VG-Wort Pixel

Vorbild für Europa? Wie Flüchtlinge Buffalo den Boom brachten

Flüchtlinge in Buffalo
Kinder von Migranten musizieren in einer Schule in Buffalo: "Je mehr Einwanderer, desto besser", findet Anne Ireland von der Hilfsorganisation Jericho Road
© Christina Horsten/DPA
Der Untergang der Stahlindustrie ließ Arbeitsplätze und Bevölkerung in Buffalo schrumpfen, die Zukunft schien düster. Doch jetzt boomt die US-Stadt wieder. Einwanderer und Flüchtlinge brachten die Kehrtwende.

Der Schnee vor den Fenstern fällt in der Dämmerung dichter und dichter, während drinnen die Menschen enger zusammenrücken. Dann steht einer nach dem anderen auf und stellt sich vor. Eine Frau aus Nepal, daneben eine aus dem Irak, ein Mann aus Burundi und einer aus dem Kongo - die Runde in dem alten Steinhaus in Buffalo wirkt wie eine Versammlung der Vereinten Nationen. Aber die rund 50 Menschen sind nicht hier, um die Welt zu verbessern, sondern ihre Stadt.

Zum vierten Mal findet an diesem Mittwochabend im International Institute der "Refugee Roundtable" statt, ein runder Tisch für Flüchtlingsfragen. Zwischen den Neuankömmlingen aus aller Welt sitzen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und städtischen Behörden, es gibt Limonade in Dosen und Snacks. "Ich bin froh, dass so viele von Euch gekommen sind, denn wir wollen uns hier gemeinsam etwas aufbauen", sagt eine Organisatorin.

Ein Mann aus Myanmar kündigt neue Englischsprachkurse an, sein Sitznachbar berichtet, dass freiwillige Fußballtrainer gesucht werden, und die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisationen verkündet unter lautem Klatschen, dass neue Spenden für Willkommensprogramme eingegangen sind. Der aus Ruanda geflohene Journalist Rubens Mukunzi stellt seine viersprachige Flüchtlingszeitung "Karibu News" vor. "Als ich vor zwei Jahren hierher kam, konnte ich noch nicht einmal Englisch. Jetzt bin ich Verleger." Auf dem Titelbild der aktuellen Ausgabe ist eine Frau zu sehen, die ein selbst gemaltes Schild mit großem roten Herz darauf hochhält: "Willkommen Flüchtlinge!".

Von der Boom-Metropole zur Geisterstadt

Buffalo ist die zweitgrößte Stadt im US-Bundesstaat New York. An ihrem Ufer breitet sich der Erie-See aus, wenige Kilometer nördlich an der Grenze zu Kanada donnern die Niagara-Fälle in die Tiefe. Die Winter hier rund 600 Kilometer nordwestlich der Millionenmetropole New York sind lang, eiskalt und schneereich. Einst war Buffalo eine Großstadt mit fast 600.000 Einwohnern, die Stahl- und Autoindustrien boomten. Doch Mitte des vergangenen Jahrhunderts begann der Niedergang im "Rust Belt" (Rost-Gürtel) Amerikas, die Wirtschaft brach unter anderem wegen zunehmender Automatisierung und der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland ein, immer mehr Menschen zogen weg, Häuser blieben leer. Heute zählt Buffalo gerade einmal noch knapp 260.000 Einwohner.

Dass Byron Brown trotzdem optimistisch in die Zukunft schaut, hat viel mit Veranstaltungen wie dem "Refugee Roundtable" zu tun. "Wir erleben hier gerade eine Renaissance und wahnsinniges Wachstum", sagt der groß gewachsene Afro-Amerikaner, seit 2006 Bürgermeister von Buffalo. Er empfängt im Rathaus, dem höchsten der USA, in seinem über und über mit Erinnerungsstücken und Geschenken dekorierten holzvertäfelten Büro. Brown trägt grauen Anzug und rote Krawatte, an seinem Revers funkelt ein goldener Büffel, das Maskottchen von Buffalo. Rund 12 000 neue Jobs habe die Stadt in den vergangenen drei Jahren dazugewonnen und ein Wirtschaftswachstum in Milliardenstärke, zählt er stolz auf. Und ja, noch sinke die Einwohnerzahl, aber immer langsamer und 2020 werde sie sogar erstmals wieder steigen.

