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BMW-Erbin Susanne Klatten: Arme reiche Frau

Sie ist Erbin eines sagenhaften Industrievermögens, sie ist scheu und diskret. Dennoch geriet Susanne Klatten in die Fänge eines Schweizer Gigolos und einer italienischen Erpresser-Bande. Jetzt kämpft sie um Gerechtigkeit - und ihre Ehre.

Von Ulrike Posche

Es muss mit diesem Namen zu tun haben. Mit dem schicksalhaften Q-Wort. Mit einem Namen, der seit fast hundert Jahren mit Geld, Macht und Liebeslügen in Verbindung lebt. Dem Glanz und Dunkelheit zu gleichen Teilen innewohnen. Quandt - das ist bis heute Vorsehung und Verhängnis, Sehnsucht, Schuld und Schweigen.

Vielleicht ist nur so zu erklären, warum die 46-jährige Susanne Klatten, eine geborene Quandt, diese diskret vornehme Erbin eines sagenhaften Industrievermögens, weshalb die Unternehmerin, Ehefrau, Mutter und Mäzenin in eine abgrundtiefe Liebesfalle tappen konnte. In ein Verhängnis, das sich kein Romancier besser hätte ausdenken können. Warum ausgerechnet sie, die geradezu zwanghaft Misstrauische, in einen Skandal aus Gigolo-Liebe, Lösegeld und Videos geriet.

Am 17. August 2007, einem sehr kühlen Freitag, trifft die schlanke Frau an einer Hotelbar einen drei Jahre jüngeren Mann mit dem sperrigen Namen Helg Sgarbi. Er sei "vornehm aufgetreten", sagt sie später der Polizei, "er wirkte sehr traurig. Ich hatte Mitgefühl. So fingen die Freundschaft und unsere Beziehung an". Susanne Klatten ist keineswegs eine einsame, gelangweilte Frau. Sie ist erfolgreich als Unternehmerin. Sie lebt in einem engen Termin-Korsett. Sie ist nicht der Typ Frau, der schnelle Abenteuer sucht. Und doch verfällt sie Sgarbis Schwyzer Charme, seinen Geschichten und schließlich wohl auch seinem Eros. Nur vier Tage später trifft sie sich mit Sgarbi im frisch renovierten Schwabinger Holiday Inn Hotel. Das Zimmer Nummer 629 ist ein "Standardzimmer", keines aus der "Komfort"-Klasse oder gar auf dem "Deluxe"-Flur. Was Susanne Klatten nicht weiß, ist, dass im Zimmer 630, gleich nebenan, Sgarbis italienischer Komplize Ernano Barretta, 63, sitzt und die privaten Szenen im Nachbarzimmer filmt.

Ein eingespieltes Team

Nach allem, was man heute weiß, sind Helg Sgarbi, 43, und der selbst ernannte Wunderheiler, Guru und Hotelbesitzer Ernano Barretta schon lange ein eingespieltes Team. Als er noch Helg Russak hieß, arbeitete der smarte Schweizer bei der Bank Credit Suisse. Er brüstete sich mit seinen Talenten. Angeblich sprach er acht Sprachen, darunter Chinesisch und Arabisch. Barretta, ein ehemaliger Automechaniker aus Zürich, beanspruchte andere Talente für sich: Er nannte sich "Werkzeug Gottes", im ägyptischen Sharmal-Sheik will er auch schon übers Wasser gelaufen sein, drei Zeugen gäbe es dafür. Barretta hatte eine kleine Schar Jünger, unter ihnen das Ehepaar Sgarbi, um sich geschart, die ihm nicht nur sexuell zu Diensten waren, sondern auch in seinem Restaurant und Landgut in den Abruzzen schuften mussten. Italienische Ermittler sprechen jetzt von "psychischer Abhängigkeit". Sie sehen in Barretta den Kopf der Bande und haben nun Anklage gegen ihn erhoben.

Im Örtchen Uznach am östlichen Ufer des Zürichsees bewohnte Helg Russak eine Einzimmerwohnung mit Internetanschluss über dem Café Obertor. Dort betreibe er ein Übersetzungsbüro, sagte er seinem Vermieter Alfred Holzer. Aber die Geschäfte liefen schlecht. Einmal bittet er Holzer, auf die Erhöhung der Nebenkosten zu verzichten, dann ist er plötzlich "gezwungen zu heiraten und heißt Sgarbi", wie er Holzer erklärt. Schließlich kündigt er die Garage für seinen alten Mercedes S300 aus Kostengründen.

