Afghanistan Bundeswehr löst erstmals Luftangriff auf Taliban aus


Jetzt steht fest: Der tödliche Luftschlag auf zwei von den Taliban entführten Tanklaster ist von der Bundeswehr veranlasst worden. Nach Bundeswehr-Angaben sind dabei mehr als 50 Menschen gestorben, andere Quellen sprechen sogar von bis zu 150 Opfern. Es besteht die Befürchtung, dass viele Zivilisten unter den Toten sind.

Erstmals hat die Bundeswehr in Afghanistan einen Luftangriff auf die Taliban ausgelöst, bei dem bis zu 90 Menschen getötet wurden. Am Freitagmittag war noch unklar, ob dabei auch Zivilisten ums Leben kamen. Der Angriff in der nordafghanischen Provinz Kundus in der Nacht galt der Zerstörung zweier gekaperter Tanklastzüge, die von den Taliban für Selbstmordanschläge hätten genutzt werden können.

Die Bundeswehr sprach von mehr als 50 toten Aufständischen. "Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen", erklärte ein Sprecher der Bundeswehr in Berlin am Mittag. Aus afghanischen Polizeikreisen hieß es dagegen, bis zu 90 Menschen seien getötet worden, darunter bis zu 40 Zivilpersonen. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen verwies auf eine laufende Untersuchung des Angriffs. "Es besteht auch die Möglichkeit ziviler Opfer, aber das ist noch nicht klar", sagte er in Brüssel.

Drohne zählte 67 Kämpfer

Der Luftangriff wurde von dem Kommandanten des deutschen Bundeswehrkontingents in Kundus ausgelöst. Die Aufständischen hatten die beiden Tanklastzüge an einem vorgetäuschten Kontrollpunkt ungefähr sieben Kilometer südwestlich des Bundeswehr-Stützpunktes gekapert. Eine Drohne habe die Entführer verfolgt, mit der Kamera des unbemannten Flugzeugs seien 67 Taliban-Kämpfer gezählt worden, verlautete aus Bundeswehrkreisen in Kundus. Daraufhin sei ein US-Kampfjet angefordert worden.

Der Angriff erfolgte gegen 2.30 Uhr Ortszeit, nur 40 Minuten nach der Entführung der Fahrzeuge. Die Tanklaster waren bei der Überquerung eines Flusses auf einer Sandbank stecken geblieben. Treffer des Kampfjets ließen die beiden Fahrzeuge in Flammen aufgehen.

Aus afghanischen Polizeikreisen verlautete, bei den 40 zivilen Opfern handele es sich um Personen, die Treibstoff aus den Tankern abgezapft hätten. Der Direktor des Krankenhauses von Kundus, Humanjun Chmosch, sagte, es seien zwölf Personen mit schweren Verbrennungen eingeliefert worden. Ob es sich um Aufständische oder Zivilpersonen handele, könne er nicht sagen. Bei einem der Schwerverletzten handele es sich um einen zehnjährigen Jungen.

Ein Taliban-Sprecher bestätigte, dass Aufständische die Tanklastzüge kaperten und im Fluss stecken geblieben sind. Daraufhin seien die Ventile geöffnet und Treibstoff abgelassen worden, um die Lkw wieder flott zu bekommen. Aus dem nahegelegenen Dorf seien rund 500 Einwohner herbeigeströmt, um den ausfließenden Treibstoff aufzusammeln. Sie seien vor einem eventuell bevorstehenden Luftangriff gewarnt worden, hätten sich aber nicht wegschicken lassen.

Dorbewohner widersprechen Bundeswehr

"Mehr als 150 Menschen wurden getötet oder verletzt", sagte ein Bewohner des betroffenen Dorfs Hadschi Amanullah. "In der Gegend waren auch Taliban, aber mehr Opfer gibt es unter Zivilisten." Sein 20-jähriger Cousin sei unter den Toten. Die Dorfältesten planten, nach der Beerdigung der Opfer nach Kundus-Stadt zu reisen und sich dort über den Angriff zu beschweren.

Nadschibullah sagte, die Menschen seien aus ihren Häusern gekommen, als sie den Lärm der Tanklastwagen hörten. "Die Menschen gingen nicht raus, um sich Benzin zu holen. Sie wollten sehen, was passiert, als es zu dem Bombardement kam."

Ein zweiter Dorfbewohner namens Mohammad Anwer, der seine Neffen am Freitag ins Krankenhaus nach Kundus-Stadt brachte, sagte unter Tränen: "Mein Bruder und seine zwei Söhne gingen in die Gegend, um zu sehen, was passiert. Mein Bruder wurde schwer verbrannt und ist gestorben. Jetzt habe ich seine beiden Söhne mit Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht."

Afghanische Polizei leitet Ermittlungen

Die Richtlinien für den Einsatz der Internationalen Schutztruppe in Afghanistan schreiben vor, dass zivile Opfer bei einem solchen Angriff nicht in Kauf genommen werden dürfen. Rasmussen wies darauf hin, dass die Zahl getöteter Zivilisten im Vergleich zum vergangenen Jahr um 95 Prozent gesunken sei. "Aber wie wir alle wissen, können in Konflikten wie diesem natürlich Fehler passieren."

Ein Bundeswehr-Sprecher in Berlin wies darauf hin, dass es sich bei dem Bundeswehr-Kommandanten in Kundus um "einen ausgesprochen besonnenen Offizier" handele. Er sei "alles andere als ein Hasardeur". Die Bundeswehr führte eigene Ermittlungen am Ort des Bombardements durch. Zwei Züge mit 90 Soldaten hätten zwei völlig ausgebrannte Tanklastzüge, aber keine Leichen vorgefunden, sagte einer der Zugführer, ein Hauptfeldwebel, der Nachrichtenagentur AP in Kundus. Lediglich Tierkadaver seien gesichtet worden. Der Hauptfeldwebel erklärte, die afghanische Polizei führe die Ermittlungen und habe die Leichen weggeschafft.

"Es ist ein robuster Stabilisierungseinsatz"

Kundus galt einst als eine der friedlicheren Provinzen Afghanistans. Seit Anfang des Jahres nahm die Gewalt in der Provinz aber erheblich zu, die dort stationierten Bundeswehrsoldaten werden fast täglich in Gefechte verwickelt. Das Verteidigungsministerium spricht trotzdem weiterhin nicht von einem Kriegseinsatz. "Es ist ein robuster Stabilisierungseinsatz", bekräftigte ein Sprecher in Berlin.

DPA/AFP DPA

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