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"Cancel Culture" vs. Wissenschaftsfreiheit Humboldt-Universität holt umstrittenen Geschlechtervortrag nach – darum geht's in der Debatte

Proteste Humboldt-Universität
Bei der Langen Nacht der Wissenschaften kam es zu Protesten gegen den ursprünglich angesetzten Vortrag der Biologin Marianne Vollbrecht
© Christophe Gateau / DPA
Was ist wissenschaftlich? Herrscht hier "Cancel Culture"? Die Absage eines Geschlechter-Vortrags an der Humboldt-Universität ließ die Debatte heiß laufen. Jetzt wird er nachgeholt. Doch worum geht es genau?

Die Streichung eines Vortrags über Geschlecht und Gender an der Berliner Humboldt-Universität hat Anfang Juli eine hitzige Debatte ausgelöst. Am heutigen Donnerstag um 17.00 Uhr soll der Vortrag nachgeholt werden. Anschließend plant die Uni eine Diskussion unter anderem mit Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger.

In der Kontroverse geht es um Geschlecht und Identität, um Wissenschaft und Freiheit, um Vorwürfe der Ideologie und Ignoranz. Beteiligte auf allen Seiten fühlen sich verletzt oder eingeschüchtert. Aber der Streit geht weit über die persönliche Ebene hinaus – und ist ziemlich unübersichtlich.

Der abgesagte Vortrag

Der Vortrag "Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt" der Biologin Marie-Luise Vollbrecht war für die Lange Nacht der Wissenschaften an der Humboldt-Universität geplant. Nach einem Protestaufruf des "Arbeitskreises kritischer Jurist*innen" sagte die Uni die Präsentation aus Sicherheitsgründen ab. Vollbrecht hielt sie stattdessen auf Youtube. In der "Zeit" beschrieb sie ihre zentrale These: "Das biologische Geschlecht des Menschen ist binär, es gibt männliche und es gibt weibliche Menschen. Wir werden männlich oder weiblich geboren und behalten unsere geschlechtliche Zugehörigkeit bis zum Ende des Lebens."

Die Dozentin

Die 32-jährige Doktorandin wurde Anfang Juni als Co-Autorin eines Beitrags in der "Welt" unter dem Titel "Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren" bekannt. Die Autoren schreiben, die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ziele "darauf ab, den Forderungen von Trans-Lobbygruppen Gehör zu verschaffen, denen zufolge man das biologische Geschlecht wechseln könne". Das sei eine "bedrohliche Entwicklung": "Es kann nicht angehen, dass eine kleine Anzahl von Aktivisten mit ihrer 'woken' Trans-Ideologie den ÖRR unterwandert", hieß es im Text.

Im Nachgang kam es (auch innerhalb des Springer-Verlags) zu einer harten Kontroverse über den Text, in die sich auch der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner mittels eines öffentlichen Briefes an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einschaltete.

Die Kritik

Der "Welt"-Beitrag löste heftige Reaktionen aus, die nun bei der Debatte über Vollbrechts Vortrag eine Rolle spielen. Ausführlich legt dies eine Stellungnahme der HU-Studierendenvertretung dar, des sogenannten Referent*innenRats. Dieser beklagt die Diskriminierung von "trans*, inter* und *nichtbinären Personen (kurz TIN*)" und nennt Vollbrecht eine "offen TIN*-feindliche Person".

Vollbrecht solidarisiere sich mit "einer Bewegung, welche die Existenz von TIN*-Personen leugnet". Sie stehe den "Trans Exclusionary Feminists (TERFS)" nahe, die sich unter anderem gegen den Zugang von Transpersonen zu Räumen für Frauen wenden. Vollbrecht sagte dazu T-Online: "Wenn ich als Frau sage, dass ich nicht in der Situation sein will, dass mir in der Sammelumkleide oder unter der Dusche ein Individuum mit Penis begegnet, dann ist das mein gutes Recht."

Die Kritik an der Kritik

Nach der Absage des Vortrags wurde vor allem die Humboldt-Universität scharf angegriffen. Diese habe der Wissenschaftsfreiheit einen Bärendienst erwiesen, sagte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, Anfang Juli. "Die Hochschulen sind gefordert auch kritische Debatten zu ermöglichen", sagte Wissenschaftsministerin Stark-Watzinger (FDP). "Das müssen wir alle aushalten." Ein Kommentar der "Welt" sprach von einem "krassen Fall von Cancel Culture". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb: "Es ist die Haus- und Hofideologie der Universitäten, die in Berlin nach außen getreten ist: Geschlecht ist nicht mehr als ein soziales Konstrukt."

Meinungsfrei oder mundtot?

Vollbrecht selbst äußerte Verständnis für Sicherheitsbedenken der Uni, schrieb aber in der "Zeit" auch: "Biologen, die versuchen, über Zweigeschlechtlichkeit aufzuklären, (werden) inzwischen offen und regelmäßig angefeindet. Die Frage nach Geschlecht und die biologische Zweigeschlechtlichkeit ist längst zu einem Kriegsschauplatz des Kulturkampfs geworden." Die Biologin beruft sich auf rein wissenschaftliche Erkenntnisse.

Das tun aber auch ihre Kritiker. So schreibt der Referent*innenRat: "Die Wissenschaftsfreiheit ist kein Mantel für die Verbreitung von menschenverachtenden Ideologien und gegen Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse gerichteter Propaganda – die Erde ist keine Scheibe, die Evolution ist kein Verschwörungsmythos und die Unterschiedlichkeit von Menschen hat mehr als zwei Seiten."

Verena Schmitt-Roschmann/kng DPA

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