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Bulgarische Krankenschwester "Ich muss wieder lernen zu leben"


Nassja Nenova, 41, ist die jüngste der bulgarischen Krankenschwestern, die in Libyen zum Tode verurteilt und dann begnadigt wurden. Sieben Stunden lang berichtete sie stern.de von den Jahren in Haft, der Folter und ihrem neuen Leben.

Ich weiß noch, dass ich eine Zeit lang braune Finger hatte. Das kam vom Rauchen. Ich bat die Gefängniswärter um Zigaretten, und sie gaben mir welche. Damals konnte ich nicht mehr essen. Wenn man gefoltert wird, hat man keinen Hunger. Alle normalen Gefühle und Bedürfnisse existieren nicht mehr. Weil man den ganzen Tag lang Angst hat. Das waren unsere ersten Monate in Haft.

Zu meinem ersten Verhör wurde ich mit verbundenen Augen gebracht. Ich war alleine. Der Chef der Ermittlungsbehörden erwartete mich schon. Es gab keinen Dolmetscher, wir verständigten uns in einem Sprachenmix aus Englisch, Russisch und Arabisch. Bis dahin wusste ich noch gar nicht, warum man uns festgehalten hatte. Ich dachte, vielleicht waren unsere Arbeitgeber im Krankenhaus unzufrieden. Aber der Polizist sagte: "Du hast unsere Kinder mit Aids angesteckt!"

Patienten wurden systematisch getestet

Ich war erschüttert. Natürlich wusste ich damals bereits, dass es im Kinderkrankenhaus von Bengasi, in dem ich etwa ein Jahr lang in einer Abteilung für Atemwegserkrankungen gearbeitet hatte, viele HIV-infizierte Kinder gab. Man hatte sogar begonnen, alle Patienten des Krankenhauses systematisch zu HIV-Tests vorzuladen. Wir hörten damals, etwa 200 Kinder seien betroffen. Aber das waren Gerüchte, offizielle Informationen gab es nicht. Zumindest nicht für uns, die Gastarbeiterinnen aus Bulgarien. Auch wir mussten uns testen lassen. Das war unangenehm, ich hatte Angst. Tatsächlich waren auch drei Krankenschwestern infiziert, zwei aus Libyen, eine von den Philippinen. Wie hätte ich ahnen können, dass man uns für die Epidemie verantwortlich machen würde? Es war absurd.

Ich sagte: "Ich weiß nichts von den HIV-Fällen." Sie fingen an, mich zu schlagen. Dann brachten sie Aschraf, den palästinensischen Arzt im Praktikum zum Verhör. Ich kannte ihn vom Sehen aus dem Krankenhaus. Aschraf sprach arabisch. Er sah wirr aus, mit langem Bart und einem zerfetzten grauen Kittel. Er behauptete, wir hätten die Kinder zusammen angesteckt. Außerdem hätte er eine Liebesaffäre mit mir und Kristijana Valtscheva gehabt, einer anderen inhaftierten Krankenschwester. Ich kannte Kristijana damals noch gar nicht, denn sie arbeitete in einem anderen Krankenhaus. "Kannst Du die Liebschaft beweisen?" fragten sie Aschraf. Er sagte, ich hätte eine Blinddarmnarbe. Das sollte den Polizisten zeigen, dass er meinen Körper kannte. In Wirklichkeit wusste er nichts von meinen Narben, er hatte das aus Not erfunden. Ich habe keine Blinddarmnarbe. Daraufhin verprügelte man ihn.

Wer nicht stramm stand, wurde getreten

Die Verhöre dauerten manchmal zwölf Stunden. Man schlug mich mit Büchern in den Nacken und mit Schläuchen auf die Fersen. Ich blutete an den Füßen und konnte danach schwer gehen. Meine Augen waren entzündet, weil sie uns ständig zerrissene, dreckige Bettlaken um das Gesicht banden. Manchmal durfte ich nicht schlafen. Ich wurde aus der Zelle herausgeführt und musste mit erhobenen Armen auf dem Flur stehen bleiben. Ein oder zwei Tage lang ging das so. Die anderen inhaftierten Krankenschwestern waren auch da. Wir durften nicht einmal einnicken. Wer nicht stramm stand, wurde getreten.

