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TV-Kritik

"Anne Will" zum Fall Maaßen: Bei der ganz entscheidenden Frage kneift Martin Schulz

Wollen die Sozialdemokraten allen Ernstes die Regierungskoalition platzen lassen, wenn Merkel am Verfassungsschutzchef Maaßen festhält? Anne Will konnte dem Ex-SPD-Kanzlerkandidaten dazu keine klare Ansage entlocken.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Martin Schulz bei Anne Will

Martin Schulz ätzte zwar gegen Merkel und Seehofer, doch klare Kante wollte er im Fall Maaßen nicht zeigen

Die Zuschauer sollen bitte nicht, wie Anne Will salopp einwirft, auf einen "falschen Trip" kommen. Man habe schließlich alles getan, habe also unter anderem bei Horst Seehofer angefragt, bei Alexander Dobrint und natürlich auch bei Hans-Georg Maaßen, alle aber hätten abgesagt.

Warum wohl, wäre freilich interessant, bleibt aber unausgesprochen. Nun sitzt, quasi stellvertretend, CDU-Mitglied Paul Ziemiak im Studio und wenigstens er soll für seine Partei sprechen und was sagen über den nun nicht anwesenden Maaßen, und er sagt: "Es gibt keinen Grund, dass Hans-Georg Maaßen sein Amt räumen muss."

Das Interview mit der "Bild"-Zeitung sei zwar, so Ziemiak weiter, falsch gewesen, hätte zu Missverständnissen geführt und die Stimmung aufgeheizt, mehr aber auch nicht. Ja, richtig, Herr Maaßen ist Thema des späten Abends. Kann man machen. Obwohl Linken-Politikerin Petra Pau und Robert Habeck von den Grünen sich einig darüber sind: angesichts der Probleme in unserem Land sei bereits zu viel Zeit für die Diskussion über dieses Thema verschwendet worden. Gut also, dass die Moderatorin noch einen Joker in der Hand hat. Sie nimmt nicht nur den obersten Verfassungsschützer unter die Lupe, sondern will dabei auch den Zustand der Demokratie in unserem Lande prüfen.

Lässt es die SPD hart auf hart kommen?

Ob Maaßen im Amt bleiben soll oder nicht, wäre dann wohl doch Sache eines Untersuchungsausschusses. Und bald, am morgigen Dienstag, steht ein Treffen der Koalitionsspitzen an, das ebenfalls einer weiteren Klärung dienen soll. Aber da es sich bei Anne Will längst eingebürgert hat, zu orakeln, muss man eben durch die Phase der Mutmaßungen. Die sich in diesem Fall darum drehen, wie sich Angela Merkel wohl entscheiden wird.

 Die SPD fordert, wie man weiß, die Absetzung von Maaßen. Dessen Genosse Martin Schulz redet mal wieder mit und empört sich über "diesen Zirkus" von Merkel und Seehofer, und das seit Monaten, und sagt voraus, dass die Regierungschefin den Verfassungsschützer wohl kaum im Amt werde halten können.

 Wenn aber doch, was dann? Zur Erinnerung: wird Maaßen nicht abgesetzt, hat die SPD die Auflösung der großen Koalition angedroht. Dazu aber will Schulz sich nicht weiter äußern. Woraufhin Will die Partei einen "zahnlosen Tiger" nennt, "der sofort als Bettvorleger endet".

Angeblich sprechen 101 Gründe gegen Maaßen

Völlig im Nebel dann die "Diskussion" über V-Männer. Herausgekramt mal schnell, was man so alles zu wissen glaubt. Ungereimtheiten aus dem NSU-Prozess werden genannt, dann der angeblich verheimlichte V-Mann im Umfeld von Anis Amri – auch wenn keiner der Anwesenden beim Verfassungsschutz arbeitet, man weiß Bescheid. Pau kennt sogar "100 Gründe", warum Maaßen schon längst hätte gehen müssen.

Der mindestens 101. Grund kommt denn auch bei Anne Will zur Sprache: die mutmaßliche Kumpanei des Verfassungsschutzes mit der AfD. Dabei sollen Teile der AfD, woran Talkgast Georg Mascolo erinnert, vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Der Verdacht: die AfD möchte die demokratische Grundordnung ganz oder in Teilen einschränken beziehungsweise abschaffen. "Eine radikale Minderheit, die immer frecher wird", sagt Schulz dazu.

Am Ende bleibt nur ein seichter Appell

Stichwort Demokratie. Habeck spricht von dem notwendigen Vertrauen, das die Bürger in den Staat haben müssten. Und Mascolo von den dafür erforderlichen "Ämtern in den höchsten Kräften". Stattdessen scheint es wohl eher so zu sein, dass die Ämter einiges verschlafen haben – laut Schulz seien sie verspätet dran, obwohl sich längst Antisemitismus ausgebreitet habe, was sich Deutschland aber nicht leisten könne.

Dann bitte endlich her mit den Plänen zur Bekämpfung von Antisemitismus. Hallo an die Runde, hat irgendwer was ausgearbeitet? Will will es wissen. Schulz aber kommt nicht etwa mit politischen Strategien, sondern verweist darauf, dass jeder in diesem Land in dieser Angelegenheit energischer auftreten müsse, ob im Bundestag, am Arbeitsplatz, im Bus. Sich also sichtbar zu machen im Kampf gegen Antisemitismus. Alles richtig, aber da kommt man auch ohne Martin Schulz drauf. So endet die Sendung ohne dass ein einziger neuer Gedanke eingebracht wurde. Und es bleibt ungelöst: wie vorgehen gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus in unserem Land?