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Atomstreit: Iran gegen alle

Der Iran feiert seinen Aufstieg zum Uran-Selbstversorger - und niemand feiert mit. Aus allen Teilen der Welt kommt harsche Kritik an der Ausweitung des iranischen Atomprogramms. Von einer "Provokation der Weltgemeinschaft" ist die Rede. Das islamische Land droht ebenfalls mit einer härteren Gangart.

Die von Präsident Mahmud Ahmadinedschad angekündigten neuen nuklearen Kapazitäten des Iran sind international heftig kritisiert worden. Die russische Regierung sprach am Montagabend von einer "Provokation". Die USA sehen die Worte von Ahmadinedschad als "ein neues Zeichen der Missachtung der internationalen Gemeinschaft".

Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft hat die Ausweitung des iranischen Atomprogramms kritisiert. Die Europäische Union bedauere, dass Teheran nicht die von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) mehrfach geforderten Schritte unternommen habe, erklärte der deutsche Vertreter bei der Genfer Abrüstungskonferenz, Bernhard Brasack. Sein chinesischer Kollege Cheng Jingye bekräftigte, sein Land setze weiter auf Diplomatie zur Lösung der Krise. Er rief alle Seiten zu Geduld und Zurückhaltung auf. Nun müssten die diplomatischen Bemühungen verstärkt werden, um die Verhandlungen wieder in Gang zu bringen, sagte der Diplomat.

Großbritannien verlangte von Teheran erneut die Einstellung der Urananreicherung. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat den Iran aufgefordert, den Resolutionen des Weltsicherheitsrats voll zu folgen. Keine Reaktion gab es am Montag dagegen von der Internationalen Atombehörde (IAEO) in Wien. Der iranische Atom-Unterhändler Ali Laridschani drohte unterdessen mit einer härteren Gangart seines Landes und schloss eine Kündigung des Atomwaffensperrvertrags nicht aus.

Iran erklärt sich zum Selbstversorger

Nach den Äußerungen Ahmadinedschads kann der Iran sich jetzt mit atomarem Brennstoff selbst versorgen. "Der Iran steht seit heute auf der Liste derjenigen Staaten, die in der Lage sind, nuklearen Brennstoff herzustellen", sagte er in einer Rede in der zentraliranischen Nuklearanlage Natans, wo Uran angereichert wird.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses in der russischen Staatsduma, Konstantin Kossatschow, sprach von einer "direkten Herausforderung der Weltgemeinschaft". Der Iran zeige ein weiteres Mal, dass er nicht zu einem Kompromiss mit der Weltgemeinschaft bereit sei, sagte Kossatschow der Agentur Interfax. So lange jedoch keine direkten Beweise dafür vorlägen, dass der Iran an einem Atomwaffenprogramm arbeite, gebe es keine Alternative zu politischen Verhandlungen.

"Vergebene Chance"

Der Sprecher von US-Präsident George W. Bush, Gordon Johndroe, äußerte sich "sehr besorgt" über die Entwicklung. "Wir rufen das iranische Regime auf, seine Verpflichtungen gegenüber der IAEO und dem UN-Sicherheitsrat zu erfüllen", sagte Johndroe. Der Sprecher des US-Außenministeriums, Sean McCormack, betonte, die jüngste Entwicklung zeige die "vergebene Chance" für die iranische Führung, die internationalen Sorgen ernst zu nehmen. Die Erklärung Ahmadinedschads zeige, dass die internationale Gemeinschaft zu Recht Sanktionen verhängt habe, sagte McCormack.

Die Regierung in London zeigte sich besorgt über die Ankündigung. Das bedeute einen weiteren Verstoß gegen Resolutionen der UN und IAEO, sagte ein Sprecher des britischen Außenministeriums. Die internationale Gemeinschaft sei sich einig, dass Teheran keine Atomwaffen besitzen dürfe.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon betonte: "Ich hoffe sehr, dass sich die iranische Regierung selbst zu einer Zeit, in der sie Sanktionen des Sicherheitsrats ausgesetzt ist, auf einen Dialog mit dem Ziel der Verständigung einlässt."

Kritik an vereinten Nationen

Ahmadinedschad kritisierte in Natans erneut die von den Vereinten Nationen im Atomstreit beschlossenen Sanktionen, die den Iran zur Einstellung der Urananreicherung bewegen sollen. Je nach Grad der Anreicherung kann Uran zivil oder militärisch genutzt werden. Das Land wird verdächtigt, an der Atombombe zu arbeiten. Das hat Teheran stets strikt zurückgewiesen. Ahmadinedschad bekräftigte am Montag das Recht seines Landes als Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrages auf friedliche Nutzung der Kernenergie.

Laridschani erklärte in Natans, dass jetzt 3000 Gaszentrifugen zur Urananreicherung installiert seien. Er drohte mit einer härteren Gangart Teherans, sollten die vor zwei Wochen verabschiedeten Sanktionen des UN-Sicherheitsrats angewandt werden. In diesem Zusammenhang schloss er eine Aufkündigung des Atomwaffensperrvertrags nicht aus.

"Neue Phase" begonnen

Der Chef der iranischen Atomenergie-Organisation, Gholam-Resa Aghasadeh, sagte vor der Rede des Präsidenten zum "Nationalen Atomtag", sein Land könne jetzt Uran "im industriellen Maßstab" anreichern. Nach fünfjährigen Forschungs- und Testarbeiten habe damit "eine neue Phase" der Arbeiten am Atomprogramm begonnen.

Der UN-Sicherheitsrat hatte vor rund zwei Wochen einstimmig eine neue Iran-Resolution verabschiedet, die ein Waffenembargo, Reisebeschränkungen und das Einfrieren von Auslandsgeldern vorsieht. Sollte Teheran die Urananreicherung nicht binnen 60 Tagen einstellen, drohten "weitere angemessene Maßnahmen". Die neue Resolution verschärft Strafmaßnahmen, die der Sicherheitsrat bereits im Dezember vergangenen Jahres verhängt hatte.

DPA/AP / AP / DPA