Klimawandel Europa passt sich an


In Nairobi beriet der Weltklimagipfel, wie sich die Erderwärmung verringern ließe. Derweil haben Landwirte, Stadtplaner und Ingenieure in Europa sich längst auf den Klimawandel eingestellt.
Von Nils Boeing, Axel Bojanowski und Nicole Heissmann

Europa im Jahr 2100 - die Alpen sind frei von Eis und Schnee, die letzten Carving-Ski stehen im olympischen Museum. Weite Teile Brandenburgs wurden aufgeforstet: Eichenmischwälder bedecken die einstigen Riesenäcker der LPGs. Wegen sommerlicher Dürre rechnet sich Getreideanbau nicht. Das Küstenland ist von gestaffelten Deichlinien durchzogen, die Attraktion von Husum eine Halligen- Gedenkausstellung. Rheingau-Merlot wird von Weinfreunden auf dem ganzen Kontinent geschätzt, Bodensee-Oliven und deutsche Paprika sind Marktführer im glühend heißen Südspanien. Zwar regnet es zuweilen heftig - im Sommer kurz und brutal, im Winter ausdauernd -, doch beinharte Fröste sind Geschichte.

So könnte es aussehen bei uns, in 94 Jahren. Heillose Übertreibung? Dank der Rechenmacht von Computern wissen wir schon jetzt:

  • Es wird im Durchschnitt wärmer sein als heute. "Im Durchschnitt" heißt: an vielen Orten wärmer, an manchen kälter, vielerorts trockener, anderswo wesentlich feuchter. Den stärksten Temperaturanstieg sagen Klimamodelle für Südeuropa voraus. Dort soll sich die bodennahe Luft im Jahresdurchschnitt um mehr als drei Grad erwärmen. Im Norden und in der Mitte des Kontinents erhöhen sich die Temperaturen mäßig um ein bis drei Grad. Vor allem die Winter sollen milder werden, Frosttage seltener.
  • lDer Meeresspiegel wird sich um etwa einen halben Meter heben, wobei die Schätzungen je nach Studie von neun bis 88 Zentimeter reichen. Hauptgrund ist die temperaturbedingte Ausdehnung des Wassers, nicht das Abschmelzen von Eis.
  • lMaßnahmen zur Begrenzung des Kohlendioxidausstoßes werden die Erwärmung nicht verhindern, höchstens bremsen.

So schnell wie derzeit hat sich die Atmosphäre seit 10.000 Jahren nicht mehr aufgeheizt. Führende Experten sind inzwischen davon überzeugt: Es ist nicht mehr zu verhindern, dass sich bis zur Jahrhundertwende die weltweite Temperatur um durchschnittlich zwei Grad erhöht. Vor diesem Hintergrund wandelt sich die Aufheizungs-Debatte in Europa: Auf das wolkige Beschwören der Apokalypse folgt nun die pragmatische Diskussion über technische Lösungen und das wirtschaftlich Machbare.

Der vergangene Woche von der britischen Regierung vorgestellte Bericht von Sir Nicholas Stern, bis 2003 Chefvolkswirt der Weltbank, unterstreicht den Paradigmenwechsel. Neben markigen Warnungen vor womöglich verheerenden Folgen der Erderwärmung und geharnischter Kritik am Versagen von Märkten und Regierungen enthält das Dossier technologie- und globalisierungsfreundliche Rezepte: Privatwirtschaftliche Initiative, angemessener Schutz für klimarelevante Patente und ein entschlossener Ausbau der einschlägigen Forschungs- und Entwicklungsbudgets zählen zu den Hauptforderungen. Wichtigstes Signal seines umfangreichen Dossiers: Es wird Zeit, sich auf das Unvermeidbare einzustellen und alle Ressourcen zu nutzen, um sich dem Klimawandel anzupassen.

