Erdbeben in China 18.000 Verschüttete in einer Stadt


Das schwere Erdbeben in China hat allein in der Stadt Mianyang 18.000 Menschen unter Trümmern begraben. Die Rettungskräfte dringen nur langsam zu den Eingeschlossenen vor. Noch immer leben die Einwohner in der Region in Angst vor Nachbeben.

Nach dem verheerensten Erdbeben in China seit Jahrzehnten sind in der Stadt Mianyang mehr als 18.000 Menschen von Geröllmassen begraben worden. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua bezifferte die Opfer am Dienstag exakt auf 18.645. Bislang sei dort der Tod von über 3600 Menschen bestätigt. Mianyang grenzt an den Kreis Wenchuan, wo das Epizentrum des ersten Bebens lag.

Bis jetzt ist das Katastrophengebiet nicht zur Ruhe gekommen. Bis zu 2000 Nachbeben erschütterten die Region, der stärkste Stoß erreichte einen Wert von 6,1 auf der Richter-Skala. Das Epizentrum war erneut im schwer betroffenen Kreis Wenchuan nahe der Provinzhauptstadt Chengdu, wie die chinesische Erdbebenwarte berichtete. In Chengdu flüchteten viele Menschen wieder aus den Bürogebäuden auf die Straßen.

20.000 Tote befürchtet

Die offizielle Zahl der Toten ist mittlerweile auf mehr als 12.000 gestiegen. Von 20.000 Opfern war bereits die Rede. Die offiziellen Opferzahlen dürften weiter zunehmen, da das Ausmaß der Katastrophe selbst am Tag nach der Katastrophe noch schwer abzuschätzen war. Die Bergungsmannschaften kämpfen gegen die Zeit. "Jede Sekunde ist kostbar", mahnte Regierungschef Wen Jiabao. In den Trümmern wurden Tausende Menschen verschüttet. Zehntausende in der schwer betroffenen Provinz Sichuan in Südwestchina sind obdachlos. Dringend werden Trinkwasser, Medizin, Zelte und Nahrungsmittel benötigt.

Die Hilfe im Land für die Opfer ist inzwischen angelaufen. Das Militär hat einige Zehntausend Soldaten entsandt. Die Regierung in Peking stellte 360 Millionen Yuan (33,5 Millionen Euro) für die Katastrophenhilfe zur Verfügung. Der Sprecher des Außenministeriums, Qin Gang, bedankte sich für die angebotene Unterstützung: Deutschland, die Europäische Union und die USA hatten Hilfe angeboten. Russland schickt ein Spezialflugzeug mit Feldlazarett mit Einsatzkräften an Bord in das Erdbebengebiet.

Mindestens 1000 Schüler und Lehrer gelten im Landkreis Beichuan in Südwestchina als tot oder vermisst, nachdem bei dem Erdbeben am Montag eine Schule eingestürzt ist. Das sechs- oder siebenstöckige Gebäude sei zu einem etwa zwei Meter hohen Trümmerhaufen zusammengebrochen, berichteten Reporter der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua. "Sehr wenige Schüler" seien nach Angaben von Rettungsmannschaften und Eltern entkommen. Rund 1000 Hilfskräfte suchten in den Trümmern nach Überlebenden. Zum Zeitpunkt des Erdbebens seien rund 2000 Kinder und Lehrer in den drei Gebäuden der Schule gewesen. Allein in dem schwer betroffenen Landkreis Beichuan in der Provinz Sichuan werden bis zu 5000 Tote befürchtet.

Das Schicksal von rund 60.000 Menschen in Wenchuan ist ungeklärt. "Ich bin sehr besorgt", sagte der Vizegeneralsekretär der Regierung von Aba, He Biao. Hilfe mit Zelten, Nahrung oder Medizin müssten aus der Luft abgeworfen werden, weil die Straßen blockiert seien. Auch würden medizinische Hilfskräfte benötigt, um Verletzte zu behandeln.

