"Wikileaks" Gründer Julian Assange Zwei Jahre auf weniger als 30 Quadratmetern


Julian Assange verschanzt sich noch immer in London. Ohne Aussicht auf Freiheit. Seit Edward Snowden ist es ruhig geworden um den Wikileaks-Gründer. Wie geht es ihm heute? Und kommt er jemals frei?
Von Oliver Fuchs

Am Donnerstag vor genau zwei Jahren ist Julian Assange in die ecuadorianische Botschaft in London geflüchtet. Seitdem sitzt der Gründer von Wikileaks dort fest. Um das Gebäude patrouilliert rund um die Uhr die britische Polizei. Träte er auch nur vor die Pforte, um frische Luft zu schnappen, er würde sofort verhaftet. Wie geht es Assange heute? Und kommt er da jemals wieder raus?

Wer ist Julian Assange?

Wenige Menschen spalten die Gemüter so sehr wie der australische Wikileaks-Gründer Julian Assange. "Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der mich im Vergleich zu ihm so sehr wie ein Erwachsener hat fühlen lassen. Und ich sage das als Vater eines zehnjährigen Sohnes." Mit dieser vernichtenden Kritik steht Andrew O'Hagan, Assanges ehemaliger Ghostwriter, nicht allein da. Viele seiner Weggefährten und engen Freunde hat Assange mittlerweile vergrault. Er gilt als schwierig, exzentrisch und eingebildet.

Trotzdem halten ihm weltweit Abertausende die Treue. Sie verehren ihn als Vorkämpfer gegen Überwachung und Zensur, als Menschenrechtler und genialen Hacker. Fakt ist: Assange lässt nur wenige an sich heran. Denn paradoxerweise ist er sehr empfindlich, was die Transparenz in seinem eigenen Leben betrifft.

Was war "Wikileaks" nochmal?

Wikileaks ist eine Enthüllungsplattform, eine Webseite, die geheime Dokumente veröffentlicht. Den größten Coup erzielte die Seite vor vier Jahren, als sie eine Unmenge an Depeschen aus amerikanischen Botschaften online stellte. In den Depeschen lästerten Botschaftsmitarbeiter zum Beispiel über den damaligen Aussenmister Guido Westerwelle („inkompetent“, „eitel“ und „amerikakritisch“) und Kanzlerin Merkel („selten kreativ“). Wikileaks machte auch ein Video publik, dass zeigt, wie amerikanische Soldaten bei einem Luftangriff in Bagdad Unbewaffnete und zwei Reuters-Journalisten töten. Zudem sind die Kommentare eines Piloten zu hören: "Sieh dir diese toten Bastarde an!" Die Empörung war gewaltig.

Wikileaks ist umstritten, vor allem, weil die veröffentlichten Dokumente nicht geschwärzt wurden. Dadurch wurden mehrfach Informanten und Angestellte der amerikanischen Botschaften enttarnt. Die amerikanische Soldatin Chelsea Manning (sie bekannte sich letztes Jahr zu ihrer Transsexualität - zuvor hieß sie Bradley) gilt als Urheberin beider Enthüllungen. Dafür wurde sie im vergangenen Jahr von einem Militärgericht zu 35 Jahren Haft verurteilt.

Sitzt Assange wegen seiner Enthüllungen in der Botschaft fest?

Nicht direkt. Offiziell verschanzt er sich in der Botschaft, um nicht an Schweden ausgeliefert zu werden. Dort wird ihm die Vergewaltigung zweier Frauen vorgeworfen. Der Fall ist ein Fest für Verschwörungstheoretiker: Ein erster Haftbefehl gegen ihn ergeht kurz nach Beginn der Veröffentlichung von Mannings Dokumenten. Nur einige Stunden später wird er wieder aufgehoben, und Staatsanwaltschaft teilt mit, dass es keine stichhaltigen Beweise gegen Assange gebe. Dann veröffentlicht Wikileaks die Botschafter-Depeschen. Plötzlich nimmt Schweden die Vorwürfe wieder auf und schaltet Interpol ein.

Assange stellt sich in London der Polizei, wehrt sich aber vor Gericht gegen seine Auslieferung nach Schweden. Er befürchtet, die USA hätten Druck auf Schweden ausgeübt. Die ganze Klage sei ein Trick. Schweden plane, ihn nach Amerika auszuliefern. Dort droht ihm Haft oder sogar die Todesstrafe. Als dann das höchste britische Gericht seine Auslieferung bestätigt, flieht Assange am 19. Mai 2012 in die Botschaft Ecuadors, die er bis heute nicht verlassen hat.

Wie lebt er in der Botschaft?

Die ecuadorianische Botschaft liegt im Herzen von London, gleich neben dem Einkaufstempel Harrods. Das ist bitter für Assange, denn seine Unterbringung ist alles andere als luxuriös. Die Vorhänge in seinem spartanisch eingerichteten Zimmer sind fast immer zugezogen - aus Angst vor Fotografen. Assange klagt, seine Sehkraft leide unter dem Mangel an Tageslicht. Seine Mutter hat für ihn sogar eine spezielle Lampe in die Botschaft liefern lassen, die Sonnenlicht simulieren soll.

