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"Germany's Next Topmodel": Der Laufsteg ins Ungewisse

Wenige geben es zu, aber vier Millionen Zuschauer fiebern mit Germany's Next Topmodel. Doch die Castingshow mit Heidi Klum handelt mit einem hohlen Traum, der mit dem wahren Modelleben nicht viel zu tun hat. Amüsiert haben sich bisher nur die Zuschauer.

Von Jochen Siemens

Guckt ja eigentlich keiner. Also keiner, den man kennt jedenfalls. Ja, so ein paar Teenies vielleicht, und man selbst war neulich nur zufällig beim Zappen mal kurz hängen geblieben. Wirklich nur kurz. Diese Christina hat schon dolle Augen, und wenn die auf dem Laufsteg geht, ist sie fast so gut wie Jennifer mit den kurzen Haaren, die ist erst 17, aber diese Beine, sagenhaft. Und Gina- Lisa, ja, die mit der Oberweite und den blonden Haaren, das war schon echt eine Type, oder? Aber die musste ausscheiden, es geht doch um Topmodels und nicht um Autoausrüster. Ganz am Anfang war da auch noch diese…wie hieß sie noch? …na, jedenfalls war die so hübsch, als sie in New York diese Treppen hochlaufen und im 15. Stock ganz cool posieren musste, das war eine super Folge. Und, sowieso klar, der Favorit ist doch Christina, oder? Nee, sagen die anderen, die auch "nur mal so" geguckt haben, Janina, Carolin, Jennifer, Wanda sind besser.

So gehen sie zurzeit, die TV-Gespräche in Deutschlands Wohnküchen, Fitnessstudios, Schulhöfen und Latte-macchiato- Runden. Doch die seltsame Magie von Castingshows, in die jeder mal zufällig hineinzappt, und die unter Kennern nur noch als Abkürzungen wie BB oder DSDS gehandelt werden, hat bei GNTM, ausgeschrieben "Germany's Next Topmodel", die übliche Zielgruppe bildungsentfernterer Zuschauer längst verlassen. Die Modelparade schauen sich auch Lehrer, Rechtsanwälte und selbst eingeschworene Arte-Gucker an. Denn anders als der tiefer gelegte Witzbolide Bohlen bei "Deutschland sucht den Superstar" dirigiert mit Heidi Klum ein Weltmodel rheinischer Herkunft ihre Castingshow gekonnt mit vorgeblicher Klasse. In den vergangenen drei Monaten wurden zehn Mädchen einmal um die Welt geflogen - Köln, New York, Sydney, Los Angeles -, mussten mal angezogen, mal weniger angezogen auf Laufstegen balancieren, an Häuserwänden aufrecht gehen und Wörter wie "Shooting", "Fashion", "Performance" oder "Challenge" aufsaugen. Das hatte was, da konnte man selbst in einem Wohnzimmer in Neckarsulm ein wenig Karl Lagerfeld in sich spüren. "Während ich GNTM sehe, stelle ich mir immer vor, wie es wäre, bei denen dabei zu sein", sagte eine 14-jährige Anna der "Süddeutschen Zeitung". "Da kann ich sehen, wie es im Modelalltag zugeht, und was die Mädchen alles machen müssen."

"Next Topmodel" läuft in 33 Ländern

So, wie man sich früher den "Playboy" nur wegen der Artikel anschaute, gucken und zappen die Klum-Show viele natürlich nur wegen ihrer Kinder, ihrer Freundin, der Mode oder was es sonst noch für Ausreden gibt. Es ist Zoo-TV erster Klasse oder Lagerfeuer-Fernsehen wie früher. Mädchencliquen lachen über die Peinlichkeiten anderer Mädchen. Dorfschönheiten gucken sich deren Bewegungen und Mimik ab, hässliche Entlein wähnen sich träumend künftige Schwäne, Mütter denken leise, ob ihre Tochter da wohl mithalten könnte. Und Männer halten wie im Fußball zu ihrem Verein, der diesmal lange Beine hat. Eigentlich geht es nicht mal um Topmodels, aber jeder hat was zu gucken. Vier Millionen Zuschauer verzeichnet der Sender Pro Sieben mittlerweile verlässlich am Donnerstagabend, 27 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. Das heißt, dass mehr als ein Viertel aller Zuschauer zwischen 14 und 49 sich ansieht, wer von den 19 Kandidatinnen am Ende jeder Folge mit Heidi Klums schafottigem Satz "ich habe heute kein Foto für dich" aussortiert wird, und aus Mädchenaugen mal mehr, mal weniger Tränen fluten. Wenn in der kommenden Woche dieser Satz zum letzten Mal fällt, hat GNTM zum dritten Mal eine Siegerin, die dann mit dem Titel "Topmodel" für die nächsten zwei Jahre leben darf. Oder muss, je nachdem. Denn so lange besteht der Hauptgewinn, ein Vertrag mit der Agentur IMG, europäischer Geschäftssitz Paris und ursprünglich eine Sportmarketing-Agentur. Aber dazu später.

