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Geiselnahme: Urlaub in der Hölle

Siebeneinhalb Wochen waren sechs Deutsche, ein Schwede und zehn Österreicher in der Gewalt islamistischer Geiselgangster in der Sahara. Bis zu ihrer Befreiung erlebten sie Todesangst, Durst, Hunger und lähmende Ungewissheit. Drei Geiseln berichten dem stern exclusiv.

1. In der Falle

Kamele. Vielleicht 30. Die Vorderfüße sind gefesselt. Die Tiere blockieren die Piste. Das Tal von Tahaft ist eng. Die drei Geländewagen nähern sich langsam, müssen kurz stehen bleiben, fahren dann doch vorsichtig an der Herde vorbei. Ulrich Hanel wundert sich. "Wenn da Stricke sind, müssen da doch Leute sein", sagt er zu seinem Beifahrer Harald Ickler. Hanel, der ehemalige Hauptschullehrer aus Bad Staffelstein, fährt an diesem Nachmittag den dritten Wagen in der kleinen Kolonne, einen Nissan MD 22. Die anderen zwei sind in einer Kurve hinter einem Felsen verschwunden. Hanel hört Stimmen, Schreie, sieht unscharfe Gestalten, die von den schattigen Berghängen huschen. Er schließt zu den anderen Wagen auf. Und blickt in den Lauf eines Sturmgewehrs.

Sie sind aufgetaucht aus dem Nichts. Männer, etwa drei Dutzend, schwer bewaffnet, keine Chance. Sie tragen sandfarbene Umhänge, Turbane, Kampfwesten mit Munitionsmagazinen. Andreas Kiehlechner und Michaela Joubert fahren den ersten Wagen. Der Off-Road-Fan aus dem oberbayrischen Miesbach tritt aufs Gas. Der Araber vor seinem Kühler kann nicht mehr zur Seite springen, Kiehlechner fährt ihn an. Schüsse. Ohrenbetäubendes Knallen, das von den Hängen widerhallt. Der Toyota rast davon. Die Männer zerren Hanel und seinen Beifahrer Ickler aus dem Auto. Melanie Simon und Axel Mantey aus dem mittleren Wagen sitzen schon im Staub. Einer der Araber wirft ihr ein Tuch zu. Es stinkt. Ihr Freund Axel flüstert: "Leg es über den Kopf." Melanie denkt: "Scheiße, wie ist das, wenn man einen Kopfschuss bekommt?" Hanel spürt den Lauf einer Kalaschnikow im Genick. Er glaubt, dass er sterben wird. Und ist ganz klar. Er hört, dass zweimal hintereinander ein Motor abgewürgt wird. Dann rast der Land Rover davon. Die Kalaschnikow löst sich von Hanels Nacken. Vorsichtig schaut er auf, im Wagen sitzen Araber. Er weiß, sie wollen Andi kriegen.

20 Minuten später. Sie haben ihn. Seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Blut läuft über sein Gesicht. Sie haben ihn mit dem Gewehrkolben geschlagen. Michaela blutet stark am Rücken. Einer der Araber wendet sich Hanel zu und sagt auf Französisch: "Wenn es die Leber ist, sieht es schlecht aus." Der Araber zieht sich Latex-Handschuhe über und bohrt mit dem Finger in die Schusswunde. Andi zerrt an den Fesseln und schreit: "Michaela stirbt!" Melanie Simon denkt: "Halt doch die Schnauze." Die Männer führen Andi weg. Für einen kurzen Moment denkt Melanie: "Jetzt legen sie ihn um." Michaela Joubert liegt im Sand, sie ist zu schwach, um zu schreien.

Der Araber, den sie später den "Doc" nennen werden, sagt: "Sie hat keine Kugel im Leib." Er öffnet eine Tasche, holt eine Ampulle heraus, zieht eine Spritze auf und injiziert Michaela ein Antibiotikum. Er reinigt sorgfältig die Wunde, füllt sie mit Honig und verbindet sie. Hanel fragt ihn, woher er das kann. Der Doc sagt: "Ich habe zehn Jahre Erfahrung." Mit einer Schrotflinte in der Rechten tastet ein junger Araber, vielleicht 20 Jahre alt, mit der linken Hand Ulrich Hanel ab. Portemonnaie und Taschenmesser wirft er auf den Boden. Den Brustbeutel mit dem ADAC-Schutzbrief fühlt er nicht. Auch nicht die 1000 Euro, die in der Innentasche der Hose stecken. Als er in der Außentasche Papier fühlt, will er wissen, was das ist. Hanel fischt drei Blatt Klopapier heraus. Der Araber grinst.