Zu verdanken habe die Stadt das vor allem den Einwanderern und Flüchtlingen. "Seit ich Bürgermeister bin, ist die Zahl unserer Einwohner, die nicht in den USA geboren sind, um 95 Prozent gestiegen und das freut mich. Ich möchte, dass Buffalo eine offene und freundliche Stadt ist. Die Einwanderer bringen eine neue Energie zu uns - kulturell, wirtschaftlich und sozial."

"Wo Häuser leer standen, sind jetzt Flüchtlinge die Besitzer"

Für die Neuankömmlinge hat Brown, selbst Nachfahre von Einwanderern aus der Karibik, im Rathaus eigens eine "Behörde für neue Amerikaner" geschaffen. "Es ist offensichtlich, dass die Einwanderer und Flüchtlinge für diese Stadt die Kehrtwende gebracht haben", sagt deren Leiterin Jessica Lazarin. "Man sieht es überall in der Stadt. Wo Häuser leer standen, sind jetzt Flüchtlinge die Besitzer. Und an jeder Ecke eröffnen sie neue Läden und Restaurants."

Mit einem so genannten "Opportunity Pledge" will Lazarin auch die Unternehmen in Buffalo noch offener für die Anstellung von Flüchtlingen und Einwanderern machen. Per Unterschrift verpflichten sich die Firmen dem Ziel, so viele Mitarbeiter aus aller Welt zu beschäftigen wie noch nie in der Geschichte der Stadt. Dutzende Unternehmen haben bereits unterschrieben, zuletzt unter anderem der Chauffeurdienst Uber, der in Buffalo auf den Markt will.

Von Vorurteilen gegen die Neuankömmlinge will Bürgermeister Brown nichts hören. "Einwanderer arbeiten normalerweise sehr hart und versuchen nicht, die Sozialsysteme auszunutzen. Es scheint auch so, dass sie eher gewillt sind, wirtschaftliche Risiken einzugehen als andere Menschen." Die Kriminalitätsrate sei in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel gefallen. "Ich glaube nicht daran, dass bestimmte Menschen krimineller sein sollen als andere. Ich habe auch keine Angst davor, eine offene Stadt zu sein. Wir erwarten, dass alle unsere Einwohner sich an die Gesetze halten." Proteste gegen seinen Kurs habe es bislang keine gegeben. "Ja, vielleicht bin ich manchmal ein bisschen zu optimistisch, natürlich funktioniert nicht immer alles. Aber ich glaube, dass wir die Herausforderungen meistern können."

Ohne Einwanderung ginge es gar nicht mehr, glaubt auch Karen Andolina Scott, die Leiterin des International Institutes. "Es gibt keine Stadt in den USA, die wächst, ohne dass ihre Zuwanderung zunimmt. Und die Einwanderer sorgen dann auch dafür, dass die Zahl der Läden und Restaurants zunimmt." Das International Institute ist eine von vier - und damit außergewöhnlich vielen - "resettlement agencies" in Buffalo, die für die Ansiedlung von Einwanderern und Flüchtlingen zuständig sind.

"Wenn sie etwa aus dem Irak kommen, ist alles ganz einfach"

Um rund 1500 Neuankömmlinge kümmern sich die Organisationen pro Jahr, suchen ihnen Wohnungen und Jobs, organisieren Sprachkurse und Plätze in Kindergärten und Schulen, übersetzen in etwa 120 Sprachen und helfen bei allen Problemen des Alltags. "Wenn sie etwa aus dem Irak kommen, ist alles ganz einfach", sagt Scott. "Wenn sie aber zum Beispiel aus einem Flüchtlingslager in Thailand kommen, dann müssen wir ganz von vorne anfangen und ihnen zum Beispiel zeigen, wie man eine Tür zuschließt oder einen Rauchmelder bedient." Auch mit dem eisigen Winter könnten Viele nicht umgehen, erzählt Anne Ireland von der Hilfsorganisation Jericho Road. "Wir haben extra Vorbereitungskurse angeboten und natürlich die komplette Ausstattung. Aber es ist kaum zu glauben, wie viele Menschen trotzdem noch mit Flip-Flops bei uns reinkommen."