Dass GNTM genauso viele erwachsene Fans wie bekennende Gucker aus der "Bravo"- Liga hat, wird beim Sender Pro Sieben ebenso als Überraschung gesehen wie die mediale Wiederbelebung eines eigentlichen abgelegten Themas: Models. Denn nach dem Ende des Supermodelkults der 90er Jahre, bei dem jeder die Namen Claudia, Cindy oder Naomi aufsagen konnte, wurde das Fashionpersonal auf den Laufstegen namenlos und dürr. Im Saisontakt wurden in Mailand und Paris die Mädchen ausgetauscht, die Wiedererkennbarkeit ging in der Flut osteuropäischer Models unter, die meistens Olga Irgendwaspowa hießen. Lediglich zwei Namen machten noch Schlagzeilen: Gisele Bündchen, weil sie teuer war, und Kate Moss, weil sie beim Einsaugen eines weißen Pulvers und beim Küssen eines delirierenden Skandalrockers gefilmt wurde. Der Begriff Model wurde gleichbedeutend mit einer Welt aus Magersüchtigen, die Drogen nahmen und nur mit Mühe drei zusammenhängende Sätze sagen konnten. Keine gute Kulisse für eine TV-Show, eher Dramastoff wie zurzeit in der Endlosserie "Gute Zeiten schlechte Zeiten", wo die Figur Emily als Model dem Koks verfällt. "Alle Versuche, das Thema Model im deutschen Fernsehen in einer Show zu etablieren, sind vor ,Germany's Next Topmodel‘ gescheitert", sagt Pro-Sieben- Sprecher Christoph Körfer. Sat 1 versuchte es einmal mit "Starsearch", und kaum jemand schaute zu.

Erst ein Blick in die USA machte 2005 Hoffnung. Dort hatte das ehemalige Supermodel Tyra Banks mit "America's Next Top Model" große Erfolge und wurde zum medialen Exportschlager. Mittlerweile läuft die "Next Topmodel"-Serie in 33 Ländern, selbst in Afghanistan, und seit 2006 nun auch in Deutschland. Das Rezept war simpel und würde auch bei Köchen oder Turmspringern funktionieren - lass alle zuschauen, wenn zehn Leute darum kämpfen, der Beste zu sein, und schmeiß jede Woche einen raus. Und: Lass die Modelwelt sauber, streng und drogenfrei, also unwirklich erscheinen. Lass also den Kandidatinnen - und den Zuschauern - ein wenig von ihrer Illusion einer künftigen Glitzerwelt für die Siegerin - samt Dauerlächeln und ewiger Schönheit in Prada und Versace.

Doch bei Pro Sieben war damals auch klar, dass das beste Format nichts nützt, wenn das Gesicht obendrauf nicht punktet. Christoph Körfer sagt: "Es war klar, dass Pro Sieben ein solches Format nur mit Heidi Klum realisieren wollte." Denn zum Geschäftsgeheimnis der Sendung gehört auch, dass da nicht ein vielleicht wortkarges Topmodel wie Claudia Schiffer oder eine überschaubare Eva Padberg den Vorsitz hat, sondern die bunteste Betriebsnudel der Fashionwelt die Peitsche schwingt.

Nur die bekanntermaßen jodelfeste Bergisch-Gladbacherin, dreifache Mutter und Seal-Gattin mit Wohnsitz Beverly Hills, hatte die Selbstdarstellungskraft, den Zirkus in einer strammen Mischung aus Domina, Mutter und strenger Fachfrau zu moderieren. Da ist der kleine Etikettenschwindel Topmodel Heidi Klum völlig unerheblich, solange die Nation Top und Model sowieso nicht unterscheiden kann und alle glauben, was die Klum da mit ihren Mädchen veranstaltet, habe etwas mit der realen Welt von Models zu tun.

