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Von der Spionin zur Friedensaktivistin: Ex-CIA-Agentin Amaryllis Fox: So sah mein Leben undercover aus

Sie hat Terroristen verhört und weiß, wie man sich selbst tötet, falls man dem Feind in die Hände fällt. Heute arbeitet die ehemalige CIA-Agentin als Friedensaktivistin. 

Von Jens König

Amaryllis Fox

Amaryllis Fox, 39, vor ihrem Haus im Laurel Canyon in Hollywood. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann Robert F. Kennedy III

Als der Terror das erste Mal ihr Leben traf, war Amaryllis Fox acht Jahre alt. Einen Tag nach Weihnachten nahm ihre Mutter sie beiseite und sagte ihr, dass ihre Freundin Laura tot sei, auf dem Weg nach Hause in die USA mit der gesamten Familie bei einem Pan-Am-Flug ums Leben gekommen, von libyschen Terroristen über dem schottischen Lockerbie in die Luft gesprengt. Ihr Vater brachte ihr daraufhin bei, die Londoner "Times" zu lesen. Sie würde sich weniger fürchten, sagte er, wenn sie be­greife, welche Macht ihre Freundin Laura geholt habe. 

Wrackteil der Pan Am 747

Einwohner von Lockerbie vor einem Wrackteil der Pan Am 747

Beim zweiten Mal konnte Amaryllis Fox immer noch nicht fassen, was passierte. Sie studierte Internationales Recht in Oxford und war während der Semesterferien in Washington, als sie im Fernsehen sah, wie zwei Flugzeuge ins World Trade Center in New York krachten. Kurz darauf schoss ein weiteres Flugzeug ins Pentagon, ganz in der Nähe ihres Elternhauses, wo sie gerade war. Der Himmel über dem Potomac färbte sich schwarz. Sie raste mit ihrer Mutter im Jeep zu ihren beiden jüngeren Schwestern, ­deren Schule evakuiert wurde. Im Auto­radio hieß es, Amerika befinde sich im Krieg.

Am nächsten Tag fuhr sie mit einer Freundin nach New York, es war reiner Instinkt, sie wollten einfach helfen, irgend­etwas tun. Die Straßen in Manhattan waren grau vom Staub, wie auf den Bildern von Hiroshima in den Geschichtsbüchern in der Schule. An jeder Wand, an jedem Laternenpfahl hingen Suchanzeigen. Einige Blocks vom Ground Zero entfernt waren die Straßen gesperrt. An einer Stelle, wo Wasser verteilt wurde, halfen die beiden, Flaschen auszupacken. 

Die Ruine des World Trade Center

Die Ruine des World Trade Center

Amaryllis Fox konnte damals noch nicht wissen, dass der Terror fortan ihr Leben ­bestimmen würde. Als sie einige Monate später an ihre Universität nach Oxford zurückgekehrt war, wurde Daniel Pearl in Karatschi entführt. Der Journalist vom "Wall Street Journal" war einer ihrer schreibenden Helden. Sie hatte ihn in Washington kennengelernt und sich von ihm Tipps für ihre ersten Texte geben lassen. Pearl war inzwischen Korrespondent in Südostasien und hatte in Pakistan die Geschichte eines Terror-Attentäters recherchiert. Dabei war er von einer Al-Qaida-Gruppe gekidnappt worden. Fox sah in den Zeitungen Fotos, auf denen ihr Freund Danny in Ketten und mit einer auf seinen Kopf gerichteten Pistole zu sehen war. Sie bangte um sein Leben. Vier Wochen nach den ersten Bildern, sie saß in der schmuddeligen Kellerbar ihres Colleges, las sie im Lauftext eines alten Fernsehers die Nachricht, dass Daniel Pearl enthauptet worden war. In den Tagen danach sah sie überall Auszüge des Videos, in dem die Terroristen zeigten, wie sie seinen Kopf abschnitten.

