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Ingo Zamperoni: Der Ankermann

So nennen die Amerikaner ihre Top-Moderatoren. Ingo Zamperoni wird ab Montag als "Anchorman" Welterklärer der ARD-"Tagesthemen". Derzeit berichtet er noch aus Washington - kompetent und lässig. Ein Besuch.

Ingo Zamperoni

Ingo Zamperoni in seinem Büro in Washington

Für Hillary Clinton hat Ingo Zamperoni gerade keine Zeit. Er muss sich jetzt erst einmal um die Killer-Amöbe kümmern. Draußen auf der M-Street in Georgetown, Washington, tragen die ersten Touristen ihre geeisten Frappuccinos in der Sonne spazieren, während Ingo Zamperoni in einem Schneideraum des ARD-Studios hockt. Der Bürodrehstuhl wirkt wie ein Kindergartenstuhl für den 1,95 Meter großen Mann, der auf drei Fernsehbildschirmen das Filmmaterial sichtet. Einer davon zeigt die Killer-Amöbe in Vergrößerung. Sie sieht aus wie eine schmutzige Pfütze.

Zamperoni schüttelt den Kopf. Nicht missmutig, weil er eigentlich geplant hatte, ein TV-Porträt über Hillary Clinton fertigzustellen. Sondern eher etwas angefasst. "Diese Geschichte mit der Amöbe ist wirklich eine unfassbar tragische", sagt er. Ein 18-jähriges Mädchen war in North Carolina bei einer Kanutour mit Freunden gekentert. Dabei schoss dem Mädchen Wasser und eine seltene, gefährliche Amöbenart in die Nase. Sie löste eine Hirnhautentzündung aus. Elf Tage später starb das Mädchen. Das ARD-Magazin "Brisant" in Köln möchte einen Fernsehbeitrag haben.

Ingo Zamperoni

Zamperoni bei einer Besprechung mit Kameramann Marek Klodnicki und Videoexpertin Brigitte Welsch-Pindtner


Eine knappe Stunde hat Zamperoni, um aus dem Filmmaterial einen Beitrag zu schneiden, eine Moderation zu texten und einzusprechen. Die Uhr tickt, aber der Druck ist ihm nicht anzumerken. Immer wieder stecken Kollegen den Kopf zur Tür herein, und für jeden - von der neuen Praktikantin aus Köln bis zum Studioleiter - nimmt er sich ein paar Minuten. Als ihn ein junger Kollege später bei der Aufnahme für die Moderation in einigen Formulierungen verbessert, korrigiert er sofort seinen Text. "Fernsehen ist nichts für Einzelkämpfer, sondern Teamwork", sagt Zamperoni.

Ingo Zamperoni wird Moderator der "Tagesthemen"

Bald wird die ganze Fernsehnation auf ihn schauen. Am 24. Oktober übernimmt Ingo Zamperoni die Moderation der "Tagesthemen", der wichtigsten Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen. Deren Moderatoren sind keine Nachrichtenableser, sondern so etwas wie Stars des Senders. "Anchorman" genannt im Nachrichten-Jargon. Er erklärt dem Zuschauer abends die Welt. Neben der Moderation des "Heute-Journals" im ZDF gilt die der "Tagesthemen" als begehrtester Job im deutschen Fernsehjournalismus. Die Besetzung ist ein Politikum im öffentlich-rechtlichen TV-Betrieb. Neun Intendanten der Rundfunkanstalten entscheiden darüber in einem komplizierten Verfahren, zu dessen fragwürdigen Sonderheiten auch diese gehört: Frauen werden gecastet, Männer berufen.

Zamperoni, der die "Tagesthemen" im Wechsel mit Caren Miosga moderieren wird, galt schon lange als aussichtsreichster männlicher Kandidat. Seine Ernennung markiert einen Wendepunkt. Zamperoni steht für einen neuen Typus des Nachrichtenmoderators, weil er eine natürliche Lässigkeit mit journalistischer Seriosität verbindet. Bisher war der Job für altgediente Reporter reserviert. Als krönender Karriereabschluss. Für Männer wie Hanns Joachim Friedrichs, Ulrich Wickert oder Thomas Roth, deren Autorität auf einer jahrzehntelangen Berufserfahrung als Reporter im Ausland fußte. Zamperoni aber ist erst 42 und damit der jüngste männliche Anchorman, den sich die "Tagesthemen" jemals leisteten.

