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Karl Lagerfeld: 75 Jahre Selbstdarstellung

Er ist Hungerkünstler, Gesundheitsapostel und der unangefochtene Kaiser der Laufstege. So wenig sich Karl Lagerfed auf eine Profession festlegen lässt, so wenig weiß die Öffentlichkeit über sein Alter. Laut Geburtsregister feiert Lagerfeld heute 75. Geburtstag - auch wenn er für seinen Arbeitgeber Chanel erst 70 Jahre alt wird.

Von Tilman Müller

Es war ein Abend, in dem sich die Hautevolee in Europas prunkvollsten Gemächern traf und wieder mal alles genau so ablief, wie der Weltstar mit dem stahlgrauen Mozartzopf sich das vorgestellt hatte. Gegen 20 Uhr Auftritt seiner Obermuse Caroline von Monaco. An ihrer Seite plaudert Gemahl Ernst August von Hannover mit Modeschöpfer Valentino, als es plötzlich still wird in dem Salon, in dem einst eine Mätresse des Sonnenkönigs Ludwig XIV. residierte.

Kerzengerade kommt Karl Lagerfeld im Schloss von Versailles die Treppe herauf. Schwarze Sonnenbrille, zehn Zentimeter hoher weißer Stehkragen, dunkle Krawatte über dem blau-roten Karo des Oberhemds, schwarz das knappe Jackett und die knallengen Jeans, schwarz auch seine fingerlosen Lederhandschuhe und die hochhackigen Stiefel. Eine coole Kunstfigur: superschlank, roboterhaft und vollkommen alterslos - "generationsbefreit", wie der in diesen Tagen 75 Jahre alt werdende Chefdesigner von Chanel gern über sich sagt.

Der gebürtige Hamburger ist seit dem Tod seines Erzrivalen Yves Saint Laurent in Paris unangefochten die Über-Ikone der Eleganz. Das US-Magazin "Time" nahm ihn in diesem Jahr als einzigen Deutschen in sein Ranking der "100 einflussreichsten Personen der Welt" auf. Ein Trendsetter, der im Alleingang die Modewelt erobert hat - durch harte Arbeit und preußische Disziplin.

Pausen unerwünscht

Lange schon spielt Monsieur Lagerfeld in der Königsklasse des Jetset, berühmt nicht allein als Häuptling der Laufstege, sondern - ähnlich wie sein alter Bekannter Andy Warhol - vor allem als wandelndes Gesamtkunstwerk. Rastlos ist er im Privatflieger unterwegs. In Dubai gibt er gerade sein Debüt als Architekt, entwirft 80 Prachtvillen auf einer künstlichen Insel in Palmenform, in Manhattan stellt er seine Eyewear-Kollektion vor, in Tokio vor Kurzem den mobilen Ausstellungspavillon von Chanel. Im Mai warb er in Frankreich für neue Warnwesten ("Sie sind hässlich gelb und passen zu nichts, können aber Leben retten"), im Oktober stellt er "Kapsule" vor, sein Parfüm. Lounge-Fans stehen auf "Les Musiques que j'aime", ein Doppelalbum mit Lagerfelds Lieblingssongs; in "Grand Theft Auto IV", einem Gangster-Videospiel, tritt er als "DJ Karl" in Erscheinung. Und nun gibt es ihn auch als Teddybär von "Steiff " - mit weißem Mega-Kragen und dunkler Sonnenbrille.

In Versailles also eröffnet der "professionelle Hit-Mann" ("New York Times") eine Ausstellung, seine eigene natürlich. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos, die auf handgefertigter Büttenpappe gedruckt sind - und das Versailler Château vor dramatischen Gewitterwolken zeigen. Einige der Aufnahmen sind erst Wochen zuvor entstanden. Wie einst Warhol hat Lagerfeld immer eine Kamera dabei.

