Chinas Informationspolitik Wird das Schicksalsjahr ein Wendejahr?


Erst gab es Morddrohungen gegen ausländische Journalisten wegen der Tibet-Berichterstattung, jetzt erleben sie eine nie gekannte Offenheit beim Erdbeben. Und das größte Ereignis steht noch bevor - die Olympischen Spiele. Ändert sich Chinas Medienpolitik, und wenn ja in welche Richtung?
Von Adrian Geiges, Peking

2008 sollte eigentlich mit Olympia ein Glücksjahr sein, aber bisher war es für China ein Jahr der Katastrophen. In einer Mischung aus Aberglauben und Zynismus wird hier im Internet gechattet: Sind die fünf olympischen Maskottchen an allem Schuld? Die Antilope Yingying steht für Tibet (Unruhen), Huanhuan für die olympische Flamme (Attacken in Paris, London und anderswo), der Papierdrachen Nini für die Shandong-Provinz (dort gab es ein schweres Zugunglück) und der Pandabär Jingjing für die Sichuan-Provinz (Erdbeben). Bleibt nur noch der Fisch Beibei. Er schwimmt im Wasser, ein Hinweis auf den Schneesturm im Winter? Oder kommt das Schlimmste noch, etwa eine große Überschwemmung?

Sicher ist das alles unglücklicher Zufall, aber fest steht: Chinas Führung wusste, 2008 wird mit Olympia eine große Herausforderung. Aber jetzt sind es der Herausforderungen etwas zu viele geworden. Und damit zieht China globale Aufmerksamkeit auf sich wie nie zuvor. Wie damit umgehen? Kommt ein neuer kalter Krieg, wie es noch vor ein paar Wochen schien? Selbst ich, der ich ausgewogen und bestimmt nicht feindlich schreibe, hörte nach den Tibet-Unruhen bei jedem Interview die Frage: "Lügen Sie auch so wie die anderen ausländischen Blätter?" Oder blüht in China jetzt Glasnost? Beim Erdbeben nahm uns ein Motorboot des Militärs mit, dann fuhren wir auf der Ladefläche eines Polizei-Lkws weiter. Ständig waren wir von Uniformierten umgeben, aber keiner fragte uns, wie vorher in der Volksrepublik üblich: Wer sind Sie? Was wollen Sie? Selbst auf Polizeiabsperrungen, bei Katastrophen auch in anderen Ländern üblich, stießen wir nur selten.

Ausnahme oder Trend?

Eine Ausnahme? Oder der neue Trend? Wir alle sind keine Hellseher. Aber aus ihrem bisherigen Verhalten lässt sich auf die Motive der Pekinger Führer schließen. Sie wollen nach innen als ums Wohl ihrer Untertanen besorgt erscheinen, nach außen als Repräsentanten einer modernen und zivilisierten Großmacht. Darin unterscheiden sie sich von den Generalen in Myanmar oder von den Politbürokraten in der Sowjetunion früher, denen die Meinung des Auslands relativ egal ist beziehungsweise war. Die Kommunistische Partei in China hat aber noch ein anderes Motiv, und das ist ihr noch wichtiger als das erste: Sie will auf keinen Fall ihre Macht verlieren. Der Begriff "Glasnost" schreckt sie deshalb eher ab, schließlich endete die Offenheit in der Sowjetunion mit deren Zerfall.

Wie die Führung weiter vorgeht, wird deshalb stark davon abhängen, was in den nächsten Wochen passiert, vor allem bei den Olympischen Spielen. Da spielen viele unbekannte Größen eine Rolle, etwa mögliche Proteste von Tibet-Aktivisten und Angehörigen anderer nationaler Minderheiten, Falun-Gong-Sektierern und Menschenrechtlern... Wie so oft in der Geschichte werden dabei Absichten der Beteiligten und Wirkung ihres Handelns nicht unbedingt übereinstimmen. Bleiben die Demonstrationen im Rahmen und strahlt insgesamt ein freundliches Bild über China aus, mag Peking geneigt sein, in Zukunft mehr Freiheit zu wagen. Enden die Spiele in einer Katastrophe, kann eine neue Eiszeit beginnen.

Informationen verbreiten sich trotz Zensurversuchen

Die wichtigste unbekannte Größe aber sind die Chinesen selbst. Der wirtschaftliche Wohlstand hat zu Individualismus geführt, über Internet und SMS verbreiten sich, trotz der Zensurversuche, Informationen fast unbegrenzt (darunter übrigens auch Gerüchte und Falschinformationen). Die Leute lassen sich nicht mehr von oben vorschreiben, was sie tun oder lassen sollen.

So deutet einiges darauf hin, dass die umfassende und aktuelle Berichterstattung von chinesischen Zeitungen und Fernsehen über das Erdbeben genauso wenig vom Politbüro geplant war wie 1989 der Mauerfall in der DDR. "Keinem Medium ist es erlaubt, Reporter in das Katastrophengebiet zu senden", verfügte die Propaganda-Abteilung der KP, der alle Medien unterstellt sind, zweieinhalb Stunden nach dem Erdbeben, so enthüllte die New York Times. Wie bei Unglücken in der Vergangenheit sollten sich alle auf die Verlautbarungen der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua stützen. Doch als das Verbot kam, saßen die meisten Reporter schon im Flugzeug nach Sichuan. Und als die bewegenden Berichte und Bilder die Redaktionen erreichten und schnell gesendet wurden, lösten sie eine ungekannte Welle der Hilfsbereitschaft und der nationalen Einheit aus. Da wollte sich keiner mehr an das Verbot erinnern.

So wird es spannend sein zu sehen, welche Überraschungen Olympia bringt. Napoleon sagte einmal: "Wenn China erwacht, wird die Welt erbeben."


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