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Gefährdung der ISS Neuer kalter Krieg im All: Satellitenabschuss sorgt für Zoff zwischen Russland und USA

Gefährdung der ISS: Neuer kalter Krieg im All: Satellitenabschuss sorgt für Zoff zwischen Russland und USA
Sehen Sie im Video: USA klagen Russland an – Weltraumschrott soll ISS-Astronauten gefährdet haben.




Die USA werfen Russland vor, die Sicherheit von Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS gefährdet zu haben. Der Beschuss eines russischen Satelliten im Rahmen eines Waffentests habe Weltraumschrott hinterlassen, der die ISS und das Leben der Astronauten gefährde, sagte der Sprecher des US-Außenministeriums Ned Price: "Russlands gefährliches und unverantwortliches Verhalten gefährdet die langfristige Nachhaltigkeit des Weltraums und zeigt deutlich, dass Russlands Behauptungen, die Bewaffnung des Weltraums abzulehnen, unaufrichtig und heuchlerisch sind. Die Vereinigten Staaten werden mit unseren Verbündeten und Partnern zusammenarbeiten, um auf Russlands unverantwortliches Handeln zu reagieren." Die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa schloss sich der Kritik an. Das Weltraumkommando der amerikanischen Streitkräfte teilte mit, der Test vom Montag habe bislang mehr als 1500 nachverfolgbare Trümmerteile in der erdnahen Umlaufbahn produziert. Russland wies die Vorwürfe zurück. „Diese Aussagen entsprechen nicht der Wirklichkeit", sagte ein Sprecher des Verteidigungsausschusses der Duma. Wegen einer möglichen Kollision mit Weltraumschrott war die ISS am Montag zweimal kurzzeitig geräumt worden.
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Wer den Kinofilm "Gravity" gesehen hat, hat eine Ahnung davon, was Weltraumschrott anrichten kann. Mit dem Abschuss eines Satelliten hat Russland ein solches Szenario wahrscheinlicher gemacht. Die USA sind außer sich – und die ISS in Gefahr.

Es schien zunächst nur eine Episode zu sein. Gleich zweimal mussten der deutsche Astronaut Matthias Maurer und seine sechs Astronautenkolleg:innen am Montag die ISS räumen. Der Grund: Weltraumschrott drohte mit der Raumstation zu kollidieren. Zur Sicherheit begab sich die Crew in die angedockten Shuttles, Maurer in die "Crew Dragon", mit der er erst am vergangenen Freitag die ISS erreicht hatte. Wenig später war die Gefahr vorüber, die Trümmerteile hatten die Station verfehlt.

Einige Stunden später aber wurde deutlich, dass mehr hinter der "Episode" steckte. In unmissverständlichen Worten machte das US Space Command Russland für den Vorfall verantwortlich und sprach von einer direkten Gefährdung der ISS und ihrer Crew, zu der auch russische Kosmonauten zählen.  Beim Test einer Anti-Satelliten-Rakete sei am Montag ein "Kosmos 1408"-Spionagesatellit abgeschossen worden – ein Relikt aus dem Kalten Krieg, schon lange nicht mehr in Betrieb. Dabei sei eine riesige Schrottwolke im niedrigen Erdorbit erzeugt worden, also genau dort, wo die ISS und zahlreiche Kommunikationssatelliten ihre Bahn um unseren Planeten ziehen. Der Satellit sei in mehr als 1500 nachverfolgbare Trümmerstücke zerborsten; zudem entstand eine Wolke aus Hunderttausenden kleineren bis kleinsten Stücken, die von nun an unkontrolliert um die Erde schwirren, so das US Space Command.

