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Ägypten nach Mubarak-Rücktritt: "Ein Erdbeben, aber ein gutes"

In Kairo kehrt nach der größten alkoholfreien Party der Welt Nachdenklichkeit ein. Derweil wird deutlich, welche Mühe das Militär hatte, Mubarak zu einem unblutigen Abgang zu bewegen.

Von Gerald Drißner, Kairo

Kurz nach fünf Uhr, als die Moscheen zum Gebet rufen, ist sich Adel Abd-El-Rahmin, 25, plötzlich nicht mehr sicher, ob das vielleicht doch alles nur ein Traum war. Er steht auf der 6th-of-October-Brücke in Kairo und ruft mit dem Handy seinen Vater an: "Du, sag mir bitte, bitte, bitte, der ist wirklich weg, oder?"

Er ist weg, der alte, kranke Mann, Ägyptens Präsident, rausgejagt aus seinem Palast in Kairo. Nach dem achtzehnten Tag eines Aufstands, der in seiner Größe und Wucht einmalig in der arabischen Welt ist. Der Kairo gestern erschütterte wie "ein Erdbeben, aber ein gutes", wie Adel sein Gefühl beschreibt. So wie dem jungen Ägypter geht es heute Morgen vielen Menschen in diesem Land, die sich an ein Leben ohne Mubarak zuerst gewöhnen müssen. Weg ist die Furcht vor der Polizei und dem Geheimdienst. Weg ist die Angst, dass man mehrere Jahre im Gefängnis landet, wenn man all das über den Präsidenten sagt, was Adel gestern die ganze Nacht brüllte: "Schwein, Hundesohn, Mörder - weg bist du!"

"Ich habe gestern begonnen, zu leben"

Auf dem Platz der Befreiung, an dem alles begann, sind heute Morgen noch Hunderte Menschen im Freudentaumel. "Ich habe gestern begonnen, zu leben", sagt Mohammed, ein 22-jähriger Medizin-Student. Er war einer von Hunderten Jugendlichen, die gestern Abend von Auto zu Auto rannten und rot-weiß-schwarz-gestreifte Ägypten-Flaggen für umgerechnet etwas mehr als einen Euro verkauften. "Das ist alles made in China", sagt er. "In unserem neuen Ägypten werden wir unsre Flaggen nun selber herstellen."

Es ist die erste Revolution, die sich nicht gegen eine fremde Macht richtete, sondern gegen eine Macht im eigenen Land. "Ägypten ist das einzige Land, das sich freut, aus einer Diktatur eine Militärdiktatur zu werden", sagt Aly, ein Zeitungsverkäufer im schicken Stadtteil Zamalek. Das Miltär war es am Ende auch, das aus einem Aufstand eine Revolution machte. Bis zuletzt war nicht klar, ob die Generäle für oder gegen den Präsidenten waren.

Militär zwischen Putsch und Bürgerkrieg

Nun gelangen immer mehr Details an die Öffentlichkeit, die zeigen, wie kritisch die Lage tatsächlich war. Am Tag vor dem Rücktritt boten hohe Militärgeneräle dem Präsidenten einen Deal an, wie die Zeitung "Al-Dostur" in ihrer heutigen Ausgabe berichtet. Die Generäle forderten Mubarak auf, in seiner Rede klare, unmissverständliche Worte zu wählen. Er müsse zugeben, dass das System zusammengebrochen sei. Er müsse sagen, dass er zurücktrete. Und er dürfe die Macht nicht an seinen Vizepräsidenten übertragen, denn das, so die Generäle, wolle das Volk nicht. Im Gegenzug würde das Militär ihm versichern, dass er "aus dem Amt kommt, in einer Art und Weise, die einem Chef des Militärs angemessen ist", schreibt die Zeitung. Denn Mubarak war nicht nur der Präsident des Landes, sondern auch der "Hakim al-Askary", der Führer der Armee, wie er selbst in seinen letzten Reden noch immer gerne betonte.

Doch Mubarak habe fast alle Vorschläge der Armee abgelehnt, heißt es aus Kreisen des Militärs. Die Generäle befürchteten deshalb, dass es zu einer blutigen Straßenschlacht zwischen der Armee des Militärs und der Polizeigarde des Polizisten kommen könnte, die aus Zehntausenden Elitepolizisten besteht. Deshalb verhandelte der Verteidigungsminister schließlich zwischen Mubarak und den Generälen. Als gestern abermals Millionen von Menschen auf die Straße gingen, wussten die Generäle, dass sie mit ihren Annahmen Recht haben. Es gab für sie nur noch zwei Möglichkeiten: entweder, sie gehen mit Gewalt gegen das Volk vor. Oder sie machen einen Coup d'Etat, einen Militärputsch.

Die meisten Medien jubeln

Und der kam für viele Außenstehende überraschend, wie so vieles in diesen 18 Tagen. Die Zeitungen verwenden heute alle ein Wort: "tanahha" - er trat zurück. Die unabhängige Tageszeitung "Al-Masry Al-Joum" druckt heute einen Leitartikel auf der ersten Seite mit dem Wort: "al-Bidaaja" - der Anfang. Selbst die regierungsnahe Zeitung "Al Ahram" titelt in dicker, roter Schrift: "Das Volk stürzt das System". Nur die sehr regierungstreue Al-Gumhurija blieb ihren alten Reflexen treu.

Es ist ein neues Selbstbewusstsein, von dem die jungen Menschen in Ägypten beseelt sind. Dieses Verlangen nach einem Leben, über das sie selber bestimmen können. Unfassbar viele Menschen drängten sich gestern Nacht auf den Platz der Freiheit, sie tanzten und brüllten sich durch die Nacht in der wohl größten alkoholfreien Party der Welt. Aus Lautsprechern hörte man patriotische Musik, die an jene Zeiten erinnerten, als Präsident Gamal Abd El-Nasr in den 1950er-Jahren den Menschen nach jahrelanger britischer Kolonialherrschaft das zurückgab, was ihnen Mubarak später wieder wegnahm: Stolz und Würde.

Witz über Mubarak

Früher machten die Leute hier Spaß aus dem Zitat von Mostafa Kamel, einem ihrer Nationalhelden, der einmal sagte: "Wenn ich nicht Ägypter wäre, ich hätte gewünscht, einer zu sein". Gestern verkauften sie Plastiksticker für das Auto, auf denen dieser Spruch auf Arabisch gedruckt war. Doch noch wissen die Leute nicht so recht, was sie mit der neu gewonnen Freiheit anfangen sollen. "Ich hoffe, wir werden nicht zu einem zweiten Irak", sagt Sumeja. Sie habe Angst, dass die Leute hier von der Demokratie enttäuscht werden könnten. "Viele Leute glauben hier, sie werden jetzt über Nacht ein besseres Leben haben", sagt die Studentin. Was auch immer in den nächsten Wochen und Monaten passieren wird: das Regime Mubarak ist Geschichte.

Schon gestern Nacht erzählten sich viele Leute Witze über den mittlerweile Ex-Präsidenten. Einer geht so: Mubarak trifft seine Vorgänger, Sadat und Abdel Nasr, im nächsten Leben. Anwar El-Sadat wurde 1981 von islamischen Fundamtentalisten erschossen. Abd el-Nasr wurde, so das Gerücht, vergiftet. Die beiden Ex-Präsidenten fragen Mubarak neugierig: "Sag mal, wie war es bei dir? Gift oder Attentat?" Mubarak schämt sich. Er stammelt leise: "Weder noch. Es war Facebook".