Doch irgendwann erschließt Sgarbi eine neue Geldquelle, auf die ihn angeblich Barretta bringt. Der hatte erkannt, dass der hochgewachsene Sgarbi mit seinen manikürten Umgangsformen bei gut situierten, spendablen Frauen durchaus ankommen könnte. Und als Sgarbi das auch merkt, stillt er bereitwillig den Wunsch der Damen nach Zuwendung - und zugleich seinen und Barrettas akuten Finanzbedarf. Das Geschäft läuft prima. Irgendwann wundern sich die Leute am Pfäffikersee, wo Barretta mit seinen Jüngern wohnt, über die vielen Luxusautos, die durchs Dorf Auslikon fahren. Im Jahr 2002 allerdings hat Sgarbi erstmals Ärger mit der Polizei. Eine Deutsche zeigt ihn wegen Nötigung und "Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte" an. Das Bezirksgericht Bülach verurteilt ihn zu sechs Monaten - auf Bewährung.

Noch immer hat er seine Wohnung in Uznach. Anfang Januar 2008 steht er dort auf einmal mit zwei Pappkartons unter dem Arm vor seinem Vermieter und erklärt: "Ich muss jetzt nach Chile." Aber dazu kommt es nicht.

Der letzte Fischzug

Inzwischen nämlich ist dem Schweizer-Armee-Offizier und Gentleman-Darsteller Sgarbi klar geworden, dass ihm sein letzter amouröser Beutezug einen besonders guten Fang eingebracht hat: Es ist die ahnungslose, arme reiche Susanne Klatten.

Sie habe mit Helg Sgarbi über acht Wochen eine "sentimentale Beziehung" unterhalten, sagt Susanne Klatten später beim Bayerischen Landeskriminalamt, Sachgebiet 623, "Allgemeine Ermittlungen, Sonderermittlungen und Kunst, NS-Gewaltverbrechen", aus. Da hat die Kunst des Herg Sgarbi sie bereits um sieben Millionen Euro gebracht. Susanne Klatten ist eine der reichsten Frauen Deutschlands. Ihr gehören 12,5 Prozent der BMW-Aktien und die Hälfte der Chemie-Firma Altana. Und Susanne Klatten ist eine großzügige Frau. Gerade hat sie wieder einmal mit 15 Millionen die Familienstiftung aufgestockt, sie fördert mit Millionenbeträgen Existenzgründer an der Technischen Universität München. In Pritzwalk, dem Geburtsort des Vaters, stiftet sie fünf Millionen für den Bau einer Grundschule. Und in der Berliner Politik gehören die Quandts traditionell zu den großzügigsten Parteispendern - der CDU.

Er habe Ärger mit der Mafia, säuselt Herg Sgarbi irgendwann. Er habe in den USA das Kind eines Mafioso angefahren und werde nun von denen bedroht. Aber nicht, dass Susanne Klatten jetzt endlich das Weite sucht. "Ich habe ihm geglaubt", sagt sie später der Polizei, "er wirkte ehrlich." Mit einer im Nachhinein unerklärlichen Mischung aus Blauäugigkeit und Weltfremdheit reagiert diese ansonsten so weltläufige Frau. Sie nimmt ihm die Räuberpistolen ab und gewährt ihm "ein Darlehen". Am 11. September treffen sie sich noch einmal im Münchner Holiday Inn. Diesmal allerdings in der Tiefgarage. Sieben Millionen Euro wandern stickum von ihrem Kofferraum in seinen. Als sein Komplize Barretta die vielen Banknoten sieht - sie hatte das Geld in Zweihundertern mitgebracht -, jubelt er: "Das ist ja ein ganzer Kubikmeter Geld!"