Die Frauen rühren sie nicht an. Die Araber befehlen ihnen, die Haare zu bedecken. Im Rucksack von Melanie Simon finden sie einen langen roten Umhang. Sie soll ihn jetzt anziehen. Den Umhang von Axel Mantey muss sich die verwundete Michaela Joubert am nächsten Tag überwerfen. Die Gefangenen sitzen auf sandigem Boden und sehen zu, wie die Araber ihre Autos ausschlachten. Die Männer reißen die Kabine von Ulrich Hanels Pick-up herunter, die Spüle, die Holzkästen, den Kühlschrank. Sie durchwühlen Rucksack und Vorräte. Sie gießen die selbst gebrannte Williamsbirne aus und werfen die halbvolle Marlboro-Schachtel weg. Hanel wird von diesem Tag an nicht mehr rauchen. 20 Nikotin-Kaugummis darf er behalten. Auf die Pritsche des Wagens bauen die Araber ein Dreibein und montieren ein schweres Maschinengewehr chinesischer Fertigung.

Einer sagt: "Habt keine Angst. Wir erschießen euch nicht." Melanie Simon zittert nicht, aber sie merkt, wie langsam Wut in ihr aufsteigt. Auch Hanels Angst ist längst verflogen. Er denkt, es können keine Banditen sein. Sie sind wie uniformiert. Ihm wird klar: Die wollen was anderes. Jetzt wollen sie erst mal seine Camel-Boots, die der Junge im Rucksack gefunden hat. Er zieht sie über und gibt Hanel seine blauen Wildleder-Turnschuhe. Sie sind mit Schnüren umwickelt, die Sohle löst sich an einigen Stellen. Der Araber zeigt auf die Sandalen an Hanels Füßen: "In der Wüste trägt man Schuhe." Ein Älterer mit schwarzem Turban und Bart, er nennt sich Abdullah, sagt etwas, was wie eine politische Erklärung klingt: "Wir kämpfen gegen die algerische Regierung, weil sie alle wahren Gläubigen verfolgt." Ihre Gruppe nennt sich "GSPC". Die "Gruppe für Predigt und Kampf", behauptet er, bestehe aus zehn Einheiten mit insgesamt 500 Mudschaheddin.

Zwei Entführer steigen in den schwarzen Land Rover von Axel und fahren weg. Nach einer Stunde sind sie zurück und bringen einen gelb-orangefarbenen Iveco-Bus mit. Die Araber pferchen die sechs Deutschen in den mit Säcken beladenen Iveco. Die verletzte Michaela Joubert darf sich hinlegen. Es ist der 21. März 2003. Die Sonne geht unter. Ulrich Hanel denkt an seine Freundin und an seinen Hund in Deutschland.

2. Die Gruppe

Brot aus der Dorfbäckerei, steril verpackt, Nudeln, Zwiebeln, Fertigbratkartoffeln von Pfanni, Dosengemüse, Dosenfleisch, Instant-Kaffee, Cola, Bier, Wasser in Kanistern. Vorräte für zwei Monate, dabei soll die Tour nur vier Wochen dauern. "Doppelter Proviant, weil man ab und zu einen Tuareg einlädt", sagt Ulrich Hanel. Der Nissan ist voll. Die Truppe steht. Sie sind im Internet-Forum "Buschtaxi" zusammengekommen. Die Sehnsucht nach den Weiten der Sahara eint sie. Andi Kiehlechner, ein erfahrener Wüstenfahrer. War mindestens zehnmal in der Sahara, dreimal in Algerien. Brillanter Dünenführer, kann wie kein anderer mit der Satelliten-Navigation GPS umgehen. Sein Kumpel Harald Ickler, Schwede, schraubt auf seinem Bergbauernhof im bayrischen Miesbach an den Jeeps des Offroad-Clubs "Batzbohrer" herum. Kiehlechners Freundin Michaela Joubert, die dieses Mal unbedingt mitfahren will. Axel Mantey und Melanie Simon, er Doktorand, sie Studentin, die ein Land suchen, wo Zeit und Weite ohne Ende sind. Und Hanel, der schon 70 000 Kilometer Wüste in Marokko gefahren ist und endlich nach Algerien will. Am 1. März treffen sie sich am Kai in Genua. Die Fähre "Carthage" bringt sie nach Tunis. Am 3. März überqueren sie die algerische Grenze bei El Oued, tanken voll und fahren direkt in die Dünen, querfeldein. Für Axel ist es "aufregend, im Sand zu fahren, ohne eine Spur zu sehen".

