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stern-Spezial zum Jahrestag

Gladbecker Geiseldrama: Freundin bezweifelt offizielle Version zum Tod Silke Bischoffs

Ines Voitle war in Gladbeck 1988 eine der Geiseln. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen Polizei, Sicherheitsbehörden und Medien – und hat eine Theorie zum Tod ihrer Freundin Silke Bischoff.

Ein historisches Foto von der Geiselnahme in Gladbeck vom 17. August 1988

Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l.) und Hans-Jürgen Rösner stehen mit den Geiseln in dem in Bremen gekaperten Linienbus (Archivfoto vom 17.08.1988). Vorne sitzt die später getötete Geisel Silke Bischoff (hinter der Haltestange), rechts Ines Voitle.

DPA

Das Geiseldrama von Gladbeck jährt sich in diesen Tagen zum 30. Mal. Für die Menschen, die damals von dem Verbrechen betroffen waren, sind die Erinnerungen noch immer frisch. So erhebt die damalige Geisel Ines Voitle schwere Vorwürfe gegen Polizei, Sicherheitsbehörden und Medien. "Keine Zugriffe beim Einkaufen, beim Essengehen. Dann immer wieder die Frage, welche Polizei jetzt zuständig ist - das Nicht-miteinander-Kooperieren", sagte Ines Voitle, deren Freundin Silke Bischoff bei dem Geiseldrama ums Leben kam, in einem Interview mit den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND).

Mehr als 19 Stunden befand sich Voitle in der Gewalt der Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Am 18. August 1988 überlebte sie, getroffen von einer Polizeikugel, leicht verletzt die Befreiungsaktion eines Sondereinsatzkommandos auf der Autobahn 3 zwischen Köln und Frankfurt. Bei dem Zugriff starb ihre Freundin.

"Die Polizei hat Silke erschossen"

Im späteren Prozess wurde der Geiselnehmer Rösner für den tödlichen Schuss zur Verantwortung gezogen. Voitle sagte nun dem RND: "Ich glaube daran nicht. Er hätte es nicht gewagt, Silke zu erschießen. Die Polizei hat Silke erschossen." Es sei wie bei ihr "eine Kugel von draußen" gewesen. Voitle widerspricht damit Gutachten, die nach der Tat ergaben, dass Silke Bischoff durch eine Kugel aus Rösners Waffe gestorben ist.

Die Polizei habe sich bis heute nicht bei ihr entschuldigt, klagte die Gladbeck-Geisel in dem Interview. "Das kommt jetzt noch. Der Bremer Senat trifft sich mit mir und will wissen, wie es mir geht. Besser spät als nie."

Die Eindrücke von damals verfolgten sie bis heute, sagte Voitle. "Die Bilder und Fotos, die im Umlauf waren, Gerüche von Schweiß, Blut und Urin, die ich aus dem Bus kannte - das alles lässt mich heute noch erschaudern und versetzt mich immer noch in Panik", sagte Voitle dem RND. "Und die Schüsse klingen immer noch im Ohr. Silvester war lange Zeit die Hölle für mich."

Schwere Fehler wirft die ehemalige Geisel auch den Medien vor. "Die Menschenwürde war nicht mehr da. Sie waren alle sensationsgeil", sagte Voitle. Sie habe sich wie "Schlachtvieh" gefühlt.

Gladbeck: Geiseldrama begann am 16. August 1988

Das Geiseldrama von Gladbeck begann am 16. August 1988 mit einem Überfall auf eine Filiale der Deutschen Bank im Gladbecker Stadtteil Rentfort-Nord. Insgesamt 54 Stunden flohen die Gangster mit Geiseln quer durch Deutschland und die Niederlande. Zwischenzeitlich brachten sie in Bremen einen voll besetzten Bus in ihre Gewalt, unter den Insassen Ines Voitle und Silke Bischoff. Am Ende starben drei Menschen.

anb / AFP