Die bisherige Leistungsbilanz in diesem Bereich ist erschreckend kläglich. Der Ökonom belegt, dass die führenden Industrienationen ihre Ausgaben für Erforschung und Entwicklung von Energietechnologie seit Jahrzehnten drastisch reduziert haben: 1974 machten sie in Großbritannien noch 0,16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, mittlerweile sind es nur 0,01. Vor 25 Jahren brachten es die Amerikaner auf ebenfalls gut 0,16 Prozent, geblieben sind etwa 0,03. Für die Deutschen nennt Stern keine so langfristigen Daten - allerdings belegt er, dass sich die Investitionen bei uns auf weniger als 0,02 Prozent des BIP belaufen. Bei den Energieforschungsinvestitionen heißt der Primus nicht etwa Deutschland, sondern Japan. Dort wurde seit beinahe 20 Jahren nicht mehr gestrichen: 0,07 Prozent des BIP reichen zur Weltspitze. Sterns Fazit für den Westen: "Die öffentlichen Forschungsinvestitionen für Energietechnik sollten verdoppelt werden - auf jährlich etwa 20 Milliarden Dollar, um ein breit gestreutes Portfolio von Technologien zu entwickeln."

Das heutige Siedlungsmuster Deutschlands könnte sich als prekär erweisen

An der Basis ist die Suche nach pragmatischen Lösungen längst Alltag. Im Getöse ideologischer Dispute fast unbemerkt haben Ingenieure, Landwirte, Wissenschaftler und Architekten in ganz Europa begonnen, sich mithilfe alter und neuer Techniken auf den Klimawandel einzustellen. Für einige der besonders ernstzunehmenden Bedrohungen eignen sich ganz traditionelle Ansätze.

So könnte sich das heutige Siedlungsmuster Deutschlands als prekär erweisen: im Norden zu nah am Meer gebaut, an den Flüssen zu tief im Tal, im Bergland zu steil am Hang. Und für Hunderttausende Deutsche könnte die See höchst zudringlich werden. Sie brauchen heute schon massiven Schutz: Um 17 Zentimeter etwa ist das "Mitteltidehochwasser" im Oldenburger Land an der Nordseeküste seit 1965 angestiegen. So nennt der Küstenbewohner den durchschnittlichen Höchststand der Flut. Was dem Binnenländler undramatisch scheint - zwei Handbreit Wasser -, hat intensive Bautätigkeit zur Folge.

Hamburg investiert mächtig in die Verbesserung ihrer Hochwasserabwehrtechnik

Gerd Haschen, Vorstandsmitglied des 2. Oldenburgischen Deichbandes, weist auf die Schaumkronen, die in der Ferne auf dem Jadebusen tanzen: "Wenn hier der Deich bricht, kommt das Wasser bis an Oldenburg heran", sagt er - die Stadt liegt knapp dreißig Kilometer landeinwärts. Ein Bauwagen und aufgeschichtete Steinplatten am Fuß des Deichs verraten, dass Haschen und Kollegen das nicht riskieren wollen: Die Deichkrone ist soeben auf sieben Kilometer Länge auf zehn Meter erhöht worden. Noch in den 1970er Jahren hielt man 7,5 Meter für genug.

Die sturmflutgefährdete Millionenstadt Hamburg investiert mächtig in die Verbesserung ihrer Hochwasserabwehrtechnik. Mit gutem Grund: Auf 250 Quadratkilometern gefährdeten Gebiets leben 180.000 Menschen. 140.000 finden hier Arbeit. Und auf zehn Milliarden Euro schätzt die Stadtentwicklungsbehörde den Wert allein der Waren, die in Speicherstadt und auf Industriegeländen lagern. Darum stecken die Hanseaten rund 600 Millionen Euro in Sperrwerke, Schleusen, Schöpfwerke, Deichsiele und Schutztore und erhöhen ihren Wasser-Wall um durchschnittlich einen Meter. 440 Millionen Euro sind verbaut, die besonders bedrohten Vier- und Marschlande im Südosten zu 99 Prozent neu abgesichert. Das Hamburger Deichprofil, das vor der Katastrophe von 1962 12,10 Meter Breite und 5,70 Meter Höhe maß, ist heute 53,50 Meter breit und bis zu 8,50 Meter hoch. Für die neue Hafencity, Bauort der feinen Elbphilharmonie und als "edle Wasserseite der Hamburger Innenstadt" geplant, wählten die Hanseaten eine andere Strategie: Sie steht auf einem Sockel. Der Baugrund wurde so erhöht, dass die Hausgrundstücke im Überflutungsfall wie Inseln aus dem Wasser ragen.

