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AFGHANISTAN: Wo bleibt die Hilfe?

Der Krieg in Afghanistan läuft gut für die Militärs - aber nicht für die, die vor ihm auf der Flucht sind. Bis zu 400000 Menschen droht der Hungertod. Hilfsorganisationen stehen bereit, eine Katastrophe zu verhindern. Doch die Mitarbeiter riskieren ihr Leben. Aus stern Nr. 50/2001.

Unsere Kinder schreien vor Hunger», sagt der alte Mann. «Brot brauchen sie, Brot, Brot, Brot.» Der Winter kommt in die Dörfer in den Bergen um die Stadt Herat, bald wird Schnee die Straßen unpassierbar machen. «Die ersten Dorfbewohner sind bereits gestorben», sagt er. «Und niemand kommt, uns zu helfen.»

Die Verzweiflung scheint grenzenlos in diesen Dörfern im Westen Afghanistans, in den Regionen Koshk und Badghis. Auf dem Land gibt es keine Freude über die Befreiung von den Taliban, keine Feiern. Hier geht es ums Überleben. »Die Angst hat sich in die Gesichter der Menschen eingegraben«, sagt die Ärztin Doris Knöchel, die seit Jahren für Hilfsorganisationen in Krisengebieten unterwegs ist. Diesmal ist sie für »World Vision« aus dem Iran Richtung Herat aufgebrochen, um zu prüfen, was die Menschen brauchen. Die Antwort ist einfach: alles.

Nichts kommt an

Aber nichts ist gekommen in den vergangenen zwei Monaten. Der Krieg hat jegliche Hilfe unmöglich gemacht. Davor war die von einer dreijährigen Dürre heimgesuchte Region durch internationale Organisationen notdürftig versorgt worden. Gerade sind wieder einige zivile Lastwagen unterwegs, doch die Straßen sind nicht sicher. Räuberbanden ziehen durch die Provinz - Banditen oder versprengte Soldaten, das weiß niemand so genau. Deshalb gibt es keine Lebensmitteltransporte in die Bergdörfer, kaum jemand wagt sich aufs Land. Inzwischen sind sogar die ersten Hilfskonvois aus dem Iran auf dem Weg, mit Decken, Lebensmitteln, Medikamenten. Doch über Herat kommen sie nicht hinaus.

Die Helfer dort kümmern sich um die Flüchtlingslager, die jeden Tag vierzig, fünfzig Familien neu aufnehmen. Dominik Zwicky aus Deutschland ist für »Help - Hilfe zur Selbsthilfe« in Herat. Seine E-Mails nach Hause erzählen von den Lehmhütten der über 300000 Menschen in den Lagern, die weder Öfen noch Brennstoff haben kurz vor dem Winter, der bis zu Minus 25 Grad Kälte bringen kann. »Man müsste innerhalb von drei Wochen eine Infrastruktur für die Notversorgung aufbauen und dann noch die Nahrungsmittel für den gesamten Winter ausliefern - unmöglich, wenn man nicht die Nato ist«, sagt Zwicky. Aber noch keiner der Staaten der Anti-Terror-Allianz lässt bisher erkennen, dass es in diesem Krieg auch darum gehen müsste, eine humanitäre Katastrophe abzuwenden.

400 000 Menschen vom Hungertod bedroht

Lübbo Röwer, Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes, warnt: »Wenn die in Afghanistan tätigen Organisationen nicht innerhalb der nächsten drei Wochen Hilfsgüter ins Land bringen können, werden etwa 400 000 Menschen verhungern.« Laut Weltbank sind insgesamt sieben Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Die Weltgesundheitsorganisation sieht Parallelen zur Lage in der Sahel-Zone, der afrikanischen Hungerregion, wo in den achtziger Jahren Hunderttausende starben.

Eines der großen Probleme, sagt Zwicky, sind die Blindgänger aus den Streubomben der US-Kampfjets. Schon zuvor war Afghanistan vermint - mit über zehn Millionen Sprengkörpern. Die neuen Bomben sind besonders gefährlich, weil die Minenräumer vor Ort sich damit nicht auskennen. Die amerikanischen Militärs geben keine Informationen, wie man ihre

Waffen entschärfen kann. Zwicky erzählt, dass der Minenspezialist in Herat nur weiterarbeiten konnte, nachdem er in einem Brief an seine Vorgesetzten auf sämtlichen Versicherungsschutz verzichtet hatte. Und dann habe er 227 Streubombenreste gesprengt, auf eigenes Risiko.

