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Allahs gefährliche Missionare: Mit der "Scharia-Polizei" durch deutsche Städte

Sie führen Jugendliche auf den Weg des radikalen Islam. Manchmal endet der im Terror. Der stern begab sich mit dem Salafisten Sven Lau, dem Erfinder der "Scharia-Polizei", auf "Streife".

Von Barbara Opitz und Jan Rosenkranz

Diese Reportage erschien erstmals in der stern-Printausgabe Nr. 44 am 23. Oktober 2014.

Ein weißes Auto nähert sich einem Kontrollpunkt in Abu Dschir im Süden Bagdads. Es ist der 19. Juli, die Luft flimmert. Das irakische Überwachungsvideo zeigt, wie ein Soldat die Straße überquert, Autos und Busse in Schlangen. Plötzlich vibriert das Bild, eine stumme Wolke aus Trümmern und Rauch. 54 Menschen sterben in dieser Sekunde. Auch Ahmet, 21, der Junge aus einem kleinen Ort bei Wuppertal, der Fahrer.

"Vergib mir, Bruder", hatte Ahmet gesagt und Yildiz* lange umarmt. Das war vor gut drei Monaten. Die beiden Freunde standen im Eingang eines schäbigen Zweckbaus in einem Hinterhof in Wuppertal. Im zweiten Stock liegt ihre Moschee Darul Arqam. "Vergib mir, Bruder." Dann war Ahmet gegangen. Erst später war es Yildiz merkwürdig erschienen. Als Ahmet wirklich nicht mehr kam. Als Ahmets Onkel eines Tages die Treppe zur Moschee hochstürmte, als er schrie: "Wo ist er? Was habt ihr mit ihm gemacht?" Angeblich sei Yildiz da erst klar geworden, wohin Ahmet verschwunden war. Da sei ihm auch wieder eingefallen, dass Ahmet in den Wochen davor so viel inniger gebetet hatte. Dass er dabei Tränen in den Augen hatte.

"Er ist ein guter Bruder", sagt Yildiz, als lebe der noch. "Ich muss lächeln, wenn ich an ihn denke." Yildiz ist 27, langer Bart, Pluderhose, seine Eltern kommen aus der Türkei. Er studiert Wirtschaftsinformatik und jobbt in der Gepäckabfertigung am Flughafen Düsseldorf. Mehrmals die Woche kommt er in diese Moschee, um zu beten und seine Freunde zu treffen.

Erst kommen die Gewänder, dann der Tod

Yildiz ist einer von bundesweit etwa 6000 Salafisten, fanatischen Muslimen, die den Koran wörtlich nehmen und keine andere Auslegung der heiligen Schrift dulden als die ihre; Fundamentalisten, die streng nach den Regeln und Gebräuchen der "Salaf" leben, der Altvorderen und Gefährten des Propheten Mohammed. Alles Westliche lehnen sie als nicht muslimisch ab: von Popmusik bis zur Demokratie.

Ahmet war einer von mehr als 450 Extremisten aus Deutschland, die sich den Truppen des sogenannten Islamischen Staats angeschlossen haben. Einer von mindestens sieben jungen Männern, deren Dschihad im Selbstmordanschlag gipfelte. Er war erst zwei Wochen beim IS, als sie ihn in den weißen Wagen setzten. Ahmet, der sich den Kampfnamen Abu al-Qa’qaa al-Almani, der Deutsche, gab, 21 Jahre alt, aus Wuppertal. Irgendwann hatte er aufgehört mit Fußball und Mädchen. Irgendwann trug er die langen Gewänder. Jetzt ist er tot.

Verfassungsschutz beobachtet 1000 Salafisten

Ahmet und Yildiz, zwei deutsche Salafisten aus derselben deutschen Moschee, aus derselben Szene. Es ist eine Szene, in der alle Grenzen verschwimmen, in der puristische Salafisten neben politischen Salafisten beten und politische neben gewaltbereiten, in der alle irgendwie Brüder sind, einig im Glauben an einen islamischen Staat. Die meisten gehen dafür den Weg der "Da’wa", womit sie aggressive Missionierung meinen. Doch eine wachsende Zahl wählt den Abzweig zum militanten Dschihad. Sie sind der Albtraum deutscher Sicherheitsbehörden.