"Du kannst deinen Feind nicht besiegen, ohne ihn zu verstehen"

Amaryllis Fox war 21 Jahre alt, eine junge, idealistische Frau, die es mit der Angst zu tun bekam, die verzweifelt zu verstehen versuchte, was da gerade vor sich ging. Die nach einigem Nachdenken erkannte, dass sie sich vor der Welt nicht verstecken und ihre Angst erst besiegen kann, wenn sie den Dingen um sie herum auf den Grund geht, wenn sie begreift, warum sie geschehen. Sie gab ihrem ­Leben eine Richtung.

Fox begann ein Masterstudium in ­ Konflikt- und Terrorismusforschung in ­Washington. Sammelte Daten aus 200 Jahren über jeden Terrorangriff auf der Welt und suchte darin nach Mustern. Entwickelte einen Algorithmus, mit dem man die Wahrscheinlichkeit von Terrorangriffen in bestimmten Regionen voraussagen kann. Sie weckte das Interesse eines Geheimdienstoffiziers an der Uni und bekam mit 22 ihr erstes Jobangebot: Sie wurde Analystin bei der CIA. Eine der jüngsten weiblichen Offiziere.

Sie war so gut, dass sie kurze Zeit später das Training für den "Clandestine Service" durchlief – eine Eliteausbildung auf einem streng geheimen Militärstützpunkt, der "Farm". Sie lernte, wie man Terroristen jagt, Folter übersteht, sich trotz Handschellen aus einem Kofferraum befreit und wie man sich selbst umbringt, wenn man in Gefangenschaft gerät. Anschließend bekam sie den härtesten und begehrtesten Auftrag: als NOC zu arbeiten, mit einem "nonofficial cover", allein und ohne diplomatischen Schutz an den ­gefährlichsten Orten der Welt. Sie wurde Geheimagentin der CIA in der Abteilung Terrorismusabwehr. Ging im Alter von 27 mit einer völlig neuen Identität nach Shanghai, als angebliche Kunsthändlerin, um von dort terroristische Netzwerke in Asien und im Nahen Osten zu infiltrieren. Sie sollte Massenvernichtungswaffen aufspüren, die in den Händen von al-Qaida und anderen Terrorgruppen waren.

Amaryllis Fox befand sich jetzt selbst im Krieg. In Amerikas Krieg gegen den Terror. Sie hatte sich auf eine Seite geschlagen. Sie bekämpfte, so sah sie es, "das Böse". Sie wollte den Feind besiegen, ihn vernichten. Acht Jahre dauerte ihr Kampf. 2010 stieg sie plötzlich aus, verließ den Geheimdienst.

Erst heute darf Fox über alles reden

Es dauerte lange, bis sie ihre wahre Identität und ihr altes Leben zurückbekam. Erst heute darf sie über all das reden, ihre Agententätigkeit, den Krieg, die CIA, wenn auch nicht über Einzelheiten ihrer ge­heimen Operationen. Sie sitzt im Garten ihres Hauses in Los Angeles und sagt: "Bei meinen Einsätzen da draußen habe ich vor allem eines gelernt: Du kannst deinen Feind nicht besiegen, ohne ihn zu verstehen. Du musst ihm zuhören. Wenn wir mit dem Krieg gegen den Terror so weitermachen wie bisher, dann wird er nie enden."

Amaryllis Fox erzählt, wie schwer es ­gewesen sei, ihre Furchtlosigkeit und Coolness abzulegen, ihre Masken, die sie viele Jahre lang getragen hat. Sie habe erst ­wieder lernen müssen, sie selbst zu sein. In ihrem neuen Zuhause, malerisch gelegen im Laurel Canyon in den Bergen von Hollywood, trifft man eine entspannte 39-jährige Frau, sie trägt ein schwarzes Top, eine schwarze Hose und Sneaker. Sie erscheint ungeschminkt zum Fotoshooting und zum Gespräch. Ihre Haare sind noch nass vom Duschen. Sie hat inzwischen zwei Töchter, Zoe, 11, während ihrer Agentenzeit in Shanghai geboren, und Bobcat, 8 Monate. Ihr Mann verschwindet gerade ins Fitnessstudio, die Nanny ist gekommen. Fox ist zum dritten Mal verheiratet – mit einem Kennedy, ausgerechnet: Robert F. Kennedy III, 34, Autor und Regisseur, vor allem aber Enkel des früheren Senators Robert F. Kennedy, des Bruders von JFK. Damit ist auch Fox jetzt Mitglied des berühmten Kennedy-Clans, was in den USA automatisch ­Celebrity-Status und Aufmerksamkeit bedeutet. Ihr Haus hier sei in den 20er Jahren gebaut worden und früher eine Bar gewesen, erwähnt sie. Es verströmt eine selbstverständliche Kennedy-Lässigkeit. 

