Anschlag auf Goldene Moschee Vergeltungsschläge erschüttern den Irak


Nach dem Anschlag auf ein schiitisches Heiligtum erschüttern Racheakte den Irak. Wütende Gläubige setzten sunnitische Moscheen in Brand; mehrere Menschen kamen ums Leben. Der irakische Präsident Dschalal Talabani fürchtet einem Bürgerkrieg.

Der Anschlag auf eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten hat eine Welle von Gewalttaten gegen Sunniten im Irak ausgelöst. Übergangspräsident Dschalal Talabani warnte am Mittwoch im Fernsehen vor einem "verheerenden Bürgerkrieg".

In Samarra, wo die Goldene Moschee steht, sind drei Journalisten des arabischen Fernsehsenders Al-Arabija getötet worden. Dies teilte der Sender mit, ohne Details zu nennen. In Bakuba haben Bewaffnete vor einer sunnitischen Moschee um sich geschossen. Der Polizei zufolge wurde ein Mensch getötet. Die Bewaffneten hätten aus zwei Autos heraus das Feuer eröffnet. Im südirakischen Basra wurden nach einem Bericht des britischen Fersnehsenders BBC am Mittwochabend mindestens elf Gefangene aus einer Haftanstalt geholt und später erschossen. Bei den Opfern soll es sich um Sunniten gehandelt haben.

Zuvor habe es in der mehrheitlich von Schiiten bewohnten Hafenstadt gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen beiden religiösen Gruppen gegeben. Dutzende sunnitische Moscheen im ganzen Land wurden nach westlichen Medienberichten angegriffen und in Brand gesetzt. Dabei seien acht Sunniten getötet worden. Drei davon seien sunnitische Geistliche gewesen.

Ahmadinedschad beschuldigt USA und Israel

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat die USA und Israel für die Zerstörung der schiitischen Kuppelmoschee in der irakischen Stadt Samarra verantwortlich gemacht. Der Anschlag sei das Werk von "Zionisten und Besetzern", sagte Ahmadinedschad am Donnerstag in einer vom Staatsfernsehen übertragenen Rede vor mehreren tausend Menschen im Südwesten Irans. "Sie sind in den Schrein eingedrungen und haben ihn zerbombt, weil sie gegen Gott und Gerechtigkeit sind", sagte Ahmadinedschad. Es handle sich um "die Taten einer Gruppe von besiegten Zionisten und Besetzern, die unsere Gefühle treffen wollen". An die Adresse der USA gewandt sagte Ahmadinedschad: "Ihr müsst wissen, dass eine solche Tat euch nicht vor dem Zorn der muslimischen Nationen bewahren wird."

In einem offenbar gezielten Schlag gegen die irakischen Schiiten haben Bomben-Attentäter die Goldene Moschee, eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer im Land zerstört. Die Schiiten im Land reagieren schockiert und entsetzt und der Anschlag könnte das Land an den Rand eines Bürgerkriegs treiben.

"Steht auf, Schiiten! Rächt Euch! Wehrt euch!"

Das geistliche Oberhaupt der Gemeinschaft im Land, Groß-Ajatollah Ali al Sistani rief in einer für ihn ungewöhnlichen Reaktion zu Demonstrationen auf und erklärte eine Trauerzeit von sieben Tagen. Während er sich in seinem Büro in Nadschaf mit hochrangigen Vertretern der Schiiten beriet, versammelten sich tausende Menschen vor dem Gebäude und forderten: "Steht auf, Schiiten! Rächt Euch! Wehrt euch!"

Al Sistani hat immer zu Gewaltverzicht ermahnt

Sistani gilt als die Kraft unter den Schiiten, die Vergeltungsschläge gegen Sunniten bisher verhindert hat. Die Schiiten waren wiederholt das Ziel sunnitischer Attentäter. So wurden 2004 wurden während eines schiitischen Pilgerfestes 170 Menschen getötet. Auch jetzt forderte er seine Anhänger wieder dazu auf, es während der Proteste nicht zu Gewalt kommen zu lassen. Er verlangte insbesondere, keine Racheakte gegen sunnitische Moscheen zu begehen.

Angriffe aud sunnitische Moscheen

Die Emotionen kochten aber dennoch hoch. In Bagdad beschossen Unbekannte das Zugangstor zu einer sunnitischen Moschee und setzten es in Brand. Eine Organisation sunnitischer Geistlicher bestätigte, dass alleine in der Hauptstadt drei sunnitische Moscheen angegriffen worden seien. Das Verteidigungsministerium teilte mit, es erwäge die Stationierung von Truppen in Bagdad, um Zusammenstöße zwischen den Gemeinschaften zu verhindern.

In Samarra sammelten sich unmittelbar nach dem Anschlag rund 1000 wütende Menschen auf den Straßen. Die Polizei versuchte nach eigenen Angaben, die Menge mit Warnschüssen unter Kontrolle zu bringen. Auch in Kut südlich von Bagdad kam es zu Protesten. Der Chef der landesweiten Stiftung zur Verwaltung der schiitischen Besitztümer verlangte von der Regierung "härteste Maßnahmen gegen diese Terroristen". "Dass ihnen vergeben wird, ist undenkbar", sagte er noch.

"Für die Schiiten ist dies ein schwerer Angriff, vergleichbar mit der Bedeutung, die ein Anschlag auf Mekka für alle Moslems hätte", sagte Hassim al Naimi, der an der Bagdader Universität Mustansirija Politikwissenschaft lehrt. Nun sei sicher noch mehr Gewalt zwischen den Religionsgemeinschaften zu erwarten. "Das kann das Land auf einen Bürgerkrieg zutreiben."

Iraks Präsident versucht sein Volk zu beruhigen

Die Regierung versuchte, die Menschen zu beruhigen. Präsident Dschalal Talabani, ein sunnitischer Kurde, nannte die Tat "ein schändliches Verbrechen".

Er steht als designierter Chef der neuen Regierung derzeit unter dem Druck der USA und Großbritanniens, in das künftige Kabinett auch Sunniten aufzunehmen. Die Alliierten versprechen sich davon eine Beruhigung der Spannungen zwischen den beiden Gruppen. Sie stehen zuhause unter Druck, das teure Engagement im Irak zu beenden und ihre Soldaten zurückzuholen.

Reuters/DPA/AP AP DPA Reuters

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