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Flutchaos in Sinzig Trauer um die Toten, Wut auf die Behörden: "Wir sind nicht rechtzeitig gewarnt worden"

Lebenshilfe-Haus in Sinzig bei Bad Neuenahr-Ahrweiler
Das Lebenshilfe-Haus in Sinzig liegt nach der Flut verlassen da. Hier starben zwölf Menschen. Die Polizei konnte sie nicht retten.
© Thomas Frey / DPA
In der Kleinstadt Sinzig am Mittelrhein in Rheinland-Pfalz hat das Hochwasser eine Straße besonders verwüstet. Zwölf Bewohner eines Heims starben. Ortstermin in der Pestalozzistraße.
Von Frank Brunner, Sinzig

Gabriele Wald sitzt auf einem Stuhl vor ihrem Haus in der Pestalozzistraße und Tränen laufen ihre Wangen herunter. "Ich habe all meine Erinnerungen verloren", sagt sie. Die Rentnerin ist gehbehindert, kann nur wenige Schritte laufen, deshalb sitzt sie hier, schaut zu, wie junge Männer ihre Wohnung ausräumen. Ihr Auto, seit Jahren ihr wichtigstes Fortbewegungsmittel, liegt wenige Meter weiter unter einer Schlammlawine.

Bis vor sechs Jahren wohnte Gabriele Wald in einem großen Haus, in einem Viertel, dass vom Hochwasser verschont blieb. Nach einer Trennung zog sie in diese kleine Mietswohnung. "Schon damals musste ich mich von vielen Sachen trennen, jetzt habe ich  den Rest auch noch verloren." Sie bedauert weniger den finanziellen Verlust, das meiste ist versichert. Aber all die vom Wasser zerstörten Fotos, Karten und andere Zeugnisse eines langen Lebens – die schmerzen.

Sinzig: Soldaten klopften um halb drei nachts an die Tür

Die Pestalozzistraße hat es in Sinzig mit am schlimmsten erwischt. Während in anderen Ortsteilen der 17.000-Einwohner-Stadt am Mittelrhein das Leben ganz normal weitergeht, kämpfen hier die Bewohner gegen Schlamm und Geröll, besichtigen ihre verwüsteten Vorgärten. Zwölf Menschen starben in den Fluten.

Am Mittwochmorgen, viertel nach drei Uhr, klopften Soldaten an Gabriele Walds Tür. Strom gab es zu der Zeit längst keinen mehr, die Wassermassen hatten das Umspannwerk lahmgelegt, deshalb war die Klingel tot. Innerhalb von zehn Minuten musste sie die Wohnung verlassen. Eine Nachbarin bot ihr Asyl. Seit 61 Jahren wohnt Wald in Sinzig. Sie sagt: "Ich weiß nicht, wie es weitergeht." Kurze Zeit später kommt ihre Freundin vorbei. Sie wohnt nur 50 Meter Luftlinie entfernt, aber das Hochwasser stoppte 30 Zentimeter vor ihrem Haus. "Du kannst die nächsten Tage bei mir wohnen", sagt die Freundin. Das erste Mal an diesem Freitagnachmittag lächelt Gabriele Wald. "Endlich duschen", sagt sie. Die  Freundin sagt: "Wer jetzt nicht hilft, verdient einen Arschtritt."

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Kurz vor der Katastrophe noch mit dem Hund Gassi gegangen

Eine Nachbarin kommt dazu. Sie heißt Frau Saad und will ihren Vornamen nicht verraten. "Bitte schreiben Sie nur den Nachnamen", sagt sie. Denn Frau Saad, 54, eine kleine Frau in Gummistiefeln und knallbuntem Jogginganzug, ist ziemlich wütend. Auf die Behörden. "Wir sind nicht rechtzeitig vor dem Hochwasser gewarnt worden", sagt sie. Zwei Stunden vor der Katastrophe sei sie noch mit ihrem Hund Gassi gegangen, irgendwann nach Mitternacht brach dann das Inferno los.

Am Freitagnachmittag räumt sie ihre Habseligkeiten aus dem Mehrfamilienhaus, in dem sie seit einem Jahr im Souterrain wohnt. Vor dem Eingang stapeln sich Regale, Schränke, Sessel, Kisten – alles voller Schlamm. Ihre gesamte Wohnung schwimmt im Heizöl, das im Keller gelagert und ausgelaufen ist. Gefahrgut, dass Feuerwehr oder THW abpumpen müssten. "Ich habe schon zig Mal bei den offiziellen Stellen angerufen, aber die haben gerade andere Prioritäten." Doch ihr Unglück sei vergleichsweise harmlos gegen das, was sich in der Nacht direkt gegenüber abgespielt hat. 

Bewohner des Lebenshilfe-Hauses hatten keine Chance

Auf der anderen Straßenseite, etwa 20 Meter von Saads Haus entfernt, liegt das Gebäude der Lebenshilfe Ahrweiler. Hier, in der Außenstelle Sinzig, lebten 34 Menschen mit geistigen Behinderungen. Mindestens zwölf von ihnen sind in der Nacht gestorben. Das Wasser schoss ins Erdgeschoss ein, flutete Räume bis zur Decke. Am Freitagnachmittag bietet das moderne Heim mit großen Fenstern und Solarzellen auf dem roten Schieferdach ein Bild der Verwüstung. Im Garten hat das Wasser riesige Blumenkübel umgestürzt, rings um das Haus ist der Rasen unter einer Schlammschicht versunken. Menschen sind hier keine mehr. Schon Stunden zuvor wurden die überlebenden Bewohner evakuiert.

Am Nachmittag nähert sich eine schmale kleine Frau dem Heim, in ihrer Hand gelbe Rosen. Sie steckt die Rosen an die Eingangstafel und schluchzt ununterbrochen. Anna, 44, arbeitet hier seit 24 Jahren als Hauswirtschafterin, sie kannte alle Bewohner. "Es ist so schrecklich, das waren so liebe Menschen." Sie erzählt von einem jungen Mann mit Down-Syndrom, der sie immer schon aus dem Fenster schauend lautstark begrüßt hat, wenn sie durch den Garten zum Eingang lief, um ihre Schicht anzutreten. "Manchmal mussten wir ihn bremsen, weil er so laut war." Dann schluchzt sie erneut. "Betreuer und Heimbewohner, wir waren wie eine Familie“, erzählt sie, als sie sich wieder etwas gefangen hat.

Die Polizei konnte die Türen nicht mehr öffnen ...

Nur ein Bewohner, ein Mann Anfang 30, konnte aus dem unteren Stockwerk gerettet werden, alle anderen hatten keine Chance gegen das Wasser, das innerhalb einer Minute bis zur Decke stieg. "Die Polizei konnte offenbar die Türen nicht öffnen, weil umgestürzte Möbel die Zugänge blockiert hatten", berichtet Anna. Dann verlässt sie die Pestalozzistraße, gleich trifft sie sich mit ihren anderen Kollegen aus dem Heim.

dho

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