»Es ist fast zu spät«

Am 14. November kündigte der deutsche Außenminister Joschka Fischer an, die Siege über die Taliban würden humanitäre Hilfe erleichtern. Wo die Nord-Allianz die Kontrolle hat, könnten die Hilfsorganisationen ungehindert arbeiten. Tatsächlich brachte das Welternährungsprogramm der Uno in den vergangenen vier Wochen 52000 Tonnen Lebensmittel ins Land, aber sie erreichten bisher nicht die Hungerregionen. »Der größte Teil Afghanistans bleibt für uns verschlossen«, sagt der Sprecher des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen (UNHCR), Peter Kessler. Sein Kollege Kris Janowski wird noch deutlicher: »Es ist fast zu spät.«

Zu spät für Millionen Menschen, weil die Situation in Afghanistan momentan ein »logistischer Albtraum« ist, so Thomas Nierle von den »Ärzten ohne Grenzen«. Er warnt vor der »trügerischen Kontrolle der Nord-Allianz«. Die Straße aus dem pakistanischen Peshawar nach Kabul über Jalalabad ist seit der Ermordung von vier Journalisten kaum mehr passierbar. Die Lastwagenfahrer traten in einen Streik - sie verlangten Sicherheitsgarantien. Eine Partnerorganisation der »Caritas« verlor vergangene Woche einen afghanischen Mitarbeiter bei einem Feuerüberfall auf eines ihrer Autos. Er sei regelrecht exekutiert

worden. Fast jede Hilfsorganisation beklagt die Plünderung von Büros. In Jalalabad wurden der »Welthungerhilfe« und dem UNHCR Computer, Fahrzeuge und Satelliten-Telefone geraubt.

In den Süden des Landes, wo die Kämpfe noch andauern, kommt gar keine Hilfe. Inzwischen fliegt das Welternährungsprogramm seine Mehlsäcke vom pakistanischen Quetta nach Usbekistan und Tadschikistan. Doch die Usbeken halten seit Wochen die Freundschaftsbrücke bei Termez geschlossen, die Lebensmittel müssen auf kleine Fähren umgeladen und so über den Grenzfluss Amu Darya transportiert werden. Kleinere Hilfsorganisationen beklagen, dass hier fast nur Lieferungen der Uno verladen werden.

Die Helfer stehen vor einem Dilemma

Nur eine Brücke zum Norden Afghanistans ist offen - im tadschikischen Eshkashem. Dieser Übergang wird seit Jahren von den »Ärzten ohne Grenzen« benutzt. Sie sind eine der wenigen Organisationen, die bereits wieder mit 50 internationalen Mitarbeitern vor Ort tätig sind, inzwischen auch in Kundus und Masar-i-Scharif. Die Helfer stehen vor einem Dilemma: Sollen sie militärische Eskorten ihrer Transporte zulassen? Nein, sagen die »Ärzte ohne Grenzen«. »Wir können uns nur deswegen fast überall frei bewegen, weil wir den Ruf haben, parteilos zu sein«, sagt Thomas Nierle. Im Afghanistan-Krieg sei es bereits zu einer Vermischung von militärischer Aktion und humanitärer Hilfe gekommen: »Den Militärs traue ich eine unabhängige Verteilung der Hilfsgüter nicht zu.« Und auch keine qualifizierte Übergabe. Aus der Luft abgeworfene Lebensmittelpakete landen oft in Minenfeldern, und Ende November erschlug ein Hilfscontainer eine Frau, als er durchs Dach in ein Haus krachte.

Kein Wasser, keine Ärztin, keinen Schutz gegen Kälte

»Noch nie habe ich eine Situation wie jetzt in Afghanistan erlebt«, sagt Christopher Stokes von den »Ärzten ohne Grenzen«. Und er meint damit die militärischen und politischen Entscheidungen rund um Afghanistan: »Die geschlossenen Grenzen sind ein Skandal.« An der iranisch-afghanischen Grenze sind bereits zehn Flüchtlinge erschossen worden, als sie versuchten, ins Nachbarland zu fliehen. Die Mediziner berichten von katastrophalen Bedingungen in den Lagern: Es gibt kein Wasser, keine Ärztin für die Frauen, keinen Schutz gegen Kälte. Oft wird den Helfern, die über den Iran einreisen wollen, der Zutritt verwehrt.

Auch Pakistan macht immer wieder seine Grenzen dicht, verweigert dem UNHCR, Neuankömmlinge zu registrieren. Allein in der vergangenen Woche warteten über 2000 am Übergang Chaman - Flüchtlinge aus der Region Kandahar, die im Niemandsland in eisigem Wind ausharrten. Im Lager Roghani starben vier Säuglinge an Durchfall. Weitere vier mussten ins Krankenhaus gebracht werden, wegen Unterernährung.

Viele Flüchtlinge versuchen, illegal nach Pakistan zu gelangen oder in den alten Flüchtlingslagern unterzutauchen. Dort leben bereits zwei Millionen Vertriebene aus den vergangenen zwei Jahrzehnten Krieg. Manche lassen sich irgendwo nieder, bilden illegale Lager. Sie tauchen in keiner Statistik auf, niemand bringt ihnen Mehl oder Zelte. 140000 Menschen, schätzt das UNHCR, sind seit Oktober illegal nach Pakistan gekommen.

