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Die Welt verstehen - stern-Reporter erklären: Alle gegen Katar - eskaliert die Krise am Persischen Golf?

Katar ist bei den Golf-Staaten wie Saudi-Arabien in Ungnade gefallen. Vermutlich wegen einer banalen wie komplizierten Entführung. Doch die Sanktionen gegen das Land könnten ausgerechnet dem ärgsten Feind der Saudis nutzen.

Von Steffen Gassel

Saudi Arabien Reisebüro Katar

Flüge von Saudi Arabien nach Katar sind gerade nicht sonderlich gern gesehen

Wieso Katar und was hat den Konflikt ausgelöst?

Die Frage ist berechtigt. Zu enge Beziehungen mit dem Iran, so lautet der zentrale Vorwurf, den Saudi-Arabien und die anderen Blockade-Staaten gegen Katar erheben. Doch die haben auch andere am Golf. Kuwait und Oman etwa, beide wie Katar Mitglied des saudisch dominierten Golf-Kooperationsrates (GCC), pflegen auch enge Beziehungen zu Teheran. Und Dubai, das neben Abu Dhabi wichtigste Emirat der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), war in den Jahren vor Abschluss des Atomabkommens der zentrale Finanzplatz für alle, die trotz der scharfen Sanktionen des Westens Geschäfte mit dem Iran machen wollten.

Ausgelöst hat die Krise um Katar wohl eine Lösegeldzahlung in Milliardenhöhe. 26 Katarer, darunter Mitglieder des Herrscher-Clans der al Thani, waren Ende 2015 während einer Jagd-Safari im Süd-Irak von einer lokalen Schiitenmiliz entführt worden, die mit Teheran kooperiert. Im Rahmen eines komplizierten Deals kamen sie kürzlich frei. Dafür soll Katar insgesamt etwa eine Milliarde US-Dollar Lösegeld gezahlt haben. Bis zu 400.000 US-Dollar davon sollen an hochrangige Hintermänner im iranischen Sicherheitsapparat geflossen sein, außerdem mehr als 100.000 US-Dollar an den al-Kaida-Ableger "Syrische Befreiungsbewegung", der sich früher "al Nusra Front" nannte. Dass Doha solche Summen an Saudi-Arabiens ärgste Widersacher gezahlt hat, soll Riad zu den drakonischen Strafmaßnahmen gegen Katar bewogen haben.

Wird der Konflikt um Katar eskalieren?

Einen bewaffneten Konflikt untereinander wollen alle GCC-Staaten, Saudi-Arabien eingeschlossen, unbedingt vermeiden. Das heißt aber nicht, dass es einen schnellen Ausweg aus der Konfrontation mit Katar geben wird. Die Forderungen, die Katars Gegner aufgestellt haben – Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Iran, Schließung des Satellitensenders al Dschasira, Ausweisung hochrangiger Mitglieder von Hamas und Muslimbruderschaft, Entschuldigung beim saudischen König als Hüter der Heiligen Stätten von Mekka und Medina - sind so weitreichend, dass Katar sie kaum erfüllen wird. Denn das käme eine Kapitulation gleich.

Umgekehrt können die Saudis und ihre Mitstreiter schlecht von ihren Forderungen abrücken, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Die Chaos-Kommunikation der US-Regierung, des wichtigsten saudischen Verbündeten außerhalb der Region, in Sachen Katar macht die Situation zusehends vertrackt.

Immerhin: Auf Druck der Amerikaner haben Saudi-Arabien und die VAE als humanitäre Geste Telefon-Hotlines für Familien eingerichtet, die von den Ausweisungsanordnungen für Katarer zerrissen zu werden drohen. Katar will seinerseits übrigens nicht mit Ausweisungen reagieren. Auch den Gas-Export via Pipeline in die VAE hält Katar aufrecht. Dagegen scheint auch Scheich Mohammed bin Zayed al Nahyan, der mächtigste Mann der VAE und beste Freund der Saudis, nichts zu haben.

Wem nutzt der Streit der Golfstaaten?

Die kurze Antwort heißt: Iran. Statt als geeinter Block gegen den wachsenden Einfluss Teherans, steht der GCC nun gespalten in drei Gruppen da: Auf der einen Seite die Saudis und ihre Blockade-Partner Bahrain und VAE; auf der anderen Katar; und drittens Kuwait und der Oman, die sich fragen, ob sie die nächsten sein werden, die den Zorn der Saudis zu spüren kriegen. Selbst in Zeiten ohne eine solche Krise haben Saudi-Arabien und die Seinen den Iranern wenig entgegenzusetzen gehabt. Umso schlimmer sieht es nun um die Golfstaaten aus, die Donald Trump eigentlich zu einer Art arabischer Nato im Kampf gegen Iran aufbauen wollte.

Neben dem Iran versucht auch die Türkei die Lage in ihrem Sinne auszunutzen. Ihre Entscheidung, Truppen nach Katar zu entsenden,  wird in Riad als unfreundliches Manöver verstanden. Und das ist sie auch. Denn Ankara sieht sich selbst, nicht die Saudis, als eigentliche sunnitische Führungsmacht.

Auch Präsident Assad in Damaskus wird sich ins Fäustchen lachen. Dass ausgerechnet Katar und Saudi-Arabien, die Hauptfinanziers der syrischen Rebellen, die seine Herrschaft an den Rand des Zerfalls gebracht haben, einander nun gegenseitig bekämpfen, dürfte ihm eine große Genugtuung sein.