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Codename "Geronimo" für Bin-Laden-Einsatz: Ärger um den Apachen aus Abbottabad

Amerikas Indianer laufen Sturm. Hat die Regierung ihre Bin-Laden-Mission doch nach einem legendären Häuptling benannt: Geronimo. Als ob sie Terroristen wären! Sogar im US-Senat war das Thema.

Von Florian Güßgen

Dumm gelaufen. Zwar gilt die Operation "Geronimo" der Spezialeinheit der Navy Seals als sensationeller Erfolg: Osama bin Laden, Staatsfeind Nummer eins, ist tot. Aber nun bezieht die US-Regierung trotzdem kräftig Prügel - und zwar von den Erben des Namensgebers, dem berühmten Apachenhäuptling Geronimo, und von Vertretern der indigenen Stämme in den USA. Die fühlen sich verunglimpft, weil der Terrorist scheinbar mit ihrem Helden gleichgesetzt wird. "Das war ein Schlag in das Gesicht meiner Familie", sagte Joseph Geronimo, der Enkel des Häuptlings laut Medienberichten. "Es kann nicht sein, dass Osama bin Laden mit meinem Großvater verglichen wird." Vertreter verschiedener Stämme forderten eine Entschuldigung von US-Präsident Barack Obama. Das US-Verteidigungsministerium hat bislang nur erklärt, es habe keinerlei Absicht bestanden, irgendjemanden mit der Namensgebung zu beleidigen.

"Unangemessen und unsensibel"

Am Donnerstag befasste sich sogar der US-Senat in Washington mit dem Thema, konkreter: der Senatsausschuss für "Angelegenheiten der Indianer". "Ich halte die Verbindung mit bin Laden für höchst unangemessen und kulturell unsensibel", schimpfte der demokratische Senator Tom Udall aus dem US-Bundesstaat New Mexiko nach Angaben des US-Fernsehsenders "Abc". Der Vorfall werfe ein Licht auf ein ernstes Problem, nämlich die "sozial zutiefst verankerte Akzeptanz herabwürdigender Darstellungen indigener Menschen".

Geronimo war im 19. Jahrhundert ein sagenumwobener Krieghäuptling. Auf dem Staatsgebiet von USA und Mexiko wehrte er sich gegen das Vordringen der staatlichen Truppen. Er brachte es zu einiger Berühmheit, weil es ihm immer wieder gelang, der Gefangennahme zu entkommen. Er war einfach nicht zu kriegen - wie auch Osama bin Laden. Bald entstanden Legenden. Es hieß, Geronimo könne laufen, ohne Spuren zu hinterlassen - und Schussverletzungen würden ihm nichts anhaben. Mit gutem Willen lassen sich noch weitere Parallelen zu dem Al-Kaida-Chef konstruieren. Auch Geronimo gelang es einst, wie bin Laden in Tora Bora, sich in Höhlen zu verstecken, wenn auch nicht in afghanischen. Erst 1886 ergab er sich und konvertierte später zum Christentum. Er starb 1909 im Alter von 80 Jahren. Der CIA genügten die Parallen zwischen der Indianer- und der Terror Ikone offenbar, um ihre Großmission nach dem Häuptling zu benennen.

"Geronimo EKIA"

Als nun das Team der Navy Seals am Sonntag den Vollzug der Bin-Laden-Mission in den Situation Room nach Washington meldete, soll das mit den Worten geschehen sein: "Geronimo EKIA". EKIA steht im Militärjargon für "Enemy killed in action". Das berichtete CIA-Chef Leon Panetta Anfang der Woche in einem TV-Interview - und erweckte so den Eindruck, der Name habe nicht nur die Operation bezeichnet, sondern Osama bin Laden selbst. Für die Familie des Indianers bleibt sich das gleich. "Einerlei, ob mit der Bezeichnung nur die Mission zur Tötung oder Gefangennahme Osama bin Ladens gemeint war oder ob bin Laden selbst Geronimo genannt wurde: beides war eine unerhörte Beleidigung und ein Fehler", schimpfte auch Geronimos Urenkel Harlyn Geronimo. Für Obama, den ersten schwarzen Präsidenten, ist es zumindest unangenehm, dass seiner Regierung ethnische Diskriminierung vorgeworfen wird.

In den USA leben nach Angaben der US-Regierung auf der Basis einer Volksbefragung aus dem Jahr 2000 rund 2,5 Millionen indianischstämmige Menschen. Das machte damals einen Anteil von 0,87 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die meisten leben im Westen der USA, oft in Reservaten. Eine interessante Karte zur geografischen Verteilung der indigenen Bevölkerung findet sich hier. In vielen dieser Reservaten betreiben die jeweiligen Stämme Casinos. Das Glücksspiel, das "Indian Gaming", hat häufig zu einer wirtschaftliche Renaissance der Indianer geführt.

Protest auch von anderen Stämmen

Fast alle Vertretern der Indianerstämme gehen derzeit auf die Barrikaden. Jeff Houser, der Vorsitzende des Apachenstammes von Fort Sill im US-Bundesstaat Oklahoma, der sich als Nachfolger des Chiricahua-Stammes Geronimos begreift, schrieb sogar einen Brief an Obama, in dem er den Präsidenten aufforderte, sich förmlich bei den Indianern zu entschuldigen. "Wir sind dankbar, dass die Vereinigten Staaten ihre Mission gegen bin Laden erfolgreich abschließen konnten", hieß es in dem Schreiben. "Aber Geronimos Namen mit einem internationalen Terroristen zu verbinden, verewigt lediglich alte Vorurteile gegenüber Apachen." Im 19. Jahrhundert seien die Indianer als Wilde beschrieben und unter diesem Vorwand aus ihrer Heimat vertrieben und verhaftet worden.

Jefferson Keel, der Präsident des Nationalen Kongresses der amerikanischen Indianer, der größten Vertretungsorganisation der indigenen Völker aus den USA und Alaska, kritisierte laut einer Presseerklärung die verheerende Wirkung der Namensgebung auf die indianischstämmigen Soldaten bei den US-Streitkräften. "Einen indigenen Krieger mit bin Laden in Verbindung zu bringen, spiegelt die Geschichte nicht akkurat wider und unterläuft den Militärdienst vieler Eingeborener. Es ist entscheidend, dass die militärischen Führer die Dienste jener ehren, die unsere Freiheit beschützen." Allein seit 2001 seien 61 indigene US-Soldaten aus den USA und Alaska in Afghanistan oder im Irak im Einsatz getötet worden, nahezu 450 Soldaten seien verletzt worden. Verschiedene Vertreter von Indianerstämmen äußerten sich ähnlich. Auf der Webseite der Zeitung "Indian Country Today" findet sich eine fast komplette Sammlung von Statements.

Wie die US-Regierung mit dem Fauxpas umgeht, ist offen. Am Freitag fliegt Präsident Obama zunächst einmal nach Kentucky, um dort Mitglieder der Navy Seals zu treffen. Dass dabei die Namensgebung der Mission auf der Agenda steht, ist unwahrscheinlich der Chef des Geronimo-Nachfolgestammes, twitterte jedenfalls schon einmal empört an die Adresse aller Amerikaner: "Wie würde Ihr Euch denn fühlen, wenn bin Ladens Codenamen Ronald Reagan statt Geronimo geheißen hätte?"