3. Von Versteck zu Versteck

Analkarzinom, vor gut einem Jahr operiert, seitdem Probleme mit dem Schließmuskel. Ulrich Hanel steht mit den Entführern auf. Es ist noch dunkel, die anderen liegen noch in ihren Schlafsäcken. Hanel geht 20 Schritte hinter den nächsten Stein, allein. Viermal geht er jeden Morgen, um den Darm zu entleeren. Er erzählt den Entführern von seiner Krankheit. Einer sagt: "Allah hat entschieden, dass du hier bist. Du wirst es überleben oder nicht." Jede Geisel hat eine Rolle Toilettenpapier bekommen. Hanel ist sparsam, er benutzt nur drei Blätter. Die Entführer haben ihm eine einzige Unterhose zum Wechseln gelassen. Er sagt sich: "Ich muss den Ekel überwinden."

Die Entführer bauen sich auf zum Gebet. Breitbeinig, Fuß an Fuß. Einer steht nicht in der Reihe. Abdullah, der Vorbeter, ermahnt ihn. Sie wenden sich gen Mekka. Hanel hat keinen Zweifel mehr: "Das sind wirklich Glaubenskrieger. Terroristen."

Das erste Gebet vor Sonnenaufgang. Fünf Gebete am Tag. Einige haben mit Suren bespielte Kassetten. Einer wird später zu Hanel sagen: "Wenn ich mich abends an einen Baum setze, vor mir ein Wasserloch, dann schaue ich in die Sterne und schalte den Walkman ein. Ich höre den Koran, und mein Herz geht auf."

Der erste Tag in Gefangenschaft beginnt mit Marschieren. Die Araber führen sie in ein Tal. Ulrich Hanel beobachtet, wie die Entführer mit dem schwarzen Land Rover von Axel Mantey davon fahren. Melanie und Axel müssen in eine Höhle kriechen. Es ist dunkel. So dunkel, dass man nichts sehen kann. Auch nicht, ob Schlangen oder Skorpione lauern.

Der Tag in der Finsternis wird lang. Sie lenken sich ab und spielen "Wörter raten" und "Ich packe meinen Koffer". Melanie weint immer wieder. Abdullah kommt. Er sagt: "Vielleicht ist das für euch eine persönliche Katastrophe. Aber es wird nur eine kurze Phase in eurem Leben sein." Und er fügt hinzu: "Tout passe, alles geht vorüber." So auch die erste Nacht. Am nächsten Tag sind sie 14 Geiseln. Der Land Rover ist wieder da, mit ihm vier Autos aus Österreich. Als sie das Auto mit dem Bayreuther Kennzeichen gesehen hatten, waren sie stehen geblieben. Das macht man so in der Wüste, Neuigkeiten austauschen. Als sie die Turbane erkannten, sahen sie auch schon die Gewehre.

Am Abend müssen die Gefangenen wieder in die Autos kriechen. Die Fahrt geht weiter auf einer breiten Wüstenpiste. Ein Sandsturm kommt auf. Die Gruppe stoppt. Nervosität. In der Dunkelheit hat einer ein Licht gesehen. Die Araber schicken einen Späher. Er kommt zurück mit Christoph Langes und Roland Mayr. Die beiden Österreicher hatten im Sturm angehalten und wollten sich in ihrem Mitsubishi-Bus gerade ein Süppchen kochen. Die kleine Lampe im Auto hat sie verraten. Ingo Bleckmann, 60-jähriger Unternehmer aus Salzburg, malt den "worst case" aus: "Was ist, wenn unsere Regierungen sich auf nichts einlassen? Was, wenn die mit Exekutionen anfangen?" Melanie weint. Sie denkt: "Das Gequatsche von Hinrichtungen geht mir auf die Nerven."