Für Pragmatismus plädieren auch die niederländischen Umweltforscher Pavel Kabat und Pier Vellinga. "Regionaler Klimawandel sollte nicht nur als Bedrohung angesehen werden", forderten sie im Wissenschaftsmagazin "Nature". "Veränderte Wetterbedingungen können Gelegenheit für große Innovationen schaffen."

Das Spektrum für Erfinder und Tüftler ist groß. Es reicht von populären Ideen wie besserer Wärmedämmung über Tricks und Kniffe, die elektronische Geräte stromsparender machen, bis hin zu kontroversen Lösungen wie gentechnisch veränderte Pflanzen, die kaum Wasser brauchen und Kohlendioxid aus der Atmosphäre binden. Und in den Niederlanden entstehen am elektronischen Reißbrett radikale Stadtentwürfe, mit schwimmenden Häusern und kühlenden Spezialdächern.

Über Schwimm-Architektur wird in den Niederlanden nachgedacht

"Langfristig müssen wir anders bauen", sagt Koen Olthuis vom Architekturbüro Waterstudio, einem Spezialbetrieb für Schwimm-Architektur. Ein Beispiel ist das Haus, das er in einem Kanal unweit des Amsterdamer Flughafens Schiphol präsentiert: Ein Flachbau liegt da im Wasser, versteckt hinter Treibhäusern und kleinen Werkstätten. "Bei Hochwasser könnte es einfach nach oben treiben", sagt Olthuis. Leitungen für Abwasser, Trinkwasser und Strom werden an Stutzen in der Kanalmauer geflanscht. Im südholländischen Naaldwijk haben Ingenieure ein voll funktionsfähiges, schwimmendes Gewächshaus gebaut. Und die Forscher Kabat und Vellinga träumen gar von einer "Hydrometropole", einer komplett schwimmenden Stadt.

Wie vielfältig die Anpassungsleistungen sind, die der Klimawandel den Europäern abverlangt, zeigt sich in einer Landschaft, die der Küste in nichts ähnelt - den Alpen. Der Gebirgszug bröckelt. Regelmäßig krachen gewaltige Steinmassen zu Tal, wie jüngst am Eiger und vergangene Woche an den Dents-du-Midi. Permafrost, der das Gestein oberhalb von 2500 Metern wie Kitt zusammenhält, taut. Deshalb entwickeln Geoforscher um Stephan Gruber von der Universität Zürich eine Überwachungstechnik für labile Hänge. In Bohrlöcher gepflanzte Sensoren messen Temperatur und Bewegung im Gestein. Die Daten könnten künftig per Funk übertragen werden. Erwärmt oder dehnt sich der Fels, sollen Bedrohte via SMS gewarnt werden.

Den Schweizern fallen die Berge auf den Kopf

Alpengemeinden können sich mit Barrieren gegen die Gefahr schützen. Ein neues Steinschlagnetz der Schweizer Firma Fatzer Geobrugg hält tonnenschwere Felsen auf: Wie ein Test Ende Oktober in Walenstadt (Kanton St. Gallen) ergab, schlucken seine verformbaren Stahlseile die Aufprallenergie eines herabstürzenden 16-Tonnen-Boliden - Weltrekord.