Keine erste Ahnung

Ob sie schon in jenem September-Augenblick über ihre Naivität ins Grübeln geriet? Ob sie schon damals eine Ahnung hatte von dem, was ihr angetan worden war? Wohl kaum. Denn offenbar trifft sie ihn weiter in abgelegenen Refugien. Eines davon soll das Interalpen-Hotel in Tirol gewesen sein, sagen Ermittler. Ein riesiges Fünf-Sterne-Haus mit Kachelöfen auf den Zimmern, "in denen man unvergessliche Tage" verbringen kann.

Ob sie sich in sein Lächeln verliebt hat? Sgarbi hat den Look jener Beaus, die es zuhauf an den Stränden der Côte d'Azur etwa gibt. Smart, aber nicht smashing. Sie verstehen es dort, vermögenden Damen eines gewissen Alters das Leben zu erheitern. Richard Gere hat den Typus im Film gespielt: "Ein Mann für gewisse Stunden". Er ist das romantische Vorbild.

Es ist das Talent solcher Männer, in einem einzigen Moment jenen brachliegenden Teil einer Seele zu finden, den sie mit glühendem Leben und brennender Liebe füllen können. Und in welcher verheirateten Frau gibt es ihn nicht, diesen kleinen, immer blasser werdenden Flecken, an dem früher einmal die große Leidenschaft auf den großen Augenblick wartete?

Aus nach acht Wochen

Jedenfalls verstand sich wohl auch Helg Sgarbi auf diesen Trick. Er muss die verheiratete Milliardärin so sehr für sich begeistert haben, dass sie alle Vorsicht vergaß. Vielleicht hat sie es anfangs, als die ersten schamhaften Zweifel an seiner Mafia-Geschichte kamen, noch für ein Lehrgeld gehalten, das sie fürs Schweigen zu zahlen hätte. Dann aber beendet sie am 9. Oktober 2007, nach acht Wochen, das heimliche Verhältnis. Sie denkt, es ist vorbei.

Als ihr Begleiter sich im November erneut meldet und diesmal 49 Millionen fordert, weil er andernfalls Aufnahmen ihres Tête-à-Têtes veröffentlichen würde, siegt ihre Wut über die Scham. Sgarbi sagt, er werde das Material den Firmen und Stiftungen, an denen sie beteiligt ist, schicken. Um seine Drohung zu unterstreichen, hat er ihr eine DVD mit "unzweideutigen Fotos", so die Ermittler, beigelegt.

Plötzlich wird ihr die Niedertracht des Freundes zur Gewissheit: Der 43-Jährige hat ihr angetan, was sie zeit ihres Lebens am meisten gefürchtet hat. Der professionelle Betörer aus Uznach am Zürichsee hat sie und ihren reichen Namen benutzt und ausgenutzt. Ihre tiefe Kinderangst ist bestätigt: Sie wurde wegen ihres Geldes geliebt. Für Susanne Klatten und ihre stille Familie kommen die Folgen der Affäre mit all den Peinlichkeiten und Pikanterien einer Katastrophe gleich. Denn für das, was der Quandt-Erbin passiert ist, wäre der Begriff "GAU" nach allem, was man weiß, nur ein höchst unzulängliches Wort.

Ein Krisenmanager muss her

Kurz vor Weihnachten meldet sich Helg Sgarbi mit einer reduzierten Geldforderung, Susanne Klatten nimmt sich einen ausgewiesenen Krisenmanager als Berater und beendet das üble Spiel. Es ist davon auszugehen, dass auch ihr Mann Jan, mit dem sie seit 18 Jahren verheiratet ist, inzwischen Bescheid weiß. Und die drei Kinder zwischen 13 und 17 sind längst zu groß, als dass man vor ihnen verbergen könnte, was später in einem Prozess öffentlich werden wird.

Der Vertraute heißt Wolfgang Salewski und hat Regierungen, das BKA und auch das Außenministerium bei Erpressungsfällen beraten. Während der Flugzeugentführung in Mogadischu 1977 war er engster Berater im Stab des Bundeskanzlers Schmidt. Susanne Klatten steigt also gleich oben ein, als sie beschließt, der Sache ein Ende zu machen. Salewski rät ihr, zur Polizei zu gehen - "ohne Rücksicht auf die für sie unangenehmen öffentlichen Folgen". Anfang Januar sitzt sie mit einem Anwalt aus Salewskis Beraterfirma beim Landeskriminalamt in München und erzählt die ganze Geschichte. Sie ist jetzt kein Opfer mehr. Sie ist jetzt eine beherzte Frau, die sich wehrt. Für den 14. Januar ist die zweite Übergabe geplant, die Summe auf 14 Millionen heruntergehandelt.

