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Andreas Petzold: #Das Memo: Angela Merkel - wer folgt auf die ewige Kanzlerin?

Angela Merkel will auf Helmut Kohl machen und vier weitere Jahre Deutschland regieren - 2021 wären es dann ebenfalls 16 Jahre. Die Diskussion um die Nachfolge dürfte früher beginnen - und nur wenige Namen bereithalten.

2005 wurde Angela Merkel erstmals als Bundeskanzlerin vereidigt, einmal will sie es noch machen. Und dann?

2005 wurde Angela Merkel erstmals als Bundeskanzlerin vereidigt, einmal will sie es noch machen. Und dann?

Bleibt sie oder geht sie? hat die Bundestagswahl für die Union noch nicht gewonnen, aber schon seit Jahresbeginn fragt sich das politische Berlin, ob sie die Legislaturperiode bis 2021 wirklich zu Ende bringt? Im ARD-Sommerinterview hat sich die Kanzlerin dazu jetzt unmissverständlich geäußert: "Ich habe deutlich gemacht, als ich wieder angetreten bin, dass ich für vier Jahre antrete." Es gebe zwar nur eine "bedingte Verfügungsgewalt" über das eigene Leben, sagte sie auf die Frage, ob sie das garantieren könne. "Aber ich habe die feste Absicht, das auch genauso zu machen, wie ich es den Menschen gesagt habe." Das gehöre zum Vertrauen. Punkt.

Also, dann gewähren wir erst einmal einen Vertrauensvorschuss und sind gutgläubig. Und irgendwie gilt Merkels Versprechen ja auch gegenüber einem möglichen Koalitionspartner. Weder die SPD, Grüne noch die FDP würden widerstandslos einen neuen -Kanzler wählen, falls die Chefin vorzeitig abtreten möchte. Zunächst aber muss Angela Merkel am 24. September ihren Zweit-Wohnsitz im Kanzleramt verteidigen. Mit derzeit satten 30 Punkten Vorsprung im stern-RTL-Wahltrend vor Herausforderer Martin Schulz sollte sich das machen lassen.

Wer folgt auf Angela Merkel?

Aber: Gleich nach dem Wahlsonntag werden in der Union ernsthafte Gedankenspiele beginnen, die sich um eine einzige Frage drehen und den Ausklang des 16-jährigen Merkel-Marathons dauerhaft untermalen dürften: Wer taugt als Nachfolgerin oder Nachfolger von Angela Merkel? Denn niemand, auch sie selbst nicht, geht davon aus, dass sie noch eine fünfte Amtsperiode dranhängen würde.

Da die CDU Merkels Diktum folgt, wonach der auch die Partei führen soll, muss die Kandidatin oder der Kandidat gleich das Doppelpack schultern. Dies bedeutet auch, dass Angela Merkel spätestens 2020 auf einem Parteitag den CDU-Vorsitz abgeben muss, um dem Nachfolger oder einer Nachfolgerin Platz und Zeit zu geben, politisches Profil zu entwickeln. Die Personal-Palette, die in der CDU für diese Aufgaben zur Verfügung steht, ist recht übersichtlich.

Zunächst fällt der Blick auf den konservativen und allgegenwärtigen , Präsidiumsmitglied und Finanzstaatssekretär, der keiner politischen Keilerei aus dem Weg geht und vor allem die Sozen auf dem Kieker hat ("Linksextremismus wird in Deutschland seit Jahren verharmlost"). Er ist erst 37 Jahre alt. Aber nicht wenige in der Partei verweisen auf die Erfolge jugendlich wirkenden Vorbilder wie Emanuel Macron oder des konservativen österreichischen Noch-Außenminister Sebastian Kurz, der im Oktober das Kanzleramt in Wien erobern will. "Solche Leute haben wir doch auch", ermutigt sich ein führender CDU-Mann. Aber wohl kein vergleichbares Momentum: Kurz hat seine konservative ÖVP inhaltlich und organisatorisch komplett umgekrempelt und Macron bei Null angefangen. Nur Ehrgeiz und Attacke reichen nicht.

Von Günther bis Spahn - die Liste ist übersichtlich

In die Kategorie (noch) junger Hoffnungsträger wird auch , 43, seit kurzem Chef einer Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein, einsortiert. Ausgleichend, überlegt, in die Mitte strebend. Wenn man so will, die jüngere und männliche Ausgabe von Merkel. Dann wäre da noch Ursula von der Leyen. Sie hat trotz des Schlingerkurses während der Bundeswehr-Affäre das Wohlwollen der Kanzlerin. Dass Merkel ihr den schwierigsten Knochen, das Verteidigungsministerium, hingeworfen hatte, gilt intern immer auch als Bewährungs- und Belastungsprobe für höhere Weihen. Weil manche ihren Stil nicht mögen, fehlt es von der Leyen allerdings weiterhin an der Bindung in die Tiefen der Partei. Was sich auch in ihrem schwachen Wahlergebnis zur stellvertretenden CDU-Vorsitzenden spiegelt: 72,4 Prozent.

CDU-Vize Armin Laschet, 56, der jetzt einer schwarz-gelben Regierung in Nordrhein-Westfalen vorsteht, wird dort gebraucht. Kompetent und linientreu ist er, ja, aber er wird intern nicht als derjenige gesehen, der in einer Nach-Merkel-Ära den Aufbruch verkörpert.

Damit kommen wir zur unaufdringlichsten Kandidatin im Personal-Tableau: Annegret Kramp-Karrenbauer, 54, seit 2011 Ministerpräsidentin im Saarland. Eine geradlinige Politikerin, gemocht von Merkel und respektiert in der Partei. Man könnte auch sagen: die fleischgewordene Sachlichkeit. Aber klar und deutlich in ihren Ansichten. Auch wenn sie nur ein Bundesland regiert, das weniger Einwohner zählt als Köln, attestieren ihr viele die Fähigkeit, Wähler zu überzeugen und zu binden.


Der Reigen kann also beginnen. Für das CDU-Parteivolk wird es darum gehen, substanzreiche Politiker von den nur geschickten Parteistrategen zu trennen. Aber mit der Personaldebatte verknüpfen sich nicht nur Charakterfragen, sondern es geht auch um den künftigen Kurs der Partei. Der innere Kompass des Jens Spahn beispielsweise zeigt eindeutig auf das Feld "streng konservativ", dem ein Teil der Partei immer noch nachtrauert. Unterstützung erfährt Spahn von Präsidiumsmitglied Julia Klöckner, die sich in Rheinland-Pfalz ihrer SPD-Kontrahentin Malu Dreyer geschlagen geben musste und sich ganz gerne Richtung Berlin bewegen würde.

Man muss ja nicht weiterhin die Republik sedieren

Dieses Duo wäre vermutlich Seehofer, Söder & Co am liebsten – schön schwarz, weit weg von der SPD und wenig Reibungsverlust. Während eine Kramp-Karrenbauer oder ein Daniel Günther wohl auf eher Merkels politisches Erbe setzen würden. Man muss ja deshalb nicht weiterhin die Republik sedieren.

Nach der Bundestagwahl wird sich die Berliner Politikblase jedenfalls intensiv damit befassen, jeden Zwischenton bei denjenigen aufzuschnappen, die sich warmlaufen. Jede leise Kritik an Merkels Politik, ob öffentlich oder in Hintergrundgesprächen mit Journalisten geäußert, wird als Ambition auf die Schuhe der Chefin gewertet werden. Und wie immer gilt: Wer sich zu früh ins Gespräch bringt, hat als erster verloren.


 

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