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Auf Feldzug gegen Kritiker Entführungsversuch bei Olympia: Lukaschenkos absurder Krieg gegen Sportler des eigenen Landes

Belarus, Minsk: Alexander Lukaschenko spricht  zu Mitgliedern der belarussischen Olympiamannschaft
Belarus, Minsk: Alexander Lukaschenko spricht während einer Veranstaltung zu Mitgliedern der belarussischen Olympiamannschaft vor den Olympischen Spielen in Tokio
© Maxim Guchek
Mit aller Härte geht Alexander Lukaschenko gegen Kritiker vor. Auch die Olympionikin Kristina Timanowskaja ist seinem Rachedurst zum Opfer gefallen und musste ihren Traum bei Olympia aufgeben. 

Der Fall der belarussischen Olympionikin Kristina Timanowskaja sorgt weltweit für Schlagzeilen. Die Sprinterin sollte nach Einschätzung der belarussischen Opposition von den autoritären Behörden des Diktators Alexander Lukaschenko aus Tokio entführt werden. Nachdem sie öffentlich Kritik an belarussischen Sportfunktionären geäußert habe, sollte sie gegen ihren Willen aus Japan ausgeflogen werden, sagte die 24-Jährige in einem Video, das die oppositionelle belarussische Athletenvertretung Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF) am Sonntag veröffentlichte. Die BSSF sprach von einer versuchten "gewaltsamen" Ausreise.

Der Vorfall ist nur einer aus einer ganzen Reihe von Wahnsinnstaten des belarussischen Diktators. Kurz bevor Timanowskaja es wagte, ihre Kritik zu äußern, hatte Lukaschenko gegen die Sportler seines Landes gewütet. Während einer Sitzung, in der er ein paar neue Polit-Kader verkündete, teilte der Machthaber gegen die Olympioniken aus: "Wir investieren in Sport mehr als jedes andere Land", begann er seinen Ausfall mit einer glatten Lüge. "Aber wozu hat das geführt? Wir investieren in Sport, haben aber vergessen, dass das Land und das Volk Athleten mit Medaillen sehen wollen." 

Seine Lösung: "Wir müssen aus der ganzen Masse an Sportlern, in die wir großes Geld investieren, einzelne Teams und Sportler auswählen und in sie investieren, damit es morgen ein Ergebnis gibt. Das ist ist bislang nicht geschehen", echauffierte sich Lukaschenko. Es seien dringend Reformen auf diesem Gebiet nötig. Als ein Beispiel, dem es sich nachzueifern lohnt, führte er Serbien an. Dem Diktator zufolge seien die Serben eine "talentierte Nation", ganz wie die Belarussen, aber die Ergebnisse seien andere. "Weil sie wissen: Wenn sie bei den Olympischen Spielen oder bei Weltmeisterschaften gewinnen, dann werden sie alles haben. Und wenn sie nicht gewinnen, wissen sie, dass sie nach einem Stück Brot werden suchen müssen. Wir aber finanzieren alle." 

Besonders Sportler, die der Diktator im Verdacht hat, mit der Opposition zu sympathisieren, sind ihm ein Dorn im Auge. "Bei der Fußball-Meisterschaft haben einige Fußballspieler große Mengen an Geld bekommen. Wozu müssten da ihre Frauen arbeiten? Sie sitzen lieber da und spielen mit ihren iPhones. Und alle sind sie für die rot-weiß-rote Fahne [ein Symbol der Opposition, Anm. d. Redaktion]. Aus Langeweile. Dies ist nicht nur meine Schlussfolgerung. Es gibt Leute, die diese Prozesse sehen und mich direkt fragen: Wen bezahlen wir denn da?", so Lukaschenko.

"Wenn sie nichts gewinnen, dann kehren Sie besser nicht in dieses Land zurück"

Bereits 2019 drohte er den Sportlern und Sport-Funktionären seines Landes, sollten sie bei den Olympischen Spielen in Tokio keine Medaillen gewinnen. "Denken Sie gut nach, bevor Sie dorthin als Chef-Trainer, Berater oder Spezialisten fahren. Denken sie darüber nach, ob Sie überhaupt dorthin fahren sollten", erklärte damals Lukaschenko. "Denn wenn nichts gewinnen, dann kehren Sie besser nicht in dieses Land zurück. Ich sage Ihnen das als Präsident des Landes. Verstehen Sie mich, wie Sie wollen", stieß der belarussische Machthaber eine offene Drohung hervor. 

Die Sprinterin Timanowskaja hat nun nicht nur keine Medaille gewonnen, sondern auch die Funktionäre des Regimes kritisiert. Sie hatte darüber geklagt, dass andere belarussische Athleten bei den Spielen in Tokio nicht antreten könnten, weil für sie nicht genügend negative Doping-Proben eingereicht worden seien. In der Konsequenz sollte Timanowskaja in mehreren Disziplinen antreten, für die sie nicht vorbereitet war. Nach der öffentlichen Kritik wurde die Sprinterin zurückbeordert, belarussische Staatsmedien verunglimpften sie als Verräterin. 

Wie unbarmherzig und brutal Lukaschenko gegen Kritiker vorgeht, zeigten die vergangenen Wochen. So wurden in Belarus mehrere Menschen verurteilt, nur weil sie weiße Papierblätter in ihre Fenster gehängt hatten. Dies wird vom Regime als ein Zeichen der Unterstützung der Opposition gewertet. 14 bis 28 Tage Haft müssen die Betroffenen nun absitzen. 

Gegen unabhängige Medien rollt eine riesige Kampagne über das Land. Journalisten werden verhaftet, Medienhäuser zerschlagen oder als extremistisch eingestuft, wie im Fall des oppositionellen Fernsehsenders Belsat. Der in Polen ansässige Sender hatte im vergangenen Jahr über die Massenproteste gegen die umstrittene Wiederwahl von Lukaschenko berichtet. Im Februar waren zwei Belsat-Mitarbeiterinnen wegen ihrer Berichterstattung über die Demonstrationen zu zwei Jahren Haft verurteilt worden.

Lukaschenko macht jegliche Kritiker mundtot

Seit Monaten gehen die belarussischen Behörden gegen Gegner Lukaschenkos, Journalisten und Aktivisten vor, um die Proteste endgültig niederzuschlagen. Vergangene Woche verhängten sie gegen mehr als 40 Nichtregierungsorganisationen und Vereinigungen ein Verbot. Informationsportale wie tut.by wurden gesperrt und verloren ihre Lizenz, selbst Mitarbeiter aus der Buchhaltung wanderten ins Gefängnis.

"Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Regierung zum Jahrestag die Aufgabe gestellt hat, die vollständige Säuberung von allen Andersdenkenden verkünden zu können", sagte Boris Gorezkij, stellvertretender Leiter des belarussischen Journalistenverbands, dem ukrainischen Sender Unian TV. Gemeint ist der Jahrestag der Präsidentschaftswahlen am 9. August 2020, nach denen im vergangenen Jahr landesweit Proteste losbrachen.

Dass Regimekritiker auch im Ausland nicht sicher sind, führt der Fall von Roman Protassewitsch deutlich vor Augen: Der Blogger war im Mai per Flugzeug von Athen nach Vilnius unterwegs, als Lukaschenko den Flieger zur Landung zwingen ließ. Der Vorfall löste einen internationalen Skandal und eine Welle neuer Sanktionen gegen Belarus aus. 


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