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Simon Kremer – Lost in Nahost: Hussein hatte ihn, Gaddafi auch, Arafat sowieso – was fast alle Herrscher in Nahost vereint

Im Sudan und in Algerien haben wochenlange Massenproteste zum Sturz von zwei langjährigen Herrschern geführt. Ein "Arabischer Frühling 2.0"? Vielleicht. Eine Sache ändert sich bei den Regierenden in Nahost aber eigentlich nie.

Von Simon Kremer

Lost in Nahost: Der frühere irakische Diktator Saddam Hussein mit Bart

Mit Schnauzer: Der frühere irakische Diktator Saddam Hussein († 2006) stand unter den Herrschern in Nahost mit Bart bei weitem nicht alleine da

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Ich mache mir nicht wirklich viel aus Mode. Als in Berlin alle jungen Männer plötzlich angefangen haben, ihre Bärte auf die Länge der Bärte von Holzfällern – oder Salafisten (der Bart muss so lang sein, dass man ihn mit der Faust umfassen kann – die Übergänge sind da faconschnittmäßig) – wachsen zu lassen, habe ich meinen leichten Drei-Tage-Bart weiter mit Stolz getragen. Mehr wäre halt auch einfach nicht drin gewesen. 

Als jetzt aber im Sudan und in Algerien wochenlange Massenproteste zum Sturz von langjährigen Herrschern geführt haben, da ist es mir wie Schuppen von der Kopfhaut gerieselt: Um in der Arabischen Welt länger als zehn Jahre an der Macht zu bleiben, muss man einen Schnauzer tragen. Echt jetzt.

Es gibt ein schönes Bild aus dem Jahr 2010, als noch keiner vom "Arabischen Frühling" gesprochen hat. Der Gipfel der Arabischen Liga in Libyen. Die Herrscher der Arabischen Welt treffen sich auf Einladung von Diktator Muammar al Gaddafi in Libyen – da wo jetzt inzwischen auch wieder Krieg ist. Und am auffälligsten ist: Nur drei von 18 abgebildeten Herrschern stehen oben ohne da. Ohne Schnauzer auf der Oberlippe. Und auch die sind heute nicht mehr an der Macht. 

Ich gehe also zum Barbier meines Vertrauens, um mich mal wieder nackig zu machen – und um der Frage nach dem Schnauzer auf den Grund zu gehen. Monsieur Ali sitzt auf einem seiner Frisierstühle mit dem aufgeplatzten, braunen Leder, und guckt auf dem Röhrenfernseher an der Wand eine Talkshow. Er sitzt da, wie vor 60 Jahren, als er mit dem Beruf angefangen haben muss: Im weißen Kittel wie beim Arzt, der Schnurri inzwischen genau so weiß. 

Nahost: Wer herrschen will, muss Bart tragen

Ich mag Monsieur Ali. Nicht, weil er besonders schnell wäre, oder weil er inzwischen die Zigarette auch mal aus dem Mund legt und mir nicht mehr auf die Schulter ascht, wenn er mir die Haare schneidet. Auch nicht, weil der Haarschnitt bei ihm nur drei Euro kostet (und nicht so aussieht). Nein, bei Monsieur Ali spürt man noch in jedem Handgriff eine gewisse Art Würde und einen Stolz auf sein Handwerk, das er auch so versteht. Und mit dem Rasieren hat er es inzwischen bei mir auch eingesehen, dass ich mir keinen Schnurrbart stehen lassen werde. 

"Die Jugend", sagt Monsieur Ali. "Ein echter Mann muss doch Bart tragen." Das zeuge von Kraft. Die ganzen großen Staatenlenker, alle hätten sie einen Bart getragen. Bevor er jetzt noch sagen kann: "Euer Hitler doch auch. Guter Mann, ich mag ihn", so wie Monsieur Ali es schafft, "unseren" Diktator in jedem Gespräch unterzubringen, stimme ich ihm einfach zu. Diskussionswiderstand ist zwecklos. Beim Barte des Propheten … Später lese ich, dass es inzwischen in der Türkei Haartransplantationen für Männer gibt: Auf die Oberlippe. 

Gut, dass ich also offenbar noch zur Jugend zähle. Denn hinter dem Schnurrbart steht auch ein entsprechendes Männlichkeitsbild – nicht nur in der Arabischen Welt: Kaiser Wilhelm, Borat, Schimanski. Klar gibt es auch die Revolutionäre mit Bart, der ist aber meist wild und ungezähmt. Ein Schnurrbart sagt: Hier ist alles in absoluter Ordnung. Diese Linie wird nicht überschritten. Auch dagegen richten sich jetzt die ganzen Demonstrationen hier in der Arabischen Welt wieder – denn seien wir mal ehrlich: Wirklich geändert hat sich hier an der Situation von vielen jungen Menschen in den letzten acht Jahren nichts. 

Wie bei den Hipstern in Berlin. Die sind ja auch noch da. Wobei ich den Eindruck habe, dass auch deren Zeit inzwischen zu Ende geht. Neulich habe ich zwei Freunde getroffen, die mir ganz stolz ihre neuen Bärte gezeigt haben: Schnauzer. Alles kommt zurück. Vielleicht hab ich aber auch einfach nur seltsame Freunde. 

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wue