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Aufruf zu neuen Protesten: Ägypten fürchtet den "Tag des Zorns"

Die Polizei hat Order, scharf zu schießen, in den Wohnvierteln bilden sich Bürgerwehren, und die Muslimbrüder rufen zu Protesten auf. Nach den jüngsten tödlichen Krawallen haben viele Ägypter Angst.

In Ägypten wächst die Angst vor neuer Gewalt nach dem Freitagsgebet. Die Anhänger der Muslimbrüder riefen zu erneuten Massenprotesten und einem "Tag des Zorns" nach der gewaltsamen Räumung zweier Protestcamps am Mittwoch mit mehr als 600 Toten und Tausenden Verletzten auf. Die Nationale Heilsfront, eine lose Allianz liberaler und linker Kräfte, forderte indes, die Ägypter müssten gegen die offensichtlichen Terror-Akte der Muslimbrüder auf die Straße gehen. Das Innenministerium warnte einem Medienbericht zufolge, die Sicherheitskräfte würden scharfe Munition einsetzen, um Angriffe auf die Beamten oder öffentliche Gebäude abzuwehren. Von den Islamisten seien friedliche Kundgebungen geplant, aber niemand könne garantieren, dass es nicht auch zu Gewalt und Brandanschlägen komme, sagte der Generalsekretär der Islamischen Partei, Mohammed Abu Samra, dem Nachrichtenportal der Kairoer Tageszeitung "Al-Masry Al-Youm". Gerade jungen Menschen seien sehr erzürnt. Die Demonstrationen sollen an allen Moscheen Kairos beginnen und Richtung Ramses-Platz führen, teilte der Sprecher der Bruderschaft, Gehad al-Haddad, auf Twitter mit.

Islamisten attackieren öffentliche Einrichtungen

In der Nacht gingen die Angriffe von Islamisten auf Behörden und Polizeikasernen weiter. Anwohner sollen Angehörigen der Ordnungspolizei in der Provinz Al-Minia geholfen haben, die Stürmung einer Kaserne zu verhindern. Augenzeugen berichteten zudem, die örtliche Polizeistation sei angezündet worden. Lokale Medien berichteten, in der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo seien am Morgen vor Ende der Ausgangssperre Schüsse zu hören gewesen.

In der Stadt Al-Arisch auf der Sinai-Halbinsel wurde das Gebäude der Steuerbehörde in Brand gesetzt. Augenzeugen sagten, nachdem Anwohner zunächst versucht hätten, den Brand zu löschen, seien die Angreifer mit neuen Brandbomben wiedergekommen. Diesmal hätten sie das Feuer "überwacht", damit niemand eingreift.

638 Tote nach den Ausschreitungen vom Mittwoch

Die Protestbewegung "Tamarud", die Ende Juni die Massenproteste gegen Präsident Mohammed Mursi organisiert hatte, rief die Bürger auf, am Freitag in ihren Wohnvierteln Bürgerwehren zu bilden, um ihre Häuser sowie die lokalen Moscheen und Kirchen vor möglichen Attacken der Islamisten zu schützen. Das ägyptische Staatsfernsehen strahlte am Abend den Aufruf von Mahmud Badr, dem Koordinator der "Tamarud"-Bewegung, aus. Er sagte, auch einfache Bürger seien sehr wohl in der Lage, zwischen friedlichen und bewaffneten Protesten zu unterscheiden.

Die ägyptische Regierung korrigierte die Zahl der Toten laut übereinstimmender Medienberichte auf 638 nach oben. Verletzt worden seien 4201 Menschen.

Kairo verbittet sich Äußerungen der USA

Zwischen den Verbündeten USA und Ägypten wird der Ton angesichts der Gewalt rauer. Kairo kritisiert Äußerungen von US-Präsident Barack Obama und spricht von terroristischen Handlungen, die sich gegen Regierungsgebäude und lebenswichtige Einrichtung richteten. In der Erklärung des Büros von Übergangspräsident Adli Mansur hieß es in der Nacht zum Freitag weiter: "Die Präsidentschaft fürchtet, dass Erklärungen, die nicht auf korrekten Fakten basieren, gewalttätige bewaffnete Gruppen stärken und sie in ihrem Widerstand gegen Stabilität und den demokratischen Übergang bestärken könnten."

Obama hatte zuvor gesagt, die USA verurteilten das Vorgehen der Übergangsregierung und der Sicherheitskräfte scharf. Obama bedauerte die Gewalt gegen Zivilisten und sprach sich gegen den verhängten Notstand aus. Die USA sagten eine traditionelle gemeinsame Trainingseinheit beider Streitkräfte ab. Angesichts der Geschehnisse könnten die Vereinigten Staaten ihre Beziehung mit dem Land derzeit nicht wie gewohnt weiterführen, sagte Obama am Donnerstag von seinem Ferienort auf der Insel Martha's Vineyard im US-Staat Massachusetts aus. Auch der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Gewalt in Ägypten. Zugleich wurden alle Parteien aufgerufen, die "Aggressionen" einzustellen, wie Argentiniens Vertreterin Maria Cristina Perceval als derzeitige Ratspräsidentin nach einer Dringlichkeitssitzung des Gremiums mitteilte.

Amerikaner sollen das Land verlassen

Die USA riefen Bürger zum Verlassen des Landes auf. Alle dort lebenden Amerikaner seien angehalten, aus dem nordafrikanischen Staat auszureisen, teilte das Außenministerium in Washington mit. Das US-Außenministerium begründete seine Reisewarnung mit den politischen und sozialen Unruhen in Ägypten.

Das ägyptische Innenministerium wies die Polizei an, ab sofort mit scharfer Munition auf Plünderer und Saboteure zu schießen. In einer Erklärung hieß es, der Anlass dafür seien "Terrorattacken der Organisation der Muslimbrüder auf verschiedene Einrichtungen von Regierung und Polizei in mehreren Provinzen". Damit solle verhindert werden, dass öffentliche Gebäude in Brand gesetzt und Waffen aus Polizeistationen gestohlen werden. Die Regierung hatte bereits zuvor trotz massiver internationaler Kritik das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte verteidigt. In mehreren Landesteilen gilt der Notstand.

Die Angriffe der Extremisten richteten sich nicht allein gegen öffentliche Gebäude und Polizeiwachen. Auch christliche Kirchen wurden Ziel der Attacken. Aus Sicherheitskreisen hieß es, in Abanub in der Provinz Assiut sei eine koptische Kirche niedergebrannt worden. Nach Angaben der christlichen Zeitung "Watani" attackierten die Islamisten insgesamt 35 Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten.

anb/Reuters/DPA / DPA / Reuters