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Historiker erklärt "Putin hat den Rubikon überschritten": Was der Welt droht, wenn er jetzt nicht gestoppt wird

Wladimir Putin bei einer Marineparade im Juli 2021.
Wladimir Putin bei einer Marineparade im Juli 2021. Der Kreml-Chef sonnst sich gerne in Erfolgen der Vergangenheit und münzt Geschichte für seine Zwecke um 
© Alexei Nikolsky / Picture Alliance
2008 ließ der Westen Wladimir Putin die Abspaltung Südossetiens durchgehen. 2014 die Annektierung der Krim. Sollte der Westen den Kreml-Herren nun den Osten der Ukraine straflos schlucken lassen, wäre eine Grenze überschritten, nach der Putin kein Halten mehr kennt, sagt der Historiker Nikita Petrow. 

Wladimir Putin hat in der Nacht zu Donnerstag den Krieg in der Ukraine begonnen. Der Kreml-Herr hat den Rubikon überschritten, sagt der Historiker Nikita Petrow. Der stellvertretende Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Memorial, die der Kreml in Russland im vergangenen Dezember verboten hat, ist sich sicher: Wenn der Westen jetzt nicht geschlossen handelt, erwarten uns weitere Annektierungen. Denn die Sicht auf die Welt und seine Geschichte, die Putin demonstrierte, folgt einer verbrecherischen Logik, die schon andere Figuren der Geschichte an den Tag gelegt haben. 

stern: Herr Petrow, erniedrigt, beleidigt, zu Unrecht bestraft: Mit dieser Rhetorik schürt Wladimir Putin die Minderwertigkeitskomplexe seine Nation, die nach dem Zerfall der Sowjetunion ohnehin der verlorenen Weltgeltung Russlands hinterher trauert. Mit dieser Methode arbeitete einst auch Hitler nach dem Ersten Weltkrieg. Die empfundene Ungerechtigkeit des Versailler Vertrags brachte ihn an die Macht. Sehen Sie da Parallelen? 

Das, was Putin über die Ukraine fabuliert, gleicht tatsächlich fast eins zu eins dem, was Hitler 1938 in Bezug auf die Tschechoslowakei erzählte: Ein Staat, dessen Existenz in ihrer aktuellen Form den Frieden in Europa bedrohe. Eine Volksminderheit, die bedroht und diskriminiert wird und die gegen ihren Willen in diesen Staat eingepfercht wird. Ein Führer, der nicht mehr auf das Elend und die Armut dieser Minderheit blicken kann. Man braucht nur das Wort Sudetendeutsche aus der Rede Hitlers durch Ukrainer zu ersetzen und schon hat man die Rede Putins vor sich. 

Letztendlich ist die Rhetorik von Invasoren und Rächern immer dieselbe. Sie spricht dem Land der Begierde das Recht auf Existenz ab. Auf diese Weise rechtfertigt der Angreifer seine aggressiven Handlungen. Das ist eine universelle Methode. 

Putin sieht sich selbst als großen Historiker. Ist er denn nicht in der Lage, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen? 

Er hat die Position eines Aggressors eingenommen. Und wenn in der Vergangenheit Aggressoren bestraft wurden, so denkt er, dass es ihn nicht treffen wird. 

Nikita Petrow

Nikita Petrow, geboren in Kiew, ist heute der stellvertretende Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Memorial. Der Historiker ist auf Publikationen über Verbrechen der sowjetischen Geheimdienste während der Stalinzeit spezialisiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 wurde er vom russischen Verfassungsgericht in die Expertenkommission für den Prozess um das Verbot der KPdSU berufen, das der russische Präsident Boris Jelzin verfügt hatte. Von 1992 an durfte Petrow erstmals auch in den Archiven der sowjetischen Geheimdienste von Tscheka bis KGB arbeiten. Im Mittelpunkt seiner Tätigkeit standen Publikationen über die Geheimdienste sowie Prozesse um den Zugang zu den Archiven, der seit Mitte der 1990er Jahre wieder restriktiv gehandhabt wurde.

Petrow vertritt die Ansicht, dass die Sowjetunion wegen ihres Bündnisses mit dem Dritten Reich, das im Ribbentrop-Molotow-Pakt besiegelt wurde, in gleicher Weise Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trägt. Eine Sicht, die Russland niemand hören will. Im November 2021 beantragte die russische Staatsanwaltschaft, Memorial und ihre regional in Russland aktiven Einrichtungen aufzulösen. Das Oberste Gericht vollzog die Auflösung schließlich am 28. Dezember 2021.

Was droht uns jetzt? 

Das Problem ist, dass mit der Erklärung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Luhansk, die Ukraine von jeglichen Verpflichtungen des Minsker Abkommens befreit ist. In dieser Angelegenheit wurde ein vorläufiger Punkt gesetzt. Die Ukraine weiß, dass sie einem mächtigen Feind gegenübersteht und sie sich bewaffnen muss. Sollte Kiew wieder zu einer Atommacht werden wollen, wäre dies das richtige Signal. Und Russland könnte dies nicht verhindern, außer mit einem Krieg.

Den Krieg hat Putin nun angefangen. Auch mit der Begründung, man könne nicht zulassen, dass die Ukraine zu einer Atommacht wird. 

Aber dieser Krieg wird für Russland tödlich. Die Ukraine wird sich bis zum letzten Atemzug verteidigen. Und auch der Westen wird nun einsehen, dass es keinen Raum mehr für Zugeständnisse gibt. Anderenfalls wird Putin kein Halt mehr kennen. Als nächstes fallen ihm der Norden Kasachstans oder die baltischen Staaten zum Opfer. Von den westlichen Staaten ist ein starkes Signal gefragt: die unabdingbare Unterstützung der Ukraine, auch eine militärische.

