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Mord an Putin-Gegner Attentäter beschatteten Nemzow zwölf Stunden lang


Agententhriller auf den Straßen Moskaus: Zwölf Stunden lang sollen die Täter Boris Nemzow an seinem Todestag beschattet haben - mit drei verschiedenen Autos - bis sie schließlich zuschlagen konnten.
Von Ellen Ivits

Was sich auf den Straßen Moskaus am 27. Februar zugetragen haben soll, klingt nach einem Agententhriller aus den Studios von Hollywood. Den russischen Behörden ist es Medienberichten zufolge gelungen, die letzten zwölf Stunden im Leben von Boris Nemzow zu rekonstruieren. Anhand zahlreicher Überwachungsvideos sei es den Ermittlern möglich gewesen nachzuvollziehen, wie die Attentäter den Oppositionspolitiker bespitzelt und überwacht hätten, bis sie ihren Mordauftrag ausführen konnten, berichtet unter anderem der russische Nachrichtensender Lifenews unter Berufung auf Polizeiquellen und Aufnahmen der Überwachungskameras, die im Rahmen des Moskauer Sicherheitssystems "Potok" in den Straßen der russischen Hauptstadt installiert sind.

Die Rekonstruktion der Ermittler zeigt demnach: Die Täter überließen nichts dem Zufall. Systematisch, minutiös und lückenlos hätten sie Nemzow an seinem Todestag verfolgt. Für ihre Observation benutzten sie den Berichten zufolge drei verschiedene Fahrzeuge, die sich während der Verfolgung sechs Mal abwechselten.

Lückenlose Beschattung

Die Beschattung habe bereits um 11 Uhr am Freitagvormittag begonnen, als der Putin-Kritiker seine Freundin Anna Durizkaja vom Flughafen Scheremetjewo abgeholt habe. Moskaus zweitgrößter Flughafen liegt etwa 30 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt. Von dort sei dem Range Rover des Politikers ein Auto der Marke Chevrolet gefolgt. Es sei Nemzow fast bis zu Stadtgrenze Moskaus hinterhergefahren, bis dort ein weiteres Fahrzeug die Observierung übernommen habe. Das zweite Auto habe den 55-Jährigen bis zu seiner Wohnung begleitet, die sich in der Straße Malaja Ordynka befindet.

Nachdem sich Nemzow und seine Freundin laut den Angaben den ganzen Tag in der Wohnung aufhielten, hätten sie das Haus gegen 19 Uhr verlassen, jedoch mit unterschiedlichen Zielen. Während das 23-jährige ukrainische Model sich in einen Spa begeben habe, sei Nemzow mit seinem Chauffeur zu einem Radio-Interview, das sein letztes werden sollte, aufgebrochen. Die Verfolger hätten hier erneut die Beschattung aufgenommen und seien dem Opfer bis zum Kaufhaus GUM gefolgt, wo Nemzow nach dem Termin wieder mit seiner Freundin zum Abendessen verabredet gewesen sein. Die Überwachungskameras des GUMs zeigten, dass das Paar getrennt eintraf. Zunächst habe Nemzow das Kaufhaus betreten und das Restaurant "Bosco" direkt angesteuert. Wenige Augenblicke später sei Durizkaja gefolgt. Sie habe sich noch mal umgesehen, bevor sie das Restaurant betreten habe.

Die Ermittler gehen den Medienberichten zufolge davon aus, dass die Verfolger gesehen haben müssen, dass Nemzow vor dem Abendessen mit Durizkaja seinen Chauffeur entließ. Zu diesem Zeitpunkt soll ihnen klar gewesen sein, dass das Opfer später den Fußweg zu seiner Wohnung nehmen werde. Um 23.22 Uhr hätten Nemzow und Durizkaja das Restaurant schließlich verlassen und sich auf den Heimweg gemacht, der zunächst über den Roten Platz, am Kreml vorbei auf die Große Moskauer Brücke führte. Von hier aus braucht man bis zu der Wohnung Nemzows zu Fuß etwa eine halbe Stunde.

Mord innerhalb von zwei Minuten

Das Auto des späteren Schützen und seines Komplizen parkte laut den Berichten, die sich auf Polizei-Darstellungen, bis dahin in einer Seitenstraße. Um 23.29 Uhr habe das Fahrzeug unter der Brücke gewendet und sei zu der Fußgängertreppe, die vom Roten Platz aus auf die Brücke führt, gefahren. Dort sei der Schütze um 23.30 Uhr ausgestiegen, die Treppe zur Brücke hinaufgestiegen und Nemzow und seiner Begleiterin entgegengegangen. Nachdem das Paar ihn passierte, habe sich der Attentäter zurückfallen lassen und dann von hinten auf Nemzow geschossen. Vier Kugeln trafen den Politiker in den Rücken, seine Freundin blieb unverletzt.

Das Fluchtfahrzeug sei in diesem Moment bereits wieder auf der Brücke gewesen und habe den Schützen abgepasst. Der Täter sei über das Geländer der Brücke gestiegen, auf die Fahrbahn gelaufen und in das Fluchtauto gesprungen.

Um 23.34 Uhr verliert sich die Spur

Auch einen Teil des Fluchtwegs hätten die russischen Behörden anhand von Videoaufnahmen rekonstruieren können, berichtet Lifenews. Um 23.31 Uhr sei das Auto der Täter von der Brücke in die Straße Bolotnaja Uliza abgebogen und in Richtung der Brücke Kammenyj Most gerast, die es um 23.32 Uhr erreicht habe. Dort habe das Fahrzeug abgebremst, um Fußgänger durchzulassen und sei anschließend im gemäßigten Tempo weitergefahren. Um 23.34 Uhr verlöre sich schließlich die Spur der Täter, nachdem sie in den dichten Verkehr auf der Straße Bolschaja Dmitrovka eingetaucht seien.

Nach Angaben des Chefs des Geheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, seien bereits mehrere Verdächtige ausgemacht. Doch die gebe es ja immer, sagte Bortnikow der russischen Nachrichtenagentur Tass. Die Behörden verfolgen demnach momentan die Spur mehrerer Fahrzeuge, darunter eines Fords, der auf ein Sicherheitsunternehmen, welches das russische Finanzministerium bedient, zugelassen ist. Das Auto sei aufgefallen, weil es mehrmals am Freitagabend am Tatort vorbeigefahren sei. Der Fahrer beteuerte jedoch in den russischen Medien, sich nur am Tatort aufgehalten zu haben, weil er sich an dem Abend als Taxi-Fahrer etwas dazuverdienen wollte.

Unklar ist weiterhin, wie die Täter sich sicher sein konnten, dass Nemzow nach dem Abendessen den Fußweg nach Hause nehmen würde. Schließlich hätte er wieder seinen Chauffeur oder ein Taxi bestellen oder auch die U-Bahn nutzen können. An dieser Stelle bleibt die Rolle von Anna Durizkaja rätselhaft. Zeugen, die an dem Abend im selben Restaurant zu Gast waren wie Nemzow und seine Freundin, sagten aus, dass sie es gewesen sei, die auf einem Spaziergang bestanden habe. Den Angaben Durizkajas zufolge, war es jedoch Nemzow selbst.


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