Sgarbi will sich in Österreich treffen. Sie schlägt auf Anraten der Polizei die Autobahnraststätte Irschenberg bei Rosenheim an der A8 vor. Als Sgarbi mit seinem Mercedes S 300 Diesel aus Zürich durchs Inntal anreist, fahren österreichische Polizei und deutsche LKA-Beamte in seinem Windschatten. Sie stellen fest, dass der Schweizer nicht allein reist. Ihm folgt der Luxus-Offroader Audi Q7. Am Steuer sitzt Ernano Barretta aus Pescosansonesco in den Abruzzen. Offenbar wollte er sich die Geldübergabe nicht entgehen lassen. Noch auf österreichischer Seite nimmt man beide fest. Sgarbi kommt in Untersuchungshaft und wird im März in ein deutsches Gefängnis überführt. In Barrettas Audi finden die Beamten einen Zettel mit den Telefonnummern von Susanne Klatten und drei weiteren Frauen, dennoch müssen sie den Mann fürs Erste laufen lassen. Doch von nun an lebt der Italiener in Angst. Mitte Mai belauschen Ermittler der "Squadra Mobile" in Pescosansonesco ein Gespräch Barrettas mit einem seiner Jünger, in dem er sagt: "Weißt du überhaupt, wer sie ist? Die reichste Frau von Deutschland! Sie hat enorme Macht. Ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht!"

Barretta zahlt Sgarbis Anwalt

Sgarbis Frau unternimmt derweil alles, um ihren Mann aus der deutschen Haft wieder freizubekommen. Sie schlägt Barretta vor, Susanne Klatten die sieben Millionen Euro zurückzugeben, das würde ihren Mann "entlasten". Doch Barretta winkt ab. Er habe zwei Millionen schon ausgegeben: Für 220.000 Euro habe er zwei Audi Q7 gekauft, außerdem eine Immobilie, die er bar bezahlt hat. "Die Geldbündel hatten sogar noch deutsche Banderolen!", erzählt er in dem abgehörten Telefonat. Dennoch: Offenbar fühlt er sich verantwortlich und bezahlt Helg Sgarbis Anwalt - natürlich in bar. Gabriele Sgarbi überlegt schließlich, ob sie Susanne Klatten weiter erpressen soll, damit diese die Anzeige zurückzieht.

Am 14. Juni greifen dann die italienischen Kollegen zu. Kriminalbeamte aus der Provinzstadt Pescara stürmen das Landgut Rifugio Valle Grande, nehmen Barrettas Frau Beatrice und Tochter Clelia fest - und schließlich auch Gabriele Sgarbi. Die gibt sich zuerst als Teilhaberin der Anlage aus, dann als Restaurantfachkraft und schließlich als Ehefrau des Berufsverführers. Die Beamten finden 1,7 Millionen Euro unter dem Dach des Landhotels. Sie finden Hinweise auf Villen, auf Grundstücke, auf deponiertes Vermögen in Scharm al-Sheich. Sie finden vier Mercedes, einen Lamborghini, einen Ferrari, einen Rolls-Royce Silver Shadow in der Garage und jede Menge Ausreden. Und schließlich findet die Polizei am römischen Flughafen Fiumicino auch den Patrone Barretta nebst Filius. Beide haben 120.000 Euro dabei und wollen in Ägypten ein Apartment kaufen.