Die Bewohner des Dorfes Shurga sind solche Illegalen. Sie entschieden sich zu fliehen, als die Bomben fielen. Feuer regnete auf ihr Dorf. Die Kinder schrien so laut, dass die Mütter anfingen zu weinen. Sie versuchten, die Ohren der Kleinen mit ihren Fingern zuzuhalten, die Kinder abzulenken von dem Chaos vor der Tür ihrer Lehmhütten. Doch der Boden bebte wie bei einem Erdbeben, und schließlich begannen auch die Erwachsenen zu schreien. Nach zwanzig Jahren Krieg entschieden sich die Menschen das erste Mal zu fliehen. »Natürlich war es schon immer gefährlich für uns«, sagt Bas Mahmat. »Aber dort war unsere Heimat, bis jetzt. Die Bomben, das war zu viel.«

Der Horror begann mit den Taliban

Begonnen hat der neue Horror mit den Taliban. Ende September kamen sie ins Dorf und suchten junge Männer. Als sie nicht genug neue Soldaten fanden, nahmen sie Ziegen und Schafe mit, schlugen Kinder und Alte und brannten ein paar Häuser ab. Dann kamen die Soldaten des usbekischen Generals Rashid Dostum von der Nord-Allianz. Sie stahlen das restliche Vieh, schlugen wieder Kinder und Alte und fackelten Häuser ab, als die jungen Männer nicht mitkommen wollten.

Über 400 Familien brachen auf, erst nach Masar-i-Scharif, als dort weiter gebombt wurde, nach Kandahar. Aber auch hier fielen Bomben, und wieder gab es keinen Schutz. Die Kinder waren längst stumm geworden in ihrem Entsetzen, und die Erwachsenen entschieden, dass es nur noch ein Ziel geben konnte: Pakistan, die Flüchtlingslager, in denen schon Verwandte lebten. Vor zehn Jahren waren sie nach Quetta geflüchtet.

Kurz vor der Grenze starben die ersten Kinder. Niemand konnte ihnen helfen. Hustenkrämpfe schüttelten die ausgemergelten Körper. Es gab kein Brot. Die Erwachsenen konnten nur zusehen, wie ihre Nachkommen starben. 45 Kinder aus dem Dorf Shurga mussten sie beerdigen unter kleinen Hügeln an den Straßen Richtung Pakistan, 45 Kinder und 19 Alte, die für die Märsche in bitterer Kälte zu schwach gewesen waren. Bibi Razia verlor zwei ihrer vier Kinder. Das jüngste starb, kaum dass sie die Grenze überquert hatten. Ihr Mann grub mit bloßen Händen ein kleines Grab am Rande des Lagers.

Das erste Kind von Kamba Gul kam einen Monat zu früh. Geboren hat die 18-Jährige ihre Tochter zwischen all den Flüchtlingen, als sie auf die Menschenschmuggler warteten, die sie über die Berge führen sollten. Wenige Stunden nach der Geburt stolperte sie bereits mit der Kleinen im Arm Richtung Pakistan.

Es fehlt an allem

Die Männer des Dorfes bauen Lehmhäuser mit ihren Händen, bohren Brunnen. Hier fehlt es an allem, an Essen, an Decken, an Medikamenten. Aber wenigstens sind sie geschützt gegen den eisigen Wind, der von den Bergen herunterfegt und den Wüstenstaub aufwirbelt.

Nur wenige Kilometer entfernt liegt das Zeltlager der Menschen aus dem Dorf Jarkodu, westlich von Masar-i-Scharif. Auch hier gibt es fast nichts. Wer Glück hatte, fand Jutesäcke und alte Kleider und nähte sie zu Zeltplanen zusammen. Sie reichen

nicht bis auf den Boden und schwingen bei jedem Windstoß. Nachts schlafen bis zu 16 Menschen unter einem Zelt von der Größe eines Bettvorlegers. Die Gesichter der Kinder sind verklebt von Dreck. Oft schreien sie im Schlaf vor Angst. Niemand weiß, wohin sie sich wenden sollen.

Die Hilfsorganisationen wollen und können nicht helfen. Zu groß ist der Druck der pakistanischen Regierung, die Illegalen nur zu registrieren, wenn sie in Lager übersiedeln. Aber die Menschen aus den Dörfern Shurga und Jarkodu sind Usbeken und Tadschiken, die Mehrheit der Flüchtlinge in den Lagern bei Quetta sind Paschtunen. Die verschiedenen Volksgruppen sind durch die langen kriegerischen Auseinandersetzungen gespalten.

»Warum fragt ihr immer nur nach unseren Toten?«

Bas Mahmat ist als Familienoberhaupt mit 25 Jahren allein verantwortlich für elf Menschen. Sein Vater starb im Bombenhagel der Amerikaner. Bas versucht, irgendeine Arbeit zu finden, als Bauarbeiter, als Bettler. Selbst dann kann er nicht genug Brot und Linsen für seine Familie kaufen. »Warum fragt ihr immer nur nach unseren Toten in Afghanistan?«, sagt er. »Wenn ihr uns nicht helft, werden wir bald selber tot sein, vor euren Augen, hier in Pakistan.«

Cornelia Fuchs / Mitarbeit: Angelika Franz