Der Verfassungsschutz beobachtet etwa 1000 Salafisten, einige Dutzend stuft er als "Gefährder" ein - bereit, auch in Deutschland Anschläge zu verüben. Zwar wird nicht jeder Salafist zwangsläufig Terrorist, aber praktisch alle deutschen Dschihadisten hatten engen Kontakt zu salafistischen Kreisen, bevor sie aufbrachen in die Terrorcamps nach Waziristan oder zu den IS-Milizen in Syrien, bevor sie Bomben bauten wie die Sauerland-Gruppe oder selbst zu Bomben wurden - wie Ahmet.

"Scharia-Polizei" in Wuppertal

Wuppertal, 340.000 Einwohner, bekannt für Schwebebahn und Haushaltslöcher - und in jüngster Zeit auch für seine eng vernetzte Radikalenszene. Auch Yildiz war dabei, als der Prediger Abu Adam, bürgerlich Sven Lau, vor einigen Wochen mit einer Handvoll Gleichgesinnter, in gelbe Warnwesten gekleidet, als "Scharia-Polizei" durch die Innenstadt zog. Das Land geriet darüber in kurzzeitigen Aufruhr: Sind diese Männer gefährlich oder doch nur Jungs, die sich wichtig machen?

Lau ist eine Art kleiner Bruder von Pierre Vogel, der sich Abu Hamza nennt, dem Star der deutschen Salafisten-Prediger. Die Moschee, in der Lau zweimal pro Woche predigt und in die auch Yildiz beten geht und Ahmet beten ging, ist einer der neuen Treffpunkte radikaler Muslime, die in vielen Moscheen längst nicht mehr gern gesehen werden. Prediger und Anhänger aus der ganzen Republik biegen ab auf den Hof, wo, von Mülltonnen verdeckt, die Tür ist mit dem Schild "Masjid Darul Arqam".

Nach der Untersuchungshaft vor fünf Monaten wurde Sven Lau hier von seinen Brüdern begeistert in Empfang genommen. Lau soll Dritte angestiftet haben, Geld und Fahrzeuge für den IS nach Syrien gebracht zu haben. Die Anklage wurde fallen gelassen. Doch es hält sich der Verdacht, Lau habe Ausreisewillige an Kontaktleute des IS vermittelt. Für seine Anhänger nur ein weiterer Beleg für die Verfolgung der Muslime. "Lügner, Islamhasser, Kuffar-Medien!", tönt es in den Kommentaren seiner Facebook-Seite. Kuffar, das sind die Ungläubigen.

Es dämmert bereits. Der Arabischunterricht im ersten Stock ist noch nicht beendet, danach wollen sie wieder losziehen: Da’wa machen, missionieren. Da’wa heißt "Aufruf". Zwei Männer stehen vor dem Gebäude. Abu Adam sei gleich so weit, sagt einer, der sich Isa nennt. Sie üben sich in Small Talk. Wie schwer es für bärtige Männer sei, Räume zu mieten. Wie unterschiedlich die Menschen seien, die den Weg hierher gefunden hätten. "Wir sind alle Brüder im Glauben. Chalid zum Beispiel", sagt Isa und zeigt auf seinen Kumpel, "der ist ganz neu dabei, ist bei Pierre Vogel konvertiert – mitten auf der Bühne."

Im Sommer ist Pierre Vogel wie ein Wanderprediger durch die Republik gezogen. "Eroberungsfeldzug der Herzen" nannte er seine Tournee. Da’wa machen. Auf einem der Videos, die davon im Netz kursieren, erkennt man Chalid. "Ist noch jemand hier, der den Islam annehmen will?", ruft Vogel in die Menge in der Dortmunder Innenstadt. "Wollt ihr ein neues Leben beginnen? Wenn ja, werden euch alle inscha’ Allah Sünden vergeben!" Dann sprechen sie das Glaubensbekenntnis. Es wird umarmt und gejubelt und "Allahu akbar" gerufen, Gott ist größer.