Die Polizei ist sicher, auf dem Landgut in den Abruzzen das erpresste Geld - auch in Form von Lack und Chrom - vor sich zu haben. Sie ist sich auch sicher, dass all der Glanz nicht allein von Susanne Klattens Geld bezahlt worden sein kann. Da Verschwiegenheit nicht vorrangig zu den Tugenden italienischer Polizisten gehört, schon gar nicht, wenn es einen Erfolg zu vermelden gibt, sind die Namen dreier weiterer deutscher Damen schnell im Umlauf. Frauen, die wie Susanne Klatten den Charmier-Künsten des so fein sich gerierenden Helg Sgarbi erlegen waren. Die Damen aus Franken und Oberbayern hatten zusammen mehr als zwei Millionen Euro gezahlt, als er drohte, sie zu verraten. Der Polizei gegenüber gaben die drei geprellten Frauen an: "Er war immer freundlich, beschützend, er begleitete uns, er überraschte uns immer durch seine guten Manieren." In den Akten der Staatsanwaltschaft gegen Barretta, seine Frau und deren Sohn ist nun von krimineller Vereinigung die Rede, von Betrug, Erpressung, Geldwäsche und "Verwendung von Geldern aus illegalen Machenschaften". Es soll Sexpartys in Barrettas Hotel gegeben haben, bei denen er die Gäste filmte. Ohne deren Wissen.

Eine reine Geld-Erpressung

Als das alles herauskommt, fürchten deutsche Beobachter, die Mafia habe versucht, über die Anteilseignerin Susanne Klatten auf der Führungsetage der Bayerischen Motoren Werke (BMW) Fuß zu fassen. Aber "das ist völlig abwegig", sagt Klattens Bad Homburger Sprecher Jörg Appelhans, "die Forderungen des Täters bezogen sich ausschließlich auf Geldzahlungen".

Den Autobauern an der Isar und ihren drei Miteigentümern Susanne, Johanna und Stefan Quandt, mag das noch als Glück im Unglück erscheinen. Im 900 Kilometer entfernten Pescara jedoch holt Ernano Barretta kurz nach seiner Verhaftung zum großen Schlag aus und lässt über seinen Anwalt ausrichten, er und Sgarbi hätten sich mit der Erpressung allein für die Machenschaften der Quandts im Nationalsozialismus rächen wollen. Sgarbis jüdischer Großvater habe als Zwangsarbeiter in einem Stahlwerk arbeiten müssen. Nun also auch das noch! Niemand weiß, ob es stimmt oder nicht. Aber die Zeile "Die Erbin, der Gigolo und eine Millionen-Erpressung ums Nazi-Erbe" schmückt umgehend die Titel britischer Zeitungen.

Susanne Quandt entstammt einer großen Familie. Vor gut hundert Jahren legte ihr Großvater mit einer Tuchfabrik in Pritzwalk den Grundstock für ihr späteres Erbe. Opa Günther zieht zwei Söhne groß, Hellmut und Herbert, seine Frau starb früh an der Spanischen Grippe. Dann trifft der Witwer auf einer Zugfahrt die 17-jährige Magda Ritschel. Sie ist hübsch und blond. Die Mutter rät ihr, Quandt zu heiraten. Magda schenkt ihm einen Sohn, doch glücklich werden beide nicht. Günther nicht und sie nicht. Nach wenigen Ehejahren hat sie Liebhaber, Quandt lässt sich scheiden. Magda verliebt sich in Joseph Goebbels, heiratet ihn. Mit Goebbels hat sie sechs Kinder, alle mit "H", Helga, Hilde, Holde und so weiter. Als das Reich untergeht, müssen auch die Kinder untergehen. So will es Magda und vergiftet ihre fünf Töchter und den Sohn eigenhändig, bevor sie und ihr Mann sich ebenfalls töten.

In der Nazizeit das Imperium vergrößert

Susanne Klattens Onkel Harald erfährt vom Tod der Halbgeschwister als Gefangener der Briten in Nordafrika. Haralds Vater und sein sehbehinderter Halbbruder Herbert haben den Krieg wohlbehalten überlebt. Beide waren Mitglied in der NSDAP und konnten das Firmenimperium von Berlin aus erhalten und sogar ausbauen. Sie führten Fabriken für U-Boot-Batterien, Chemie- und Munitionsfabriken. Es war auch diese leise Familie, die mit ihren Rüstungsfirmen den Krieg am Laufen hielt, so weist es Quandt-Biograf Rüdiger Jungbluth 2002 nach. Später jedoch wird allein der Senior lediglich als Mitläufer eingestuft. Herbert Quandt gilt als unbelastet. Als nach der Biografie im Herbst 2007 der Fernsehfilm über "Das Schweigen der Quandts" ausgestrahlt wird, hört man zum ersten Mal Zwangsarbeiter von den Qualen sprechen, die sie in den Batterie-Fabriken zu erleiden hatten; und von Entschuldigungen, die niemals kamen.

