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TV-Kritik

"Anne Will" zum Ukraine-Konflikt: Wenn eine Runde zu Vorsicht und Diplomatie rät, doch ein Gast lieber Öl ins Feuer gießen will

Bei "Anne Will" mahnen die Einen zur Ruhe und Aufklärung, die Andere fordert härtere Sanktionen. Und ein Dritter hält von diplomatischen Worte wirklich gar nichts.

Von Andrea Zschocher

Anne Will - Ukraine-Konflikt - TV-Kritik

Zwischen Besonnenheit und klarer Kante: Bei "Anne Will" ging es am Sonntag um die jüngste Eskalation im Ukraine-Konflikt

Es gibt sie im Leben, die ruhigen, besonnenen Menschen, und die, die mit dem Kopf durch die Wand wollen. Beide haben ihre Berechtigungen, aber manchmal ist der eine Charakterzug mehr gefragt als der andere. Gerade im politischen Alltag ist es nicht verkehrt auch mal besonnen zu reagieren. Der Journalist Christoph von Marschall hatte so gar nichts Ruhiges bei seinem Auftritt bei "Anne Will". Zur Frage, wie mit Präsident Putin umgegangen werden soll nach der Eskalation im Ukraine-Konflikt, forderte er eine Verschärfung der Sanktionen und den Entzug der politischen Unterstützung für Nord Stream 2. Für den Journalisten war der Schuldige klar, seiner Ansicht nach gibt es keinen Grund da abwartend zu reagieren, wie etwa Katarina Barley und Herfried Münkler es für angemessen hielten.

Barley riet "zu großer Vorsicht, den Vorfall abschließend zu bewerten", und hielt eine Aufklärung darüber, was sowohl 2015 in der Ukraine passierte, als auch über die Vorkommnisse im Asowschen Meer in der letzten Woche, für dringend geboten. Darüber ereiferte von Marshall sich minutenlang, immerhin gäbe es doch Bilder, die zeigten, dass ein russisches Schiff ein ukrainisches rammte. "Es bestreitet doch kein Mensch, dass es ein russisches Schiff war, das bestreitet nicht mal Russland", versuchte Dietmar Bartsch zu vermitteln. Die Gefangennahme und das Vorführen der ukrainischen Besatzung, das sei zu verurteilen. Das Völkerrecht muss gelten. Und doch sei in seinen Augen Diplomatie gefragt.

"Anne Will": Uneinigkeit über richtigen Umgang mit Poroschenko und Putin

Das Asowsche Meer, da waren sich alle einig, muss frei zugänglich sein. Uneins waren die Talkgäste darüber, wie genau nun mit Putin und Poroschenko umgegangen werden sollte. So wünschte sich von Marshall, dass die Samthandschuhe ausgezogen werden, und statt diplomatischer nun klare Worte gefunden werden. 

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

  • Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Generalsekretärin und Kandidatin für den Parteivorsitz
  • Katarina Barley (SPD), Bundesjustizministerin und designierte Spitzenkandidatin für die Europawahl
  • Dietmar Bartsch (Die Linke), Fraktionsvorsitzender im Bundestag
  • Herfried Münkler, Politikwissenschaftler und Autor
  • Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der "Tagesspiegel"-Chefredaktion und Buchautor

Kooperation über "Sanktionen und Gratifikationen"?

Der Politikwissenschaftler Münkler sah einen Mix aus "Sanktionen und Gratifikationen" als den gewinnbringenden Weg an, um Russland zur Kooperation zu bewegen. Denn die bisher auferlegten Sanktionen hätten keinerlei Wirkung gezeigt, es müsse also einen anderen Weg geben, Russland zur Kooperation zu bewegen. Ähnlich argumentierte die Bundesjustizministerin, es müsste Druck auf Russland ausgeübt werden, während gleichzeitig immer wieder auch Brücken gebaut werden. Denn letztlich ginge es darum, dass die Ukraine und Russland einen Weg finden müssen, um miteinander klarzukommen. Etwas, das bis jetzt nicht gelungen ist.

Welche Sanktionen denn wirkungsvoll wären, ließen, bis auf Annegret Kramp-Karrenbauer und Christoph von Marschall alle Gäste offen. Die Kandidatin für den CDU-Parteivorsitz machte den Vorschlag, dass russische Schiffe weder in Europa, noch in den USA anlaufen dürfen. Sie äußerte aber auch den Verdacht, dass der harte Punkt, der Putin zum Einlenken zwingen könnte, noch nicht erreicht sei. Wissenschaftler Münkler warf ein, dass es diesen Punkt vielleicht gar nicht gebe.

Nord Stream ohne politische Unterstützung

Für von Marshall war der wichtigste Sanktionsfaktor der, dass die Bundesregierung Nord Stream 2 die politische Unterstützung entziehen sollte. Dann würde die Gas-Pipeline trotzdem gebaut werden, aber der Entzug hätte eine Signalwirkung. Auch nach Alternativen zu "russischem Gas" müsse intensiver gesucht werden. All das würde doch geschehen, warf Barley ein, der Bau von Nord Stream 2 würde nicht bedeuten, dass all die Alternativen nicht genutzt und gebaut werden würden. Sie hielt es aber für "heuchlerisch", dem Projekt die politische Unterstützung zu entziehen, weil Deutschland, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, auf diese Pipeline angewiesen ist. 

Auch Kramp-Karrenbauer war von Marshalls Position "zu radikal", sie schlug vor, an einigen "Stellschrauben" zu drehen. Wo alle anderen Gäste also zur Vorsicht, zum ruhigen Taktieren rieten, fiel der Journalist gleich mit der Tür ins Haus. Ungewöhnlich für jemanden, der das Beobachten und Abwägen eigentlich schon von Berufswegen genau kennen sollte. Für Herfried Münkler sind die Sanktionen gegen Russland nur "Symbolpolitik", und dennoch sei es gerade Angela Merkel hoch anzurechnen, dass die Folgen der Annektion der Krim nicht schlimmer waren. Nun muss es darum gehen neue Verbindlichkeiten für die Zukunft zu schaffen und "weniger moralisch" zu taktieren.