Früher sei er ein Hells Angel gewesen, sagt Chalid. Die Tattoos auf seinen Armen "gehören zu meinem alten Leben", heute sehe er sie als Sünde an. Brüderlichkeit habe es bei den Hells Angels auch gegeben, aber das hier sei eine ganz andere Nummer. "Es ist so wunderbar, so einfach, nur die Regeln von Allah zu befolgen. Ich muss nicht entscheiden, was richtig und falsch ist. Das macht allein Allah", sagt Chalid. Auch Isa war früher bei den Hells Angels. Heute ist er im Vorstand der Moschee, wo ein weiterer Rocker sitzt: ein Konvertit, der früher bei den Bandidos war, den Erzfeinden der Hells Angels. "Mit Allah ist so was möglich", sagt Isa. "Wir lieben uns."

Instabile Persönlichkeiten auf der Suche nach der Vaterfigur

Es sind neu erweckte Muslime, Konvertiten, Migrantenkinder und Menschen, die ihr altes, nicht selten kriminelles Leben hinter sich lassen wollen. Männer, die sich plötzlich Bärte stehen lassen und ihr einseitiges Wissen über den Islam damit bekräftigen, dass sie arabische Floskeln in ihre Sätze flechten: Alhamdulillah (Dank sei Gott) oder inscha’ Allah (So Gott will).

"Die meisten jungen Menschen, die bei den Salafisten landen", sagt der palästinensisch-israelische Psychologe und Islamismusexperte Ahmad Mansour, "haben instabile Persönlichkeiten, sie sind auf der Suche nach Sicherheit, Orientierung und Halt." In der Gruppe erhalten sie einfache Antworten auf schwierige Sinnfragen, ein klares Weltbild, eine strenge Alltagsstruktur - und Anerkennung.

Als Jugendlicher war Mansour selbst auf dem Weg in den Extremismus, heute arbeitet er für die Berliner Beratungsstelle Hayat, die Eltern begleitet, deren Kinder sich radikalisiert haben. Ein Motiv ist ihm dabei immer wieder begegnet: die Sehnsucht nach einer starken Vaterfigur. "Das kann der charismatische Führer, der autoritäre Gelehrte sein oder im übertragenen Sinne der allmächtige Allah, der befiehlt, bestraft und keine Zweifel zulässt", sagt Mansour. Wer so denkt, ist bei Prediger Lau an der richtigen Stelle. Er sagt Sätze wie diese: "Unsere Aufgabe ist es, Allah blind zu gehorchen", denn "kein Mensch kann sein Gesetz über das von Allah stellen" - und das sei nun mal die Scharia.

Scharia über die barmherzige Schiene

Der Arabischunterricht in der Darul-Arqam-Moschee ist beendet. Im Flur stehen Schuhe und Taschen, in der Küche stapeln sich Plastikgeschirr und Schwarzkümmel-Cola-Dosen. Mittendrin Sven Lau, 34, der Erfinder der "Scharia-Polizei", langer rötlicher Bart, die Hose endet vorschriftsmäßig oberhalb der Knöchel. Der Prediger entschuldigt sich höflich für die Verspätung, die Männer müssten noch beten. Danach könne es losgehen, Da’wa machen, patrouillieren, "mahnen".

Auf dem Tisch liegt ein Magazin. Sven Lau auf dem Titel, Überschrift: "Staatsfeind Nr. 1". Der Artikel hat in den Foren der Szene für Wut gesorgt. "Kuffar-Medien!", hieß es wieder. Lau sagt, er wolle dazu gleich etwas klarstellen: 1. Unsachlich. 2. Er sei kein Staatsfeind. 3. Er rufe nicht zu Straftaten auf und vermittle 4. auch keine Brüder an den IS. Bevor die Behörden seinen Reisepass eingezogen hätten, sei er zwar selbst dreimal in Syrien gewesen, doch 5. stets nur zu "humanitären Zwecken".

