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Bürgerkrieg in Syrien: In den Folterkellern des Assad-Regimes

Sie schlagen, sie treten und sie reißen selbst Kindern die Fußnägel aus - in 27 Folterkellern soll Syriens Dikator Baschar al Assad Regimegegner foltern lassen, wie es in einem Bericht von Human Rights Watch heißt. Es ist ein Dokument des Grauens.

Khalil war 31 Jahre alt, als er Ende Juni 2011 an einer Anti-Assad-Demo teilgenommen hatte. Was ihn anschließend erwartete, waren zwei Monate Hölle auf Erden. Inhaftiert in insgesamt sieben Gefängnissen und Folterkellern. Die ersten drei Tage nach seiner Festnahme verbrachte er noch in einem Polizeirevier, wo er bereits geschlagen und getreten wurde. Dann wurde Khalil ins Zentralgefängnis von Idlib gebracht, wo er von der Politischen Sicherheit gefoltert wurde. Die überstellte ihn danach dem Militärgeheimdienst, der den 31-Jährigen im Wochentakt an andere Orte verlegte und dort pausenlos misshandelte. Ende August dann kam Khalil plötzlich frei. "Sein Schicksal ist typisch für unzähligen Folteropfer des Assad-Regimes", schreibt Human Rights Watch (HRW). Die Menschenrechtsorganisation hat nun einen umfassenden Bericht über systematische Misshandlungen in Syrien vorgelegt und auch die Orte identifiziert, wo die Schergen des Diktators Baschar al Assad ihrem blutigen Handwerk nachgehen.

27 Gefängnisse, betrieben von mindestens vier verschiedenen syrischen Geheimdiensten, wurden von HRW ausgemacht. "Die Geheimdienste betreiben ein Netz von über das Land verstreuten Folterzentren", sagte HRW-Gutachter Ole Solvang. "Mit der Veröffentlichung der Orte und Foltermethoden und der Identifizierung der Vorgesetzten wollen wir zeigen, dass sich diese für die furchtbaren Verbrechen werden verantworten müssen." Das Muster dieser systematischen Misshandlungen, das Human Rights Watch dokumentiert, zeige klar eine staatliche Politik der Folter und Misshandlung auf, so die Organisation. "Damit erfüllt es die Bedingungen für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Mit Beinen und Kopf in einen alten Reifen gezwängt

Human Rights Watch hat den Bericht nach eigenen Angaben aus unterschiedlichsten Quellen zusammengestellt. Kern seien mehr als 200 Befragungen, die die Organisation seit Beginn der Aufstände im März vergangenen Jahres aufgezeichnet habe. Die meisten Befragten waren junge Männer zwischen 18 und 35 Jahren, darunter ehemalige Gefangene sowie zur Opposition übergelaufene Armee- und Geheimdienstangehörige, aber auch Frauen und ältere Menschen.

In dem Dokument werden zudem verschiedene Folterarten skizziert, die HRW von Augenzeugen geschildert wurden. So seien viele Gefangene mit zusammen gebundenen Händen an die Decke gehängt worden. Einige hätten mit ihren Zehenspitzen gerade eben noch den Boden erreichen können, andere hingen dagegen frei in der Luft, während die Folterknechte auf sie eingeprügelt hätten. Andere Opfer berichten davon, dass sie mit Beinen und Kopf in einem alten Reifen gezwängt worden seien. Das perfide daran sei, dass die Misshandelten so nicht in der Lage waren, sich vor Schläge durch Knüppel und Peitschen zu schützen.

Auch vor Kindern machen die Folterknechte nicht Halt

Außerdem seien Häftlingen Stromschläge zugefügt oder Brandwunden mithilfe von Autobatterien zugefügt worden. Auch von sexuellen Übergriffen und Demütigungen ist die Rede, sowie von Scheinhinrichtungen. Mehrere Befragte hätten zudem mitansehen müssen, wie Folteropfer starben.

Selbst vor Kindern und Jugendlichen hätten die Regimeschergen nicht halt gemacht. So berichtete der 13-Jährige Hossam der Menschenrechtsorganisation, dass er in Haft regelmäßig geschlagen worden sei. Außerdem hätten ihm die Geheimdienstler mit Elektroschocks malträtiert sowie die Zehnägel ausgerissen. Der Bericht zitiert den Jugendlichen mit den Worten: "Sie (die Folterknechte) sagten zu mir: 'Denk dran, wir schnappen Erwachsene und Kinder. Und wir töten sie alle.'"

"Unmenschlichkeit der Folter-Zentren ist entsetzlich"

Wie hoch die Zahl der Folteropfer genau ist, darüber kann auch Human Rights Watch nur mutmaßen: Groben Schätzungen der syrischen Organisation "Violations Documentation Center" und lokalen Aktivisten zufolge sind mindestens 25.000 Menschen seit Beginn des Aufstand verschleppt worden. Wahrscheinlich aber liegt die tatsächliche Zahl deutlich darüber. "Wegen des stark beschränkten Zugangs unabhängiger Beobachter in Syrien, und den nahezu vollständigen Geheimhaltung über Lage und Zahl der Foltergefängnisse ist es so gut wie unmöglich, genaue Angaben über die inhaftierten Menschen zu machen", heißt es in dem Bericht.

Ein Hinweis über die Größenordnung der Inhaftierten liefern Aussagen, nach denen sie selbst in Stadien, Militärstützpunkten, Schulen und Krankenhäusern festgehalten werden sollen, weil die Gefängnisse überbelegt seien. Teilweise sollen bis zu 70 Menschen in einer vier mal fünf Meter großen Zelle eingepfercht sein - ohne Nahrung, Wasser oder Toiletten. Auch eine medizinische Versorgung werde ihnen verweigert, wie es heißt. HRW-Experte Ole Solvang sagt: "Die Reichweite und Unmenschlichkeit dieses Netzwerks von Folter-Zentren ist wirklich entsetzlich."

nik mit DPA