Herbert Quandts Familie, die über all diese Schrecken stets geschwiegen hatte, fällt angesichts einer riesigen Empörungswelle in eine Schreckstarre, von der sie sich erst langsam erholt. Dann kündigt sie an, einen Historiker mit der Familien-Geschichtsschreibung zu beauftragen.

Heute wissen wir, dass zumindest Günther Quandts bravste Enkelin Susanne in den Zeiten jener Empörung mit der Aufarbeitung einer höchst eigenen Geschichte beschäftigt war. In all ihren Jugendjahren hatte sie gefühlt, wie das Dunkle der Quandt-Vergangenheit als Schatten über ihrem Leben lag. Sie hatte versucht, unauffällig zu funktionieren. Sie wollte niemandem Anlass geben, den Schatten durch ein nichtiges "Vergehen" zu vergrößern.

Nie gab es was Buntes

Wenn sie mit Air Berlin von München nach Sylt flog, dann habe sie klaglos auf dem Mittelplatz gesessen, berichten Mitflieger, "ich bitte Sie - eine Klatten auf dem Mittelplatz!" Fast langweilig wirkte die Generation der Erben deshalb im Vergleich zu ihren Vorfahren manchmal. Nie gab es etwas Buntes. Keine Affären, keine Amouren, keine Extravaganzen. Allein der Mann ihrer Cousine Gabriele, die ebenfalls in der Nähe zum Englischen Garten residierte, neigt gelegentlich zum Ausgefallenen. Verleger-Erbe Florian Langenscheidt lustwandelt durch die Societys und gibt dann und wann kleine Büchlein heraus. In einem versammelte er "1000 Glücksmomente". Zwischen "Frischer Kaffee" und "Die drei Sekunden vor dem Orgasmus" findet sich auch der Moment "Heimliches Treffen in einem abgelegenen Hotel". Ob Susanne Klatten das Sammelsurium des Schwippschwagers je gelesen hat?

Nach dem Krieg will Harald Quandt, der jüngere Sohn des Firmengründers, erst einmal das Leben in Berlin genießen. Er begibt sich unter den "Amüsierpöbel", wie sein Bruder meinte, hatte leichtlebige Mädchen und das Mittelgewicht Bubi Scholz zum Freund. Herbert wohnt in Bad Homburg und kann über derlei Umgang nur die Nase rümpfen. Längst hat Susannes Vater in spe die neuen Aufsteiger gerochen, Branchen, die Vermögen machen. Autos werden zu seiner großen Leidenschaft. Er beteiligt sich an BMW, und als das Unternehmen Anfang der Sechziger in eine Krise taumelt, rettet und saniert er den Laden. Herbert hat aus zwei Ehen bereits vier Kinder, alle mit "S": Sonia, Sabina, Sven und Silvia.

Doch weil Herbert auch im Privaten zum gelegentlichen Typenwechsel neigt, wird nun seine Sekretärin zur Ehefrau Nummer drei. Im April 1962 kommt Susanne zur Welt, 1966 dann folgt Stefan. Das Haus liegt auf der Ellerhöhe, hinter Buchen und Rhododendren und Hecken. Die Angestellten tragen Livree, der Blick vom Anwesen auf den Kasino-Ort Bad Homburg sei so gewesen wie der vom Vatikan auf Rom, heißt es. Die Sommer verbringt Susanne mit ihren Eltern auf der Ostsee im Segelboot "Seebär". Ansonsten, Hausmusik, viel Sport. Ein Feines-Mädchen-Leben ist das, aber eben auch nicht zu fein. Nebenan wohnen inzwischen ihre fünf Cousinen, Katarina, Gabriele, Anette, Bettina und Patsy. Töchter ihres Onkels Harald, der ebenfalls solide geworden ist - beinahe jedenfalls. Als Harald 1967 auf dem Flug zu seinem Anwesen in Cap d'Antibes mit einer Privatmaschine abstürzt, sitzt nicht seine Ehefrau neben ihm, sondern die Geliebte.