Man spürt seine Vorsicht. Er wägt jedes Wort, bevor er spricht. Er weiß, dass er seit etwa zehn Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird, seit einiger Zeit rund um die Uhr. Er kennt ihre Autos und manche Gesichter, er weiß, dass sie jede Bewegung registrieren. Die Sache mit der "Scharia-Polizei" hat er sich trotzdem getraut. Es sollte eine einmalige Provokation bleiben. 4500 Mails habe er an einem Tag erhalten, von Treueschwüren bis zu Morddrohungen. Das Wort "Polizei" sei unpassend gewesen, so viel gibt er zu, darum hätten sie ihre Aktion nun umbenannt in "Wir vermissen dich".

"Wir wollen jetzt eher über die barmherzige Schiene kommen", sagt Lau. Abtrünnige Muslime, die ihren Glauben nicht richtig leben, auf den Pfad der Tugend führen. Lau sagt, er wäre froh gewesen, wenn Ende der 1990er, als er frisch konvertiert und "noch hin- und hergerissen war zwischen Disco oder nicht Disco", jemand aufgetaucht wäre, der ihn daran erinnert hätte, dass Alkohol "haram", also verboten sei, wie Popmusik und Sex vor der Ehe. Ihm hätte das geholfen.

"Eroberungsfeldzug der Herzen"

Mehrmals sind sie in den vergangenen Wochen unterwegs gewesen, in Wuppertal, Düsseldorf oder Krefeld. Heute ist Köln ihr Ziel. Es ist längst dunkel, als sich die beiden Autos endlich in Bewegung setzen. Es geht in Richtung Ausgehmeile Kölner Ring – mit Umweg über Düsseldorf, wo Lau, Vater von fünf Kindern, seinen Jüngsten absetzen muss, den er ab und an mit in die Moschee nimmt. Es ist nicht mehr viel los auf dem Ring an diesem Dienstagabend um halb zwölf. Lau, Isa und Yildiz schlendern an den Bars und Cafés vorbei, die noch geöffnet haben, sie passieren eine Shisha-Bar und ein paar Raucher, die vor einer Kneipe stehen. Sie sprechen niemanden an - und fallen dennoch auf: irritierte Blicke, leises Flüstern. "Siehst du, wir brauchen gar keine Westen mehr", sagt Lau, "wir werden auch so erkannt."

Es ist spektakulär unspektakulär. Kein Vergleich zum "Eroberungsfeldzug der Herzen" eines Pierre Vogel. Vogel, 36, ein bulliger Rheinländer, der früher mal Boxer war, hätte auch Karriere als Stand-up-Comedian machen können. Er ist witzig, charismatisch und hört sich gern reden. Lau und er treten öfter zusammen auf, sie predigen, halten Vorträge oder geben Islamseminare. Lau gibt sich eher schüchtern, spricht leise, aber eindringlich. Vogel gibt den arabischsprechenden Gelehrten, zitiert unentwegt den Koran im Original, mit ausladenden Gesten. Sie nehmen Videobotschaften auf, die sie per Facebook verbreiten. Darunter finden sich Kommentare wie: "Pierre Vogel, ich mag deine Art, du bist so gemütlich" oder "Abu Adam sah heute mal wieder sehr gut aus.“

Es sind viele Hunderte meist junge Menschen, die so zu ihnen finden. Deutsche Konvertiten, die türkische oder arabische Predigten, wie sie in den allermeisten Moscheen gehalten werden, ohnehin nicht verstünden. Muslime, die mit den traditionellen Imamen nichts anzufangen wissen. Migrantenkinder, die den Glauben ihrer Eltern bald als "Euro-Fake-Islam" verlachen. Es ist eine Marktlücke in der religiösen Branche, in der sich Salafisten wie Lau und Vogel breitgemacht haben. Für Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Religionslehrerin in Dinslaken im Ruhrgebiet, sind diese Prediger "geistige Brandstifter". Mit ihrer manipulativen Art und ihrem auf Freund und Feind zugeschnittenen Weltbild schafften sie den Nährboden für die Radikalisierung. In einschlägigen Internetforen schaukelten sich die Angefixten dann stetig hoch - aus Argwohn wird Wut, wird Hass, wird Tatendrang.