Unter den Opfern des Bebens vom Montag sind auch Touristen. Ein Erdrutsch begrub einen Reisebus in Maoxian und tötete 37 Insassen. Mehr als 2000 Touristen steckten in der Präfektur Aba fest. Wie viele Ausländer betroffen sind, ist unklar. Eine britische Touristengruppe wird im Landkreis Wenchuan, dem Epizentrum, vermisst. Die rund 15 Briten dürften das berühmte Pandareservat Woolong besucht haben, sagte ein Behördensprecher laut Xinhua.

Offenbar keine Opfer aus Deutschland

Bisher gibt es keine Informationen über Deutsche unter den Opfern. Die deutsche Generalkonsulin in Chengdu, Jutta Schmidt, sagte in einem Telefongespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Peking: "Die chinesischen Behörden haben uns bislang versichert, dass keine Deutschen und andere Europäer unter den Opfern sind." Das Konsulat stehe in engem Kontakt mit den chinesischen Stellen.

Die Veranstalter Gebeco, Studiosus und China Tours erklärten, dass ihre deutschen Gäste, die sich auch in der Provinz Sichuan aufgehalten hatten, wohlauf seien. Die drei Unternehmen gehören zu den Marktführern für China-Reisen in Deutschland.

Keine Auswirkungen auf die Olympischen Spiele

Das Erdbeben hat nach Angaben der Olympia-Organisatoren keine Auswirkungen auf die Sommerspiele in Peking, wo die Erde am Vortag auch spürbar gezittert hatte. Die Wettkampfstätten seien erdbebensicher gebaut worden, versicherte ein Sprecher. Aus Trauer um die Opfer wird der Olympische Fackellauf in den kommenden Wochen vereinfacht. Außerdem soll vor dem Start der Etappe in der Stadt Ruijin eine Schweigeminute eingelegt werden, teilten die Organisatoren der Olympischen Spiele in Peking mit. Die Fackel soll vom 15. bis 18. Juni auch durch die Katastrophenprovinz Sichuan getragen werden. Die Strecke werde nicht geändert, erklärte ein Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Am Verhalten der Behörden war zuvor Kritik von chinesischsprachigen Websites und Bloggern aufgekommen. Sie machten sich für einen Stopp des Fackellaufes stark - entweder jetzt oder im Juni, wenn das Feuer durch die betroffene Provinz Sichuan getragen werden soll. Den Angaben zufolge wird es weniger Reden und weniger Prunk bei den Läufen geben. An der Strecke soll außerdem Geld für die Erdbebenopfer gesammelt werden.

Das IOC gab bekannt, dass es eine Million Dollar (rund 650.000 Euro) für die Opfer und den Wiederaufbau spenden wolle.

Schließung von Kohlebergwerken

Die chinesische Regierung ordnete unterdessen die Schließung von Kohlebergwerken, Ölförderanlagen und chemischen Fabriken in der Region an. Wie aus Firmenkreisen bekannt wurde, stellte PetroChina die Belieferung einer Pipeline im Katastrophengebiet ein. Die Leitung soll auf Schäden untersucht werden. Das könnte die größte Raffinerie in der Region zwingen, ihre Produktion zu drosseln. Gravierende Auswirkungen auf den Energiesektor sind den Angaben zufolge nicht zu erwarten, da es in dem Gebiet verhältnismäßig wenige Einrichtungen der Branche gibt.

Der Dalai Lama hat den Betroffenen sein Beileid ausgesprochen. Der Mönch zeigte sich in einer Mitteilung im nordindischen Dharamsala "zutiefst betrübt über den Verlust vieler Leben" und über die Verletzten. Er bete für die Opfer. Chinas Regierung hat den Dalai Lama mitverantwortlich für die Unruhen in Tibet Mitte März und die jüngsten chinafeindlichen Proteste gemacht.

China und seine Nachbarstaaten durchleben nach Expertenangaben in diesem Jahr eine aktive seismologische Zeit. "Im Moment gibt es einen Trend hin zu Erdbeben in China und seinen benachbarten Ländern." Deutsche Experten rechneten damit, dass schwere Nachbeben noch über Monate hinweg möglich sind.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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