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Als Ersatz für Ukrainer Menschenschlepper rekrutieren russische Kapitäne für Flüchtlingsboote

Flüchtlingsboot
Ein Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer (Archivbild)
© Rene Traut / Imago Images
Menschenschlepper in Südeuropa rekrutieren offenbar vermehrt russische Schiffskapitäne für Flüchtlingsboote nach Europa. Sie ersetzen dabei ausgerechnet ukrainische Skipper. Mindestens 14 wurden bereits in Italien festgenommen.

Menschenschlepper rekrutieren offenbar gezielt russische Schiffskapitäne, um Flüchtlingsboote von der Türkei nach Italien zu steuern. Das geht aus einem Bericht der Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) "Borderline Europe" und "Arci Porco Rosso" hervor.

Demnach seien seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine mindestens 14 russische Staatsbürger in Italien wegen illegalen Transports von Asylbewerbern festgenommen worden – doppelt so viele wie im Jahr zuvor. 

Die Route von der Türkei nach Italien sei von einem kriminellen Netzwerk türkischer Schmuggler als Alternative zur langen Balkanroute über den Landweg in die EU eingerichtet worden, zum Teil als Reaktion auf illegale Pushbacks. Etwa 11.000 Migranten kamen 2021 von den türkischen Häfen Izmir, Bodrum und Çanakkale aus an den italienischen Küsten von Apulien, Kalabrien und Sizilien an.

Als Ersatz für Ukrainer: Schlepper rekrutieren russische Kapitäne für Flüchtlingsboote

Ironischerweise ersetzen die russischen Skipper nun ausgerechnet Kapitäne aus der Ukraine. Seit Jahren warben türkische Schlepper-Organisationen offenbar gezielt ukrainische Staatsbürger an, um Flüchtlingsboote nach Europa zu steuern. Oftmals stammten diese wohl aus den Donbas-Regionen und flohen aus ihrer Heimat, um dem Militärdienst im Krieg gegen die von Russland unterstützten Separatisten zu entgehen. 

Seit der russischen Invasion im vergangenen Februar ist es für ukrainische Männer aber nicht mehr ohne Weiteres möglich, das Land zu verlassen. Dementsprechend sei die Zahl von Ukrainern, die von türkischen Schlepperbanden angeworben werden, zurückgegangen. 

"Ukrainer waren von grundlegender Bedeutung für die Ankunft der Menschen, die aus der Türkei ausreisten, da sie erfahrene Seeleute sind, die wissen, wie man ein Boot steuert", heißt es in dem Bericht. "Mit dem Ausbruch des Krieges wurden ukrainische Männer daran gehindert, ihr Land zu verlassen, was zweifellos ein entscheidender Faktor für die geringere Verfügbarkeit ukrainischer Skipper war."

Die Schlepperbanden versuchten diesen "Fachkräftemangel" über mehrere Wege zu lösen, von denen aber keiner erfolgreich war. Weder der Versuch, Geflüchtete zu Kapitänen auszubilden, noch die Bemühungen, genügend Skipper in der Türkei anzuwerben, die die Löcher stopfen sollten, die die Ukrainer hinterließen. 

Somit hätten sich die Schleuser auf eine andere Personengruppe konzentriert, die ein ähnliches Schicksal teilen, wie die Ukrainer. Sie warben immer mehr Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und insbesondere aus Russland an, die kurz vor der Teilmobilmachung der russischen Streitkräfte aus dem Land geflohen seien. 

Russische Staatsbürger fliehen vor Militärdienst

In der Vergangenheit seien einige russische Staatsbürger von Schmugglern für diesen Job angeworben worden, aber das seien Einzelfälle gewesen, erklärte Rechtsanwalt Giancarlo Liberati dem britischen "Guardian".

"Nach der russischen Invasion in der Ukraine und sogar einige Monate vor dem Krieg haben wir festgestellt, dass immer mehr russische Staatsbürger angeworben wurden, um diese Segelboote mit Migranten zu steuern, und ihre Beteiligung ist fast systematisch geworden."

Im Mai 2022 zerschellte ein Segelboot mit etwa 100 Migranten an Bord an einem alten Kai in Siderno, Kalabrien. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben: Es handelte sich um russische Staatsbürger, die vermutlich das Schiff gesteuert haben.

Die letzte Festnahme erfolgte im November, als drei Russen etwa 100 Migranten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak an die Küste Siziliens brachten.

Laut Wohlfahrtsverbänden behaupten die meisten der in italienischen Gefängnissen inhaftierten Russen, dass sie aus ihrem Land fliehen mussten, um dem Militärdienst zu entgehen, und dass sie sich geweigert hätten, in der Ukraine zu kämpfen.

Illegaler Transport von Asylbewerbern: Bootsführern drohen bis zu 15 Jahre Haft

Die Skipper gehen bei ihrer Arbeit ein hohes Risiko ein. Im Falle einer Verurteilung drohen ihnen bis zu 15 Jahre Gefängnis.

Sabrina Gambino, die Leiterin der sizilianischen Staatsanwaltschaft in Syrakus, sagte der britischen Zeitung, dass "ein gut organisiertes türkisches kriminelles Netzwerk, das angeblich gestohlene oder gemietete Luxusboote benutzt", hinter den Überfahrten stecke. 

"Ein russischer Staatsbürger, der in einem Gefängnis festgehalten wird, schrieb uns einen Brief, in dem er erklärte, dass er aus Russland fliehen musste, um dem Krieg zu entkommen, dass er aber zusammen mit einem anderen Flüchtling aus Russland bei seiner Ankunft als Menschenschmuggler verhaftet wurde", so Richard Braude, ein Aktivist von "Arci Porco Rosso".

Ilnar Sadrutdinov, ein russischer Staatsbürger aus der Region Tatarstan, der Anfang 2022 verhaftet wurde, weil er ein Boot mit Dutzenden von Asylbewerbern von der Türkei nach Kalabrien gesteuert hatte, erklärte in einem vor Gericht vorgelegten Verteidigungsschreiben, er habe Russland verlassen, weil er nicht zu den Waffen greifen wolle.

Trotz der Zunahme russischer Schmuggler kommen die meisten der auf dieser Route verhafteten Skipper noch immer aus Ägypten und der Türkei.

In den letzten Jahren haben NGOs und Menschenrechtsorganisationen darauf hingewiesen, dass Italien eine Politik der Kriminalisierung von Bootsfahrern betreibe und seine Gefängnisse mit unschuldigen Männern fülle, die als Sündenböcke benutzt würden.

Nach Angaben von Hilfsorganisationen handelt es sich bei den Bootsführern sehr oft selbst um Geflüchtete oder um Menschen ohne Jobalternativen, die von Schmugglern betrogen worden seien.

Quellen:Borderline EuropeArci Porco Rosso, The Guardian

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