Amaryllis Fox

Fox’ Alltag als Undercoveragentin war oft einsam. 2010 verließ sie nach acht Jahren die CIA

Über ihre Zeit bei der CIA hat Amaryllis Fox ein Buch geschrieben, das in diesen ­Tagen in 13 Ländern erscheint. "Life Undercover" heißt es. Es ist keine der üblichen So-war-es-wirklich-Geschichten. Und kein Edward Snowden, Teil zwei, keine Whistle­blower-Abrechnung mit dem weltweiten Abhörsystem oder der Folterpraxis des US-Auslandsgeheimdienstes. Die CIA hat das Manuskript vor der Veröffentlichung genau geprüft.

Fox erzählt einfühlsam und poetisch von ihrer "persönlichen Reise", wie sie es nennt. Sie beschreibt ihre Jahre bei der CIA als eine Geschichte wachsender Erkenntnis und fortlaufender Desillusionierung: eine junge Frau, die den Krieg gegen den Terror am Anfang voller Überzeugung unterstützt und dann im Inneren des Geheimdienstapparates miterleben muss, wie ihr Land angesichts dieses Krieges paranoid wird, wie ihre Regierung die ­demokratischen Werte, in deren Namen sie diesen Krieg führt, verrät. Ihre Zweifel, das Richtige zu tun, wachsen.

Heute glaubt sie nicht länger an ihre eigene Erzählung von den "Guten" und den "Bösen". "Im Krieg tun doch alle so, als seien sie die Guten", sagt sie. "In Amerika behaupten viele Leute, die Terroristen des IS attackieren uns, weil sie unsere Freiheit hassen. Im Irak sind sie davon überzeugt, die Amerikaner werfen Bomben, weil sie einen Krieg gegen den Islam führen. Niemand jedoch ist gut oder böse aus sich heraus. Wir reagieren alle auf das, was die Welt uns bietet. Erst wenn wir unseren Gegner nicht als unmenschliches Monster betrachten und uns in seine Lage hineinversetzen, werden wir verstehen, was seine Gewalt antreibt. Und erst dann können wir diese Gewalt stoppen."

"Im Krieg tun doch alle so, als seien sie die Guten"

Fox zieht ihr Top ein Stück herunter. Sie zeigt auf ein Tattoo. Farsi-Schriftzeichen laufen ihren Rücken herab. "Es sind Zeilen aus einem Gedicht des persischen Dichters Rumi aus dem 13. Jahrhundert." Sie liest laut vor: "Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort. Dort werde ich dich treffen." Dann sagt sie: "So denke ich heute."

Sie habe über die Jahre gelernt, dass man mehr erreicht, wenn man Vertrauen aufbaut, statt Gewalt anzuwenden. "Ich weiß, eigentlich keine überraschende Erkenntnis", sagt sie. Trotzdem verteidigt sie die CIA bis heute. Sie habe dort viele moralisch integre Mitarbeiter kennengelernt, die für ihr Land große Opfer gebracht und viele Terroranschläge verhindert hätten.

