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Bürgerkrieg in Syrien Wer ist schuld am Massaker von Hula?


Vieles deutet darauf hin, dass das Assad-Regime für das Massaker von Hula verantwortlich ist. Doch welche Rolle spielen die Rebellen? Für Syrien könnte das Blutbad ein Wendepunkt sein.
Von Niels Kruse

Ist das der Wendepunkt im Aufstand gegen Baschar al Assad? Seit rund 14 Monaten kämpfen in Syrien Oppositionelle gegen den Dauermachthaber, doch trotz einer vereinbarten Waffenruhe, eines ausgearbeiteten Friedensplans und zunehmenden Drucks des Westens beruhigt sich die Lage in Syrien nicht. Im Gegenteil: Am Freitag starben 116 Menschen, davon etwa ein Drittel Kinder, bei einem Massaker in Hula - es war die bislang schlimmste Gräueltat im de-facto-Bürgerkrieg. Die weltweite Empörung ließ nicht lange auf sich warten und selbst Russland, bislang treuester Verbündeter des Landes im UN-Sicherheitsrat, rückte nun erstmals ein kleines Stück von Diktator Assad ab.

Am Dienstag dann der vorläufige Höhepunkt der diplomatischen Eskalation: Die USA, Großbritannien, die Niederlande, Frankreich, Spanien, Italien, Kanada, Australien und Deutschland wiesen jeweils die Botschafter Syriens aus. 72 Stunden gab Außenminister Guido Westerwelle dem Vertreter des Landes in Berlin, Radwan Lutfi, Zeit, die Bundesrepublik zu verlassen. Zugleich forderte er den al Assad auf, sein Amt niederzulegen. Damit machte die Regierung deutlich, wen sie als Schuldigen des Blutvergießens ausgemacht hat: das Regime in Damaskus.

Zwei Versionen über den Hergang

Was genau passiert ist, beziehungsweise, wer Auslöser für die schrecklichen Taten war und welche Motivation dahinter stecken könnte - dies alles ist in großen Teilen bisher noch unklar.

Im Wesentlichen gibt es zwei Versionen darüber, was an diesen Freitagsgebet am 25. Mai geschehen ist: die Aussagen der Rebellen und der Regierung.

Die Sicht der Opposition

Hula, eine kleine Siedlung in der Nähe der Aufständischenhochburg Homs, ist von Dörfern umgeben, in denen vor allem Alawiten wohnen, einer religiösen Minderheit, der auch die Herrscherfamilie angehört.

Von der Opposition heißt es, die Dörfergemeinschaft habe sich auf die Seite der Rebellen geschlagen. Nach einigen Scharmützeln direkt im Anschluss an die Gebete habe die Artillerie die Siedlung zwölf Stunden lang unter Beschuss genommen. In der Nacht dann seien Bewohner der alawitischen Nachbardörfer nach Hula gekommen und hätten die Bewohner regelrecht abgeschlachtet. Bilder oder Videos, die beweisen, dass die Gräueltaten von regimetreuen Syrern begangen wurden, gibt es allerdings so gut wie nicht.

Was Augenzeugen berichten, klingt nach einer unverstellbaren Horrornacht: Die Assad-Kämpfer sollen in Häuser eingedrungen sein und ganze Familien ausgelöscht haben. Männer, Frauen und Kinder seien per Kopfschuss oder Messerstichen hingerichtet worden. Welt Online zitiert Abu Dschaafar, einen Bewohner von Hula, mit den Worten: "Ein gesunder Verstand kann nicht begreifen, was wir gesehen haben. Türen waren aufgebrochen, Fassaden mit Blut verschmiert, drinnen lagen Kinder mit eingeschlagenen Köpfen und gefesselten Händen. Wir sind so geschockt, wir können nicht einmal weinen."

Fürchterliche Videos auf Youtube

Bilder und Videos gibt es dagegen von den Opfern der Schreckensnacht. Auf Youtube kursieren einige grobkörnige, grausame Filme von blutverschmierten und verstümmelten Kindern, andere haben Projektileinschläge im Kopf. Eigentlich ist es im Islam Sitte, dass Tote binnen 24 Stunden beerdigt werden sollen. Doch in diesem Fall haben die Bewohner von Hula eine Ausnahme gemacht, damit die UN-Beobachter die Leichen zumindest noch sehen und zählen konnten.