Umgeben von schönstem Rokoko-Dekor süffelt das Vernissagenvolk im Herkules-Salon Champagner, Lagerfeld jedoch Cola light. Alkohol, Zigaretten, Drogen hat er ein Leben lang gemieden und sich obendrein, ganz anders als Andy Warhol, in einen veritablen Gesundheitsapostel verwandelt - im Herbst 2000, als er eine Diät begann und 42 Kilo abnahm, um in die ultraschlanken Outfits zu passen, die der Designer Hedi Slimane damals entwarf. Davor liebte er es eher opulent, hätte an einem festlichen Abend wie diesem reichlich Pâtisserie verdrückt, seine Leibesfülle unablässig mit einem Fächer bewedelt und das 18. Jahrhundert als Höhepunkt der Zivilisation gepriesen.

Comeback mit 60 Kilo

Alles vorbei. Jetzt wiegt der Wandlungsfähige 60 Kilo. Im "Spaceship", seinem neuen Appartement an der Seine, stammen alle Möbelstücke aus dem 21. Jahrhundert. Zwei Diätköche sorgen dafür, dass er Jeansgröße 30 hält. Zeichentische überall, selbst im Ankleidezimmer, damit der kreative Kopf von Chanel, Fendi und anderen Luxushäusern seine Ideen spontan zu Papier bringen kann - Skizzen für die Schauen und die vielen Werbefotoproduktionen, die er nebenher erledigt für Kunden wie Dior Homme, Dom Pérignon oder Rosenthal Porzellan. Dazu kommen all die Prominenten-Porträts; sogar der einstige Bayern-Keeper Oliver Kahn hat ein Lagerfeld-Foto von sich überm Bett hängen.

"Es hätten sich ja so viele Leute gefreut, wenn ich wieder dick geworden wäre, dieses Vergnügen wollte ich keinem bereiten", sagt der Hyperaktive vor einem großen Kelch Cola. Wer solche Disziplin nicht aufbringen kann, den straft er mit Verachtung. Ex-Außenminister Joschka Fischer etwa. "Der macht doch den gleichen Kram wie die Spießbürger", echauffiert er sich, "und dann noch dieser Rückzug in die Grunewald-Villa, so ein Quatsch, das will ich doch gar nicht diskutieren."

Wenn es ums Abnehmen geht, kennt Lagerfeld kein Pardon. "Ein viertel Pfund zu viel, und schon passt die Jeans nicht mehr", sagt er, und seine Hose sitzt in der Tat provozierend eng; binnen Stunden sei das "fiese Gefühl" bei ihm aber wieder weg, und zwar durch "autofaschistische Behandlung der eigenen Person". Und bald schreibe er eine neue Diätfibel. Titel: "Mein siebenjähriger Krieg - Ein Kochbuch".

Vor dem Schloss wartet Sébastien, sein Chauffeur, in einem bronze-metallic lackierten Hummer mit getönten Scheiben. Gleich drei solche Straßenpanzer besitzt der sehr um Sicherheit besorgte Wahlfranzose. Der Rummel um ihn wurde in den letzten Jahren tumultartig, vor allem unter jungen Leuten, die H&M-Filialen stürmten, als er dort 2004 eine Billigkollektion auflegte. Nicht mal in seiner 400 Quadratmeter großen Residenz mit dem tollen Louvre-Blick hat der Umschwärmte richtig Ruhe. Von den Dampfern auf der Seine brüllen die Touristenführer in die Megafone: "Und hier oben wohnen Karl Lagerfeld und Jacques Chirac."

Frankreichs Ex-Präsident, der nebenan am teuren Quai Voltaire logiert, steht ständig unter Polizeischutz. So braucht der Modeschöpfer keinen Auflauf zu fürchten, wenn er vor die Tür tritt. Nur ein paar Meter um die Ecke in der Rue de Lille liegt sein imperiales Studio. Circa 50.000 Bücher stehen dort turmhoch an den Wänden, der Raum groß wie eine Tennishalle, überall Scheinwerferbatterien, Filmkameras, riesige Schiedsrichterstühle, Zeitschriftenberge, endlose Couchgarnituren, und eine Wendeltreppe führt hinauf auf eine Balustrade, wo sich in allen möglichen Sprachen noch mehr Auktionsberichte, Romane, Enzyklopädien, Biografien, Fotobände, Reiseführer, Comics, Erotica und Kunstkataloge bis an die Decke stapeln.

