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"Was die Welt bewegt": Obamas Saat am Bosporus

Bei seinem Besuch in der Türkei umwarb Barack Obama das Land, als ob er ein Verkäufer türkischen Honigs sei. Kein Wunder, denn Ankara ist ein Joker im geopolitischen Spiel der USA. Dabei geht es nicht nur darum, islamische Herzen zurückzugewinnen.

Von Katja Gloger

Okay, der Mann hatte zugehört, geduldig zugehört. Vielen zugehört. Er hatte Verantwortung für die Weltwirtschaftskrise auf seine schmalen Schultern geladen, dann ein paar Kompromisse unter zankenden Staatenlenkern vermittelt, und seine Frau Michelle hatte selbst die hartgesottene Queen verzückt. Barack Obama wollte Vertrauen schaffen, ein neues, vielleicht bescheideneres Amerika vorstellen - und um der lieben Einigkeit mit diesen merkwürdigen Europäern zuliebe hatte er auf Forderungen nach mehr Geld für die Konjunktur, nach mehr Soldaten für Afghanistan verzichtet. Und sorgte mit seiner ebenso schönen wie unrealistischen Vision von einer atomwaffenfreien Welt auch noch für die massengerecht verpackte Vision. Yes. We. Can.

Da schält sich so etwas wie eine Anti-Bush Doktrin heraus, pragmatisch, auf Gemeinsamkeiten abgestellt. Lieber Konsens als Krise, lieber Gruppenfoto als Gezanke. Obama erhielt wenig echte Unterstützung, aber er wurde wenigstens ordentlich zurückgeliebt von den Europäern, und selbst die sonst so ergebnisorientierten Amerikaner ("Und was springt für uns dabei heraus?") fühlten sich zum ersten Mal seit Jahren wieder von der Welt gemocht. Obama betreibe Diplomatie der kuscheligen Gruppenumarmung, heißt es in Washington.

Soweit das Augenfällige. Den wichtigsten Teil seiner Reise aber hatte sich Präsident Obama zum Schluss aufgespart: seinen Staatsbesuch in der Türkei - gleich zwei Tage lang. Er hatte diese letzte Station seiner ersten Auslandsreise erst angekündigt, als er wusste, dass er von den Europäern keine Zugeständnisse in Sachen Finanzen, in Sachen Afghanistan bekommen würde.

Und er umwarb das Land, als ob er selbst ein Verkäufer türkischen Honigs sei. Handelte mit Verve den Kompromiss aus, mit dem der Däne Rasmussen seinen Job als Nato-Generalsekretär erhielt: Als Preis bekommt das Nato-Mitglied Türkei einen Stellvertreter-Posten. Und vielleicht wird jetzt auch der kurdische TV-Sender Roj TV geschlossen, der von Dänemark aus sendet. Er vermied das "G-Wort", den Genozid, den Völkermord an den Armeniern 1915. Auch in den USA täte man sich schwer mit "unserem Erbe der Behandlung der eingeborenen Amerikaner", säuselte er verständnisvoll - und pries den Beginn einer neuen diplomatischen Ära zwischen Armenien und der Türkei.

Mehr noch: Deutlich, überdeutlich wiederholte Barack Obama die Forderung seines Vorgängers George W. Bush nach einer Aufnahme der Türkei in die EU. Der eigentliche Sieger der ersten Obama-Reise nach Europa heißt Türkei.

Die Türkei soll Amerikas Schlüssel für die muslimische Welt sein. Vor allem aber soll sie als neuer strategischer Verbündeter der USA in der prekären Weltgegend fungieren. Hier hat Russland seine Truppen rund um Georgien stationiert. Hier will sich Russland, machtbewusst und unberechenbar, als Vormacht in der Region festsetzen. Die Männer im Kreml wollen die Vorherrschaft im Kaukasus, am Schwarzen Meer, sie wollen die enormen Gas- und Ölreserven in Mittelasien kontrollieren - und gerne auch davon profitieren.

Die Türkei ist ein Joker im geopolitischen "Great Game" der USA. Die Türkei soll an das ferne Washington gebunden werden, nicht an das nahe Moskau. Denn allein durch die Türkei können die Pipelines führen, die Europas - und Deutschlands - Energiezukunft sichern. Mit Öl und Gas aus Mittelasien, aus Aserbaidschan, später einmal vielleicht auch aus dem Iran. Diese Pipelines würden an Russland vorbeiführen - so wie es die vor drei Jahren eröffnete Ölpipeline von Baku ins türkische Ceyhan beweist.

Europa, so ein Strategieexperte, ist was für nette Fotos. In der Türkei aber, da betreibt man das Geschäft der Geopolitik.

Und ganz nebenbei eroberte sich Barak Obama am Bosporus die Herzen. Am letzten Tag seiner Reise - Gattin Michelle war "wegen der Kinder" schon vorher nach Hause geflogen - da stand Barack Obama in einem Istanbuler Kulturzentrum, alleine, in der Mitte eines Saales. Der Teppich unter seinen Füssen himmelblau, die Fragen höflich, der Präsident ernsthaft und offen, ein Held seiner Zeit. Und er sprach von Amerikas Fehlern und von gegenseitigem Respekt und davon, dass nun ein neues Kapitel in Amerikas Engagement in der Region aufgeschlagen würde.

Selbst islamistische Zeitungen erklärten den Amerikaner zu einem der ihren: "Ich habe Muslime in meiner Familie", zitierte ihn das Massenblatt Yeni Safak stolz. Und viele nannten ihn schlicht "Bruder Hussein".

"Wir haben die Saat gepflanzt", sagt Obamas oberster Strategieberater David Axelrod zufrieden. "Später, zu einer anderen Zeit, wird es eine Ernte geben." Wohlweislich sagte er nicht, ob Barack Hussein Obama ernten werde.