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"Anne Will" Sahra Wagenknecht sorgt mit kruden Corona-Thesen für Kopfschütteln – Lauterbach widerlegt jedes Argument

Sorgte mit ihren Äußerungen bei "Anne Will" für Kopfschütteln: Sahra Wagenknecht
Sorgte mit ihren Äußerungen bei "Anne Will" für Kopfschütteln: Sahra Wagenknecht
© NDR/Wolfgang Borrs
Mit kruden Thesen über die Corona-Impfung und Long Covid hat die "Linken"-Politikerin Sahra Wagenknecht bei "Anne Will" nicht nur SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach verärgert. 
Von Andrea Zschocher

Ob Sahra Wagenknecht ihre Zusage zu "Anne Will“ nach der Sendung bereute? Unklar, vermutlich ist die Politikerin davon überzeugt, im Recht zu sein, immerhin hatte sie ja (selbst ausgesuchte) Studien im Gepäck und ein Drittel der Deutschen hinter sich, die wie sie eben ungeimpft sind. Dass ihre Partei Die Linke die Zusage zur Show bereut, ist dagegen recht wahrscheinlich. Denn das, was Wagenknecht da nahe am Rande der Verschwörungsmythen in der Sendung verbreitete, wird der Partei langfristig vermutlich schaden. Bei dem Sendungsthema "Steigende Neuinfektionen, Sorge wegen Impfskepsis – Hilft oder schadet mehr Druck auf Ungeimpfte?" war ein Schlagabtausch zu erwarten, aber soviel Kopfschütteln in einer Politik-Talkshow war selten.

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

Sahra Wagenknecht(Die Linke), Mitglied des Deutschen Bundestages

Christina Berndt, Wissenschaftsredakteurin bei der "Süddeutschen Zeitung"

Karl Lauterbach(SPD), Mitglied des Deutschen Bundestages, Epidemiologe

Marco Buschmann (FDP), Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion

Nicht alles, was Sahra Wagenknecht in der eher kleinen Runde von sich gab, war vollkommen falsch. Natürlich ist es problematisch, wenn jeder sich öffentlich erklären muss, warum er oder sie (nicht) geimpft ist. Und es stimmt auch, dass es eine ganz individuelle Entscheidung ist, dies zu tun oder zu lassen. Auch, dass das Gesundheitswesen seit vielen Jahren immer weiter kaputt gespart wurde, stimmt. Vieles andere an diesem Abend war aber, um mal Karl Lauterbach zu zitieren "einfach falsch". Wagenknecht behauptete beispielsweise, dass der Akt des Impfens, der immer auch als eine solidarische Maßnahme angepriesen wird, eigentlich ein egoistischer Schritt wäre. Spannend, derart Zweifelhaftes von jemandem zu hören, dessen Partei seit vielen Jahren über mangelnde Solidarität klagt. Wagenknechts krude Erklärung für ihre vollkommen falsche These: Durch eine Impfung schütze man nur sich selbst vor einer Ansteckung.

Wer sollte sich impfen lassen?

Sie berief sich im weiteren auf Studien, die gezeigt hätten, dass die Viruslast auch bei Geimpften hoch sei und deswegen würden andere eben nicht durch die Impfung geschützt. Dass Impfen der Gesellschaft als Ganzes hilft, weil weniger Menschen schwer erkranken, dieser Logik wollte Wagenknecht sich nicht anschließen. Sie beharrte auf ihrem Standpunkt, dass im Prinzip junge Menschen (sie sprach von 30-Jährigen) durch eine Coronainfektion keine größeren Probleme hätten und ignorierte die Tatsache, dass aktuell sehr wohl genau diese ungeimpften 30-Jährigen auch auf den Intensivstationen liegen. Und die liegen da deutlich länger, als ältere Mitbürger:innen, denn so traurig und hart das klingt, jüngere Körper kämpfen in der Mehrzahl länger ums Überleben als hochbetagte. Die angesprochene Studie von Sahra Wagenknecht aus Großbritannien hatte, so erläuterte Christina Berndt, untersucht, wie groß die Ansteckung auch unter Geimpften im familiären Umfeld ist. Nun sind wir nicht alle miteinander verwandt und gehören dem gleichen Haushalt an, weswegen sich eine Impfung eben doch lohnen würde.

Wagenknecht hat Angst vor Corona – aber auch vor der Impfung

Marco Buschmann verwies auf Impfen als "individuelle Entscheidung“ und setzt weiterhin auf Aufklärung, warb aber auch dafür, mit Impfskeptiker:innen ins Gespräch zu gehen. Von oben herab mit diesen Leuten zu sprechen würde nichts bringen, gleichzeitig gab auch er zu, davon überzeugt zu sein, dass Sahra Wagenknecht sich "irrt".

Die Politikerin gab zu, "ich habe auch Angst vor Corona", aber die Bedenken vor den "neuen Impfstoffen" sei größer. Bei einer Impfung mit einem Totimpfstoff, wie er wohl gerade in China erprobt wird, da würde sie sich eventuell impfen lassen, wenn es eine "seriöse Zulassung durch die EU" gibt. Die Zulassung, die für die momentan verimpften mRNA-Impfstoffe reicht ihr nicht aus. Für Wagenknecht ist die Zielgruppe der Corona-Impfung aber generell sehr eng bemessen, sie glaubt, dass sie nur Risikogruppen wirklich benötigen.

