Chile Bachelet gewinnt Präsidentschaftswahl


Mehr soziale Gerechtigkeit, Bildung für alle und Kampf gegen die Armut, das sind die Ziele von Chiles neuer Präsidentin. Sie gewann die Wahlen in einem Land, das von Machismo und strengem Katholizismus geprägt ist.

Die Sozialistin Michelle Bachelet wird die erste Staats- und Regierungschefin des südamerikanischen Wirtschafts- Musterlandes Chiles. Bei der zweiten Runde der Präsidentenwahlen am Sonntag erhielt die 54-jährige frühere Kinderärztin nach Auszählung fast aller Stimmzettel rund 53,5 Prozent. Ihr konservativer Rivale Sebastiàn Piñera, einer der reichsten Unternehmer Chiles, kam nach Behördenangaben auf rund 46,5 Prozent. Der Urnengang verlief in den knapp 33.000 Wahllokalen ohne nennenswerte Zwischenfälle. Die Nachfolgerin von Ricardo Lagos ist auch die erste gewählte Präsidentin Südamerikas. In ihrer ersten Rede nach dem Wahlsieg sagte Bachelet, sie wolle mit "neuen Gesichtern" und mit ebenso vielen Frauen wie Männern im Kabinett regieren. Der Wahlausgang sei "ein Sieg Chiles". Sichtlich gerührt sagte sie vor Tausenden jubelnder Menschen vor einem Hotel in Santiago, Chile werde "wieder einmal die Welt beeindrucken". Es könne reicher werden, "ohne die Seele zu verlieren, ohne die Luft, die wir atmen, oder das Wasser, das wir trinken, zu verschmutzen".

"Keine Achse des Bösen"

Der Sieg der Sozialistin Michelle Bachelet bei den Präsidentenwahlen in Chile verstärkt den "Linksruck" in Lateinamerika. Sie hat sich vor allem die Ausmerzung der Nöte der Armen, der Minderheiten und Benachteiligten auf die Fahnen geschrieben. "In Lateinamerika findet ein Aufstand gegen die Not statt", sagt der frühere spanische Ministerpräsident Felipe Gonzàlez, der Bachelet in Santiago unterstützte. Die Politik Washingtons werde so zurückgewiesen. Anders als die meisten ihrer ideologischen Freunde ist Bachelet aber keine Populistin. Sie strebt weder eine politische noch wirtschaftliche, allenfalls eine kulturelle Revolution an. Deshalb geht sie aber nicht auf Distanz zu den künftigen Amtskollegen - ganz im Gegenteil. "Ich bin gegen diese Dämonisierung der Entwicklung in Lateinamerika. Es gibt keine Achse des Bösen hier". Die Drohung komme nicht von diesen demokratisch gewählten Politikern, so Bachelet, "sondern von der Armut, der mangelhaften Integration der Ureinwohner, von Drogenhandel und Völkerwanderungen", versichert sie.

Sieg aller Chilenen

Bachelets Mitte-Links-Bündnis "Übereinkunft für die Demokratie" regiert im Andenland seit Ende der Diktatur von General Augusto Pinochet. Die spätere Gesundheits- und Verteidigungs- Ministerin lebte während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) in der DDR. Das chilenische Fernsehen übertrug am Abend (Ortszeit) live ein Telefongespräch zwischen Bachelet und dem scheidenden Präsidenten Lagos. "Das ist ein Sieg aller Chilenen", sagte dabei die künftige Präsidentin, die den friedlichen Verlauf des Urnengangs würdigte. Lagos sprach von einem "großen Tag für Chile". "Mit Dir wird Chile eine große Regierung und eine große Frau haben", sagte Lagos.

Mehr soziale Gerechtigkeit

In den vergangenen Jahren wuchs das Bruttoinlandsprodukt um rund sechs Prozent jährlich, was nur wenige Länder weltweit schafften. Die Arbeitslosigkeit blieb unter zehn Prozent. 2005 zog Chile sieben Milliarden US-Dollar an ausländischen Investitionen an. Viel für ein Land mit 15 Millionen Einwohnern. Und mit 4910 Dollar (4040 Euro) ist das Prokopf-Einkommen zum Beispiel mehr als 60 Prozent höher als beim regionalen Industriegiganten Brasilien. Trotz aller Erfolge leben aber noch immer 18 Prozent der Chilenen unterhalb der Armutsgrenze. Die 20 Prozent der reichsten Chilenen kommen auf 56 Prozent aller Einnahmen und Vermögen, während die 20 Prozent der Ärmsten mit 4 Prozent auskommen müssen. Die Projekte für ein Mindesteinkommen von Lagos waren schüchtern. Bachelet, die "linkeste Präsidentin seit dem 1973 von Augusto Pinochet gestürzten Salvador Allende, wird sie sicher erweitern. "Mit Bachelet hat zwar die Kandidatin der Regierungskoalition gewonnen. Mit ihr beginnt aber eine neue Etappe mit mehr sozialer Gerechtigkeit, mit mehr Rechten für Arbeiter, einer Rentenreform und mehr und besserer Bildung für alle", sagt der Präsident der Sozialistischen Partei, Ricardo Nuñez.

Kulturelle Revolution

Für viele Analysten ist Bachelet mit ihrer traurigen Familiegeschichte nicht nur eine Art "Symbolfigur" für die Überwindung des Diktaturdramas, sondern auch für die Liberalisierung, die das noch immer von patriarchalischen Strukturen und vom Machismo geprägte, tief katholische und erzkonservative Chile durchmacht. Scheidung und Werbekampagnen für Kondome gibt es erst seit 2004. Neu sind auch die vor wenigen Jahren undenkbaren so genannten "Cafés mit Beinen", wo Kellnerinnen in extrem kurzen Miniröcken servieren. "Wir machen eine kulturelle Revolution durch", so der Universitätsprofessor Roberto Méndez. Vor zehn Jahren hätte die zweifach geschiedene Agnostikerin Bachelet eine Präsidentenwahl nie gewonnen, versichert er. Bachelet wird durch die Mehrheit ihres Bündnisses in beiden Kammern des Parlaments eine Machtfülle haben, die kein anderer Präsident im nachautoritären Chile hatte. Leicht wird sie es in ihrem Land deshalb aber nicht haben. "Wir werden ein zweites Spanien, wo jetzt sogar Homosexuelle heiraten dürfen", klagte nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses die Grundschullehrerin Inés mit Tränen in den Augen im vornehmen Viertel Las Condes. Gott wolle so etwas nicht. Taxifahrer Alvaro, auch konservativ-katholisch, ist sicher: "Eher endet die (Bachelet) wie Salvador Allende, merkt euch das".

Emilio Rappold/DPA DPA

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