"Topmodels wie Julia Stegner oder Claudia Schiffer haben eine ganz andere Klasse"

Dabei ist GNTM vor allem eine Show, die den in Wahrheit öden Alltag von Models mit allerlei Herausforderungen, "Challenges", wie etwa Fotos mit einer lebenden Schlange um den Hals, im Knatterwind eines Hubschraubers ein schönes Gesicht machen oder albernes Ninja-Gehampel für einen Werbespot, zu einem prallbunten Schicksalsjahrmarkt hochjazzt. Dazu wurde mit einer luxuriösen Lagerhaltung der letzten neun Kandidatinnen unter Kamerabeobachtung auch noch ein telegener Zicken- und Psychozirkus geliefert. Am Ende hatte es wenig mit Models und viel mit Encounter zu tun, wenn die fünf letzten Kandidatinnen selbst sagen sollten, wer ihrer Meinung nach nicht mehr in die "Gruppe" passt. Was von Heidi Klum fröhlich mit "na, sehen wir mal, wer hier jetzt die Krallen ausfährt" kommentiert wurde. Da war dann Schluss mit lustig.

Ganz im Gegensatz zu manchen Momenten der ersten beiden Staffeln, als der Coach Bruce Darnell durch die Manege tänzelte, Handtaschen zu Lebewesen erklärte und beim Ausscheiden von Kandidatinnen so hingebungsvoll weinen konnte, als wäre er es, der den Laden verlassen muss. Was Darnell für die Staffel 2008 auch tat, offiziell hieß es, man habe sich vertraglich nicht einigen können. Viele unkten, ohne Bruce sei die Heidi nur halb so gut. Doch die Quoten stiegen weiter.

Fragt man in der realen Modelwelt nach, wird GNTM dort mit verhaltener Skepsis gesehen. "Das ist schon fragwürdig, wie in der Sendung die Mädchen behandelt werden und was sie aushalten müssen. Bei uns ist das nicht so. Wenn ein Model uns sagt, sie mag nicht mit Tieren fotografiert werden, dann akzeptieren wir das. Bei uns haben die Models Rechte", sagt Ted Linow, Inhaber der Agentur Mega Models. Auch Louisa von Minckwitz, Chefin der Agentur Louisa Models, spricht von einem Zerrbild: "Ein Topmodel ist etwas ganz anderes als das, was bei dieser Show gesucht wird. Topmodels wie Julia Stegner oder Claudia Schiffer haben eine ganz andere Klasse, sie arbeiten in Paris, Mailand oder New York mit großen Designern. Aber bei allem Respekt vor Heidi Klums Karriere, ein Topmodel war sie auch nie."

Deutschland ist international gut vertreten

Kommt darauf an, wie man das sieht. Da die Arbeit als Model kein wirklich geschützter Beruf mit einer Ausbildung ist, kann sich in Deutschland jeder Model nennen, der mal fotografiert wurde und dafür zehn Euro bekommen hat. Dem Beruf näher kommen diejenigen, die bei Agenturen unter Vertrag stehen und ihren Lebensunterhalt mit Gesicht- oder Körperherzeigen verdienen. Die großen Agenturen und Designer pflegen für sich eine etwas aristokratischere Klasse ihrer Models, bei denen das "Top" um so näher rückt, je mehr Titelbilder sie auf der "Vogue", der "Elle" oder "Harper's Bazaar" stellen und je öfter sie von First-Class-Designern wie Chanel, Versace oder Dolce & Gabbana für deren Laufstege gebucht werden.

Deutschland ist da international mit Models wie Julia Stegner, Charlotte Cordes oder Franziska Frank gut vertreten. Um den Wert in solchen Eliteklassen zu halten, achten Agenturen bei ihren Mädchen auf strengste Verknappung ihrer Prominenz - selten Interviews, kaum rote Teppiche und nur nötigste Daten aus dem Privatleben. Die Exklusivität der Ware zahlt sich aus, unter 15.000 bis 20.000 Euro am Tag sind sie kaum zu bekommen. Heidi Klum kassiert zwar viel mehr, doch in die Adelsklasse Topmodel wurde sie nicht vorgelassen.