Brückenbauer zwischen den Generationen

Zamperoni selbst spricht voller Ehrfurcht von den Veteranen. Er bewundert Friedrichs, Wickert und Roth, die sein Bild des Anchorman geprägt haben. Er will ihnen nacheifern. Eine klare Haltung haben, aber dabei keine Agenda verfolgen, so beschreibt er sein Credo. Und er kennt die Erwartungen der ARD-Intendanten. Er soll der Brückenbauer zwischen den Generationen sein: die älteren Zuschauer halten und die jüngeren wieder vor den Fernseher holen.

Zamperoni sitzt jetzt in seinem kleinen Büro im ersten Stock des ARD-Studios. Kurze Mittagspause mit Avocado-Sandwich. Über seinem Schreibtisch hängen ein paar selbst gemalte Bilder seiner drei Kinder. Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet, die er während seines Studiums in Boston kennenlernte. Sein Vater ist Italiener, seine Mutter Deutsche. "Wenn wir als Familie in einem Café sitzen, rätseln die anderen Gäste manchmal, woher wir kommen", sagt er. Bei den Zamperonis wird Italienisch, Englisch und Deutsch gesprochen.

In der Schule riefen sie ihn "Zamperoni-Cannelloni"

Er ahnt, dass er bald in ein verändertes, ein aufgeheiztes Land zurückkehren wird. Als er vor zweieinhalb Jahren in die USA ging, gab es noch keine Flüchtlingskrise und keinen Krieg gegen den IS; die AfD war bloß ein unbedeutendes Anti-Euro-Häuflein. Er selbst hat nie Ablehnung erlebt - außer, dass sie ihm zum Spaß mal auf dem Schulhof "Zamperoni-Cannelloni" hinterherriefen. "Ich habe mich als Deutscher mit italienischen Wurzeln nie so gefühlt, als säße ich zwischen den Stühlen. Für mich war es immer so, als säße ich auf zwei Stühlen. Es war eine Bereicherung, in zwei Kulturen aufzuwachsen."

Man kann das eine sein, ohne das andere aufzugeben, sagt er. Doch so scheinen nicht alle Menschen zu denken. Mit den Worten "Möge der Bessere gewinnen§, kommentierte Zamperoni 2012 in der Halbzeitpause das Fußballspiel Deutschland gegen Italien. Da stand es 0 : 2. Es war Europameisterschaft, und Zamperoni war als Urlaubsvertretung bei den "Tagesthemen" eingesprungen. Viele Zuschauer tobten nach der Ausstrahlung, weil sie seine Bemerkung als ironischen Seitenhieb gegen Deutschland verstanden. "Es hat mich schon gewundert, dass mir viele meine eigene Zerrissenheit nicht abgenommen haben."

Ingo Zamperoni

Ingo Zamperoni richtet die Krawatte, bevor er auf Sendung geht


Claus Kleber, damals ARD-Studioleiter in Washington, entdeckte vor 17 Jahren das Talent eines Praktikanten namens Zamperoni. Bald muss der nun gegen seinen ehemaligen Mentor in den Quotenkrieg ziehen. Claus Kleber ist Anchorman des ZDF-"Heute-Journals". Doch Zamperoni schaut dem Wettbewerb gelassen entgegen. "Mein jüngerer Bruder ist Arzt. Wenn der einen Fehler macht, kann das ein Menschenleben kosten. Wir machen Journalismus. Das bedeutet nicht, dass ich diesen Job nicht unglaublich ernst nehme und sehr leidenschaftlich ausübe, aber man sollte doch aufpassen, dass man dabei nicht verkrampft."

