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TV-Kritik "Eine mörderische Entscheidung": Überforderter Bürokrat im Tarnfleck

Vor vier Jahren befahl Oberst Georg Klein, zwei Tanklaster in Kundus zu bombardieren. Wieviel Schuld er trägt, will auch das packende ARD-Dokudrama "Eine mörderische Entscheidung" nicht beantworten.

Von Niels Kruse

Dass Leid zum Krieg gehört, ist einer dieser Binsenweisheiten, aus denen der Großteil aller besseren Kriegsfilme besteht. In Deutschland ist dieses Filmgenre ziemlich aus der Mode gekommen, und falls doch irgendwo einmal Menschen in Uniform und Gebömsel auf den Schultern zu sehen sind, kann man sicher sein, dass es sich dabei ausdrücklich um einen Antikriegsfilm handelt. Da macht auch die Verfilmung des verhängnisvollen Angriffs auf zwei Tanklaster in Kundus keine Ausnahme. Das Dokudrama "Eine mörderische Entscheidung" beginnt mit der Originalaufnahme eines furchtbar verbrannten Kindes in einem Krankenhaus in Afghanistan. Nach diesem Anfang bleiben beim Zuschauer keine zwei Meinungen übrig, sondern nur noch eine Frage: Wie konnte es zu diesem unermesslichen Leid kommen?

Die Antwort auf diese Frage will und kann der Film nicht liefern, sondern nur mögliche Antworten. Darauf legen die Macher Wert. Der Spielfilmchef von Co-Produzent Arte, Andreas Schreitmüller, sagt zum Beispiel: "Das moralische Dilemma ist nicht auflösbar." Oder sein NDR-Kollege Christian Granderath: "Wie wollen dem Zuschauer die Antwort auf die Frage überlassen, wie er an Stelle von Oberst Kleins Stelle entschieden hätte." Böse gesagt: Regisseur Raymond Ley (der mit seiner Frau Hannah auch das Drehbuch geschrieben hat) hat keine Meinung zu den Vorkommnissen vom 4. September 2009 und lässt das Publikum allein. Positiv betrachtet zeichnet er vor allem das Wesen des Krieges am Hindukusch nach, das vor allem eines ist: verdammt kompliziert.

Klein darf keinen Krieg führen

Das Dokudrama beginnt Monate vor dem Bombardement. Georg Klein (gespielt von Matthias Brandt), ein Offizier mit bis dahin makellos weißer Weste, wird als Kommandeur nach Afghanistan geschickt. Innerhalb weniger Wochen fallen einige seiner Leute Attentaten zum Opfer. Der Film nimmt sich viel Zeit für diese Vorgeschichte, ohne die Oberst Kleins fatale Entscheidung vielleicht anders ausgefallen wäre. Denn der Befehlshaber, gekommen als Bürokrat in Tarnfleck, lernt in dieser Zeit, dass er sich zwar im Krieg befindet, aber eigentlich keinen Krieg führen darf. Oder sollte. Oder kann. So zumindest sieht es die Politik in Berlin und die deutsche Öffentlichkeit. Doch die Realität vor Ort ist eine andere.

Raymond Ley inszeniert Klein als seltsam unempathischen, zweifelnden aber dennoch ehrgeizigen Top-Offizier, dem der ohnehin undankbare Job von BND-Mann Henry Diepholz (schön zwielichtig gespielt von "Tatort"-Kommissar Axel Milberg) noch schwerer gemacht wird. Welche Ziele der Geheimdienstmann an seiner Seite verfolgt, bleibt lange im Unklaren. Die Figur des Agenten ist zwar fiktiv, aber dass Auslandsspione auch in der Nacht, als Klein den Abwurf der Bomben befahl, vor Ort waren, ist kein großes Geheimnis. "Eine mörderische Entscheidung" ist kein reines Porträt über den Oberst, der mittlerweile zum Brigadegeneral befördert wurde, fokussiert sich aber naheliegenderweise auf ihn. Mit dem Hauptdarsteller haben sich die Autoren auch die meiste Mühe gegeben. Im Gegensatz zu den niederen Rängen, deren Dialoge so hölzern sind, dass sie selbst für nicht Bundeswehr-erfahrende Ohren unglaubwürdig klingen.

Etwas sehr viele Kronzeugen für das Leid

Um dem Film mehr Wucht und Authenzität zu verleihen (und natürlich, weil es ein Dokudrama ist), haben die Macher eine schier unüberschaubare Masse an Zeugen aufgetrieben, die meist leidvoll in die Kamera blicken und von ihren getöteten Verwandten berichten. Da sind zum Beispiel die Eltern des Soldaten Sergej Motz, der bei einer Patrouillenfahrt ums Leben gekommen ist. Oder die Afghanin Djanat Gul, deren Bruder eines von mehr als 100 Opfern des Bombenangriffs war. Daneben tauchen auch immer wieder Vertreter aus Politik und Militär auf, wie etwa der damalige Generalinspekteur der Bundeswehr und damit ranghöchster, deutscher Soldat, Wolfgang Schneiderhahn.

So interessant die Äußerungen vor allem in der Nachschau sind, etwas weniger und längere O-Töne wären mehr gewesen. Das ist bei dem gut gemachten und sehr bewegenden Kriegsfilm der einzige Makel: Je mehr sich Regie und Drehbuch darum bemühen, das Verhalten von Oberst Klein nicht zu werten, desto mehr reiben sie mit jeder Einstellung ihre eigentliche, wenig überraschende Botschaft dem Zuschauer unter die Nase: Krieg ist böse. Krieg verursacht Leid. Krieg kennt nur Opfer. Im Gegensatz zu den Produzenten hat Hauptdarsteller Matthias Brandt eine ziemlich klare Vorstellung davon, wieviel Schuld Georg Klein trägt. In einigen Interview sagte er: "Ja, es sind Fehler passiert. Und die Beteiligten haben Schuld auf sich geladen. Auch Oberst Klein, der das allem Anschein nach anders sieht."