Dazu fehlte der rheinischen Entertainerin das, mit Verlaub, aristokratische Format der Zurückhaltung. Und ein bisschen auch das körperliche Format der schmalen, hochgewachsenen Frau. Die Laufstege von Paris und Mailand hat sie nie in Couture- Garderobe betreten, nach ihrer Entdeckung in der Gottschalk-Show "Model 92" ging ihr Weg nach New York. Mit eisernem Willen setzte sie dort ihre Karrierepläne durch und wurde sehr schnell auf dem Cover der Bikini-Bibel "Sports Illustrated" und als Galionsfigur für den Dessous-Giganten "Victoria's Secret" beim Volke berühmt. Dass Klum dann auch beim amerikanischen Talk-Großmeister David Letterman jodelte und von Sauerkrautsuppe schwärmte, machte sie endgültig zur erfolgreichsten Modelentertainerin, oder, anders gesagt, zum erfolgreichsten Volksmodel überhaupt. Dass sich das vornehme Design mit Grausen von einem Mädchen abwandte, das seltener in der "Vogue", dafür millionenfach in Spinden und Jungszimmern als Pin-up zu sehen war, konnte sie verkraften. "Das Spiel mitspielen und die Mitspieler übertreffen" nennt sie eine ihrer Lebensweisheiten in ihrem Buch "Natürlich erfolgreich".

Die "Klum-Maschine"

Spiel ist gut, mittlerweile muss man von der Klum-Maschine sprechen, denn geschäftlich betrachtet, sind Heidi Klum und die "Heidi Klum GmbH" ihres Vaters Günther Klum die Firmenzentrale eines, ja was, Selbstdarstellungskonzerns. Schaut man genauer hinter die Kulissen von GNTM, wird schnell klar, dass es drei Monate lang nicht um die Findung eines Topmodels ging, sondern um die mediale Rekrutierung von Personal, das fortan von einem Agenturknäuel aus IMG, Heidi Klum GmbH und der Pro-Sieben-Firma Face your brand in einem Vertragskäfig gehalten wird. Der verspricht zwar viele kleine Jobs wie Katalogfotos, Rote-Teppich-Auftritte oder, wie bei der Siegerin 2007 Barbara Meier, einen Werbespot für Haarshampoo, aber keine große Karriere.

Peyman Amin, IMG-Booker und Mitglied der GNTM-Jury, versichert, dass man so ein Topmodel von Paris aus genauso führen könnte wie von München oder Hamburg, und sagt dazu, "die Siegerin ist ja nicht automatisch ein Topmodel, sondern eine, in der wir das Potenzial zu einem Topmodel sehen". Louisa von Minckwitz, die ein paar ehemalige GNTM-Mädchen in ihrer Agentur erfolgreich managt, hält dagegen: "Da sind und da waren ein paar gute Mädchen dabei, und eine gute Agentur in Deutschland hätte die Karrieren auch aufbauen können. Aber was soll eine Agentur, die noch nicht einmal ein Büro in Deutschland hat?"

Hat sie schon, aber eben nicht IMG, sondern die Heidi Klum GmbH in Bergisch- Gladbach. Von hier aus dirigiert und kontrolliert der Ex-4711-Produktionsleiter Günther Klum seinen ganz eigenen Mädchenhandel. Denn wer bei GNTM unter die letzten 19 kam, ist vertraglich an Klum gebunden, der, sagen wir mal so, ein Neueinsteiger im Agenturgeschäft ist. Die HK GmbH und Pro Sieben teilen sich alle Aktivitäten der Models, wenn sie an Kunden wie C & A, McDonalds oder den Hauptsponsor von GNTM - an VW - vermittelt werden. An das Netzwerk also, das Papa Klum mit seiner Tochter sowieso schon gesponnen hat und das von dem Prädikat "Topmodel" laufstegweit entfernt ist.

Auch Vater Klum profitiert von den Superverträgen

Dass Günther Klum dafür mit Knebelverträgen auch noch 40 Prozent Provision kassiert, verneinen er und auch Pro Sieben entschieden. Klum: "Es ist weniger. Und jedes Model zahlt Agenturprovisionen, das ist ganz normal." Normal sind in Deutschland 15 bis 20 Prozent, aber dazu will Papa Klum doch anmerken: "Ohne Heidis Show wären die Mädels nichts, das muss man mal klar sagen. Die verdienen dadurch eine Menge Geld. Barbara Meier hat heute drei Superverträge: C & A, Haare, Schokolade - als ehemalige Studentin aus Amberg. Also, von denen kann sich keine beklagen."