Neues probieren mit Bedacht

Als vor einem Jahr der Schauspieler Robin Williams starb, war es Zamperoni, der Caren Miosga davon überzeugte, etwas Außergewöhnliches zu wagen. Miosga stellte sich während ihrer Sendung auf den Moderationstisch der "Tagesthemen". So wie Williams in seiner großen Rolle als Lehrer im Film "Der Club der toten Dichter". Es war ein besonderer Fernsehmoment, weil er die Routine brach. Der Ausschnitt wurde tausendfach in den sozialen Netzwerken geteilt. Zamperoni mag solche Experimente. Er will Neues wagen. Doch er ist klug genug zu wissen, dass man dabei dosieren muss.

Die Mittagspause ist vorbei. Er muss jetzt wieder los. Die Hörfunkkollegen vom WDR im Büro nebenan haben ihn gebeten, noch beim Einsprechen eines Radiobeitrags über Donald Trump zu helfen.

Die USA spielen eine besondere Rolle in Zamperonis Leben. Er wuchs in Wiesbaden auf, in der Nähe des Aukamm-Housings, einer Siedlung für US-Soldaten und ihre Familien. Als Teenager war er fasziniert von dieser fremden Welt mit ihren Barbecuegrills in den Vorgärten und Jeeps in den Einfahrten. Ein kurioses Volk: Sie warfen sich eierförmige Lederkugeln zu, und einmal im Jahr stellten sie ausgehöhlte Kürbisse auf ihre Terrassen.

Ingo Zamperoni begann seine Karriere als Praktikant

Die USA ließen ihn auch später nicht los. Als Student wählte er Amerikanistik als Hauptfach und ging 1997 für ein Auslandsstudium nach Boston. Er begann seine Karriere als Praktikant im ARD-Studio in Washington und ging 2014 als USA-Korrespondent dorthin zurück. Um das Kapitel erst einmal abzuschließen, hat Zamperoni jetzt ein Buch über die USA geschrieben. Es heißt "Fremdes Land Amerika", und wer es liest, wird angenehm überrascht sein. Zamperoni gibt nicht den allwissenden Kenner, sondern offenbart auch sein durchaus gespaltenes Verhältnis zu den USA.

Der Waffenwahn der Amerikaner sei etwas, was er bis heute nicht begreifen könne. An einer Stelle in seinem Buch erzählt er, wie er einen Dieb in seiner Wohnung in Hamburg erwischte. An einem Sommertag war das, Zamperoni hatte die Gartentür aufgelassen und kam zurück, weil er etwas vergessen hatte. "Da stand dann ein zitternder Kerl bei mir im Flur, schnappte sich mein Handy und rannte davon", erinnert er sich. Er ist dem Mann hinterhergelaufen. Auf der Straße holte er ihn ein und bekam sein Handy zurück. "In den USA hätte ich das nicht getan. Da wäre mir das Risiko, dass dich so eine Aktion das Leben kostet, zu hoch."

Seine Familie bleibt bis Ende des Jahres in den USA

Es ist jetzt kurz vor 20 Uhr, und Ingo Zamperoni tritt blinzelnd wie ein Grubenarbeiter aus der Tür des dunklen ARD-Studios ins immer noch blendende Sonnenlicht. Er läuft durch die Straßen und erzählt wie ein Fremdenführer. Da drüben, auf der anderen Seite des Flusses, steht das Bürogebäude, wo die Watergate-Affäre einst begann. Und hier, auf dieser Seite, gebe es das beste Eis in ganz Washington.

Mit seiner Familie lebt er nicht weit entfernt. Am Rock Creek Park haben sie ein Haus, nahe einem riesigen Waldgebiet. Zamperoni hat sich noch nicht darum gekümmert, eine neue Wohnung in Hamburg zu suchen. Er schiebt das vor sich her, um den Abschied hinauszuzögern. Seine Frau und seine Kinder bleiben noch bis Ende des Jahres, da wird er schon in Hamburg die "Tagesthemen" moderieren. Wenn er dort nicht Dienst hat, will er immer wieder für ein paar Tage nach Washington zurückkehren. Um seine Familie zu sehen, aber auch um als Reporter den USA-Wahlkampf noch bis zum Ende zu begleiten.

Es ist jetzt fast 21 Uhr. Zamperoni geht ein letztes Mal für diesen Tag zurück ins Büro. Er hat jetzt endlich Zeit für Hillary Clinton.