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Bürgerkrieg Warum Syrien zum zweiten Irak werden könnte

Syrien versinkt im Bürgerkrieg, die Fronten verschwimmen. Wer ist gut, wer böse? Wer spielt welches Spiel? Und wem kann man noch glauben? Niemanden, denn der Konflikt wird zum Stellvertreterkrieg.
Von Niels Kruse

Wieder ein Massaker, wieder abgeschlachtete Frauen und Kinder und wieder ist die Welt empört. Nur zwei Wochen nach dem Blutbad mit mehr als 100 Toten in Hula, wurden im Dorf Kobeir 78 Menschen regelrecht hingerichtet. Was genau am Mittwoch vorgefallen ist, wer die Aggressoren waren, ist noch nicht vollständig geklärt. Auch deswegen nicht, weil ein UN-Inspektorenteam auf dem Weg in den Ort mit panzerbrechenden Waffen beschossen wurde. Ein Angriff, der die ohnehin unbändige Wut auf das syrische Regime nochmals gesteigert hat.

Die Regierung in Damaskus weist wie schon vor 14 Tagen alle Schuld von sich. Die staatliche Nachrichtenagentur zitierte einen namentlich nicht genannten Behörden-Vertreter aus Hama, der die Berichte über die Vorkommnisse als "komplett falsch" bezeichnete. Sicherheitskräfte hätten auf Bitten von Bewohnern eingegriffen, nachdem eine "terroristische Gruppe" ein "ungeheueres Verbrechen" begangen habe.

Militante Islamisten mischen sich jetzt mit ein

Mit dieser Darstellung steht die syrische Führung ziemlich allein da, denn ihre Glaubwürdigkeit hat sie schon lange verloren. Doch spätestens seitdem die Rebellen erklärt haben, sich nicht länger an den Waffenstillstand halten zu wollen und zudem bekannt wurde, dass eine "Front islamischer Brigaden" plant, Assad auch mit Gewalt zu vertreiben, herrscht de facto Krieg in Syrien. Und damit verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen der "guten" Opposition und dem "bösen" Regime.

Auch die Islamisten der "Brigaden", die derzeit aus dem Irak und anderen Nachbarländer nach Syrien einsickern, gelten als wenig zimperlich im Umgang mit Tatsachen und Zivilisten. Bereits beim Massaker von Hula gab es Gerüchte, wonach die Rebellen das Dorf den Schergen Assads geopfert hätten, um eine militärische Einmischung des Westens zu provozieren.

Wem soll man noch glauben?

Die Untersuchung des Blutbads von vor 14 Tagen durch UN-Beobachter hat zwar keine Hinweise in diese Richtung ergeben, doch das heißt natürlich nicht, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Das Problem bleibt: Je mehr das Land im Bürgerkrieg versinkt, desto mehr wird die Wahrheit leiden. Doch wem kann man dann noch glauben? Welche Gruppierung, welche Seite lässt sich dann noch bedenkenlos unterstützen?

Michael Lüders, Nahost- und Islamexperte, fällt es jetzt schon schwer, irgendeiner Organisation zu glauben. Etwa der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die in London ansässige Oppositionsgruppe ist oft die einzige Quelle für Informationen aus dem Land, in dem es so gut wie keine unabhängigen Beobachter gibt. "Leider weiß niemand, wer die Quellen sind und nach welchen Kriterien die Mitarbeiter die Nachrichten veröffentlichen", sagt Lüders. Und dem Assad-Regime sei ohnehin alles zuzutrauen.

Cui bono? Wem nützt es?

Auch die Nachrichtenagenturen müssen sich bei Augenzeugenberichten, wie nun etwa über das Massaker von Kobeir , fast immer auf anonyme Aussagen beschränken. Das schützt zwar die oppositionellen Syrer vor Ort, hat allerdings den Nachteil, dass niemand beurteilen kann, welche Motivation hinter solchen Berichten steckt. "Die Frage, die sich bei solchen Konflikten immer stellt, lautet: Cui bono? Wem nützt es?", so Lüders.

Wer aber in dem multireligiösen Staat welche Interessen verfolgt, ist nicht leicht zu überblicken. Wie bei anderen Revolutionen im Zuge des arabischen Frühlings gibt es diejenigen Oppositionellen, denen es nur um einige Reformen geht. Andere verlangen nach größeren Freiheiten, und dann gibt es die Forderungen nach radikalen Veränderungen inklusive der Absetzungen des Regimes. Und überall mischen Ultrareligiöse mit, die hoffen, aus dem Chaos heraus islamistische Staaten formen zu können. Soweit, so normal.

Kompliziert wird die Lage in Syrien aber dadurch, dass das Land in der politischen Großwetterlage der Region eine strategisch wichtige Rolle zukommt, und dort deshalb zunehmend eine Art Stellvertreterkonflikt tobt.

Ziel ist die Isolation Irans

Syrien ist einer der letzten Verbündeten des Paria-Staats Iran. Zudem mit den Israelfeinden Libanon und Hisbollah verbrüdert. Allen voran die USA haben ein großes Interesse daran, den Staat aus der Verbindung herauszulösen und so den Iran zu schwächen. Ebenso wie die Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, die deswegen die syrische Opposition mit Geld und Waffen unterstützten. Michael Lüders glaubt daher, dass in Syrien nun der "große Showdown" beginnt. "Die USA erhöhen den Druck auf das Regime nicht in erster Linie wegen der Menschenrechtssituation, sondern weil sie die Chance wittern, die Gemengelage im Nahen Osten zu ihren Gunsten zu ändern."

In welcher Form das geschehen soll und wird, darüber aber gehen die Meinungen deutlich auseinander. Die Rufe nach einem militärischen Eingreifen werden zwar lauter, genauso laut wie die Bedenken wegen der unkontrollierbaren möglichen Folgen. Sicher scheint bislang nur zu sein, dass der Friedensplan von Kofi Annan gescheitert ist. Und: Dass es mittlerweile kaum noch eine Rolle spielt, welcher der vielen Seiten man glauben kann und welcher nicht, wie Lüders sagt. "Der Konflikt wird internationalisiert, das macht ihn so schwer zu lösen. Es ist aber leider nicht mehr auszuschließen, dass Syrien zu einem zweiten Irak wird."


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