Bücher sind zentral im Leben Lagerfelds. Von Häusern und Antiquitäten trennte er sich immer wieder, doch seine Bibliothek mit insgesamt 300.000 Bänden vergrößert sich beständig. Stundenlang im Bett liegen mit einem Haufen Neuerwerbungen - das ist seine Idee vom perfekten Wochenende. Meistens kauft er gleich zwei Exemplare, "um eventuell mal mit jemandem über das Gelesene reden zu können". Fernsehen lehnt er ab, weil "ich zu Hause weder fremde Stimmen noch drittklassige Bilder mag", dafür hört er viel Musik aus seinen weit über 100 iPods.

Fanatisch, einsam, lange nachtragend

Im Gespräch kommt der Einsamkeitsfanatiker schnell in Fahrt, leicht trägt es ihn dabei auf amüsante Art aus der Kurve. Sein Handschuhtick komme auch daher, dass er dauernd tausend Leuten die Hand schütteln müsse. Kurz darauf: "Ich bin ja keine Realität, sondern bloß eine Fassade." Schon ist er bei Katharina der Großen, für deren Besuche in russischen Dörfern man einst bemalte Kulissen aufgestellt habe, um ihr den Anblick des Elends zu ersparen. Wenig später: "Mais oui, ich bin Charlie Chaplin im täglichen Leben." In Wahrheit jedoch findet er seine Hände nicht besonders elegant, ist all die Maskerade eine geniale Panzerung, um Falten und sonstige Anzeichen des Alters zu überdecken.

Gegenrede oder gar Widerspruch liebt der Modefürst nicht. "Kommt nicht gut an, wenn mir jemand sagt, was richtig und was falsch ist." Oder: "Ich bin informiert, doch intellektuelle Diskussionen gehen an mir vorbei, weil ich mich nur für meine eigene Meinung interessiere." Ja, er steht dazu, ein Egomane zu sein. Und ein Opportunist obendrein. "Alles, was mir missfällt, vergesse ich", sagt er, die Psychoanalyse ist ihm ein Graus. Nie war er in einer Kirche, nie in einem Wahllokal. Von Politik hält er nichts, fühlt sich indes immerhin als überzeugter Europäer.

Rasant weicht der stets Diskrete heiklen Fragen aus. Kein Wort über "die Sultansgespräche", die er mit Präsident Nicolas Sarkozy ("über die Liaison mit Carla Bruni wusste ich schon vorher Bescheid") und anderen Pariser Potentaten führte. Über Geld will der Sohn aus steinreichem Hause - sein Vater machte in Hamburg als Fabrikant der "Glücksklee"-Dosenmilch ein Vermögen - eigentlich gar nicht reden, meint dann jedoch, wer "so um die 50 Millionen Euro" besitze, zähle für ihn "heutzutage zu den eher armen Leuten". Und beim Thema Sex passt der angeblich so "generationsbefreite" Junggeselle komplett. Nicht einmal mit seinem langjährigen Lover Jacques de Bascher, der 1989 an Aids starb, habe er je "unter einem Dach" gelebt. Exzess, Alkohol, Drogen, das wilde Partyleben, all das findet er "manchmal richtig toll" - allerdings nur bei anderen, er selbst sei "dafür nicht so begabt".

Ähnlich einst Warhol, der gern tönte, das Aufregendste am Sex sei, es nicht zu tun, und unablässig behauptete, er präsentiere eine "Kunst, hinter der nichts steckt". Lagerfeld, der Warhol in vielem bewundert, in einem seiner Filme mitspielte und frühe Ausgaben seines legendären "Interview"-Magazins neu verlegte, sagt: "Bei mir steckt auch nichts dahinter - jedenfalls nichts, was ich preisgeben würde."

Image aufrechterhalten

An der Fassade etwas kratzen wollte jüngst Arnaud Maillard, ein langjähriger Lagerfeld-Mitarbeiter, der 2005 zum Konkurrenten Céline gehen wollte. "Merci Karl" heißt sein Insiderbericht. Der Ex-Chef wird darin als liebenswürdiger Machtmensch geschildert, der Enormes verlangt und mit seinem Narzissmus mitunter furchtbar nervt, der aber oft alle groß zum Essen einlädt und zum Geburtstag auch mal eine Rolex springen lässt.