Von den Superverträgen profitiert natürlich Günther Klum, der ehemalige Kölnisch- Wasser-Produktionsleiter aus Bergisch- Gladbach sollte sich also auch nicht beklagen. Folgendes Geschäftsprinzip schimmert hier durch: GNTM macht in drei Monaten eine Reihe junger Frauen in Deutschland prominent und verdient dabei und danach an dieser Prominenz, egal, ob die Mädchen Pullover in Katalogen zeigen, Autohäuser eröffnen oder zur Pro-Sieben- "Star Force" gehören. In der Branche wird bezweifelt, ob Klum das Händchen hat, seine TV-Models in den klassischen Markt des Modelbooking zu führen. So ist die HK GmbH auch nicht Mitglied bei Velma, dem Verband deutscher Modelagenturen. Von Strategie, der Planung einer Modelkarriere also, ist bisher wenig zu spüren. Von Fußvolkbeschaffung für die Kategorie-B-Prominenz schon eher.

Diese Prominenz spüren sie schon jetzt, die fünf verbliebenen Mädchen. Carolin aus Kelkheim sagt, dass sie eigentlich nicht mehr allein nach Frankfurt gehen kann, "weil ich dauernd angesprochen werde und Autogramme gebe". Sie führen jetzt das Leben kleiner Stars, sie werden für den stern fotografiert, sie sitzen in der "Kerner- Show", und sie sehen ihre Bilder in der "Bravo". Bis auf das Finale am 5. Juni ist die Sendung fertig produziert, und das geheime Wissen, wer von ihnen wirklich ins Finale kommt, überspielen sie mit leichter Anstrengung. Nur manchmal meint man in einem Gesicht einen Anflug von Siegerlächeln gerlächeln und in einem andern eine stille Traurigkeit zu sehen, aber sie haben ein bisschen was übers Modeln gelernt, und dazu gehört nun mal, zack, ein Lächeln auf Kommando.

Nichts stehe fest, wird versichert

Manchen von ihnen, wie Wanda und Janina aus Hamburg, sind Fotostudios keine fremden Orte, sie hatten es schon vor der Show in diesem Geschäft versucht, Wanda, Absolventin der Hamburger Stage School, sogar mit einer Agentur, und Janina, Friseurin, als Kindermodel. Sie sprechen untereinander wie Flugbegleiterinnen eines Großraumjets, freundlich, sachlich, aber nicht innig befreundet. Sie sind Showpersonal, Carolin, mit abgeschlossenem BWL-Studium, und Jennifer, die Schülerin, 10. Klasse. Als GNTM anfing, mussten sie alle ihre Handys abgeben, später, in der Model-WG in Los Angeles, durften sie am Tag eine Viertelstunde telefonieren. Aber nur, wenn die Kamera dabei war, und "da überlegt man sich genau, wie viel Privates man da erzählt", sagt Christina, die aus der Nähe von Würzburg kommt. Dass sie von mehr als 18 000 Bewerberinnen die letzten fünf sind, sehen sie genauso als Gewinn wie die Wochen mit Heidi Klum. "Es geht ja nicht nur ums Modeln, das war schon eher Lebensschule. Wir mussten lernen, Ängste zu überwinden und mit Extremsituationen umzugehen", sagt Wanda. Sie habe aber auch gelernt, sich "nicht ganz so ernst zu nehmen", meint Christina, und Jennifer sagt, sie könne heute "die Posen lesen", wenn sie andere Models auf Bildern sieht.

Dass sie seit Wochen geliebte und gehasste Objekte in Internetforen sind, dass dort nicht nur Teenager, sondern jedermann über sie ludert, "die blöde Kuh soll gehen", und "die G. ist zum Kotzen" lästert - das haben sie erst jetzt realisiert. "Ich hab da manchmal kurz reingeschaut, es dann aber gelassen", sagt Christina. Teil der Show ist auch, sich als Objekt jedweden Gewäsches der teils grenzwertigen Netzgemeinde hergeben zu müssen. Die Maschine Klum verwertet, was zu verwerten ist. Als vor Wochen die Kandidatin Gina-Lisa tränenüberflutet gehen musste und sich dennoch eine Fangemeinde für ihren derben Charme formierte, roch Pro Sieben den Zlatko-Faktor und stellte eine eigene Gina-Lisa-Seite ins Netz. Seitdem ist "zack, die Bohne" auch so ein lukrativer Apfel, der vom GNTM-Baum gefallen ist.

Auch die Spekulationen über geheime Listen, auf denen die Siegerin längst gekürt ist, sieht man beim Sender als Teil der Show. Nichts stehe fest, wird versichert. Und das Cover der Zeitschrift "Cosmopolitan", auf dem die Siegerin zu sehen sein wird, sei schon mit allen fünf fotografiert worden. In Wahrheit kann es der Klum-Maschine egal sein, wer am Ende "Germany's Next Topmodel" ist. Denn dann ist die Show ja vorbei.

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