Sie erzählt von ihrem allerersten Verhör mit einem inhaftierten Terroristen, Mahmoud. Sie darf nicht verraten, wo und wann es stattfand. Sie sei erstaunt gewesen, wie viel er über die westliche Kultur gewusst habe. Er habe Malcolm X zitiert und über Kafka geredet. Sie wiederum habe aus dem Koran zitiert, was ihn überrascht habe. Er habe ihr erzählt, wenn er nachts aus dem kleinen Fenster seiner ­Zelle schaue, sehe er den Oriongürtel. Das Sternbild erinnere ihn daran, dass alle Menschen dieselbe Wahrheit sehen, auch wenn sie sie in verschiedene Worte kleiden. Sie behielt während des Verhörs ihren Hidschab auf. Sie begegnete dem Häftling mit Respekt. Am Ende verriet Mahmoud, "ohne Waterboarding und ohne Folter", wie Fox betont, wo der Sprengstoff für den nächsten Anschlag gelagert wurde; er war mit dem Anschlagsziel nicht einverstanden, zu viele Zivilisten. Und wieder war ihr Verständnis ein Stück gewachsen.

Fox schildert in ihrem Buch auch, wie einsam der Alltag einer Geheimagentin ist, wie quälend das Leben mit einer falschen Identität. Nicht mal ihrem Ehemann Dean, der als CIA-Offizier im Afghanistankrieg gekämpft hat und mit ihr nach Shanghai gegangen ist, durfte sie von ihren Einsätzen erzählen. Jedes Gespräch eine Lüge. Sie wurden 24 Stunden am Tag vom chinesischen Geheimdienst überwacht, sogar beim Sex. Sie sollten regelmäßigen Sex haben, aber nicht zu häufig, heißen Sex, aber nicht zu heiß, so die Anweisung der CIA. Die Chinesen sollten glauben, das Ehepaar wüsste nichts von der Überwachung.

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Die Geburt ihrer Tochter Zoe machte Fox plötzlich verletzlich. Sie war die erste Undercoveragentin der CIA, die im Einsatz ein Baby bekam. Sie nahm es sogar mit auf ihre Geheimmissionen. Sie wollte ihre Tochter nicht bei der Haushälterin zurücklassen, weil sie wusste, dass die eine Mitarbeiterin des chinesischen Geheimdienstes war. Sie hatte Angst um Zoe. Ihr Mann Dean kämpfte derweil mit seinem Afghanistan-Trauma. Nach ihrer Rückkehr nach Washington ließen sie sich scheiden.

Heute sucht Amaryllis Fox beständig nach neuen Wegen, ihre Erfahrungen ­weiterzugeben. In Flüchtlingscamps im Nordirak arbeitet sie mit schiitischen und sunnitischen Jugendlichen, die ihre Eltern und Verwandten verloren haben, weil die jeweils andere Partei sie getötet hat. In Workshops erzählen sie sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten. Sie sollen erkennen, dass sie den Konflikt, den schon ihre Groß- und Urgroßeltern ausgetragen haben, nur beenden können, wenn sie sich ihre Verletzlichkeit offenbaren. Fox will außerdem eine Organisation gründen, die Veteranen der US-Armee zurück in den Irak bringt, um dort ehemaligen irakischen Kämpfern zu begegnen. Sie sollen den Feind von früher neu sehen lernen.

"Life Undercover. Als Agentin bei der CIA“

„Life Undercover. Als Agentin bei der CIA“ von Amaryllis Fox, Übersetzung: Elisabeth Liebl, Hanserblau, 368 Seiten, 20 Euro

Fox hat sich einen unbequemen Ort ausgesucht: den Platz im Leben, der keine Gewissheiten kennt. Wo man, wenn zwei Dinge unvereinbar erscheinen, überlegt, ob nicht beide, aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, richtig sein können. In den USA, wo man sich gerade nicht mal mehr auf eine Wahrheit verständigen kann, grenzt das an Provokation. Und jetzt verfilmt Apple auch noch ihre Geschichte. Die Dreharbeiten zur Serie laufen bereits. Sendestart: 2020. In der Hauptrolle der Amaryllis Fox: Hollywoodstar Brie Larson.

Beim Schreiben ihres Buches, erzählt Fox zum Abschluss des Gesprächs, habe sie oft auf die Münze geschaut, die sie als CIA-Trainee geschenkt bekommen hat. Sie lag auf ihrem Schreibtisch. Plötzlich habe sie sich daran erinnert, dass sie die Worte, die darauf eingraviert sind, auch auf dem alten Basar im irakischen Erbil auf einem Medaillon entdeckt hatte. Sie lauten: Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.