Hat der Westen Putin zu lange freie Hand gelassen? 

Den kardinalen Fehler hat der Westen noch 2008 begangen, als Putin Südossetien die Unabhängigkeit gewährte. Nur dank der schwachen Haltung des Westens in diesem Fall war die folgende Annektierung der Krim möglich, und auch das aktuelle Geschehen in der Ukraine, wo offen ein Teil des Landes okkupiert wird. Und morgen stellt Putin Forderungen an Kasachstan: Da kann er ja auch alte sowjetische Geschenke geltend machen. "Wer hat Kasachstan als Staat installiert?", werden wir dann zu hören bekommen. Dort lebt auch eine große russische Minderheit. Und danach wird Putin sich dem Baltikum zuwenden.

In der Ukraine verläuft jetzt der Rubikon. Wenn Putin jetzt nicht politisch, militärisch und wirtschaftlich Einhalt geboten wird, dann kommt auf uns noch Schlimmeres zu. 

Hat Putin den Rubikon nicht bereits 2008 überschritten? Man ließ ihm Südossetien durchgehen, man ließ ihm Abchasien durchgehen, man ließ ihm die Krim durchgehen. 

Ja, den ersten Rubikon hat er schon damals überschritten. Bereits nach seiner Münchner Rede war deutlich, dass Putin auf Konfrontationskurs gehen wird. Aber der Unwillen zum Krieg ist im Westen so tief verankert, dass man in dieselbe Falle getappt ist, wie die europäischen Mächte 1938, als man Hitler die Sudetengebiete überlassen hat – in der Hoffnung, er werde sich anschließend an die Verträge halten und Ruhe geben. Und ein halbes Jahr später marschierte er in Prag ein. 

So eine Persönlichkeit wie Putin haben wir in der Geschichte schon gesehen. Und wir wissen, was seine Unterschrift wert war. Wir müssen Lehren aus der Vergangenheit ziehen. 

Warum tritt der Westen dann so unentschlossen auf?

Die Menschen urteilen nach ihrem eigenen Maßstab. Wenn ein vernünftiger Mensch keinen Krieg will, dann denkt er, dass auch andere ihn nicht wollen. Also verhandelt man. Aber jede Verhandlung mit Putin ist ein Zugeständnis. Er inszeniert Kriegssituationen und diktiert seine Bedingungen. Und alle rennen rum und versuchen ihn zu befrieden. 2008 hatte man ihn befriedet, danach kam die Krim. 

Veranstaltet Putin jetzt ein bizarres Experiment, um zu sehen, ob der Westen zu mehr bereit ist, als Sanktionen gegen ein paar Oligarchen zu verhängen?

Außer Frage. Das ist eine gezielte Eskalation, um den Westen zu testen und sich selbst an der Macht zu halten. Und es wird eine Fortsetzung geben. Als nächstes wird die Diskussion beginnen, wie genau die Grenzen der neuen Republiken verlaufen sollen. Putin wird weiter sein Nerven-Spiel treiben.

Wie kann man diesem Spiel ein Ende setzen? 

Nur mit einer unverrückbaren Entschlossenheit. Der Westen muss geschlossen deutlich machen, dass es keine weiteren Verhandlungen mehr gibt, sondern nur eine offene Konfrontation. Auf Sanktionen gegen einzelne Personen oder Unternehmen pfeift Putin. Das haben die vergangenen Jahre nur zu deutlich gezeigt. Man hätte Russland aus dem US-Sicherheitsrat werden können, aus der UN ausschließen können – wie etwa mit Deutschland einst aus dem Völkerbund ausgeschlossen worden ist. Die Sowjetunion nach dem Überfall auf Finnland 1939. 

Jetzt wären ähnlich starke Maßnahmen gefragt! Bislang sehe ich aber eine verblüffende Hilflosigkeit der internationalen Instanzen. Es wäre richtig, die Ukraine zum Status einer Atommacht zu verhelfen. Und man kann jetzt schon die Frage nach der Positionierung von Angriffseinheiten in der Ukraine und anderen Nachbarstaaten Russlands stellen. Der Kreml schreit die ganze Zeit, man wolle das auf keinen Fall. Aber dann darf man sich nicht so verhalten. Jetzt muss der Westen konsequent sein. Jetzt ist der Kreml der Feind des gesamten Europas. Und Europa hat das Recht, sich zu verteidigen.

Was passiert, wenn die Nato sich nicht zu einem entschlossenen Handeln überwinden kann? Wird Putin es tatsächlich wagen, die baltischen Länder anzugreifen, wie viele befürchten? Die baltischen Länder sind Mitglieder der Nato.

Der Kreml wird annehmen, dass er nichts zu befürchten hat. Zu welcher anderen Schlussfolgerung sollen denn die Kreml-Strategen kommen? Wenn Moskau sowohl die Annektierung der Krim als auch die Abspaltung von Luhansk und Donezk von der Hand ginge. Das würde als vollkommene Straffreiheit ausgelegt werden. Heute steht die Welt vor der Wahl. Die Entscheidung wird über die Zukunft Europas entscheiden.

Wie Wladimir Putin die Geschichte entstellt, damit sie seinen Zwecken dienlich ist, lesen Sie im ersten Teil des Interviews mit Nikita Petrow. 

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