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IS-Anführer getötet: Al-Bagdadi: Der selbsternannte "Kalif", der Fußball liebte und einst davon träumte, Anwalt zu werden

Zuerst waren es nur Medienberichten, inzwischen hat auch US-Präsident Donald Trump den Tod von IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi bestätigt. Doch wer war der selbsternannte "Kalif", der selbst für seine Anhänger stets ein Phänomen blieb? Ein Porträt.

Ein undatiertes Foto zeigt den IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi

Das "Kalifat" des Islamischen Staates (IS) ist schon länger Geschichte – nun ist auch der Anführer der Dschihadistenmiliz angeblich tot. US-Medien berichteten am Sonntag, Abu Bakr al-Bagdadi sei bei einem US-Angriff im Nordwesten Syriens getötet worden. Wenige Stunden später bestätigte dann auch US-Präsident Donald Trump bei einer Ansprache im Weißen Haus, dass al-Bagdadi getötet wurde.

Trump zufolge habe al-Bagdadi während des Angriffs eine Sprengstoffweste gezündet und so sich selbst und drei seiner Kinder getötet. Tests hätten inzwischen bestätigt, dass es sich bei dem Toten um den IS-Anführer handle. Über al-Bagdadi selbst ist wenig bekannt; selbst für seine Anhänger blieb der IS-Anführer stets ein Phantom. Für tot erklärt wurde er schon häufiger.    

Sein Aufenthaltsort blieb geheim

Seit Jahren wurde über den Aufenthaltsort al-Bagdadis gerätselt, auf dessen Kopf die USA eine Prämie von 25 Millionen Dollar (22,5 Millionen Euro) ausgesetzt haben. Äußerst selten wandte sich al-Bagdadi in Audio- und Videobotschaften an seine Anhänger – der Aufnahmeort blieb geheim.

Soweit bekannt, war der 48-Jährige nur einmal in der Öffentlichkeit aufgetreten: Anfang Juli 2014, als er von der Kanzel der Al-Nuri-Moschee im nordirakischen Mossul aus ein "Kalifat" in Syrien und dem Irak ausrief und den "Gehorsam" aller Muslime einforderte. Seitdem veröffentlichte seine Extremisten-Gruppe wiederholt Audiobotschaften, die von ihm stammen sollen. Auch nach dem Fall des "Kalifats" im März dieses Jahres rief al-Bagdadi seine Anhänger zur Fortsetzung des dschihadistischen Kampfes auf.

IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi

Eine undatierte Aufnahme des IS-Anführers  Abu Bakr al-Bagdadi, die aus aus einem 2014 veröffentlichten Propagandavideo der Terrormiliz stammt

DPA

Al-Bagdadi schwor Anhänger auf "lange Schlacht" ein

Zuletzt waren die internationalen Befürchtungen, dass es zu einer Rückkehr des IS kommen könnte, angesichts der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien gestiegen. Die USA gaben die Zahl der aus kurdischen Gefängnissen entkommenen IS-Kämpfer seit dem türkischen Einmarsch in Nordsyrien am Mittwoch mit mehr als hundert an.

Ein undatiertes Foto zeigt den IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi

Erst im September hatte al-Bagdadi in einer Audiobotschaft an seine Anhänger zur Befreiung der gefangenen Kämpfer und ihrer Familien aufgerufen. "Tut euer Möglichstes, um eure Brüder und Schwestern zu retten und die Mauern einzureißen, die sie gefangen halten", sagte der untergetauchte Extremistenführer damals.     

Ein einziges Mal - im vergangenen April - wandte sich al-Bagdadi in einer Videobotschaft an seine Anhänger. Der sichtlich gealterte und an Diabetes leidende IS-Chef rief seine Anhänger in dem Video dazu auf, den Kampf trotz des Verlusts ihres "Kalifats" in Syrien und im Irak fortzusetzen. Seine Anhänger schwor auf eine "lange Schlacht" ein.    

US-Regierung stufte al-Bagdadi 2011 als "Terroristen" ein

Geboren wurde al-Bagdadi 1971 im zentralirakischen Samarra als Sohn einer armen Familie unter dem Namen Ibrahim Awad al-Badri. Als Junge begeisterte er sich für Fußball und träumte davon, Anwalt oder Soldat zu werden. Doch seine mangelhaften Noten und seine schlechten Augen verhinderten beides. So studierte er in Bagdad Theologie, bevor er nach der US-Invasion 2003 als Anführer einer Dschihadistengruppe in den Untergrund ging.

Laut der Dokumentarfilmerin Sofia Amara ist al-Bagdadi weniger "brillant" als "geduldig und arbeitsam". Doch habe er früh eine "klare Vorstellung" von der Organisation gehabt, die er schaffen wollte. Als er 2004 von der US-Armee im Gefängnis von Bucca inhaftiert wurde, knüpfte er wichtige Kontakte mit inhaftierten früheren Militär- und Geheimdienstleuten des gestürzten Baath-Regimes von Saddam Hussein.    

Nach seiner Freilassung schloss er sich dem Al-Kaida-Führer Abu Mussab al-Sarkawi an. Als erst al-Sarkawi und dann sein Nachfolger getötet wurden, übernahm er unter dem Namen Abu Bakr al-Bagdadi selbst die Führung. Im Oktober 2011 stufte ihn die US-Regierung als "Terroristen" ein.    

Mit seinen Gräueltaten brachte er auch Landsleute gegen sich auf

Mit Hilfe früherer Saddam-Offiziere baute al-Bagdadi seine Guerillagruppe zu einer schlagkräftigen Truppe aus und nannte sie "Islamischer Staat". Im Sommer 2014 überrannte sie die nordirakische Großstadt Mossul und stieß bis vor Bagdad vor.    

Doch mit Gräueltaten und blutigen Anschlägen brachte er nicht nur die internationale Gemeinschaft sondern auch viele Landsleute gegen sich auf. In den vergangenen Jahren folgte eine Niederlage auf die andere, im März verlor seine Miliz nach langem Kampf mit Baghus auch das letzte Dorf im Osten Syriens. Nun wurde al-Bagdadi im Nordwesten Syriens in einem Unterschlupf in der Nähe des Dorfes Barischa aufgespürt und bei einem Angriff von US-Spezialeinheiten getötet.

mod / AFP