Sandra Bullock und George Clooney als Astronauten im Film Gravity
Im Kinohit "Gravity" sind Sandra Bullock (li.) und George Clooney den fatalen Folgen einer Kaskade von Satellitentrümmer-Kollisionen ausgesetzt. Der Abschuss eines Satelliten durch Russland hat in der Realität eine solche Katastrophe wahrscheinlicher gemacht.
© Picture Alliance

Weltraumschrott: Schon Farbsplitter kann ISS-Fenster durchbohren

Das Problem dabei: Trümmerstücke rasen im Erdorbit mehrere tausend Stundenkilometer schnell umher. Bei solchen Geschwindigkeiten kann selbst ein einfacher Farbsplitter ein Fenster eines Raumschiffs durchschlagen oder ein Stück von der Größe einer Murmel ein unter Druck stehendes Modul durchdringen. Entsprechend harsch waren die Reaktionen. "Russland hat gezeigt, dass es die Sicherheit, den Schutz, die Stabilität und die langfristige Nachhaltigkeit des Weltraums für alle Nationen bewusst missachtet", machte der Kommandeur des Space Command, General James Dickinson, in einer offiziellen Mitteilung den Russen massive Vorwürfe. Auch US-Außenminister Anthony Blinken meldete sich zu Wort und verurteilte den "rücksichtslosen Test".

Nasa-Chef Bill Nelson zeigte sich entsetzt: "Ich bin empört über dieses unverantwortliche und destabilisierende Vorgehen." Der 79-Jährige konnte sich kaum erklären, wie eine erfahrene Raumfahrtnation so handeln könne: "Mit seiner langen und traditionsreichen Geschichte in der bemannten Raumfahrt ist es unfassbar, dass Russland nicht nur die amerikanischen und internationalen Partner-Astronauten auf der ISS, sondern auch seine eigenen Kosmonauten gefährdet." In einem Interview mit der "Washington Post" ging der Nasa-Chef daher sogar einen Schritt weiter. Er glaube, dass Mitglieder der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos gar nichts von dem Abschuss gewusst hätten. "Sie sind wahrscheinlich genauso entsetzt wie wir". Er wäre nicht überrascht, wenn "es das russische Militär ist, das sein Ding macht".

Militarisierung des Weltraums: "Russland scheinheilig"

Angesichts immer größer werdender Müllmassen im erdnahen Weltraum macht der Abschuss eines alten Satelliten aus Sicht eines Raumfahrers tatsächlich überhaupt keinen Sinn. John McDowell vom Havard-Smithsonian Center für Astrophysik zeigte sich gegenüber dem britischen "Guardian" entsprechend besorgt. "Wir haben schon ein Problem mit Weltraummüll. Wir sollten nicht absichtlich noch mehr erzeugen." Nicht nur wissenschaftliche Missionen, sondern auch Weltraum-Tourismus und alle anderen Aktivitäten im All würden auf lange Sicht durch den Müll in Frage gestellt. Es wächst die Furcht vor dem im Kinofilm "Gravity" in Szene gesetzten Kessler-Effekt, nach dem die Menge an Weltraumschrott durch Kollisionen von Schrottteilchen miteinander derart zunehmen kann, dass in letzter Konsequenz Raumfahrt von der Erde aus unmöglich wird. Das Space Debris Office der Esa gibt die Masse des Weltraumschrotts, der schon jetzt unseren Planeten umgibt, mit mehr als 9600 Tonnen an. Darunter mehrere hundert Millionen Teile, die kleiner als zehn Zentimeter, daher nicht beobachtbar, aber wegen der Bedingungen im All dennoch zerstörerisch sein können.

Gefährdung der ISS: Neuer kalter Krieg im All: Satellitenabschuss sorgt für Zoff zwischen Russland und USA

Wieso dann also ein Satelliten-Abschuss? "Es ist Säbelrasseln, und es ist verantwortungslos", schlussfolgert McDowell. Militärs wie General Dickinson sehen in dem Abschuss bereits einen direkten Affront: "Russland entwickelt und setzt Fähigkeiten ein, um den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten und Partnern den Zugang zum Weltraum und dessen Nutzung aktiv zu verweigern." Ned Price, Sprecher des Außenministeriums wurde noch deutlicher: Der Test der Anti-Satelliten-Rakete zeige deutlich, "dass Russlands Behauptungen, es lehne die Militarisierung des Weltraums ab, unaufrichtig und scheinheilig sind." Man werde das "nicht tolerieren". Und Mike Rogers, ein republikanischer Abgeordneter im Streitkräfteausschuss im Repräsentantenhauses aus Alabama, stellte unumwunden fest: "Der Weltraum ist bereits zu einem Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen geworden."