"Der Junge arbeitet jetzt in Spanien", stellt Lagerfeld mit Genugtuung fest und macht keinen Hehl daraus, dass er Maillards schriftstellerische "Belanglosigkeiten" als unfreundlichen Akt und dessen Abwanderungsversuch sogar als Verrat empfindet. Rache sei süß, gesteht der Kreativdirektor von Chanel, dem größten privaten Luxuskonzern der Welt mit geschätzten Jahreserträgen von vier Milliarden Euro. "Wenn mir jemand übel mitspielt", sagt er, "kann ich auch noch zehn Jahre danach Stühle wegziehen, ohne dass die betreffende Person die geringste Ahnung hat, woher das kommt."

Kürzlich wurde Karl Lagerfeld bewusst, dass es bislang keine fundierte Biografie über ihn gibt. Die will er nun selbst schreiben - für einen großen US-Verlag, der eine hohe Summe zahle. "Ich besitze Dokumente, die noch keiner gesehen hat", sagt er und setzt zu seinem strittigen Geburtsdatum (nach neueren Quellen der 10. September 1933, früher gab Lagerfeld 1938 an) schon mal neue Spekulationen in die Welt: "Es war alles ganz anders, sind Sie mal nicht so sicher, dass ich überhaupt in Deutschland geboren wurde."

Früher Abschied

Unstrittig ist, dass Karl Otto Lagerfeld optimal begütert in Hamburg und Bad Bramstedt aufwuchs, früh Englisch und Französisch sprach, nie Abitur machte, großes Talent zum Zeichnen und ein enges Verhältnis zu seiner so freigeistigen wie resoluten Mutter hatte. Als der Sohn mit ihr erstmals über das Schwulsein spricht, sagt sie nur: "Ach, das ist wie mit der Haarfarbe, es gibt Schwarzhaarige und Blonde, und so gibt es auch Homosexuelle." Schon als Kind bekam er ein altes Ölgemälde, das Voltaire und Friedrich den Großen zeigt mit feinen Herren in violetten Mänteln und gepuderten Perücken - ein Leben, das er fortan auch für sich erträumt.

Als Teenager verlässt er Hamburg für immer. "Das Deutschland, das ich liebe", sagt er heute, "existiert seit 1933 nicht mehr." In Paris, wo der Autodidakt nun seit mehr als 50 Jahren lebt, ohne sich als Franzose zu fühlen, machte er eine beispiellose Karriere in der Haute Couture, zuerst bei Pierre Balmain, später bei Jean Patou und Chloé, bis er 1983 ganz oben beim Traditionshaus Chanel landete. Als junger Mann betrieb er Bodybuilding, Fotos zeigen ihn muskulös am Strand von Saint Tropez. Wie Warhol scharte er eine illustre Entourage um sich, die ihn inspirierte - Künstler, Halbweltleute und aristokratische Beaus wie Jacques de Bascher. Von dessen Tod schwer getroffen, schlitterte der damalige Mittfünfziger in eine Krise, achtete zu wenig auf sein Äußeres und hatte kaum noch zündende Ideen.

Erst in der Zeit, als er seine Diätkur begann, erlebte Lagerfeld ein großes Comeback. Er verkaufte seine Antiquitäten aus dem 18. Jahrhundert für 50 Millionen Euro und verordnete sich einen radikalen Relaunch - überaus schlank, nie ohne Sonnenbrille und immer öfter an der Seite seiner aktuellen It-Girls; zuletzt Amy Winehouse, deren Look ihn fasziniert. Vor zwei Jahren stieß er seinen 24-Hektar-Landsitz in Biarritz mit dem größten Privatpool Frankreichs ab und kaufte ein Appartement in New York. "Ich habe keine Lust mehr, Riesenpartys zu geben, der Trend geht bei mir zum Roomservice."

Als Andy Warhol starb, setzten ihm Freunde seine unvermeidliche Sonnenbrille auf, bevor der Sargdeckel zuging. Von solcher Theatralik hält Lagerfeld nichts. "Verbrennen, Asche und ab in die Mülltonne", das werde mit ihm passieren, wenn es mal so weit sei, sagt der einsame Luxuskönig. Wie immer gänzlich unsentimental.

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