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Ach, Europa: Man spricht Keltisch

Wissen Sie, was es mit der Sprache Galäisch auf sich hat, die von gerade mal zwei Prozent der Iren beherrscht wird? Der Kelten-Dialekt ist Amtssprache der Europäischen Union. Absurd, aber wahr. Deutsch ist hingegen sogar Arbeitssprache der Union - nur merkt das kaum jemand.

Von Tilman Müller

60 Muttersprachen, 23 Amtssprachen, 3500 EU-Vollzeit-Dolmetscher in Brüssel und Straßburg, 506 mögliche Übersetzungs-Kombinationen, drei Millionen übersetzte Seiten pro Jahr. 88 000 Euro pro Tag kostet allein das Heer der Sprachvermittler im europäischen Parlament, rund eine Milliarde Euro gibt die Kommission insgesamt pro Jahr für ihre vielen Sprachendienste aus - Zahlen, bei denen manch einem schwummrig werden kann und schnell allgemeines Wehklagen über das "babylonische Sprachengewirr" einsetzt.

Zugegeben, die EU ist in ihrem oft überaus korrekten Bemühen um Vielsprachigkeit und kulturelle Vielfalt nicht frei von Absurditäten. Einzusehen ist noch, dass zu Anfang dieses Jahres mit dem Rumänischen und dem Bulgarischen die 21. und 22. Amtsprache dazu kam, denn diese beiden Sprachen werden von immerhin fast 30 Millionen Menschen gesprochen. Absolut gaga jedoch, dass seit 2007 auch Galäisch Amtsprache ist, ein keltischer Dialekt, den heutzutage nicht einmal zwei Prozent der Iren beherrschen - knapp 80.000 Menschen. Wahnsinn, dass das kleine Malta, dessen 400.000 Bewohner nahezu ausnahmslos hervorragend Englisch sprechen, seit 2004 den Inseldialekt - die maltesische Sprache ist eine Mischung aus Italienisch und Arabisch - als EU-Amtsprache durchsetzen konnte.

Doch insgesamt gibt es zu Europas Mehrsprachigkeit keine Alternative. In Brüssel jedenfalls ist man sich einig, dass die vielen Sprachen nicht ein Problem, sondern eine Chance sind. Jeder Student und jeder Personalberater zwischen Rom und Riga weiß heutzutage, dass die Chancen auf einen guten Job wachsen, je mehr Sprachen man beherrscht. "Die Sprache Europas ist die Übersetzung", hat der italienische Philosoph Umberto Eco einmal gesagt, und für den portugiesischen Kommissionschef José Manuel Barroso, der neben seiner Muttersprache fließend Englisch, Französisch und Spanisch parliert, ist die Vielsprachigkeit sogar eine "strategische Frage", bei der es um die Wettbewerbsfähigkeit der EU geht. Heute schon sind viele EU-Bürger in dieser Hinsicht Amerikanern oder Chinesen um einiges voraus und in Zukunft vermutlich noch mehr.

In Brüssel wird kein Deutsch gesprochen

Noch immer indes besteht die Gefahr, dass Europas Mehrsprachigkeit in die Einsprachigkeit verfällt - auf Basis der englischen Sprache. Seit jeher machen die Franzosen gegen die unbestrittene "Lingua franca" Front; verstärkt drängen derzeit aber auch deutsche Politiker darauf, dass alle EU-Dokumente in ihre Sprache übersetzt werden. Deutsch ist im "Sprachenregime" der EU neben Englisch und Französisch eine Arbeitssprache, doch diese Vereinbarung wird leider in Praxis oft nicht eingehalten. Der aktuelle EU-Reformvertrag etwa, um den es nächste Woche beim Gipfel in Portugal geht, ist bisher nur auf Französisch erhältlich. Ein Ärgernis für manche Politiker wie Bundestagspräsident Norbert Lämmert, der sich schon seit langem für eine stärkere Berücksichtigung des Deutschen - mit 90 Millionen Menschen die meist gesprochene Sprache in der Union - einsetzt. Die wohl überwiegende Mehrheit seiner Landleute dürfte das ähnlich patriotisch sehen - oft auch mit dem Argument, als größter Beitragszahler der EU könne Deutschland eine Übersetzung wichtiger EU-Dokumente erwarten.

Anders beurteilt dies der Frankfurter Daniel Cohn-Bendit. Der Grünen-Chef im Europaparlament betont immer wieder, Europa habe viele Probleme, aber keine Sprachprobleme. Der springende Punkt dabei ist natürlich, dass Cohn-Bendit ein halber Franzose ist und zu der ständig wachsenden Zahl von Europäern gehört, die morgens Deutsch, mittags Französisch, abends Englisch und am nächsten Morgen womöglich noch eine weitere Sprache sprechen - mit großem Vergnügen und sehr zu ihrem Vorteil.

Komission fördert die Mehrsprachigkeit

Genau hier setzen die Kommissions-Strategen an. Inzwischen gibt es Brüssel einen "Kommissar für Mehrsprachigkeit" namens Leonard Orban. Der Rumäne, der neben seiner Muttersprache richtig gut nur Französisch kann, hat die Zeichen der Zeit erkannt und mit seinem Team gerade eine Broschüre mit 30 neuen Sprachprogrammen aufgelegt (europa.eu/languages/de/home). Sie richtet sich über das Internet hauptsächlich an Schüler - mit dem Kalkül, dass bei der wachsenden Integration in Europa gerade für die junge Generation die Fähigkeit, möglichst früh viele Sprache zu erlernen, immer wichtiger wird. "Lingoland" (www.lingoland.net) heißt eine Plattform für Kinder. "Soccerlingua" (www.soccerlingua.net) hilft Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren mit Hilfe von Lichtgestalten aus der Welt des Fußballs Spanisch, Italienisch und Englisch zu lernen. "Feel" (www.feelvdu.lt) ist vor allem für Jugendliche aus den neuen EU-Staaten gedacht.

Das bisher wohl mit Abstand beste und publikumswirksamste multimediale Lernprogramm kommt allerdings nicht aus Brüssel, sondern aus Straßburg. Es heißt "Karambolage", eine besonders witzige TV-Serie mit Comic-Strip-Einlagen zum Französisch/Deutsch-Lernen; sie ist auf Arte zu sehen und illustriert treffend Eigenheiten und Mentalitäten der beiden Länder.