Der Winter-Tourismus ist von Schneemangel bedroht. Um zumindest die Gletscherpisten vor der Schmelze zu schützen, werden einige von ihnen im Frühsommer mit Spezialfolie aus Kunststoffvlies überzogen. "Im Moment ist die Vliesabdeckung das wirkungsvollste Mittel", sagt Willi Krüger, Prokurist der Pitztaler Gletscherbahnen in Tirol. Dort sind in den vergangenen zwei Sommern an die sieben Hektar Pistenfläche geschützt worden. "Zu einer Totalabdeckung wird es aber nicht kommen." Die würde bei zwei Euro pro Quadratmeter 1,7 Millionen Euro verschlingen, bei 85 Hektar Pistenfläche.

Schneeschmelze wird früher einsetzen, im Spätsommer droht Wassermangel

Zur Ikone der Erwärmung geworden ist das Schwinden der Gletscher selbst. Mit ihnen verliert die Alpenlandschaft nicht nur an Schönheit - eine wertvolle Trinkwasserquelle ist in Gefahr. Mehr noch: "In einer wärmeren Welt wird die Schneeschmelze im Frühling eher einsetzen", konstatierten US-Forscher Tim Barnett und Kollegen unlängst in "Nature". Also würden die Flüsse das Schmelzwasser zu früh abführen. Im Spätsommer droht dann Wassermangel im Unterland: Speichersysteme und Rückhaltebecken müssten konstruiert werden, um das Schmelzwasser zwischenzulagern.

Ihr unangepasster Verbrauch verknappt wiederum vielen Südeuropäern das Frischwasser. Ihr Bedarf vor allem in der Landwirtschaft ist riesig. "Plastisch" zeigt sich das beim Anflug auf Almer’a in Südspanien: Kilometerweit erstrecken sich mit Plastikplanen überdachte Treibhäuser in der kargen Landschaft Andalusiens. Die ist mit hohem Wasser- und Energieeinsatz in den vergangenen 20 Jahren in den Obst- und Gemüsegarten der EU verwandelt worden. Weil die natürlichen Reservoire längst nicht mehr reichen, ging im Sommer 2005 Europas größte Meerwasser-Entsalzungsanlage bei Carboneras in Betrieb.

Im Innern der Süßwasserfabrik stapeln sich meterhoch Hunderte von blauen Stahlrohren. In ihnen wird Meerwasser unter Hochdruck durch halb durchlässige Membranen gepresst. Hauchfeine Poren filtern Mikroorganismen und den größten Teil des Salzes heraus. Diese "Umkehrosmose" wird von der Hälfte aller Meerwasser-Entsalzungsanlagen weltweit genutzt. Täglich produziert Carboneras rund ein Drittel der Trinkwassermenge, die die Hamburger Wasserwerke bereitstellen. Die Meerwasserentsalzung ist energieintensiv und produziert Salzlake, die entsorgt werden muss. Mithilfe effizienterer Energieausnutzung lässt sich diese Technologie allerdings weltweit ausbauen, um austrocknendes Land bewohnbar und urbar zu erhalten.

Für die Landwirte Mitteleuropas kann der Klimawandel auch von Vorteil sein: Versuche der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig haben gezeigt, dass ein deutlich erhöhter CO2-Gehalt der Atmosphäre den Ertrag von Wintergerste, Winterweizen und Zuckerrüben um 15 Prozent steigern kann. Sollte zwischen Rhein und Elbe mediterranes Klima einsetzen, würde verstärkt Hartweizen angebaut. Er reift schnell und bringt hohe Erlöse.

Sommerdürren bedrohen die Ernten

An derselben Bundesforschungsanstalt untersuchen Michaela Schaller und Hans-Joachim Weigel, wie Landwirte ihre Anbaumethoden anpassen können. So mag es nötig werden, im Frühjahr eher auszusäen, um sommerlicher Dürre zuvorzukommen. Zugleich wird nach trockentoleranten Pflanzen gefahndet: Die Agraringenieurin Christiane Balko erforscht an der Bundesanstalt für Züchtungsforschung im mecklenburgischen Groß Lüsewitz, wie sich trockenverträgliche Kartoffel- und Ackerbohnensorten finden lassen. Auf Versuchsfeldern wachsen Kartoffelsorten wie Bintje, Desiree, Mirka oder Clivia. Sie werden unter Regenschutzdächern "ausgedörrt". Anschließend messen die Forscher die Erträge der Pflanzen, um die beste Wasserspar-Kartoffel zu identifizieren. Im Labor sucht Balko parallel nach biochemischen Merkmalen, die sie auszeichnen.