Von nun an fahren sie Nacht für Nacht. Offenbar wissen die Entführer nicht, wo sie sich verstecken sollen. Die Nächte sind eisig. Die Geiseln frieren, werden auf den rumpeligen Pisten bis zur Erschöpfung durchgerüttelt. Tagsüber verstecken die Araber die Autos in engen Felsspalten und tarnen sie mit Akazienzweigen.

Am vierten Tag freut sich Melanie Simon, dass sie endlich ihre Zähne putzen darf. Roland, der Österreicher, hat ihr seine Zahnbürste geliehen. Sie schreibt auf fotokopierten Passseiten, die zu ihrem Tagebuch werden: "Danke, Rolli!!!" Sie bekommt ihr Waschzeug zurück. Dann wirft es ein Araber weg. Sie notiert: "Diese Arschlöcher, überfallen uns, nehmen uns als Geiseln und dann dringen sie noch in meine letzte winzige Privatsphäre ein."

Am achten Tag gibt es Gazelle. Die Entführer haben sie geschossen. Die Schüsse haben Melanie zu Tode erschreckt. Aber sie isst von dem Fleisch. Für viele wird es das Beste bleiben, was sie in den Wochen der Geiselnahme bekommen werden. Nur einmal noch wird es frisches Kamelfleisch geben.

In der Gruppe wachsen Spannungen. Axel Mantey und Ulrich Hanel streiten sich, weil Hanel sich eine Dose mit Feuchttüchern zurückgeholt hat. Aber zum Glück ist jetzt "Mister Klaus" da. Eines Morgens saß er vor ihnen. Klaus Bokelmann sagte: "So, jetzt bin ich bei euch, ist ja eine interessante Gesellschaft!" Er strahlt Ruhe aus. Der pensionierte Archäologe und Museumsdirektor aus Schleswig-Holstein spricht etwas Arabisch. Die Entführer sehen in ihm ihren Ansprechpartner. Er versteht ihre Art, sie haben Respekt vor ihm, deshalb bekommt er von ihnen den Titel "Mister". Den Mitgefangenen sagt er: "Macht euch keine Gedanken, es wird nichts passieren."

Ein Araber hat Schmerzen in den Hüften. Aber er sorgt sich mehr um die Geiseln. Zu Ulrich Hanel sagt er: "Du musst Moslem werden. Wenn du hier stirbst, kommst du nicht ins Paradies." Abdullah erzählt, dass er aus Algier stammt, sieben Kinder hat. Er ging zu den Islamisten, als die Regierung deren Wahlsieg nicht anerkannte. Er verspricht: "Eure Familie wird euch wieder in die Arme schließen."

Die Entführer wollen wissen, wie die Europäer leben. Melanie und Axel sind nicht verheiratet? Geht das? Wenn ein anderer kommt und die Frau wegnimmt? Was dann? Sie denken auch, in Deutschland sind alle reich. Hanel erzählt, "für mein Auto musste ich zehn Jahre lang sparen". Das bringt die Männer ins Grübeln.

4. Das 25-Tage-Lager

Eine Woche vor Ostern keimt Hoffnung. Mister Klaus berichtet von einem Gespräch mit den Entführern. Ob man nächste Woche vielleicht frei sei, fragte er sie, wie immer. "Inschallah", war bislang die Antwort, "so Gott will." Diesmal sagten sie, es sehe gut aus, man sei in Verhandlungen, ja, vielleicht in einer Woche. "Klar, Ostern", denkt Ulrich Hanel, "sie wissen, wir sind Christen." Die Stimmung in der Gruppe ist gut. Die Hetztour durch die Wüste scheint beendet. Die Geiseln übernachten in einer 1000 Meter tiefen Schlucht mit Höhlen an den Seiten. Die Autos haben die Entführer auf dem Hochplateau stehen gelassen. Mit Steinen eingemauert, mit Schlamm beschmiert, mit Gestrüpp getarnt.

Sie dürfen sich frei bewegen. Dürfen abends in der Schlucht spazieren gehen, zu den Wasserlöchern, dürfen baden, auch die Frauen. Wenn sie sich ausziehen, sieht der Bewacher in eine andere Richtung. Ein Araber überreicht Hanel Oleanderblüten. "Für die Frauen", sagt er. Als diese fragen, von wem der Oleander ist, deutet Hanel auf den jungen Kavalier. Der errötet.