Liebe unter falschem Namen

Susanne Hanna Ursula Quandt ist anders als ihr Onkel Harald. Jeglicher Glamour und Jetset ist ihr zuwider. Sie nennt sich Susanne Kant, als sie bei Hubert Burda ein Praktikum macht oder nach dem Abitur eine Lehre als Werbekauffrau in Frankfurt antritt. Sie studiert BWL an der Buckingham University in England und in Lausanne. Sie trägt weiße Blusen. Nie sieht man sie auf Tischen tanzen. Als Susanne Kant im Augsburger BMW-Werk arbeitet, lernt sie dort den angehenden Ingenieur Jan Klatten kennen, einen Halbbruder des Fernsehunternehmers Werner E. Klatten. Erst Monate später, als sie sich ganz sicher ist, dass die Beziehung hält, dass er sie um ihrer selbst willen mögen muss, erklärt sie sich: Ich bin eine Quandt, und ich erbe Milliarden.

1990 heiraten sie in Kitzbühel, die Golf spielende Mutter besitzt dort ein Ferienhaus. Die Feier findet ausschließlich im Schlosshotel statt - nicht in den Zeitungsspalten. Susanne Klatten ist nun 28 Jahre alt, in zwei Jahren würden ihr 12,5 Prozent an BMW gehören, so hatte es ihr Vater im Testament verfügt, und ein 50-Prozent-Anteil an einer Pharmafabrik, die auf den Namen Altana hört. Wenige unbeschwerte Studienjahre bleiben ihr noch in den USA, dann wird es Zeit für Bodyguards. Sie ist jetzt Unternehmerin.

Susanne Klatten gelingt es schnell, aus Altana ein Dax-Unternehmen zu machen. Denn als das Magen-Medikament Pantoprazol, das ihre Forscher am Bodensee entwickelt hatten, zum Verkaufsschlager wird, steigt die Altana durch die Decke. Bereits im Jahr 2001 kann sie sich über eine Dividende von 32 Millionen Euro freuen. Und nachdem sie die Pharmasparte 2006 an eine dänische Firma verkauft hat, streicht Susanne Klatten im Jahr 2007 "die höchste Dividende ein, die je an einen einzelnen Aktionär gezahlt wurde", wie die "Zeit" errechnet: zwei Milliarden und 366 Millionen Euro. Von nun an ist die Frau mit dem Kurzhaarschnitt in den Forbes-Listen "Deutschlands reichste Frau". Auf sechs bis acht Milliarden wird ihr Vermögen noch heute geschätzt. Susanne Klatten gehört zur Wirtschaftselite des Landes. Jetzt sind die Leibwächter im H'ugo's oder wenn sie zum Formel-1-Rennen nach Monte Carlo fährt, immer, aber auch immer dabei.

Susanne Klatten gab nie ein Interview. Auf Partys wird sie, die der geheimnisvoll-kühlen Schauspielerin Corinna Harfouch ähnelt, so gut wie nie gesehen. Sie überlegt es sich dreimal, ob sie einem Gesellschaftskolumnisten nach einem Konzert in der Münchner Pinakothek der Moderne sagt, wie sie das Konzert fand. Sie hielt sich stets fern von den Münchner Damen im Edel-Dirndl - und vom Amüsierpöbel sowieso. Manche sagen: Sie hielt sich stets für Besseres. In den Legenden, die sich nun neben all dem Zischeln und Spötteln um sie ranken, ist von übertriebener Bescheidenheit die Rede, vom Quandtschen Geiz. Nie hätte sie beim Italiener am Promenadeplatz beispielsweise den Wein in Flaschen bestellt, immer nur offenen Hauswein. Wie ihre inzwischen 82-jährige Mutter Johanna habe sie "No publicity" zu ihrem Motto gemacht. Wie diese mag auch Susanne es nicht, von Fremden angesprochen zu werden.

Sie war vorsichtig im Detail, doch im Großen arglos. Nur deshalb hat sich Deutschlands reichste und unnahbarste Frau an einer Hotelbar ansprechen lassen. Sie hat das Fremde gewagt - und dabei ihr Schweigen verloren.

Mitarbeit: Luisa Brandl, Ingrid Eissele, Kety Quadrino, Matthias Rittgerot, Jochen Siemens, Georg Wedemeyer

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