Kaddor hat einige der Jungen unterrichtet, die später als "Lohberger Gruppe" von Dinslaken in den Dschihad aufgebrochen sind. Sie weiß, "wenn die einmal infiziert sind, gibt es kein Zurück". An ihrer Schule hat Kaddor festgestellt, dass sich eine echte Jugendkultur herausbilde, "wie früher die Punks oder Skinheads". Die Mode der Salafisten, "diese islamisierten Adidas-T-Shirts", seien unter ihrer Schülern "in".

Islamisches Kalifat auf der ganzen Welt

Sven Lau sagt, es sei auch die Radikalität, die Jugendliche anziehe. Wären sie die lieben Prediger, würde niemand sie beachten. "Guck doch mal, wer in den Ghettos das Sagen hat", betont Lau. "Es sind die harten Jungs. Insofern tun uns die Medien einen Gefallen, wenn sie uns so darstellen, wie sie uns darstellen." Lau und seine Wuppertaler Tugendwächter sind müde. Letzte Station: Dönerbude. Der Mann sagt: "Ich bin stolz auf dich, Bruder!" und nimmt ihn in den Arm. Zwei türkische Pizzen, drei Hähnchendöner, genug Da’wa für heute. Warum das Ganze? "Um die Wahrheit zu verkünden", sagt Yildiz. "Wer Allah nicht dient, kommt in die Hölle", sagt Isa. Was ist mit Ahmet? Schweigen. Wie stehen sie zur IS? Zögern. "Keine Ahnung mehr, was da unten abgeht", sagt Yildiz. "Journalisten töten, das ist haram." Was ist das Ziel? Die Scharia, ein Kalifat in Syrien? Lau sagt: "Das Ziel aller Muslime ist das Kalifat auf der ganzen Welt."

Morgen wollen sie wieder Da’wa machen und übermorgen, wie die vielen anderen Brüder in der Republik. So viele Muslime wie möglich sollen es werden. Die meisten von denen, so hoffen sie, werden dann auch Da’wa machen. Über Facebook, Twitter, auf Benefizveranstaltungen für Syrien, organisiert von Vereinen wie "Helfen in Not". Sie werben auf der Straße, vor Schulen und auf Fußballplätzen. Vor einiger Zeit sprachen Salafisten in Berlin Neukölln junge Kicker an: "Wir machen ein Spiel. Wenn ihr gewinnt, hauen wir ab. Wenn wir gewinnen, kommt ihr mit in unsere Moschee."

Sie werben, sie locken, sie schmeicheln - und sie verschenken tausendfach den Koran. Jeden Samstag stehen Salafisten in den Fußgängerzonen von Hamburg bis Nürnberg, in 30 deutschen Städten bauen sie ihre Klapptische und Stellwände auf, mit dem Ziel, irgendwann 25 Millionen Korane unter die Ungläubigen gebracht zu haben. Diese Art der islamistischen Promotion wird organisiert von dem Verein "Die wahre Religion" um den ultraradikalen Prediger Ibrahim Abou-Nagie. Abou- Nagie steht in Verdacht, enge Kontakte ins Terrormilieu zu unterhalten, er soll in Verbindung gestanden haben mit den Bonner Kofferbombern und dem Attentäter, der 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss. Auch in Wuppertal lässt Abou-Nagie regelmäßig Korane verteilen. In einem Video aus dem Frühjahr 2014, das sich auf seiner Webseite findet, sind auch Isa, Chalid und Yildiz an einem "Lies!"-Stand zu erkennen. Und noch einer ist dabei: Ahmet aus Ennepetal.