"Sie erzählen Unsinn“

Wer sowas sagt, der sagt auch, dass Long Covid nicht existiert. Die linke Politikerin sagte "Long Covid ist umstritten“, obwohl da eigentlich Einigkeit herrscht, dass diese Folgeerkrankung Menschen in ihrem Leben extrem einschränkt. Auch Anne Will verwies darauf, dass sie Menschen kenne, die unter Long Covid litten. Wagenknecht nickte, ja, auch sie wisse von Menschen, denen es wenige Monate lang nicht gut ging, aber jetzt sei das alles wieder in Ordnung. "Sie sollten nicht mit alarmistischen Zahlen" um sich werfen, herrschte sie Karl Lauterbach an, der immer wieder korrigierend in die Ausführungen Wagenknechts eingriff.

"Sie erzählen Unsinn", tadelte er sie und widerlegte ihre Argumente eins nach dem anderen. Dass er dabei nicht einfach an den Punkt kommt zu sagen: Ich habe keine Lust mehr, ist ihm hoch anzurechnen. Lauterbach wird von vielen ja oft als zu fatalistisch wahrgenommen, als Schwarzmaler. Aber es scheint so, als bräuchte es ein dickes Fell und den Willen zur Aufklärung, um durch die Pandemie zu kommen und vielleicht doch noch einige Menschen zur Impfung zu bewegen. Er warf Wagenknecht vor, "Räuberpistolen" zu erzählen und verwies darauf, dass er ihre laienhaften medizinischen Ausführungen nicht einfach unerklärt stehen lassen könne. Es sei beispielsweise ganz normal, dass der Staat statt der Hersteller für die Impfung haftet, wenn der Staat sie seinen Bürger:innen auch empfiehlt. Ein Zweifel an den Verträgen, die eine Haftung der Hersteller ausschließen, sei nicht angebracht, die Impfung sicher.

Die Intensivstationen sind voll

Polemisch wurde es spätestens in dem Moment, als Sahra Wagenknecht einen Zusammenhang zwischen dem seit Jahren voranschreitenden Bettenabbau in Kliniken mit Corona sehen wollte. Sie meinte, dass Corona nun ein stückweit zu unserer Lebensrealität dazugehören muss und das Gesundheitssystem nicht so kaputtgespart werden dürfe, dass es nicht mehr mit "normalen Erkrankungen einer 80 Millionen Bevölkerung klar kommt". Dass sowohl Lohn als auch Ausstattungen und Arbeitsbedingungen in der Pflege massiv verbessert werden müssen, ist vollkommen unstrittig. Journalistin Berndt zeigte sich aber erstaunt über die "verschobene Risikowahrnehmung" von Sahra Wagenknecht. "Sie tun so, als würden die Betten abgebaut, um die Situation zu verschärfen“, dabei wäre das nirgendwo der Fall. Aber es stimme eben, dass vielerorts Betten für Covid-Erkrankte freigehalten werden müssen und die Intensivstationen teilweise an Grenzen kommen.

Weitere Themenpunkte:

  • 2G und Booster-Impfungen Während Marco Buschmann 2G für ein "viel zu sehr überschätztes Instrument“ hält, warb Karl Lauterbach dringend darum. Das würde am Ende, gab er beinahe schnippisch zu, ja auch Sahra Wagenknecht vor einer Ansteckung durch Geimpfte schützen, wenn sie einfach nicht mehr im gleichen Raum mit ihnen sein dürfe.
  • Niemand hat Freedom Day gesagt Marco Buschmann beschrieb sehr detailliert, dass SPD, Grüne und FDP ja nicht das Ende aller Maßnahmen beschlossen hätten, sondern auch nach März 2022 noch Masken- und Testpflicht gelten würde. Kritik an seiner Wortwahl ließ er nicht zu. Koalitionspartner Lauterbach von der SPD musste nach einem Tweet zum Thema bei Anne Will in diesem Punkt zurückrudern.
Patricia Kelly hustet in die Armbeuge.

Diese "Anne Will“-Sendung war speziell, denn auch wenn Sahra Wagenknecht explizit betonte, sie wäre nicht gegen eine Corona-Impfung, dass ihr bei Will so eine Plattform für alternative Wahrheiten und Studien geboten wurde, das war erschreckend. "Man kann die Ungeimpften nicht sich selbst überlassen“, sagte Karl Lauterbach. Was auch in dieser Talkshow keine Rolle spielte, waren die, die gar nicht geimpft werden können. Denn Kinder bis 12 Jahren sind darauf angewiesen, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen, damit sie in ihrem Umfeld besser vor einer Infektion geschützt sind. Dass die, die im letzten Jahr so solidarisch mit der Gesellschaft waren, jetzt erleben, wie das Impfen ins Stocken gerät, das wäre doch vielleicht auch mal eine Sendung wert. Dann gern ohne Sahra Wagenknecht.


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