Russland: "Immer gegen Militarisierung ausgesprochen"

Die russische Seite, die den Raketentest zwar mit keinem Wort offiziell erwähnte, ihn jedoch durch eine entsprechende Luftfahrt-Warnung für das Startgebiet der Anti-Satelliten-Rakete indirekt angekündigt hatte, wehrte sich gegen die Vorwürfe aus den USA. "Diese Aussagen entsprechen nicht der Wirklichkeit", zitierte die Agentur Interfax am Dienstag Juri Schwytkin, den Vize-Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses der Staatsduma. Der Fantasie des US-Außenministeriums seien offensichtlich keine Grenzen gesetzt. "Wir haben uns immer gegen die Militarisierung des Weltraums ausgesprochen", so Schwytkin. Das wachsende Misstrauen in Washington konnte er damit aber nicht befrieden. "Wir beobachten ganz genau die Fähigkeiten, die Russland offenbar entwickeln will, die nicht nur unsere nationalen Sicherheitsinteressen, sondern auch die Sicherheitsinteressen anderer Raumfahrtnationen gefährden könnten", sagte Pentagon-Sprecher John Kirby dem Sender CNN und pochte auf die Festsetzung von Normen für eine "verantwortungsvolle" Nutzung des Weltraums.

Roskosmos bemühte sich unterdessen, die Wogen wenigstens ein wenig zu glätten. Man arbeite schließlich seit Jahrzehnten mit internationalen Partnern in der Raumfahrt zusammen, hieß es vonseiten der Raumfahrtbehörde. "Für uns war und ist die absolute Sicherheit der Besatzung oberstes Gebot." Das russische Warnsystem für den erdnahen Weltraum überwache weiterhin die Lage, um mögliche Bedrohungen für die Raumstation und die Besatzung zu verhindern. Bei der Nasa rechnet man damit, dass zumindest in den nächsten Tagen von der Trümmerwolke des Satelliten noch eine Gefahr für ISS ausgehen könne.

Ausweichmanöver für ISS: Folge eines Satellitenabschusses vor 14 Jahren

Doch selbst wenn sich die ISS-Crew vorerst keine weiteren Sorgen machen müsste, zeigte ein Vorfall just in der vergangenen Woche, für wie lange Trümmer eines zerstörten Satelliten eine Gefahr für Raumfahrer und Raumfahrt bleiben. Am Donnerstag musste die ISS einem Trümmerstück des ehemaligen chinesischen Wettersatelliten Fengyun-1C tatsächlich ausweichen, um eine Kollision zu vermeiden. Alles andere als ein leichtes Unterfangen für eine träge Station von der Größe eines Fußballfeldes. Es gelang mit Hilfe einer angedockten Progress-Raumfähre, die sechs Minuten lang ihre Antriebsraketen zündete. Fengyun-1C wurde bereits 2007 durch einen ähnlichen Raketentest zerstört, wie ihn nun Russland unternommen hat. Die meisten der mindestens 3500 Trümmerstücke dürften nach Einschätzung von Experten heute noch im Orbit sein und viele von ihnen seien erst jetzt in die Umlaufbahn der ISS rund 400 Kilometer über der Erde abgesunken.

Jede Menge Stoff für Gespräche zwischen Nasa- und Roskosmos-Vertreten an diesem Dienstag in Moskau. Der Austausch war schon seit längerem geplant, durch die Ereignisse vom Montag ist das Treffen hochbrisant geworden.

Quellen: US-Space Command; Space Debris Office der Esa; "Washington Post"; CNN;  Nachrichtenagenturen DPA, AFP


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