Die Räume von Jericho Road liegen im Westen der Stadt, wo sich traditionell die meisten Neuankömmlinge ansiedeln. Ganz in der Nähe gibt es seit einiger Zeit den West Side Bazaar, eine Art Markthalle, in der Einwanderer günstig Ladenflächen für Geschäfte oder Restaurants mieten können. Ein Inkubator - wer hier Erfolg hat, zieht weiter an die Hauptstraße. Pleite gegangen sei noch niemand, erzählt der Organisator. An der nicht weit entfernten PS 45-Schule kommen die Kinder aus mehr als 70 Ländern und sprechen 45 Sprachen. Eine Herausforderung, aber es funktioniere, sagt die Direktorin. Eine andere Schule musste gerade schließen und mit neuem Konzept wiedereröffnet werden, weil ein so großer Teil der Schüler Englisch erst lernen musste, dass die Absolventenrate auf vier Prozent gefallen war, die niedrigste im ganzen Land.  

Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Buffalo kommen, wird in den kommenden Jahren zunehmen, da ist sich Hilfsorganisationsleiterin Scott sicher - aufgrund der vielen Krisen in der Welt und weil die Stadt aktiv um ihr Kommen wirbt. Neuerdings auch um Flüchtlinge aus Syrien, bisher haben es allerdings nur einige wenige hierher geschafft.

"Hier in Buffalo sind wir sicher"

In den Räumen der Hilfsorganisation Journey's End erzählt ein 42 Jahre alter Syrer, der seinen Namen aus Angst nicht nennen will, mit tränenerstickter Stimme die Geschichte seiner Flucht. Wie die Großfamilie einst zusammen in einem Haus wohnte und wie sie heute über mehrere Länder verteilt sind, die Mutter in Ägypten, ein Bruder und eine Schwester in Deutschland, eine weitere Schwester noch in Aleppo. "Es ist das erste Mal, dass wir voneinander getrennt sind." Jetzt weint auch seine Frau, auf deren Schoß das jüngste der drei Kinder schläft.

"Aber hier in Buffalo sind wir sicher. Wir lernen Englisch und unsere beiden älteren Kinder gehen in die Schule. Auch der kalte Winter macht uns nichts aus, das kennen wir aus unserer Heimat. Wenn ich sage, dass ich ein Flüchtling aus Syrien bin, dann reagieren alle sehr freundlich." Die USA verlangen von aufgenommenen Flüchtlingen, dass sie nach spätestens drei Monaten einen Job gefunden haben sollten und das vom Staat ausgelegte Geld für ihr Flugticket zurückzahlen. Die Hilfsorganisation Journey's End hilft der Familie nun dabei.Warum ausgerechnet Buffalo so flüchtlingsfreundlich ist, darüber können auch die Mitarbeiter von Journey's End nur spekulieren. "Die Menschen hier sind einfach netter als anderswo, deswegen haben wir auch den Spitznamen "Stadt der guten Nachbarn"", mutmaßt eine. "Es ist der viele Schnee, wir müssen uns hier einfach aufeinander verlassen können", eine andere. "Buffalo wurde einst auf Einwanderung aufgebaut, wir sind doch alle im Grunde Flüchtlinge", sagt ein älterer Mann aus dem Beirat der Organisation. "Die meisten Menschen hier verstehen, dass die Flüchtlinge unsere Stadt gerettet haben und wir nur dank ihnen wachsen. Sie sehen, dass die Neuankömmlinge zu wertvollen Mitgliedern unserer Gemeinschaft werden."

Das Lokalmagazin "Buffalo Spree" macht das Thema Flüchtlinge zur Titelgeschichte. "Die Neuankömmlinge", heißt es da in großen Buchstaben. "Lernen Sie Buffalos neueste Einwohner kennen und finden Sie heraus, wie sie unsere Gemeinschaft bereichern." Aber natürlich gebe es auch andere Stimmen, erzählt eine ältere Frau aus dem Beirat. "Meinen Bruder zum Beispiel. Der ist ein echter Prolet. Er unterstützt zwar, was ich mache, aber dann sagt er mir: "Im Fernsehen sagen sie ganz andere Dinge über Flüchtlinge - bin ich etwa schizophren?"".

Insgesamt erlebe sie mehr positive als negative Reaktionen, sagt Anne Ireland von der Hilfsorganisation Jericho Road. "Die Sicht der Menschen auf das Thema hat sich hier in den letzten Jahren verändert, die meisten verstehen jetzt, dass es etwas Positives ist. Mich musste man ja sowieso nicht überzeugen, ich habe das schon immer so gesehen. Für unsere Stadt gilt: Je mehr Einwanderer, desto besser." 

Christina Horsten, DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker