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Japans Kampf gegen den Super-GAU Kaiser Akihito ruft zur Solidarität auf


Der Kampf gegen den drohenden Super-GAU in Japan wird immer verzweifelter: Versuche, die Reaktoren zu kühlen scheitern. Ein Hubschrauber mit Kühlwasser musste wegen der erhöhten Radioaktivität abdrehen. Japans Kaiser Akihito richtete erstmals nach der Katastrophe das Wort an die Bürger und forderte sie auf, die Hoffnung nicht zu verlieren.

Japan scheint den Kampf gegen den drohenden Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima zu verlieren. Versuche, die heiß gelaufenen Reaktoren zu kühlen, drohten am Mittwoch zu scheitern. Die wenigen verbliebenen Arbeiter wurden vorübergehend abgezogen und Hubschrauber konnten wegen der hohen Radioaktivität kein Kühlwasser abwerfen. Kaiser Akihito wandte sich in der Katastrophe erstmals an die Japaner und rief sie zur Solidarität mit den Überlebenden von Erdbeben und Tsunami auf. Offiziell bestätigt wurde der Tod von 4000 Menschen, 7000 sind verschollen. Die Sachschäden belaufen sich auf bis zu 200 Milliarden Dollar.

Arbeiter räumten im Wettlauf mit der Zeit Schutt beiseite und bauten für die Feuerwehr eine Straße zum Reaktor Vier des 240 Kilometer nördlich von Tokio gelegenen Kraftwerkskomplexes Fukushima. Wie verzweifelt die Lage ist, belegten Planungen der Polizei, Wasserwerfer zur Kühlung einzusetzen. Die Lage in dem in Brand geratenen Meiler sei "nicht so gut", räumte die Regierung ein. Auch Soldaten sollen nach Angaben der Atombehörde bei den Kühlungsbemühungen helfen.

Priorität hat nach Angaben des Betreibers Tepco jedoch der Reaktor Drei, dessen Dach durch eine Explosion beschädigt wurde und aus dem zeitweise Dampf entwich. Hubschrauber konnten die Anlage wegen der hohen Strahlung nicht aus der Luft mit Wasser kühlen. Dieser Reaktor verwendet auch das hochgiftige Plutonium als Brennstoff. Das extrem krebserregende Schwermetall hat eine Halbwertzeit von 24.110 Jahren.

Experten zufolge kommen die Bemühungen zur Eindämmung der Katastrophe einem letzten verzweifelten Versuch gleich. "Das ist ein langsam ablaufender Alptraum", sagte der Physiker und Plutonium-Experte Thomas Neff vom Massachusetts Institute of Technology. "Sie scheinen das Handtuch geworfen zu haben", kommentierte der langgediente Kraftwerks-Ingenieur Arnie Gundersen den Umstand, dass die Zahl der im AKW eingesetzten Arbeiter von 800 auf 50 verringert wurde. Mit so wenigen Beschäftigten bekomme man die Lage nicht unter Kontrolle.

Die Internationale Atomenergieagentur IAEA zeigte sich erstmals frustriert über Japan und verlangte detaillierte Informationen. Diese sollten zudem schneller geliefert werden. Experten zufolge haben die Japaner die Katastrophe durch die niedrige Einstufung in der siebenstufigen Störfallskala heruntergespielt. Die französische Atomsicherheit ist den Ansicht, die Ereignisse in Fukushima müsse auf Stufe Sechs statt auf Stufe Vier eingeordnet werden. Für die französische Regierung verliert Japan die Kontrolle über die Reaktoren. Das Land rief seine Bürger deshalb zum Verlassen des Inselreichs auf und bat Air France, zusätzliche Maschinen bereitzustellen.

In den japanischen Medien wird derweil die Informationspolitik von Tepco und von Ministerpräsident Naoto Kan zunehmend kritisch beurteilt. Kan seinerseits soll verärgert auf eine verspätete Unterrichtung durch den Kraftwerksbetreiber reagiert haben. "Was zum Teufel ist da los", herrschte er nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo Manager von Tepco an. Kan hat die Atom- und Naturkatastrophe als größte Krise in Japan seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet.

Kaiser Akihito nahm die Katastrophe zum Anlass für eine seiner seltenen direkten Ansprachen an die Bevölkerung. Er sei zutiefst besorgt über die Folgen des schweren Erdbebens, das von "noch nie gesehenem Ausmaß" gewesen sei, sagte der Tenno in einer Fernsehrede. "Meine Hoffnung ist, dass so viele Menschen wie möglich lebend gerettet werden", sagte er. Die Überlebenden forderte er auf, die Hoffnung nicht aufzugeben. Akihito rief die Menschen dazu auf, einander zu helfen. Die Probleme in den Atomreaktoren seien nicht vorhersehbar gewesen, sagte der 77-Jährige Akihito. Die Sender unterbrachen wegen der Ansprache ihre Live-Berichte über die Katastrophe.

Die Tokioter Aktienmärkte erholten sich am Mittwoch nach den Panikverkäufen vom Vortag trotz der Eskalation der Atomkatastrophe wieder etwas. Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index stieg um 5,7 Prozent auf 9.093 Punkte. Der breiter gefasste Topix-Index rückte um 6,6 Prozent auf 817 Zähler vor. Auch die Börsen in Singapur, China, Taiwan, Korea und Australien lagen im Plus.

Reuters Reuters

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