Forscher suchen nach Reis, der weniger durstig ist

Von globaler Bedeutung ist die Optimierung der Reispflanze. Die nährstoffreiche Körnerfrucht ist Hauptnahrungsmittel der halben Menschheit. Als einzige bedeutende Nutzpflanze braucht sie ständig feuchten Boden. Deshalb suchen Forscher des internationalen Reisforschungsinstituts IRRI im philippinischen Manila nach Reis, der weniger durstig ist. Die Produktivität der Pflanzen zu erhöhen, ist für John Sheehy, den Leiter der Klimaforschungsgruppe am IRRI, die Antwort auf eine wärmere Welt: "Ich suche nach einer Art Formel-1-Reis." Dazu will er die Photosynthese der Reispflanze verbessern - sie soll quasi energieeffizienter werden. Die Lösung dafür könnte in der Reis-Genbank des IRRI verborgen sein. 107.000 unterschiedliche Reisproben werden in der Kühlhalle aufbewahrt, säuberlich abgepackt in silbrige Plastikbeutel. Wie in einer Bibliothek lagern sie in fahrbaren Regalwänden. Sheehy vermutet, dass die Reispflanzen bereits die Gene für eine stärkere Photosynthese enthalten, nur sind sie deaktiviert. Um einen Hinweis zu finden, wo man suchen muss, will er 6000 Wildreissorten untersuchen lassen. Wird er fündig, will er den Reis der Zukunft mittels Genmanipulation erschaffen. Die Formel-1-Pflanze konventionell zu züchten hält Sheehy für aussichtslos - es dauere zu lange.

In Europa setzt man dagegen auf Kreuzungsversuche. Forscher der Technischen Universität München konnten damit jetzt erstaunlich hohe Ernten einfahren. In der Magadino-Ebene im Tessin kreuzen sie seit vier Jahren in Gewächshäusern eine gegen Trockenheit wenig empfindliche Hochlandart mit ertragreichem Tieflandreis. Chefforscher Professor Urs Schmidhalter entdeckte: Wurde der Reis nur in der Früh- und Spätphase seines Wachstums bewässert, gedieh er gut. "Die Pflanzen benötigen Wasser vor allem bis zur Bildung ihrer Triebe und während der Blütezeit", sagt er. Die Forscher setzten oft nicht einmal die Hälfte der für Nassreis erforderlichen Menge von 1500 Millimeter Wasser pro Fläche ein: Sie verbrauchten 550 bis 890 Millimeter. Die Erträge überraschten die Forscher. Sie waren mit etwa acht Tonnen pro Hektar höher als viele Nassreisernten. Es seien die höchsten jemals erzielten Trockenreiserträge, sagt Schmidhalter.

Auch Europas Winzer lassen erforschen, was auf ihr besonders wettersensibles Gewächs zukommt. Werden sie ihre Rebstöcke umsiedeln müssen? Spezialisten wie Hans Reiner Schultz von der Forschungsanstalt Geisenheim für Garten- und Weinbau im Rheingau rechnen langfristig mit einer Ausdehnung der An- baugrenzen in Gebiete, wo zu niedrige Temperaturen Weinkulturen verhindern: Weinbauflächen könnten nach seiner Einschätzung 200 bis 400 Kilometer nach Norden und 100 bis 150 Meter in die Höhe wandern, Winzer wärmeliebende Rebsorten in Mitteleuropa anpflanzen: 2050, so spekuliert der Forscher, könnten im Rheingau Merlot oder Cabernet-Sauvignon wachsen.

Wird die Malaria wiederkommen?