Vom romantischen Dschihad "turboradikalisiert"

Ein geschenkter Koran macht niemanden zum Attentäter, doch die Salafisten verfolgen eine Strategie, die der Verfassungsschutz mit Sorge beobachtet: An den Ständen entstehe ein Kontakt, der nie mehr abreißen soll. Interessierte würden eingeladen, man treffe sich, spreche über den Sinn des Lebens, treffe sich öfter, werde erst zum Freund und dann zum Bruder. Die Dosis werde so lange erhöht, bis die "totale Nicht-Integration" erreicht sei. Man missioniert, betet, chillt und grillt – bis alle Beziehungen außerhalb der Gruppe veröden. Im Deutsch der Verfassungsschützer heißt das: "Kontaktaufnahme mit anschließender Freundeskreisverengung".

Mit wachsender Sorge beobachten Behörden zudem eine neue Tendenz: die "Turboradikalisierung". Bislang habe es im Schnitt zwei Jahre gebraucht, bis aus einem unauffälligen Jugendlichen ein gewaltbereiter Islamist geworden sei. Seit Beginn der Kämpfe in Syrien und im Irak reichen oft nur Monate. "Die sind angebrütet und kriegen jetzt mithilfe der IS-Propaganda den letzten Schliff", sagt ein hoher Verfassungsschutzbeamter.

Dafür pumpen professionelle IS-Medienagenturen ihre Propaganda ins Internet. Vor allem Videos, die in die Herzen junger Radikaler zielen. Sie zeigen Tod und Leid der Brüder und Schwestern, angebliche Verbrechen der Kuffar. Jeeps donnern durch die Wüste, schwarze IS-Fahnen flattern über wilden Gefechten. Die Filme zeigen die romantische Seite des Dschihad, erschöpft lächelnde Krieger, die sich nach siegreicher Schlacht in klaren Bächen erfrischen. In den Kommentarspalten darunter tobt der Hass. Enthauptungen werden bejubelt und Terroranschläge prophezeit.

Im Netz tobt "Social-Dschihad"

Das Internet verbrüdert die Radikalen in aller Welt. Auch die deutschen IS-Kämpfer sind via Facebook, Twitter und Whatsapp mit der heimischen Szene verbunden. Aus ihren "Save-Häusern" am Rande der Kampfzonen posten Männer wie der Ex-Rapper Denis Cuspert ihre Nachrichten und Videobotschaften – und rufen die Brüder auf, ihnen zu folgen. Diesen "Social-Dschihad" halten Experten für erschreckend wirksam. Er kann den letzten Impuls dazu geben, in ein Flugzeug zu steigen nach Istanbul und weiter in die grenznahen Städte Urfa oder Gaziantep, in denen es einen Shuttleservice gibt zur Grenze, wo Schleuser auf den Nachschub warten. Es ist der Weg, den vermutlich auch Ahmet genommen hat.

"Wer dort runterwill, braucht keine Vermittler", sagt Yildiz. Würde auch er gehen? Er hätte jedenfalls keine Angst davor, sagt er. Es mangelt ihm nicht an Wut, man spürt es, wenn er von Syrien spricht, vom verhassten Assad, von Palästina, dem Irak und dem "heuchlerischen" Amerika. Etwas anderes hält ihn zurück: Er steigt einfach nicht mehr durch. Wer kämpft dort gegen wen? Wieso töten Muslime Muslime? Er fragt sich, was gut ist und was schlecht, wohin Allah ihn leiten will. Vorerst hat Yildiz eine Antwort gefunden: "Was ich hier mache, Da’wa, das ist genauso wichtig für unsere Sache."

Hätte er Ahmet aufgehalten, wenn er gewusst hätte, was er plant? "Selbst wenn, du kannst niemanden aufhalten, der kämpfen will."