Die Tage ohne Märsche, ohne nächtliche Autofahrten vergehen langsam. Zum Zeitvertreib basteln sich die Geiseln Mühle-Spiele aus Papier und Steinen, legen einen Stock als Sonnenuhr an den Fels. In der Höhle von Ulrich Hanel treffen sich die Hobbygourmets, Klaus Bokelmann und der Österreicher Harry Galler. Sie reden von lauwarmer geräucherter Entenbrust auf Zucchini-Carpaccio, von Ravioli, gefüllt mit Steinpilzen, von Rinderfilet, gefüllt mit Hasenfilet und Bärlauch, vorher Sherry und dazu Barolo. Stundenlang geht das so. Schwärmen hilft gegen den Hunger. Ein jüngerer Entführer, um die 30, schaut immer wieder zu einer Österreicherin hinüber. Hanel fragt: "Warum starrst du sie so an?" Er antwortet: "Sie sieht aus wie meine Mutter. Ich habe sie zehn Jahre nicht gesehen." Nichts passiert, die Hoffnung auf Befreiung ist dahin. Die Tage werden heißer und die Fliegen lästiger. Der Geruch der Menschen zieht sie an. Sie setzen sich aufs Gesicht, kriechen in die Ohren, in den Mund, in die Augen, in die Wunden. Wenn man sie erschlägt, stinkt die Hand nach Kot. Melanie und Axel bauen aus einem Stock und einer leeren Klopapier-Rolle eine Fliegenpatsche. Die Stimmung ist gereizt. "Ein Scheiß-Tag", schreibt Harald Ickler ins Tagebuch. Die Deutschen haben besprochen, wie sie ihre Erlebnisse zu Hause in Deutschland vermarkten können. Gemeinsam an die Medien gehen, den Erlös teilen, pro Autoteam ein Drittel. Ulrich Hanel streitet mit seinem Beifahrer über die Aufteilung. Er habe sein Auto verloren, die Ausrüstung, 40 000 Euro. Er müsse mehr bekommen. Es wird laut, am Abend ist der Plan begraben.

Die Vorräte gehen zu Ende. Es gibt nur noch Griesbrei. Mit Gemüse, Nudeln oder Zucker. Später nur noch mit Wasser, ohne Zucker. "Griesbrei classic" nennen sie ihn. Ein Kletterer aus Österreich sagt, er brauche mehr als die anderen, wegen der Muskeln. "Du blöder Egoist!", brüllt Hanel. Andere verweigern den Brei. Gestritten wird fast jeden Tag, und wenn es nur darum geht, dass der eine zu viel quatscht. Manchmal zieht sich Hanel auf einen einsamen Felsen zurück und weint.

Axel Mantey wird von vier Entführern zu seinem Auto geholt. Die Bremse funktioniert angeblich nicht. Er zieht Sicherungen heraus und behauptet: "Alles okay." Es ist Gebetszeit, die Entführer ziehen sich zurück und lassen ihre Kalaschnikows liegen. Axel Mantey weiß, wo der Hebel zum Entsichern ist. Es schießt ihm durch den Kopf: Vier auf einen Streich. Aber dann überlegt er: Wo sind die anderen? Was passiert mit Melanie?

Die Entführer werden nervöser. Sie sitzen jetzt oft am Funkgerät, einem hochmodernen Kurzwellengerät. Der Strom kommt aus einer Autobatterie, die mit einer Solarzelle geladen wird. Die Araber sprechen immer wieder von einem Emir. Dem Führer im Hintergrund. Gelegentlich erfahren die Geiseln von angeblichen Verhandlungen. Mehrmals in der Woche kreisen Flugzeuge und Hubschrauber über der Wüste. "Vite, vite, schnell, schnell, Camouflage, Deckung!", brüllen die Späher auf dem Hochplateau. Die Geiseln werden in die große Höhle getrieben, die "Kathedrale". Nachts, wenn sie ein Flugzeug hören, versuchen Axel und Melanie, Zeichen zu geben, mit der Taschenlampe unter dem roten Umhang. "Die müssen uns doch sehen", denkt Ulrich Hanel. In einer Neumond-Nacht rufen die Entführer zum Aufbruch.