Mit den Botschaftsmitarbeitern hat er vereinbart, dass er während des Tages vorwiegend in seinem Zimmer bleibt. Damit er Duschen kann, musste die Damentoilette für ihn umgebaut werden. Bewegen kann er sich hauptsächlich auf dem Laufband, das ihm ein befreundeter Filmemacher geschenkt hat. Seit vier Jahren hat er seine Kinder nicht gesehen. Sein Stiefvater und sein Großvater sind gestorben, während er in der Botschaft festsaß. Nächsten Monat wird er seinen dritten Geburtstag in der Botschaft feiern müssen. Trotzdem: „Immer noch besser, als die Bedingungen in einem amerikanischen Gefängnis“, sagt Assange.

Wie vertreibt er sich die Zeit?

Assange kann zwar die Botschaft nicht verlassen, er telefoniert, twittert und chattet dafür regelmäßig mit der Außenwelt. Er hält Vorträge via Skype, zum Beispiel im März dieses Jahres anlässlich der Technik- und Trendmesse South by Southwest. Er gibt Interviews, zuletzt dem schwedischen "Aftonbladet" wo er sich als Fan der ecuadorianischen WM-Mannschaft outete. Immer mal wieder buhlt er mit Publicity-Stunts um Aufmerksamkeit. So schrieb er zum Beispiel einen offenen Brief an Hollywoodstar Benedict Cumberbatch, um ihm mitzuteilen, wie grottenschlecht er „The Fifth Estate“ fände, in dem Cumberbatch Assange spielt.

Der Film erzählt die Geschichte von Wikileaks, basierend auf dem Buch eines alten Mitkämpfers von Assange, dem Deutschen Daniel Domscheit-Berg. Die beiden hatten sich im Streit getrennt, und Domscheit-Berg betrieb danach kurzzeitig seine eigene Enthüllungsplattform. O-Ton Assange: "Cumberbatch kann keinen australischen Akzent, und der Film ist eine 60 Millionen teure Rufmord-Kampagne gegen mich."

Neben alldem findet Assange auch noch Zeit für Politik: Im vergangenen Jahr gründete er die Wikileaks-Partei und kandidierte für den australischen Senat. Er holte allerdings nicht einmal ein Prozent der Stimmen. Seine Partei ist inzwischen tief zerstritten. Viele enttäuschte Ex-Mitglieder werfen ihm Diktator-Gehabe vor. Zuletzt sorgte die Partei mit einem "Freundschaftsbesuch" bei Baschar al-Assad in Syrien im Dezember 2013 für Schlagzeilen.

Kommt er da irgendwann wieder raus?

Im Moment sieht es nicht danach aus. Die schwedischen Ermittler bleiben hart - für sie kommt nur eine persönliche Befragung in Schweden in Frage. Assange hat mehrmals eine Befragung in der Botschaft oder per Skype vorgeschlagen. Ohne Erfolg. Dabei liegt bis heute keine offizielle Anklage gegen Assange vor. Ecuador hat ihm Asyl gewährt und würde ihn gerne ausfliegen. Doch das verhindert die britische Polizei.

Nur wenn einem der Akteure die Puste ausgeht, würde sich in der verfahrenen Situation etwas bewegen. Der ecuadorianische Botschafter in London hat die Affäre langsam satt. Kürzlich sagte er entnervt zu der britischen Presse: „Wir hoffen schon, dass er nicht einfach nur immer älter und älter wird - und irgendwann auch noch in unserer Botschaft stirbt." In Schweden gibt es derweil Stimmen im Parlament, die endlich eine Video-Vernehmung von Assange fordern. Und den Briten wird die ständige Überwachung der Botschaft langsam zu teuer: Über 7,5 Millionen Euro hat der Spaß die Steuerzahler bereits gekostet.

Nachtrag: Assange geht unterdessen link; http://www.theguardian.com/media/2014/jun/18/julian-assange-fresh-challenge-legal-limbo-ecuador-embassy;in die Offensive#. Seine Anwälte wollen in der kommenden Woche den Haftbefehl anfechten. Es seien "neue Informationen" in Schweden gesammelt worden, die ihn entlasteten. Mehr Details gab er nicht bekannt.

Spätestens im Jahr 2020 dürfte der Spuk aber vorbei sein. Dann verjährt in Schweden der Vorwurf der Vergewaltigung. Das wären dann immer noch sieben Jahre weniger, als die Wartezeit von Kardinal Joszef Mindszenty aus Ungarn. Der floh 1956 nach dem Einmarsch der Roten Armee in die amerikanische Botschaft in Budapest. Erst 1971 konnte er nach Österreich ausreisen.


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