftreten wie Mutti und Vati, die nur wegen der zusammen geblieben sind.

Erfreulich ist erst einmal, dass die plötzlich auch wieder zur Protestpartei taugt und der AfD kontinuierlich Prozente abjagt. Also, genau diejenigen, die sich trotz und nicht wegen Höcke auf die Marktplätze bewegt haben, weil sie das Gefühl hatten, im Regime der Betonkanzlerin keinen Gehör mehr zu finden - und plötzlich entsendet das Raumschiff Brüssel einen nahbaren Kandidaten. Schulz - die Alternative für die Alternative für Deutschland.

Das plötzliche Auftauchen der gut gelaunten Egobombe muss auch die FDP wurmen. Ist die ehemalige Apothekerpamper- und Steuersenkungspartei doch in finsteren Petry-Zeiten vom politischen Treppenwitz wieder zu einer wählbaren Option geworden.

Gerade erst hat es Christian Lindner geschafft, mit seiner frischen Verwegenheitspolitur sich und seine Liberalen ein wenig vom windigen Versicherungsmaklercharme zu befreien, da ist plötzlich die Würselener Bibliothekarstonsur der Look der Stunde

Irgendwie war es mit Sigmar Gabriel doch schon so schön geordnet. Alles schien klar: Merkel bleibt Kanzlerin. Die AfD holt 17 Prozent, Sigmar Gabriel kommt auf desaströse 19, und damit war es das dann auch endgültig mit der großen, alten Volkspartei. Und jetzt?

Schmidt.

Schröder.

Schulz.

Fast eine logische Konsequenz, dass der kommende Kanzler mit dem großen kleinen Nachnamen aus den Reihen der Sozialdemokraten kommen muss. Aber was hat er eigentlich anzubieten? Soziale Gerechtigkeit, okay. Die einzufordern ist der SPD-Markenkern.

dbate-Interview mit SPD-Kanzlerkandidaten: Martin Schulz: "Ich kenne das Leben auch von unten"

Schulz - die Alternative zur Alternative

Wenn man das macht wie Schulz, der mitunter dazu neigt, ein Bild vom Gerechtigkeitsstandort Deutschland zu zeichnen, das man der AfD um die Ohren gehauen hätte, ist das aber alleine schon deshalb schwierig, weil er damit eine Protestpartei anführt, die schon seit Längerem in der Regierung sitzt.

Schulz hat das große Glück, gerade so lange "in Europa" gewesen zu sein, dass ihm nicht der Muff der derzeitigen Bundesregierung anhaftet. Da kann man dann schon mal den rheinischen Jimmy Hoffa geben.

Begleiterscheinungen wie Alkoholismus und mangelndes Abitur sind überdies verkaufsfördernde Maßnahmen für glaubwürdige Sozialdemokratie. Wie könnte man sich besser von den Eliten absetzen, denn als verkrachte Bildungsexistenz mit Betrinkungshintergrund.

Dennoch war ich etwas überrascht, dass die Leute nicht gleich schreiend weggerannt sind: "Europa" ist in der Regel beim Wähler so sexy wie ein Candle Light Dinner mit Beatrix von Storch. Europa - das war doch immer der Dachboden, auf dem wir unsere überflüssigen, nicht mehr zu gebrauchenden Funktionäre geschafft haben. (Nicht, dass die CDU am Ende noch auf den Gedanken kommt, 2021 Günther Oettinger zu reanimieren!)

Die Beliebtheit ist, Stand jetzt, dermaßen hoch, dass es schon erste Stimmen gibt, die empfehlen, den Rheinländer sofort in einem Salzstock einzulagern und erst kurz vor der Wahl wieder rauszuholen, bevor allzu viel Realität uns das schöne Bild kaputt macht.

Ein Schwimmbad verhindert die Seligsprechung

Die Frage ist, wann der gottgleiche Superschulz - dessen Seligsprechung allerdings weder in Würselen (Stichwort: "Aquana") noch in Brüssel demnächst zu erwarten ist - inhaltlich in die Pflicht genommen wird: Wie soll diese soziale Gerechtigkeit denn hergestellt werden? Wie ist das mit rot-rot-grün? Was für eine Mannschaft schwebt ihm vor?

Schulz ist natürlich schlau genug, noch kein Schattenkabinett zu präsentieren. Das wäre dann doch ein heftiger Downer in all dieser erotisch aufgeladenen Grundstimmung. Ein bisschen so, als müsse man direkt über Sterilisation sprechen, obwohl der Mambo gerade erst angefangen hat. Wer möchte schon an Schäfer-Gümbel denken, wenn er sich gerade so schön warm geschulzt hat.

Und wie will man sich eigentlich einerseits gegen die Kanzlerin positionieren - und andererseits im zentralen Punkt, der Richtigkeit der Grenzöffnung für Flüchtlinge, einig sein? Damit fing die große Stimmenerosion der ehemals Alternativlosen schließlich an.

Hatte Angie 2013 noch ein vertrauensstiftendes "Sie kennen mich" als zentrale Botschaft gereicht, ist die Antwort Vieler aus der Stammwählerschaft jetzt "na, offenbar nicht! Wo ist meine Kanzlerin hin?!"

Dass ausgerechnet der führende Kopf eben der Partei, die verlässlich für soziale Kälte stand steht, plötzlich zur Speerspitze einer Art Amok-Humanismus geworden ist, scheint bei den Christsozialen kaum zu ertragen zu sein.

Für mich ist die Frau, die kurz vorm historischen "Wir schaffen das" noch wie ein Androide einem Flüchtlingsmädchen über den Kopf gestrichen hat, tatsächlich dadurch erst wählbar geworden, und ich tue mich schwer damit, ihr ausgerechnet in der Phase der Menschwerdung die Unterstützung zu versagen.

Zumal sie bei der weltpolitischen Entwicklung ja nun wirklich dasteht wie die letzte Bastion der Vernunft. (Jaja, jetzt kommt mal wieder runter von Eurem Trudeau-Trip, ihr Teenies.) Blöderweise ist da aber auch noch der Blinddarm aus Bayern. Wäre die CDU ein Mercedes und man selbst kaufinteressiert, wäre die CSU die Leiche im Kofferraum, die man gratis dazu nehmen müsste.

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Schulz kommt gerade erst an

Und Schulz? Zu dem fällt mir eigentlich nicht viel ein. Wie auch. Er kommt ja gerade erst an. Irgendwie mag ich den, und da in diesem Wahlkampf mehr gefühlt werden wird, als in jedem durchschnittlichen Pilcher Film, passe ich da gut in den Zeitgeist.

Dieses jovial hemdsärmelige, mitunter schnoddrige, diese fast schon autosuggestive Überzeugtheit von sich selbst, gepaart mit der Bereitschaft, bei politischen Gegnern vom Kaliber eines Berlusconi den Bizeps anzuspannen- vielleicht schwingt da ja auch die leise Hoffnung mit, dass es den Erdogans und Trumps dieser Welt bald ganz ähnlich ergehen könne.

Als Merkel 2005 Kanzlerin wurde, hatten die Leute genug vom polternden, ascheplatzhaften Auftreten eines Gerhard Schröder und wandten sich dem leisen, taktierenden, ja, immer auch zögerlichen Habitus der ostdeutschen Gegnerin zu.

Möglicherweise ist dieser Zyklus an seinem natürlichen Ende angelangt und ein anderer Ton en vogue. Vielleicht ist es einfach wieder Zeit für große Fresse. Basta.