5. Nachtmärsche

Die Wüste ist stockdunkel. Harry, der einarmige Österreicher, stürzt. Hanel stützt ihn. Er hat nur noch den Schlafsack, eine Jogginghose, eine Wasserflasche, ein Hemd, seine Diafilme und einen Waschbeutel. Die Geiseln dürfen immer weniger mitnehmen. Die Mudschaheddin sind voll bepackt, einige tragen Daunenjacken, obwohl es jetzt auch nachts in der Wüste warm ist. Wenn sie über Felsen klettern, helfen sich Geiseln und Entführer gegenseitig. Melanie notiert: "Wir sind fast auf allen Vieren gekrochen. Mein Knie fängt an, sich zu entzünden. Annemarie hat zum Heulen angefangen, weil ihre Schuhe auseinander gerissen sind." Das Weinen erbarmt die Araber. Die Geiseln dürfen schlafen. "Wenn wir ab jetzt etwas wollen: Frauen vor und weinen", flüstern sie sich zu.

Ulrich Hanel kauert sich auf dem steinigen Boden zusammen wie ein Baby. Dann liegen die Knochen nicht so hart auf. Er hat kein Fett mehr. Die rechte Seite der Hüfte schmerzt. Melanie schreibt ins Tagebuch: "Nach sechs Wochen ein neues T-Shirt von Annemarie. Ein Schock, als ich es anziehe. Ich sehe aus wie eine Magersüchtige. Keine Brust mehr, nur noch vorstehende Rippen." Hanels Hose ist zerrissen. Er will sich die rote Jogginghose überstreifen. "Nein", sagt ein Anführer. "Die ist zu auffällig." Aber nur in Unterhose herumlaufen, das gehe auch nicht. "Kannst du nähen?" - "Nein." - "Dann gib her." Zwei Stunden lang näht der Anführer einen Stofffetzen auf.

Nach vier Tagen erneut Aufbruch. Gluthitze. Die Geiseln marschieren. 30 Kilometer, sagen die Entführer. Damit der Langsamste das Tempo vorgibt, befehlen die Araber: "Die schwächste Frau nach vorn." Auch die Mudschaheddin sind am Ende ihrer Kraft. Sie sind die Temperaturen nicht gewohnt, kommen aus einer anderen Region. Jede Geisel bekommt eine Packung Orangensaft-Pulver. Mit Vitamin-C-Zusatz. Und Wasser. Hanel denkt: "Weiter, du musst überleben." Als sie in einem Wüstental ihr Lager aufschlagen, sagt ein Anführer: "Wir werden euch bald freilassen, schon aus Menschlichkeit." Schon vor Tagen hatte er erzählt, ein Vertreter aus Deutschland sei nach Algier gekommen, um gewaltsame Befreiungsaktionen zu verhindern. Axel notierte: "Da er mir sehr glaubwürdig vorkommt, steigt ein gutes Gefühl in mir auf." Es ist morgens, der 54. Tag, die Sonne brennt wieder, da hören sie das Knattern eines Hubschraubers.

6. Die Befreiung

Das Geräusch schwillt nicht ab. Als bliebe die Maschine in der Luft stehen. Ein Schuss fällt, eine Salve, oben auf dem Plateau. Keine Deckung, nur ein paar Steinbrocken. Melanie presst sich gegen einen Felsen, weint laut, zittert. Alex umklammert fest ihre Hand.

Eine halbe Stunde lang krachen die Schüsse. Zwei Hubschrauber feuern Raketen ab. Ulrich Hanel sieht, wie einer der Araber getroffen zu Boden fällt. Er hatte sehr oft mit ihm gesprochen. Hanel weint. Irgendwann ist Stille. Melanie und Axel verharren hinter ihrem Felsbrocken. Um ihre Nerven zu beruhigen, verteilen sie die letzte Dosenwurst, die eigentlich eine Notration war. Dann sieht Melanie an der Kante des Plateaus eine Gestalt gegen die Sonne, hört eine Stimme: "Militaire algerien". Sie heult so hemmungslos, dass sie kaum den Hang hinaufkommt. Alle Geiseln umarmen die 20 Soldaten. Die Entführer sind nicht mehr zu sehen. Ein Nomade in einem blauen Gewand steht bei den Soldaten. Ihr Retter. Er war den Spuren der Geiseln 15 Tage lang gefolgt, weil die Entführer eines seiner Kamele erschossen hatten.

Martin Knobbe/Kuno Kruse/ Wolfgang Metzner / print