Später wurden zunächst ich und Kristijana Valtscheva in die Schule für Polizeihunde verlegt, danach auch die anderen. Dies war die schwerste Zeit. Auch Aschraf war dort. Jeder von uns war alleine in einem verrotteten Büroraum unterbracht. Manchmal hörte ich die beiden anderen schreien. Die Polizisten folterten uns mit Strom. Vier oder fünf Mal musste ich diese Qual ertragen. Sie legten mich auf ein Bett und verbanden meine Hände und Füße mit Kabeln. Mit einem Gürtel schnallten sie mich unter der Brust fest, damit ich mich nicht bewegen konnte und sich die Kabel während der Folter nicht lösten. Es sind unbeschreibliche Schmerzen. Alle Muskeln ziehen sich zu Krämpfen zusammen. Ich dachte, meine Gelenke platzen.

Folter, bis die Aussagen passten

Sie bringen dich dazu, alles zu tun was sie wollen. Sie sagten mir, was sie hören wollten. Das sollte ich bestätigen. Dann forderten sie Details von mir. Ich dachte mir irgendetwas aus. Aber auch das rettete mich nicht. Denn mein Geständnis musste mit den Geständnissen von Aschraf und Kristijana übereinstimmen. "Wo hast du dich mit Aschraf getroffen?" fragten sie zum Beispiel. Ich sagte: Bei mir, denn seine Wohnung konnte ich nicht beschreiben. Er sagte: Bei ihm, denn er konnte meine Wohnung nicht beschreiben. Wir wurden so lange gefoltert, bis alles irgendwie passte. Nach der Geschichte, die sie erpressten, war Kristijana angeblich der Kopf unserer Mafia-Bande und Aschraf ihr Geliebter. Auf Kristijanas Befehl hätten wir die Kinder im Krankenhaus infiziert. Irgendjemand habe uns dafür Geld versprochen. Ich behauptete sogar, dass ich tausend Dollar an meinen Bruder geschickt hätte. Nichts davon stimmte.

Schlimm ist die Angst vor neuer Folter. In den Zimmern war es eng und dunkel. Morgens wünschte ich mir nur eins: Der Tag sollte vorbei gehen. Und gleichzeitig fürchtete ich mich vor dem Tag danach. Abends wünschte ich mir, der neue Tag solle niemals anbrechen. Es schien keine Erlösung zu geben. Ich wollte verschwinden, verdampfen, nicht mehr da sein. Am 16. April 1999 kam einer der Folterer und fragte mich, ob ich ihm etwas Neues sagen wollte.

Ich erschrak, ich war verzweifelt, denn das bedeutete, dass er mich wieder foltern würde. Ich verstand, dass mich neue Elektroschocks erwarteten. In meinem Zimmer gab es ein Bücherregal. Eine Vitrine war kaputt, Scherben lagen auf dem Boden. Mit einer schnitt ich meine Venen auf. Ich wollte das nicht mehr ertragen. Ein Wachmann fand mich, ich wurde ins Krankenhaus gebracht.

Sebstmordversuch als Eingeständnis

Für die Libyer war mein Selbstmordversuch der Beweis dafür, dass sich mein Gewissen geregt hatte. Meine Verzweifelung interpretierten sie als Schuldgefühl. Das steht auch so in der Anklageschrift. Als wir während der Prozesse erklärten, dass unsere Geständnisse unter Folter entstanden waren, nannten mich die Folterer undankbar. Sie hätten sogar Blut gespendet, um mein Leben zu retten.

Besonders einen von ihnen werde ich nie vergessen: Jumma Mischri, einen Polizeioffizier. Er hatte ein verrücktes Lachen. Davon bekam ich jedes Mal Gänsehaut. Ich konnte es hören, selbst wenn er gar nicht da war. Die Folter war offensichtlich ein Vergnügen für ihn, es machte ihm Spaß, uns leiden zu sehen.

"Wir werden uns nicht vermissen"

Ich bin die einzige, die das Geständnis selbst geschrieben hat. Einige der anderen Gefangenen haben mir das all die Jahre vorgeworfen. Es gab Spannungen unter uns. Wir werden uns nicht vermissen. Warum die anderen keine Geständnisse geschrieben haben, weiß ich nicht. Ich möchte dazu nicht mehr sagen.