Gelassenheit bezüglich neuer Herausforderungen hat sich unterdessen bei Medizinern eingestellt. Zwischenzeitlich wurde befürchtet, die Malaria könnte nach Europa zurückkehren. Professor Bernhard Fleischer, Direktor des auf Tropenkrankheiten spezialisierten Bernhard-Nocht-Instituts in Hamburg, hält das nun für wenig wahrscheinlich. "Dafür müsste zuerst eine kritische Masse chronisch infizierter Patienten erreicht werden", sagt er. Bis in die 1940er Jahre fanden Anophelesmücken, die Überträger des Erregers, ideale Brutgelegenheiten in italienischen Sümpfen. Trockenlegung und DDT genügten, um die Erkrankung aus Europa völlig zu verdrängen. "Solange wir bei Hygiene und medizinischer Versorgung keine Zustände wie in Entwicklungsländern bekommen, können wir eine Erwärmung vertragen", glaubt Fleischer.

Europa ist in einer günstigen Position

Europa, ist aufs Ganze gesehen, in einer günstigen Position, einer Erwärmung zu trotzen - nicht nur geografisch, sondern auch wegen seiner noch immer reichen intellektuellen und technologischen Ressourcen. Und es gibt Europäer, die sogar auf einen gediegenen Reibach hoffen - gerade weil das nordische Eis hinwegschmilzt. Einen Vorgeschmack auf den potenziellen Goldrausch bekommt man im norwegischen Hammerfest, der laut Selbstdarstellung "nördlichsten Stadt der Welt".

Bitterkalt pfeift der Wind der Barentssee über die kleine Insel Melkøya, die in der Hammerfester Bucht liegt. Blaues Herbstlicht schimmert auf den umliegenden Inseln, die Sonne kommt schon am Mittag nicht mehr über den Horizont. Doch Sverre Kojedal, Sprecher des norwegischen Ölkonzerns Statoil, ist bester Dinge, wenn er von der Aussichtsplattform auf die riesige Gasverflüssigungsfabrik hinunterblickt, in die sich Melkøya verwandelt hat.

Erdölförderer freuen sich auf eine neue Ära

Über eine Pipeline wird sie aus dem 150 Kilometer entfernten Erdgasfeld Snøhvit in der Barentssee beliefert. "Zum ersten Mal wird Erdgas mit einer vollautomatischen unterseeischen Förderanlage heraufgeholt", sagt Kojedal. Wenn die Fabrik 2007 in Betrieb geht, sollen jährlich vier Milliarden Kubikmeter Flüssiggas in Tanker gepumpt und nach Europa und Nordamerika verschifft werden. "Das ist der Beginn einer ganz neuen Ära in der Erdgas- und Ölförderung", schwärmt Kojedal. Im eisigen Meer hinter den Inseln am Horizont stecken derzeit Russland und Norwegen ihre Claims ab. Sollte die Arktis, wie Szenarien voraussagen, in wenigen Jahrzehnten im Sommer weitgehend eisfrei sein, hätte Statoil längst wichtiges Know-how gebunkert, um die Schätze aus den eisigen Tiefen des Nordpolarmeers fördern zu können. Nicht nur die Energiekonzerne würden profitieren: Reedereien könnten Frachter und Tanker auf direktem Wege zwischen dem Atlantik und Fernost pendeln lassen - ohne wie heute den Umweg über Suez- oder Panamakanal nehmen zu müssen.

Für manchen Investor sind das beglückende Aussichten. Doch gibt es einen Haken. Was immer nämlich aus den Tiefen des Eismeeres gepumpt wird, wird sich nur unter neuerlichem CO2-Ausstoß verfeuern lassen. Und wenn es nach Gutachter Stern geht, ist dieser dann längst mit hohen Abgaben belegt, um das lange propagierte Ziel, weniger Treibhausgase in die Atmosphäre zu schicken, endlich zu erreichen. Denn in einem Punkt ist der facettenreiche Bericht des Briten gänzlich unnachgiebig: mit "BAU" - business as usual - kann es in Sachen Klima nicht weitergehen.
Mitarbeit: Christina Stefanescu

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