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Vor 20 Jahren starb Erich Honecker: Erinnerungen an einen deutschen Diktator

Seit 20 Jahren ist Erich Honecker tot. Er diktierte Millionen Deutschen ihr Leben, lies einsperren und erschießen. Menschen aus seinem Umfeld erinnern sich an einen gefühlskalten, entrückten Menschen.

In offiziellen Geschäftszimmern der DDR hin stets das Konterfei Honeckers

In offiziellen Geschäftszimmern der DDR hin stets das Konterfei Honeckers

Keine Zweifel, keine Einsichten bis zum Tod. Der höchste DDR-Politfunktionär Erich Honecker schrieb in seinen letzten Aufzeichnungen: "Dass an der Grenze geschossen wurde, war nichts Besonderes. An fast allen Grenzen wird geschossen, wenn diese verletzt werden." Kein Wort des Bedauerns zu den Mauertoten findet sich im Gefängnis-Tagebuch des früheren DDR-Staatschefs und SED-Parteivorsitzenden. Vor 20 Jahren, am 29. Mai 1994, starb der krebskranke Honecker im Alter von 81 Jahren fern der deutschen Heimat im chilenischen Exil.

Seine Witwe Margot Honecker lebt bis heute in Santiago de Chile. Ihre Villa im grünen Vorort La Reina ist von einer Mauer umgeben. In dem Wohnviertel ist der gehobene Mittelstand zu Hause. In La Reina wohnt auch die sozialistische Staatschefin Michelle Bachelet. Ob es in Chile zum Honecker-Todestag ein Gedenken mit alten Genossen gibt, wisse er nicht, sagt der Berliner Verleger, DDR-Journalist und ehemalige IM "Karl" Frank Schumann der Nachrichtenagentur DPA. Die 87-jährige Margot Honecker sei da mit Informationen sehr zurückhaltend.

Schumann hatte die frühere DDR-Ministerin für Volksbildung interviewt und das Gespräch 2012 als Buch im Eulenspiegel Verlag herausgebracht. Kritische Fragen wurden nicht gestellt. Nichts falsch gemacht, lautet auch die Botschaft von Frau Honecker. Die DDR habe auf Gleichheit, Gerechtigkeit und Glück gefußt.

Erinnerungen des Ex-Leibwächters

Der ostdeutsche Verleger sagt über die frühere First Lady der DDR, sie sei bestens über die deutsche Politik informiert und lese viel im Internet. Er habe den Eindruck, dass das Kapitel DDR für sie abgeschlossen sei. Aber dass die Witwe die Urne ihres Mannes in der Wohnung aufbewahre, wie immer wieder zu hören, sei "Quatsch". "Die ist auf einem Friedhof."

Der krebskranke Honecker kam im Januar 1993 nach Chile, nachdem in Berlin der Prozess gegen ihn wegen der tödlichen Schüsse auf DDR-Flüchtlinge eingestellt worden war. Chile billigte den Honecker-Aufenthalt in Erinnerung an solidarische Zeiten, als die DDR Anfang der 70er Jahre Tausende Pinochet-Flüchtlinge aufnahm.

Vor wenigen Wochen legte ein Ex-Leibwächter ein Buch mit Einblicken in das Honecker-Leben vor. Honecker habe immer mehr die Wirklichkeit verdrängt und sei am liebsten dreimal in der Woche zur Jagd gegangen, schreibt der einstige Stasi-Major Bernd Brückner. Honecker habe zunehmend geglaubt, dass die Berichte über ihn im "Neuen Deutschland" der Meinung seines Volkes entsprachen. Honecker habe seinen Ärger stets runtergeschluckt und sei von seinen eigenen Leuten politisch gemeuchelt worden, urteilt der Leibwächter von einst.

Zu Beginn des Prozesses gegen ihn versuchte Honecker sich noch als vital darzustellen. Sein Gesundheitszustand war jedoch schon desolat

Zu Beginn des Prozesses gegen ihn versuchte Honecker sich noch als vital darzustellen. Sein Gesundheitszustand war jedoch schon desolat

Zitronensaft und Bouletten

Der Staats- und Parteichef wurde am 18. Oktober 1989 abgesetzt. Nach dem Mauerfall irrten die Honeckers umher. Die Wohnsiedlung Wandlitz hatten sie verlassen müssen. Eine ihrer Stationen war Moskau. Im Juli 1992 wurde Erich Honecker dann aber nach Deutschland gebracht. In Berlin-Moabit kam er in U-Haft, während seine Ehefrau nach Chile zu ihrer Tochter Sonja flog.

Im November 1992 begann der als historisch eingestufte Prozess gegen Honecker und fünf weitere frühere SED-Funktionäre. Zum Auftakt reckte der greise Honecker die geballte Faust. Moralische oder juristische Schuld sah er nicht. Doch zu einer Bewertung der Rolle Honeckers kam es nicht mehr. Zunehmend rückten medizinische Probleme der Angeklagten in den Vordergrund. Anfang 1993 wurde die Einstellung des Prozesses gegen Honecker wegen dessen Krebserkrankung verfügt.

Honecker habe nie Gefühle gezeigt, schrieb Honecker-Butler Lothar Herzog in einem 2012 veröffentlichten Buch. Jeden Morgen habe er den Saft einer Zitrone hinuntergekippt, aus Angst vor Grippe. Am liebsten habe sich der einstige Dachdeckergehilfe Bouletten und Kassler auftischen lassen und in enormem Tempo heruntergeschlungen. "Ein Genussmensch war er bestimmt nicht."

Julia Schütz, DPA / DPA