Dabei sind viele Syrier nicht gut auf die Blauhelme zu sprechen. Denn einige der rund 300 UN-Beobachter befanden sich währen des Blutbads in unmittelbarer Nähe von Hula. Die Bewohner der Siedlung hatten nach eigener Auskunft die Blauhelme zu Beginn der Kämpfe telefonisch um Hilfe gebeten, doch die sei ihnen versagt worden. Wegen dieser Weigerung waren am Wochenende überall im Land die Menschen auf die Straße gegangen und haben UN-Flaggen verbrannt.

Un spricht von "Sammelhinrichtungen"

Ihre Empörung ist verständlich. Und doch kann durch den Einsatz der Blauhelmbeobachter zumindest erstmals ein Massaker von diesem Ausmaß in Syrien nachgewiesen werden. Erste Untersuchungen der gefundenen Munitionshülsen hatten ergeben, "dass Artillerie und Panzergranaten in Wohngebieten abgefeuert wurden", wie UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in einer Stellungnahme sagte. Der Befund weist darauf, dass Regierungstruppen für das Blutvergießen verantwortlich sind. Denn die Rebellen der Freien Armee Syriens haben weder Panzer noch Artillerie.

Das ganze Ausmaß des Massakers wird aber erst jetzt, vier Tage später, sichtbar: Nach Angaben des des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte wurde der Großteil der Opfer in "Sammelhinrichtungen" getötet, wie Sprecher Rupert Colville sagte. Weniger als 20 der 108 Toten von Hula seien durch Artillerie- oder Panzerbeschuss getötet worden. Die Täter seien laut Einwohnern die regierungstreuen Schabiha-Miliz gewesen.

Eine weitere Version der Opposition

Dass die syrische Armee die Siedlung unter Beschuss genommen hat, scheint also unstrittig zu sein. Doch über den Hergang der Ereignisse kursieren noch anderen Versionen. Etwa die von anderen Oppositionellen aus Hula. Danach hätten die Assad-Truppen zunächst mit Maschinengewehren Teilnehmer einer Demonstration nach dem Freitagsgebet geschossen. Woraufhin die Rebellen das Feuer erwidert hätten. Als Reaktion sollen die Regierungsartillerie auf die Wohngebiete geschossen und die gefürchteten regimetreuen Schabiha-Milizionäre wahllos Dorfbewohner massakriert haben. Diese Version wäre der klassische Fall: unbewaffnete Zivilisten geraten zwischen die Fronten.

Das Massaker aus Sicht des syrischen Regimes

Die offiziellen Stellen aus Damaskus wiederum verbreiten eine ganz eigene Version der Ereignisse. Demnach hätten die Truppen Assads keinen einzigen Schuss abgefeuert. Vielmehr seien nach dem Freitagsgebet bis zu 300 Mitglieder von "terroristischen Banden" in Pickups ausgeschwärmt und hätten die Sicherheitskräfte angegriffen. Darunter seien auch Angehörige des Terrornetzwerks al Kaida gewesen. Sie hätten das Krankenhaus angegriffen, die Ernte der Bauern in Brand gesetzt und die Menschen in Hula massakriert. Das Regime spricht dabei von einer "ganzen Serie von Operationen".

Haben die Rebellen die Bewohner von Hula geopfert?

Und eine weitere Variante lässt für die Zukunft Schlimmes befürchten: Danach hätten sich die Kämpfer der Rebellen nach Angriffen auf die Sicherheitskräfte zurückgezogen und die Dorfbewohner einfach den Schergen des Regimes überlassen. Ihr mögliches Kalkül: Das Massaker fällt auf Assad und seine Schergen zurück und der Diktator vom Damaskus weiter in Ungnade.

Auch Tage nach dem Blutbad ist ungewiss, wer in Syrien mit welchen Ambitionen kämpft. Sicher ist, dass die Lage dort täglich unübersichtlicher wird. Zwar fordert die Opposition nun den UN-Sicherheitsrat auf, den "Einsatz von Gewalt" zu legitimieren. Doch angesichts der Situation hadern die großen Nato-Länder weiterhin mit einer Intervention in Syrien. Aus Frankreich etwa heißt es, eine Bodenoffensive sei ausgeschlossen, das Risiko zu groß, dass sich der Konflikt in der ganzen Region ausweite. Die UN-Vetomacht Russland geht sogar soweit, den Rebellen zu unterstellen, einen Bürgerkrieg anzetteln zu wollen, um so eine Intervention zu rechtfertigen. Das Blutbad ist also insofern ein Wendepunkt, als das der Assad-Clan nun auch die letzten Sympathien verspielt hat. Doch wer davon profitiert bleibt ungewiss, weil weder der Westen noch Russland oder China ein Rezept haben, den Bürgerkrieg zu stoppen.


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