Unsere Angehörigen wurden in dieser Zeit systematisch angelogen. Das Außenministerium in Sofia sagte ihnen, man hielte uns als Zeugen fest. 1999, im ersten Jahr unserer Haft, besuchte uns drei Mal je ein bulgarischer Diplomat. Wir durften aber nicht mit ihnen reden, sondern durften ihnen nur unsere Namen nennen. Sie müssen also geahnt haben, dass es uns nicht gut ging. Zwei Jahre nach unserer Verhaftung sahen wir zum ersten Mal unsere Angehörigen und auch einen Anwalt.

Todesangst hat uns nie verlassen

Die Haftbedingungen verbesserten sich 2002, drei Jahre nach unserer Verhaftung. In den kommenden fünf Jahren verlegten sie uns mehrmals in verschiedene Häuser, meist Bürogebäude oder Bauten auf einem Gefängnisgelände. Zuletzt waren wir zu fünft in zwei Zimmern untergebracht. Wir bekamen Geld für Kleidung und Essen. Es gab Zeiten, da durften wir regelmäßig mit Bulgarien telefonieren. Wir konnten fernsehen und empfingen Post von zuhause. Doch Willkür waren wir trotzdem ausgesetzt, und die Angst vor Gewalt und Tod hat uns nie verlassen.

Vor unserem ersten Prozess im Jahre 2004 war ich überzeugt davon, dass wir frei gelassen werden. Aids-Experten aus Italien und Frankreich hatten in einem Gutachten festgehalten, dass sich das HIV-Virus bereits vor unserer Ankunft im Krankenhaus verbreitet habe. Am 6. Mai 2004 wurden wir zum Tod durch Erschießen verurteilt. Es war ein Schock.

"Ich bin ein Glückspilz!"

Als ich nach Libyen zog, war mein Sohn Radoslav zehn Jahre alt. Ich wollte ja nur zwei Jahre bleiben, um der Familie zu helfen. Das Leben in Bulgarien war damals sehr hart. Es gab Zeiten, da verdiente ich als Krankenschwester in meiner Heimatstadt Sliven umgerechnet nicht mehr als drei Dollar. Die Stelle in Libyen zu bekommen war sehr schwer. Auf mein erstes Vorstellungsgespräch bei einer bulgarischen Vermittlungsfirma musste ich drei Jahre lang warten. Als ich erfuhr, dass ich genommen wurde, dachte ich: "Ich bin ein Glückspilz!" Mein Sohn ist ohne mich groß geworden. 2002 brachte eine Stiftung ihn und die Kinder der anderen Krankenschwestern für wenige Tage nach Libyen. Vier Jahre lang hatte ich ihn nicht gesehen. Er war 14 Jahre alt. Er sagte, er wünsche sich, es hätte die letzten vier Jahre in seinem Leben nicht gegeben. Unter der Trennung hat er sehr gelitten. In Libyen war es wunderschön mit ihm, gleichzeitig unendlich traurig. Wir mussten uns wieder trennen. Ich habe so viel Zeit mit ihm verpasst. Jetzt ist er Student in Frankreich. Es ist das schönste für mich, mit ihm zusammen zu sein.

Ich werde lernen müssen, zu leben

Die Freiheit ist sehr schwer für mich. Alle wollen, dass ich nun glücklich bin. Aber das geht nicht. Ich kann nicht mehr schlafen, seit ich hier bin. Alle Menschen, die ich kenne, wollen gleichzeitig zu mir kommen. Das ist zu viel für mich. Ich bin es nicht mehr gewohnt zu reden. Es tut weh zu sehen, was ich verpasst habe. Als ich in Libyen war, konnte ich leicht mit meinem Mann reden. Seit meiner Freilassung ist alles kompliziert. Nach einem Tag habe ich meinen Mann und meine Eltern zurück nach Sliven geschickt. Ich bin in Sofia geblieben, im Gästehaus der Präsidentenresidenz. Ich wollte nach Hause, aber hier habe ich es auf einmal nicht mehr eilig. Ich habe Angst zu sehen, was sich verändert hat. Ich werde in eine andere Stadt zurückkehren, in ein neues Sliven, das ich nicht kenne. Und ich werde wieder lernen müssen, zu leben.

Aufgezeichnet von Bettina Sengling. Mitarbeit: Zdravka Andreeva


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